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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2016  

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Das UZ-Pressefest und die Auseinandersetzung um "die bandbreite"
Was ist los in diesem Land?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Vom 24. bis 26. Juni fand in Dortmund das UZ-Pressefest, das Fest der Zeitung Unsere Zeit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) statt. Eingeladen war auch die Polit-Hip-Hop-Band "die bandbreite". Sie wurde aber wenige Tage vor dem Fest auf Druck von außen wieder ausgeladen. Bis Sonntag, 26. Juni, 13 Uhr, dem geplanten Auftrittsdatum, war nicht klar, was passieren würde. Doch schließlich waren die Kräfte, die kritische Stimmen verstummen lassen wollten, in einer verschwindenden Minderheit, und das Konzert der bandbreite konnte zu einem Höhepunkt des Festes werden.


Nach harten Auseinandersetzungen: "die bandbreite" spielt auf dem UZ-Pressefest
 
„Das UZ-Pressefest ist das Fest der Solidarität und Demokratie - gegen Kriegspolitik und Nato - gegen Sozialabbau und Ausgrenzung - gegen Bildungsmisere und Jugendarbeitslosikeit - gegen Faschismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit - gegen Umweltzerstörung und drohende ökologische Katastrophen. Dafür will unser UZ-Pressefest ein Zeichen setzen.“ So leitete der Chefredakteur der DKP-Wochenzeitung UZ, Wolfgang Teuber, das als Volksfest bekannte Ereignis mit intellektuellem und politischem Anspruch und einem vielfältigem Angebot für Jung und Alt ein. Zum siebzehnten Mal, wird das alle zwei Jahre stattfindende Fest mit internationalem Charakter (von Irland bis Luxemburg, USA, Niederlande, Italien, Chile, Griechenland, Kuba und Venezuela) ausgerichtet. Und es hatte (in der Vergangenheit) und hat (heute) viele bekannte Namen, Köpfe, Denker und Künstler zusammengeführt: Mikis Theodorakis, Dieter Süverkrüp, Klaus der Geiger, Esther Bejerano, Franz Josef Degenhardt, Dietrich Kittner, Maria Farantouri, Hannes Wader... von Seppmann bis Steigerwald, Czichon und Schöfer und viele, viele mehr...


Esther Bejerano - eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz
 
„Ein solches Fest wäre in den USA undenkbar“, verrät Bobbi Siegelbaum - mit einem Button der "Grandmas for Peace“ auf der Brust. Sie ist Chormitglied des "Walkabout-Clearwater-Chorus“ und Vize-Koordinatorin des unter Mitwirkung des (inzwischen verstorbenen) Comrades-Autors und US-amerikanischen Spanienkämpfers Harry Fisher von Pete Seeger gegründetenen Traditionschors. Sie berichtet von der nicht vorhandenen Meinungsfreiheit - zumal für Kommunisten - im Land der zusehends abnehmenden Möglichkeiten, den USA. Was ist in Deutschland zu beobachten? Die Linke demontiert sich selbst und zerfleischt sich in aufgepflanzten Debatten, zum Beispiel über real weitgehend nicht existierenden Antisemitismus.


Klaus der Geiger

Auf diesem Fest der 50 Diskussionsveranstaltungen in allein 17 Großzelten, wo Linke verschiedenster Couleur zusammen kommen, ist es um so bedrückender festzustellen, welche Kräfte auf welche Weise versuchen, auf die Breite und die Toleranz des Festes Einfluß zu nehmen. Es wird massiv Druck ausgeübt, eine deutschlandweit einzigartige, politische, junge Band wieder auszuladen. Den Hip-Hoppern aus Duisburg soll seit Jahren - mit unterschiedlichsten Vorwürfen - der Saft abgedreht werden. "die bandbreite“ mit ihren zwei Hauptakteuren Wojna und Torben läßt sich aber von ihrem politischen Aufklärungsanspruch nicht abbringen.


Liedermacher Kai Degenhardt, Sohn von Franz-Josef Degenhardt, unterzeichnet das Protest-Plakat gegen die Ausladung der "bandbreite"

Der DKP-Parteivorstand lässt schließlich verlauten, dass es nicht an inhaltlichen Gründen gelegen habe, von dem Auftritt abzusehen: „Wir sind nach unseren gründlichen Recherchen, nach Gesprächen mit anderen Veranstaltern und Kulturschaffenden zu dem Ergebnis gekommen, dass "die bandbreite“ aus unserer Sicht nach wie vor zum breiten Spektrum linker Kultur zählt.“ Vielmehr hätten diffuse Gewaltandrohungen aus dem angeblich linken antideutschen Spektrum dazu geführt, daß um die Sicherheit der Besucher gefürchtet werden müsse. Ein Schelm, dem ein Déja-Vu aus Weimarer Zeiten in den Sinn kommt. Klaus Hartmann, seit 1988 Vorsitzender des deutschen Freidenker-Verbandes und Vizepräsident der Weltunion der Freidenker, ist schon lange Unterstützer der "bandbreite", lud sie 2010 zum berühmten Sängerfest auf die Burg Waldeck ein, die daraufhin ebenfalls unter dem dunklen Stern der Androhung von Gewaltexzessen aus dem "antideutschen“ Lager stand. Kein Grund für ihn, sich diesen Drohungen zu unterwerfen: „Denkverbote, Redeverbote kommen alle aus der gleichen unerträglichen Richtung und haben mit linker emanzipatorischer Politik prinzipiell nichts zu tun - in welcher Partei auch immer, auf welchem linken Fest auch immer.“


Sonntag, 13 Uhr: Diskussion mit der "bandbreite", der Liedermacherin und Kabarettistin Jane Zahn, dem Politiker und Multi-Künstler Diether Dehm, dem Kölner DKP-Kreisvorsitzenden Klaus Stein und der DKP-Bundesvorsitzenden Bettina Jürgensen - alle mit einer Ausnahme - plädieren für den Auftritt

Protest gegen demagogische Hetze


In Dortmund machen sich Teilnehmer und Künstlerkollegen für einen Auftritt und für eine Diskussion mit der "bandbreite" stark. Diether Dehm, Schatzmeister der Europäischen Linken und europapolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion DIE LINKE, ist Künstler und Intellektueller. Aus seinem engsten familiären Umfeld ist er mit Attacken aus dem sogenannten antideutschen Spektrum konfrontiert: „Alles das ist so widerwärtig, dass ich diesen Flügel der 'Antideutschen' nicht unter 'links' laufen lassen kann. Das sind keine Linken, das sind Leute, die von innen her das Rot aus den Wangen der Linken saugen.“


DKP-Bundesvorsitzende Bettina Jürgensen setzt sich für "die bandbreite" ein

Laut Frank Baier, Ruhrgebiets-Musiker mit Arbeiterliedkultur und Freund der "bandbreite", lassen seine jungen Kollegen kein Thema aus, stellen sich jeder Diskussion. Der Waldeck-Barde Frank Baier sieht "die bandbreite" in der Tradition der alten linken Liedermacher - nur mit neuem, jugendgerechten Gig. Sein Kommentar zum - für ihn peinlichen - Vorgehen der Veranstalter: „Es laufen doch genug Spießer rum. Die sollen Euch spielen lassen!“ Der Publizist Rainer Rupp: „Ich finde es einen Skandal, daß die Linke und dieses Fest sich von Meinungsterroristen, die sich Linke nennen, vorschreiben lassen, wen wir hören können und dürfen.“


"die bandbreite" spielt auf und wird zu einem highlight des Pressefestes - vor der Bühne stellt sich spontan eine schützende Reihe auf

Wären da noch die "Querfront“-Vorwürfe. Dazu Klaus Hartmann: „Was ist Querfront? Was war sie denn historisch? Weiß das denn jemand? Was war sie denn in der Weimarer Republik? Fand sie denn real statt außer in den demagogischen Hetzangriffen gegen die Kommunisten?“ Dazu Wojna selbst: „Das ist eine Spaltung, die betrieben wird. Und der Witz ist, daß die eigentliche Querfront ganz woanders existiert: bei den sich als links ausgebenden Antideutschen - mit ihrem Antiislamismus und dieser Phobie, daß Muslime den Globus terrorisieren würden, die aufgebaut wird von Medien wie Springer-Presse und Spiegel. Solche Querfronten gibt es mit den Rechten. Das ist das, was wirklich gefährlich ist...“


DJ Torben von der "bandbreite"

Teilnehmer und Künstlerkollegen beteiligen sich spontan an Solidaritätsaktionen für die Hip-Hopper, die an zwei Tagen das Pressefest besuchen. Auf einer Unterschriftenliste finden sich neben vielen weiteren Unterzeichnern Publizisten, Fotografen, Musiker - Chefredakteur der Jungen Welt, Arnold Schölzel,  Liedermacher Kai Degenhardt, Diether Dehm, Jane Zahn, die Fotografen Klaus Rose und Manfred Tripp, und viele andere mehr. Mitglieder der Kulturkommission äußern die Befürchtung, wo man denn hinkäme, wenn man diesen Zensurforderungen nachgeben würde. Gerd Deumlich: „Dann muß ich bald dieses und bald jenes Bild abhängen.“ Im Gelände vor dem Freidenker-Stand findet eine angeregte Diskussion mit anhaltendem Beifall für stichhaltige Argumente statt. „Was ist Antifa heute? Die rote Antifa sollte sich abgrenzen von diesen rechten Elementen“, heißt es unter anderem gerichtet an junge Diskutanten. Auf dem Kunstmarkt in der Eis-Kunst-Halle verhüllen Mitglieder des Verbandes Arbeiterfotografie aus Protest ihren Stand und spielen auf dem Monitor den Bandbreite-Song: „Was ist los in diesem Land?“ - Was ist los auf diesem Fest?


Aus Protest gegen die Ausladung der "bandbreite" wird der Stand der Arbeiterfotografie schwarz überdeckt

Massive antikommunistische Kampagnen

Am Sonntag, dem 26. Juni, findet sich unter Beteiligung der DKP-Vorsitzenden Bettina Jürgensen auf Bühne 2 eine Diskussionsrunde zusammen. Nach Zurufen aus dem Publikum, die Band solle jetzt spielen, gibt es kein Zurück mehr. Viele Zuhörer machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit der "bandbreite" und deren ungewöhnlich deutlichen Texten. Soviel Aufklärung geht einigen Antideutschen zu weit. Vor der Bühne bildet sich ein Schutz-Kordon aus junger AntiFa und gesetzteren Kollegen u.a. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.


Tumulte und einige aufgebrachte Stimmen, als "die bandbreite" zu spielen beginnt. Dem stellen sich entgegen z.B. Diether Dehm, Freidenker-Bundesvorsitzender Klaus Hartmann und Detlef Deymann von der UZ-Redaktion
 
Was gilt es zu verteidigen? Am 26. Juni - allerdings bereits 1950 - wurde in Berlin in Folge der in New York stattgefundenen Waldorf-Konferenz (benannt nach dem Veranstaltungsort im Hotel Waldorf-Astoria) eine massive Kampagne gegen kommunistische Kulturbemühungen losgetreten. Der „Kongreß für kulturelle Freiheit“ wurde gegründet. Es ging um die Steuerung der kulturellen Aktivitäten in der Zeit des Kalten Krieges. Dazu zählte die Bekämpfung von Kulturschaffenden wie Pablo Neruda, Thomas Mann oder Jean-Paul Sartre. Auf die Frage an Hans-Rüdiger Minow, der sich 2006 in einer arte-Sendung mit dem Kongress befaßt hatte, ob mit dem Ende von dessen Dokumentation in den 1970er Jahren auch die Agententätigkeit ende, antwortet dieser: „Das zu glauben wäre naiv... man hat neue Überzeugungstäter gefunden.“ Am 26. Juni 2011 ging es um die Verhinderung eines Konzerts der "bandbreite". Die Kräfte, die das Spiel der Diffamierung gegen die politisch brisante Hip-Hop-Band betreiben, heißen anders. Sie sind in Teile der Antideutschen Bewegung, der Antifa und z.B. der Partei DIE LINKE eingedrungen und operieren somit gewissermaßen aus dem Innern der Bewegung. Noch in diesem Jahr wird der US-Sänger David Rovics auf Einladung des Freidenkerverbandes in einem Großkonzert auftreten. Die üble Kampagnen-Masche über dubiose, teils anonyme Internethetze ist auch in diesem Fall bereits im Gang. Klaus Hartmann: „Keinen Fußbreit dürfen wir weichen.“ Der Erpreßbarkeit. (PK)


Inti Illimani - eine chilenische Musikgruppe, die in unterschiedlichen Zusammensetzungen seit dem Jahr 1967 existiert

Anmerkung:
Das Lied der bandbreite "Was ist los in diesem Land?" findet sich als Videoclip hier:
http://www.youtube.com/user/diebandbreite#p/u/1/8fLuuuIptLE
Es ist Teil des youtube-Kanals "die bandbreite" mit einer Fülle weiterer Lieder und auch Video-Statements zur Auseinandersetzung um das UZ-Pressefest.


Kraft geschöpft für die kommenden Auseinandersetzungen
 
Bilder von Mustafa Arslan, Uwe Bitzel, Cindy Dillmann, Karl-Reiner Engels, Anneliese Fikentscher, Henning Günther und Andreas Neumann (alle Arbeiterfotografie)


Online-Flyer Nr. 308  vom 29.06.2011

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