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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 16
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Im Quartier herrscht Kneipenstimmung: Zigarettenqualm, leere Flaschen, halbgeleerte Gläser, Kumpeleien, Stimmen­gewirr.
Max irrt, wenn er glaubt, daß sein kleiner Flirt unbemerkt geblieben ist. Schmude hat Paule beobachtet und gesehen, daß sie Max nachgelaufen ist. Schmude ist angesoffen wie alle anderen und nimmt Max übel, daß er ihn beim Fest allein gelassen hat. Er stichelt: „War denn deine Küchenfee ein Erfolg?“
Emil greift das Thema eifrig auf: „Guck an! Unser Student schwärmt fürs Küchenpersonal. Ist das die kleine Bucklige aus dem Bistro?“
Max verteidigt Marie-Paule: „Sie hatte als Kind einen Unfall!“
Schmude, boshaft: „Deshalb kriegt er sie verbilligt.“
Max steht wütend auf: „Halt deine dämliche Schnauze!“
Schmude will keinen Krieg: „Ist ja gut! Ist ja gut. Ich hab’s nicht so gemeint. Aber isse richtig schön geil?“
Max schießt ihm noch einen bösen Blick zu, will aber den primitiven Streit nicht fortsetzen und setzt sich wieder.
Skroszny aber gefällt das Thema: „Hast du ihr das Mäuschen gestreichelt?“
Max versucht, das Thema abzuwürgen: „Mensch! Hör auf damit.“
Skroszny ist hartnäckig: „Läßt sie sich an den Titten spielen, erzähl uns doch mal ’n bißchen was!“
Max wehrt weiter ab: „Müßt ihr denn gleich immer an Sauereien denken?“
Skroszny ist beleidigt: „Nenn nicht Sachen Sauereien, von denen du nichts verstehst! Werd erst erwachsen, dann können wir weiterreden.“
Max sieht im Angriff die letzte Verteidigung: „Und du? Hast du mit Madame Mauser bloß winke, winke gemacht?“
Skroszny schaut ihn abwägend an und grinst: „Was stellst du dir denn so vor?“
Max weiß nicht recht, was er sagen soll, die Materie ist für ihn noch zu theoretisch: „Ich weiß ja nicht, was so gespielt wird.“
Skroszny antwortet nicht direkt, sondern sagt genüßlich: „Sie hat ein paar stramme Stempel unterm Scheißhaus.“
Das kann Max nicht recht witzig finden. Liebe, auch die körperliche, ist für ihn eine irgendwie reine, fast ätherische Sache, die er nicht so profaniert sehen will.
Inzwischen rückt Sigi mit seinem Hocker heran, besessen von einem anderen Thema, wenn ihm die anderen auch den Rücken zudrehen. Er redet auf Skroszny ein: „Mein lieber Freund!“ – seine stehende Redewendung, obwohl niemand sein Freund sein will – „Ich sage dir, die Fortsetzung des Krieges ist unvermeidlich!“
Davon will keiner was hören, und Skroszny sagt über die Schulter: „Du bist ja nicht mehr zu retten! Weiß nicht, ob seine Hütte noch steht, aber will schon den nächsten Schlamassel.“
Tanne hat abseits gestanden, mischt sich jetzt aber ein: „Willst du tatsächlich schon wieder Krieg? Oder  immer noch? Du mußt doch ’ne Meise haben! Reichen dir zwölf Millionen Tote nicht? Oder fünfzig, oder hundert? Die normalen Leute wollen weiter nichts, als ein bißchen anständig leben! ’n Bett unterm Arsch, ’n Dach überm Kopf, ’ne Wurscht auf’m Teller und jemanden zum Ficken. Nee, mein Lieber! Nur die da oben wollen Krieg, weil sie so massig daran verdienen. Weißt du, daß Krupp an jedem Granatzünder, den die Franzosen auf Deutsche gefeuert haben, Prozente hat?“
Sigi reagiert hektisch: „Alles Propaganda! Wir müssen jetzt mit den Amis zusammengehen! Wo die die Atombombe haben.“
„Sigi, du bist bescheuert!“ sagt Emil bestimmt und ruhig.
Sigi bleibt unbeirrt: „Die Amis haben bloß noch nicht begriffen, was sie an uns haben. Irgendwann müssen sie gegen die Russen und brauchen unsere Fronterfahrung.“
„Ich höre immer ,Fronterfahrung‘! Warst du nicht ein Schreibstubenhengst?“
Frömmich ist nicht grundsätzlich anderer Meinung als Sigi, sieht aber die Dinge nicht so primitiv: „Wir müssen erst mal die Schnauze halten! Und tu nicht so, als sei der Krieg so ’ne Art Indianerspiel. Sie haben uns den Arsch aufgerissen, weil zu viele so dämlich gequatscht haben wie du. Die Polen und die Franzosen ... na ja.“ Er macht eine abschätzige Geste. „Aber die Russen sind zäh, mein Lieber. Und wenn du sie auch bis zum Ural fertigmachst, dahinter haben sie noch zehnmal so viel Platz und zehnmal so viele Leute ... Tausend Kilometer latschen! Durch halbmetertiefen Schlamm, oder bei fünfzig Grad Kälte durch meterdicken Schnee – kannst du dir das überhaupt vorstellen? Kannst du nicht! Das Ganze geht nur vollmotorisiert, mit geländegängigen Fahrzeugen, nicht mit ‚Volkswagen‘ – und mit absoluter Luftüberlegenheit.“
Skroszny kann Frömmichs strategisches Gerede nicht ausstehen: „Du warst wohl dabei?“
Frömmich merkt, daß er vielleicht zu viel gesagt hat, und winkt ab: „Ich selber nicht. Aber mein Bruder ist in Karelien ersoffen.“

*

Später liegt Max im Bett und träumt, neben sich eine Blech­büchse, aus der er ab und zu einen Schluck süßen Pfefferminztee nimmt, neben sich das Radio, dessen Skalen­beleuchtung die einzige Lichtquelle im Zimmer ist.
Im Saturday Night Club singt Pat Boone: „On a day like the day / we passed the time away / writing love-letters in the sand ...“ An der Schwelle des Schlafes erscheinen vor Max’ innerem Auge dahinwehende süße Bilder voll anonymer Zärtlichkeit.
Schmude schaut fragend zu Max: „Maxe?“
„Was is?“ Max verabschiedet sich unwillig und zögernd aus seinem Traumland.
Schmudes Frage kommt für ihn einigermaßen über­raschend: „Machste deinem Mädchen Jedichte?“
„Du kommst auf Ideen! Aber ich hab’ noch kein Mädchen. Und du? Machst du Gedichte?“
Schmudes Bekenntnis ist verhalten, aber entschieden: „Ich, ja.“
„Und die ... Freundin, mit der ... machste’s immer so richtig?“
Schmude zögert noch ein paar Sekunden: „Ach i wo! Ick habe ja ooch noch keene.“
„Mensch, und dein ganzes Gerede?“
„Denn pflaumen die andern mich nich mehr an. Außerdem isset ’ne schöne Vorstellung! Aber Jedichte mach ick wirklich! Manchetmal wenigstens.“
Max ist sehr erstaunt, sagt aber nichts. Kennt er überhaupt ein Liebesgedicht? Wilhelm Busch fällt ihm ein: Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut. Ihn stört in seinem Lustrevier kein Tier, kein Mensch und kein Klistier. – Aber das ist wohl nicht ganz das Richtige. Das reimt sich zwar, hat aber mit Lustrevier wenig zu tun.
„Sag mal ein Gedicht auf!“ fordert er Bodo Schmude heraus.
Nach einer Weile rezitiert der flüsternd, bemüht, hoch­deutsch zu sprechen: „Wenn ich immer aufschreiben wollte, wie ick an dir denke, denn schriebe ick immerzu. Aber weil du ja weeßt, wie ick an dir denke, muß ick jarnichts auf-schreiben – und will et dir lieber sagen!“
Max findet, daß das kein richtiges Gedicht ist: „Das reimt sich ja nicht!“
Schmude erklärt, sehr intensiv: „Det reimt sich in­wen­dig!“
Im Saturday Night Club singen sie jetzt: „I can’t stop loving you ...“
Plötzlich sagt Emil laut und wütend: „Beinahe hätte ich sie gehabt, ihr Fliegentüten! Was müßt ihr denn immerzu quatschen!?“ Er knipst die Glühbirne an der Decke an. Max und Schmude kneifen vor dem Streßlicht die Augen zu.
Von der Decke baumelt an einem Nagel ein Beutel herab, um den eine Schlinge gelegt ist. Emil hat sie vom Bett aus zusammengezogen und nimmt jetzt den Beutel ab. Der Beutel zappelt. Emil freut sich: „Ah, wenigstens ein Aas hat sich gefangen! Na warte! Dir werd’ ich, mein Brot fressen!“ Er nimmt einen Stiefel und drischt mit dem Absatz auf den Beutel ein, aus dem lautes Quietschen ertönt, das schnell erstirbt. „So, du Miststück! Raus mit dir!“ Er öffnet die Tür und wirft die tote Ratte hinaus in die Dunkelheit. Dann kriecht er wieder ins Bett. „Und jetzt macht das Radio aus und haltet die Schnauze!“
Er knipst das Licht aus.

*

Als die Natur in Max das Bedürfnis nach Liebe und Sex weckte, war er Luftwaffenhelfer und hatte wenig Möglichkeiten, sich eine Freundin zu suchen. Nach Stalingrad waren öffentliche Tanzveranstaltungen sowieso verboten. Außerdem war die Angelegenheit etwas suspekt, wenn Müller, das Schwein, mit seiner Freundin prahlte, in der er angeblich alle fünf Finger ‚drin‘ gehabt hätte.
In der Schule war ein liniiertes Deutschheft mit einer Sammlung der Wirtinnen-Verse von Hand zu Hand gegangen und ein kariertes Matheheft mit einer handgeschriebenen pornographischen Geschichte, in der eine Raubtierdompteuse einen Mann vergewaltigte. So unwahrscheinlich es klingt, kam so etwas später im Spandauer Stadtforst tatsächlich vor, allerdings waren es dort drei Frauen, die sich über einen einzelnen Kerl hermachten.
Die Dompteuse also zwang den Auserwählten mit der Raubtierpeitsche, sich zu entkleiden, fesselte ihn und bevor sie sich auf ihn setzte, bohrte sie ihm zur Erhöhung seiner Lust einen Rotstift in den Hintern. Warum ausgerechnet Rotstift, wurde nicht näher erläutert.
Max hatte keine Dompteuse, wohl aber Bleistifte. Wenn er nachts in der Flakstellung Telefondienst hatte und in der kleinen verglasten Bude hockte, die Schwärze der Nacht vor Augen, suchten ihn drängende, süße Visionen heim, die ihn zeitweilig daran hinderten, sachlich und konzentriert seinen Dienst als ‚Befehlsübermittler‘ zu leisten.

Nachdem Max und Schmude die Küche des Bistro gestrichen haben, scheinen sie den Ruf erfolgreicher Maler und Tape­zie­rer zu genießen. Jedenfalls bekommen sie den Auftrag, in der Wohnung des Ingenieurs ein Zimmer zu tapezieren. Sie haben beide bisher noch nie etwas tapeziert, aber sie sagen sich, was kann dabei schwierig sein, ein bißchen Papier an die Wand zu kleben, und übernehmen die Arbeit mit der Kühnheit des Unwissenden.
 Bei Max zu Hause waren die Zimmerwände gewickelt. Auf einen helleren Untergrund ist mit einem zusammengedrehten, in Farbe getauchten Lappen ein unbestimmtes Muster aufgetragen, das dem Müßigen, also zum Beispiel Max, wenn er im Bett liegt, die Möglichkeit bietet, allerlei Pflanzen, Tiere und Fabelwesen darin zu entdecken.
Die Tapete besorgt der Ingenieur. Sie ist freundlich mit Blümchen bedruckt und ihrem Wesen nach mit nicht holz­freiem Papier verwandt.
 Sie beginnen ihre Arbeit am Samstag nach der Frühschicht. Es ist strahlendes Augustwetter, die Sonne steht hoch am Himmel. Irgendwoher weiß Max, daß man Makulatur unter eine Tapete klebt, um die Fläche auszugleichen und eine innigere Verbindung mit der Wand herzustellen. Dafür läßt er den Ingenieur stapelweise alte Zeitungen besorgen. In diesem Fall sollen sie auch ein Testobjekt dafür sein, wie fest und sicher der Leim das Papier an die Wand bindet. Die Zeitungen sind teilweise recht interessant, aber Max’ Französisch reicht für die Lektüre nicht aus, und so verbleiben bloß ein paar Bilder: Französische Soldaten auf einem Bunker der Maginot-Linie, deutsche Soldaten verteilen Schokolade an französische Kinder, der neue Citroën quatre Chevaux, Schauspieler, die sie nicht kennen, Verkauf von Kartoffeln auf Marken, Reklame für die Gauloise bleue.
Auch Zeitungspapier und Tapete entstammen einer Familie und unterscheiden sich nur im Format und Druck. Beides ist dünn und saugfähig, und es sind dreißig Grad im Schatten.
Den Zelleim rühren sie in Wasser zu einer sämigen Suppe, im Zweifelsfall ein bißchen dünnflüssiger, damit er sich besser streichen läßt, außerdem dickt er bei der Augusthitze schnell von selbst ein. Dann sind sie sich uneins, wo man den Kleister aufträgt: auf die Wand, auf die Tapete oder auf beides? Sie entscheiden sich zunächst für die Zeitung, schließlich soll diese ja kleben. Schmude streicht das erste Blatt liebevoll ein und bemüht sich, den Kleister dünn aufzutragen: „Det Zeuch zieht ja jleich ein! Wenn ick unten anjekommen bin, isset oben schon wieder trocken.“
„Mußtet eben dicker einschmieren!“ rät Max.
 Schmude langt tiefer in den Kleistertopf und reicht Max das erste Zeitungsblatt: Max klebt die Zeitung in die Ecke unter der Decke, das heißt, er klebt das Stückchen an, das ihm beim Hochheben in der Hand geblieben ist, während sich der untere Teil des Blattes in einer eleganten Schürzenfalte von allein gegen die Wand legt. Allerdings nicht ganz an die Stelle, wohin er nach dem Willen der Handwerker sollte. Max findet die Falte schön, aber unpassend. Er löst sie vorsichtig, um sie zu glätten, sie ist aber von dem reichlichen Kleister durchnässt und reißt, wie eben nasses Papier reißt.
„Da hast du deinen Kleister!“ verteilt Max die Schuld. „Das muß man mit Gefühl dosieren!“
„Dosieren will ick jerne wat! Aber ick habe keene Kleisterjefühle“, wehrt sich Schmude.
Irgendwie klebt die Zeitung schließlich, auch wenn der Citroën jetzt aussieht, als hätte er einen schweren Unfall gehabt.
Max langt nach dem nächsten Blatt, aber Schmude hat ihm interessiert zugeschaut und noch kein weiteres vorbereitet.
Max wird ungeduldig: „Mensch, Bodo! Wenn ich klebe, mußt du doch wieder kleistern, sonst werden wir nie fertig!“
„Denn weichtet doch zu sehr durch!“ verteidigt sich Schmude.
„Det mußte eben mit Gefühl machen! Wirste schon spitzkriegen.“
Schmude streicht ein und reicht hoch, dieses Mal kommt das Blatt ganz ordentlich an die Wand. „Siehste, es wird doch“, kommentiert Max.
Beim dritten Blatt, das ebenso klebt, ist Max schon beinahe stolz: „Siehste wohl? Jetzt kommen wir in Gang!“
Schmude betrachtet das bisherige Ergebnis: Das erste Blatt ist fast trocken, das Papier strafft sich und entwickelt durch die Spannung Längswellen. „Siehste? Brauchste jarnich so feste ziehen, beim Trocknen spannt et sich von alleene.“
Als sie beim fünften Blatt sind und den Fußboden errei-chen, hören sie ein trockenes Knistern. Vor ihren verblüfften Augen löst sich das oberste Blatt von der Wand und neigt sich ihnen zu. Max hastet die Leiter hoch und versucht, es festzuhalten. Das gelingt ihm nur zehn Sekunden lang und nur unvollständig, denn nach und nach lösen sich auch die unteren Blätter von der Wand, halten dabei aber untereinander gut zusammen, so daß ein langer Streifen von Zeitungspapier entsteht, den Max resignierend losläßt und der sich wie eine Stola Schmude um Nacken und Kopf legt.
Ärgerlich versucht der, sich davon zu befreien, ohne Rücksicht auf die Papierbahn, Max hält ihn aber zurück: „Mach das doch nicht kaputt! Das können wir doch wieder ankleben!“ Er wickelt Schmude vorsichtig aus seinem kleidsamen Umhang.
Schmude ratlos: „Wat machen wir nu?“
Max befühlt die Rückseite des Papiers, sie ist knochen-trocken, von einer glatten Leimschicht bedeckt. Er befühlt die Wand, auch sie ist trocken, aber hier ist kein Leim zu finden. Der Putz ist nach wie vor rauh und ein bißchen krümelig.
„Wir müssen auch die Wand einstreichen. Die saugt den Leim weg wie nischt, und denn kann det Papier nicht mehr kleben. Ist janz klar!“
„Brauchen wir denn die dämlichen Zeitungen überhaupt?“
„Ick glaube, die Tapete haftet besser auf dem Papier als auf der Wand.“
„Na denn los! Du schmierst die Wand ein, ick det Papier, und denn kleben wa’t an.“
„Aba wir haben nich zwei jroße Pinsel!“
„Nimmste den kleenen!“
„Nimm’en du doch! Wenn de dich bei der Wand een bißken ausmährst, schad’t et nischt. Die Wand weicht nich uff. Aba bei mir musset schnell jehen.“
Max gibt nach und beginnt, mit dem kleinen Pinsel die Wand zu leimen, so schnell es eben geht, Schmude verzögert seine Arbeit so lange, daß er die Zeitung hochreichen kann, wenn Max den Anstrich beendet hat.
Nach und nach arbeiten sie sich ein, und als nach zwei Stunden Madame Lejeune mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern kommt, sieht die Stube schon wie ein Zeitungsladen aus. Sie beenden diese Arbeit, beginnen aber noch nicht mit dem Tapezieren, damit die Makulatur richtig trocknen kann und um sich noch eine Galgenfrist zu verschaffen.
Am nächsten Tag öffnen sie die Tür vorsichtig, als ob ein Unheil sie aus dem Zimmer anspringen könnte, und schauen argwöhnisch durch den Türspalt. Die Zeitungen sind noch an der Wand! Erleichtert treten sie ein.
Sie bereiten den neuen Arbeitsgang vor, der, so scheint es ihnen, eine Wiederholung des ersten auf einer anspruchs-volleren Ebene ist.
Sie schneiden die Tapetenbahnen zu, die gerade so ausreichen, und legen sich die erste auf dem Boden zurecht. An einen Tapeziertisch haben weder sie noch ihr Auftraggeber gedacht. Sie haben auch noch nie davon gehört, daß man die einzelnen Bahnen beim Einstreichen doppelt legt und etwas ruhen läßt, damit die Feuchtigkeit gleichmäßig einziehen kann und sich die Bahnen leichter handhaben lassen. Nachdem Max einen Streifen der Wand mit Kleister vorbehandelt hat, streichen sie also die Bahn in ganzer Länge ein, fassen sie dann an den vier Ecken an und versuchen, sie gegen die Wand zu bugsieren. Dieser Versuch wird besonders spannend, als Max mit der ausgebreiteten Tapete die Leiter emporturnt, während Schmude das andere Ende ausgebreitet und in einer gewissen Spannung hält, damit es nicht eine unerwünschte Verbindung mit dem oberen Teil eingeht. Diese akrobatische Nummer ist der Anlaß für muntere Gespräche.
„Wickle nicht die Leiter mit ein!“ hält Schmude für einen produktiven Hinweis.
„Du paß auf, daß du nicht an der Leiter anklebst! Halt die Bahn straffer!“
Schmude hält die Tapete straffer, so daß Max nicht weiter hinaufsteigen kann.
„Mensch, du mußt doch nachgeben! Wie soll ich sonst hochklettern?“
Die Tapete ist glitschig, und Schmude hält sie vorsichtig, damit sie nicht zerreißt. Dabei rutscht ihm eine Ecke aus der Hand, und die andere Seite legt sich liebevoll um die Leiter.
„Doch nicht so viel!“ erregt sich Max.
„Hab’ ick doch nich mit Absicht jemacht, du Affe! Versuch du doch mal die Kleisterbahn zu halten.“
Irgendwie gelingt es ihnen, die Tapete von der Leiter zu lösen und wieder auszubreiten. Max steigt erneut die Leiter empor. Als er oben ist und versucht, die Tapete anzulegen, muß er kräftiger ziehen, als es das nasse Papier aushält: Er behält die zwei Ecken in der Hand, während die Tapete abwärtsrauscht. Im letzten Moment versucht er noch, den Zug zu verringern, indem er sich mit der Tapetenbahn von der Wand ab- und Schmude zuwendet.
Beinahe liebevoll legt sich die Tapete um Schmudes Schultern, die geleimte Seite nach innen, und da das Papier aufgeweicht ist, schmiegt es sich eng an Schmude, wie ein maßgeschneiderter Mantel.
Schmude flucht wie ein Schweinetreiber und versucht das unwillkommene Kleidungsstück vom Körper abzuziehen. Max fällt vor Lachen beinahe von der Leiter. Zum Glück hat Schmude zunächst kein Ohr dafür, sonst wäre es sicher zu einer Prügelei gekommen, dann aber schafft es Max, Schmude zu Hilfe zu kommen, wenn auch immer noch von Lachanfällen geschüttelt. Gemeinsam wickeln sie ihn aus und glätten die ramponierte Bahn so gut es geht.
Sie beraten, wie es weitergehen soll, und ,erfinden‘ den Trick, die Tapete zusammenzulegen, bevor sie sie anhalten und ankleben, und sie erst an der Wand auseinanderzufalten. So fassen sie einigermaßen Tritt, wenn auch nicht ganz ohne Stolpern, und können am späteren Sonntagnachmittag auf ein ganz und gar tapeziertes Zimmer blicken. Die Tapete ist zwar noch fleckig, aber das kommt vom unterschiedlichen Trocknungsgrad und soll sich noch ändern. So versichern sie dem Ingenieur. Max beobachtet mit Sorge, daß sich in der ersten oberen Ecke wieder leichte Falten bilden, hofft aber, daß das die anderen nicht sehen und daß sich diese Erscheinung nicht fortsetzt, und stiehlt sich mit einem nicht ganz reinen Gewissen davon, nachdem sie den vereinbarten Lohn, zweihundertfünfzig Francs pro Nase, bekommen haben.
Am Montag nach der Schicht bittet sie der Ingenieur, doch noch einmal gucken zu kommen, und sie gehen mit einem Gefühl zu seiner Wohnung, als ob ihnen dort alle Zähne gezogen werden sollen. Der erste Blick in das Zimmer ist wie ein Guß kalten Wassers: Die Tapete hat sich großflächig von der Wand gelöst und zeigt quadratmetergroße Beulen und Bäuche. Erstaunlicherweise hat sie dabei an Festigkeit gewonnen. Sie ist nicht mehr wie Zeitungspapier, sondern eher wie Pappmaché. Sie ist eine innige Verbindung mit der Makulatur eingegangen, von der sie sich nicht mehr trennen läßt, und beide gemeinsam haben sich von der wieder nackten Wand gelöst.
Max ist leicht verstört, aber Schmude sieht im Angriff die beste Verteidigung und erklärt ohne Umschweife und Entschuldigung, der Kleister tauge nichts, die Tapete sei nichts wert, und man könne bei so einer Hitze eigentlich überhaupt nicht tapezieren. Sie hätten den Auftrag nur übernommen, weil sie dem Ingenieur und seiner jungen Frau den Aufenthalt in einer neuen Wohnung ermöglichen wollten. Dann rätseln sie, was zu tun sei. Um neu zu tapezieren, brauchten sie neue Tapete, und die war nicht sofort und überhaupt nicht so leicht zu beschaffen. Dann rückte Max mit einer genialen Idee heraus: Man könne die Beulen der Tapete wieder andrücken, und das Ganze mit Leisten an der Wand befestigen! Der Vorschlag erschien ihm selber abenteuerlich, aber hatte jemand einen besseren?
Also besorgte der Ingenieur die Leisten und Tapetennägel, und Max und Schmude nagelten an einem der nächsten Tage die ganze Tapete fest, so daß am Ende die Wand eine interessante Kassettenstruktur aufwies, als hätte es von Anfang an so sein sollen. Weitere Aufträge zum Tapezieren nahmen sie aber nicht mehr an.

*

Max erwartet Paule, wo die ewig wuchernden Gärten zum Fluß hin weisen und der Felsen in unregelmäßigen Absätzen ein paar Meter zum Fluß hinabspringt.
Paule schlängelt sich zwischen Malven, Maulbeer- und Feigen­bäumen hindurch und überrascht Max, dessen Ge­danken mit dem Wasser wandern, indem sie ihm von hinten die Augen zuhält.
Sie will Max ihre Lieblingsstelle zeigen und zieht ihn den Fluß entlang, mal auf Trampelpfaden durch Brombeerge-strüpp und mannshohe Disteln, über Felsstufen und Steine, mal am Rand des Wassers von Stein zu Stein, flache Buchten am Ufer überwindend. Um sie zu stützen, hält Max ihr die Hand hin, sie ergreift sie wie selbstverständlich. Für Max haben diese Finger eine ihm bisher unbekannte Spannung.
Sie überqueren den Fluß, wieder von Stein zu Stein, und steigen am gegenüberliegenden Hang durch den Maquis mit Zittergras und Fingerhut, mit Büschen wilder Rosen und später durch die Ausläufer des Kastanienwaldes empor. Hier geht Paule voran, den Rock gerafft, wenn der Pfad steil wird, und Max folgt ihr wie der Fee im Märchen, und sein Herz klopft weniger von der Anstrengung des Steigens als vom Anblick ihres schlanken, behenden und doch kräftigen Körpers. Er muß seinen Gedanken befehlen, der Linie der aufregenden Beine nicht unter den Rock zu folgen.
Schließlich kommen sie auf ein kleines, hochgelegenes Felsplateau mit Blick über Tal, Fluß und Dorf, verborgen zwischen Rosen, Rosmarin, wilden Feigen und Oleander. Sie setzen sich, ein wenig außer Atem. Max schaut Paule verstohlen an und überlegt, ob er etwas sagen muß.
Die Dämmerung kommt in Rosa und Blau, das Dorf blinzelt mit gelben Lichtern und streut vertraute Geräusche in die Abendluft. Eine Ziege meckert und will nicht in den Stall, ein Hund ärgert sich über einen Passanten, das Schutzblech von Casals’ Fahrrad klappert und Madame Follet schreit ihre Zwillinge ins Haus.
Paule sagt, ohne den Blick vom Tal abzuwenden: „Das ist mein Dorf!“ Sie lehnt sich an Max’ Schulter, er legt zag­haft den Arm um sie, ohne etwas anderes zu wollen. Ihre Gedanken gehen zueinander und doch eigene Wege. Was wissen sie schon voneinander?
So wird es dunkel. Ein halber Mond schaut über den Kamm und kann nicht in die Schatten schauen. Sie wollen nur beide, daß diese Stunde nie enden möge.
 Eigentlich möchte Paule nicht, daß Max sie nach Hause bringt, sie fürchtet Ärger mit ihrer Mutter, die ihrerseits wieder den Dorftratsch fürchtet. Max wiederum möchte sie vor Spott schützen, wenn er auch nicht weiß, wie er das machen könnte. Aber er will sich nicht verstecken, will sie nicht loslassen. Er begreift gar nicht, daß es sich um ihn handelt. So gehen sie durchs Dorf und halten sich ein bißchen in dem dunklen Mondschatten.
 Als sie dann sagt: „Da drüben ist unser Haus“, erschrickt er, bleibt stehen und sieht Paule an, als ob sie wissen könnte, daß er aus diesem Garten Tomaten und Auberginen geklaut hat. Sie scheint seine Gedanken zu lesen: „Deine Kameraden haben bei uns auch schon ...“, sie sucht ein nicht zu strenges Wort „umsonst eingekauft.“ Max schämt sich, hält es aber nicht für sinnvoll, seine Schuld zu bekennen. Hier wird er nicht mehr klauen. Oder muß er es überhaupt lassen? Er verschiebt die Entscheidung auf später, wenn er mal wieder Hunger hat.
Paule möchte nicht lange vor der Tür stehen bleiben und bedankt sich bei ihm: „Merci monsieur Max!“ Sie drückt ihm kräftig die Hand. Max möchte sie noch nicht loslassen, aber als er spürt, daß sie sich ihm entziehen will, hebt er rasch ihre Hand an die Lippen und küßt ihren etwas rauhen Handrücken. Sie hält überrascht ihre Hand still und küßt ihm dann schnell wieder seine Hand, was ihn verlegen macht. Dann reißt sie sich los, beruhigt mit ein paar halblauten Worten den Hund, der anschlägt, läuft durch den Garten davon und verschwindet im Haus. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 309  vom 06.07.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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