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Aktueller Online-Flyer vom 10. August 2020  

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Kommentar
Kurzkommentar vom Fuße des Blauen
Die ausgewogenen Verdreher
Von Evelyn Hecht-Galinski

Nochmals Hochachtung für einzelne anständige und integere Mitglieder der Linken, die trotz aller Widerstände und Schmähungen standhaft auf dem Pfad der Gerechtigkeit und des Anstands blieben. Nicht leicht in diesen Tagen, der Treibjagd der Antisemitismus-Jäger und ihrer vielen Helfer. Gysi ließ es sich nicht nehmen in Interviews im ND und in der taz, nochmals zionistisch nachzutreten. Ihm reichte der unsägliche Maulkorberlass-Beschluss noch nicht, nein mir scheint, seine Vergangenheit hat ihn wieder eingeholt.
 
Ich erinnere mich noch sehr gut, kurz nach der Wende saßen mein Mann und ich bei einer Veranstaltung in Ost-Berlin u.a. auch mit Gysi. Schon damals kokettierte er ganz bewusst mit seiner "jüdischen" Herkunft. Sagte er meinem Mann nicht sinngemäß, wenn man denn glaube, er sei jüdischer Herkunft, würde er es nicht verneinen? Gysis Vater, der mit meinem Vater zusammen mit dem damaligen jüdischen DDR-Gemeindevorsitzenden aus humanitären Gründen Kontakt hatte, war der "Kirchenbeauftragte" und jüdischer Herkunft. Es zeigt sich, in für mich erschreckender Weise, das schlechte Gewissen und die komplex beladende vermeintliche Schuld, die viele ehemalige DDR Bürger heute wieder einholt. Verbindet das nicht auch Merkel und Gysi? Mir als ehemalige Westberlinerin fällt diese Tatsache bis heute markant auf. Gerade auch in der "Pfarrer-Szene" von Gauck bis Schorlemer....
 
Dieser rote Faden zieht sich natürlich heute bis tief in den Westen, auch die sogenannten Mutigen, wie z.B. die "Ikone der Protestanten", Margot Kässmann, verhalten sich schnell wie ihre "Ost-Kollegen", wenn es um Israel und Palästina geht. Sehr anschaulich zu beobachten, auf dem gerade beendeten Kirchentag. Dort wurden die Aufrechten mit ihrem "Kairo Papier" kritisch abgefertigt, "Palästinenser" gar nicht erst eingeladen, Veranstaltungen zu diesem Thema gleich null oder zu "unchristlichen" Zeiten. Soviel zur jüdisch-christlichen Allianz auf dem Kirchentag!

Der heutige Beitrag in der SZ vom 20. Juni zeigt in erschreckender Weise
wie die SZ sich auch zum Sprachrohr der Israel Lobby in ihrer Außenansicht macht. Wie ich als Abonnentin schon mehrfach feststellen musste, verkam diese inzwischen zur israelisch/jüdischen Agitation. Nach allen israelischen Botschaftern, Regierungsberatern, "Israel nahen" Politikern, nun als Endpunkt Dieter(mir graut vor dir) Graumann. Er schämt sich nicht, die 10 Gebote (Du sollst Vater und Mutter ehren) und andere theologische Sprüche für seine Polemik zu missbrauchen, ganz im Sinne der schon bekannten Propaganda der Israel-Lobby. Einfach armselig, wie er die Linke, bzw. einige Mitglieder beleidigt. Herr Graumann, ich wäre für Präsident Peres auch nicht aufgestanden, als falschem Gast, am falschen Ort. Ich hätte diesen sogenannten Antisemitismusbeschluß auch nicht mitgetragen. Ich habe den Schal, den Frau Höger anlässlich des Palästinenserkongresses umgelegt hatte, 1 Jahr vorher, nach meinem Grußwort für den Europäischen Palästinenserkongress in Berlin geschenkt bekommen, und ich bin stolz darauf, und er hat einen Ehrenplatz zu Hause. Was sollen Ihre Beleidigungen und Einschüchterungen? Bei wem, außer vielleicht bei sogenannten Mandatsträgern, machen diese noch Eindruck? Schlimm nur, dass die SZ ihnen die Möglichkeit gibt, diese falschen und diffamierenden Thesen in die Öffentlichkeit zu bringen. Schön, dass wenigstens Gysi, als "zionistischer Linker"? vor Ihren Augen Gnade findet. Ich hoffe trotzdem, dass es diesmal auch dem gutmütigsten SZ-Leser zu viel wird. Ich jedenfalls kündige jetzt endgültig das Abonnement. Es reicht!
 
Dazu passt dann ganz hervorragend die Initiative 27. Januar der European Coalition for Israel, die gemeinsam mit z.B. den Christen an der Seite Israels jetzt eine Unterschriftenaktion starten und diese bei Merkel im September abgeben wollen, um die einseitige Ausrufung eines Palästinenser Staates zu verhindern und das arme kleine Israel mit christlicher Nächstenliebe zu überhäufen. Ganz im Sinne der christlichen Zionisten in aller Welt, der wahren Freunde des jüdischen Staates.

Nehmen nicht in der Tat die hier fast teilnahmslos hingenommenen Auswüchse der jüdischen Religion krankhaft bizarre Formen an? Zuerst riefen Rabbiner in Israel dazu auf, Palästinenser zu töten, auch ihre Babys und ihr Vieh; dann sollte man ihnen kein Stück "jüdisches" Land verkaufen, oder an sie Wohnraum vermieten; jetzt die neueste "Schmonzette": Todesstrafe für einen Hund. Ein Rabbinergericht in Jerusalem verurteilte einen Hund zum Tod durch Steinigung, weil diese Rabbiner davon ausgingen, dass in diesen Hund die Seele eines Anwalts gefahren war, der vor einigen Wochen in das Finanzgericht nahe dem ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim eingedrungen war und sich nicht vertreiben ließ. Einer der Richter habe sich daran erinnert, dass vor 20 Jahren ein bekannter weltlicher Anwalt das Rabbinergericht beleidigt habe. Die Rabbiner verfluchten den Mann damals; seine Seele möge in den Körper eines Hundes übergehen. Die Geschichte hatte ein Happy-End: Die Kinder, die das Urteil vollstrecken sollten, ließen das Tier entkommen. So gelesen in der Badischen Zeitung. Allerdings frage ich mich, wäre dieser Hund ein Palästinenser gewesen, hätten die Kinder ihn auch entkommen lassen?
 
Zu diesen interessanten jüdisch-theologischen Themen möchte ich immer wieder auf das Israel Shahak-Buch "Jüdische Religion" hinweisen. Zu diesem Thema passt auch ein erstaunlich faktenreicher Artikel von Joseph Croitoru in der FAZ vom 18.Juni im Feuilleton. Es geht um ein Pamphlet "Nakba kharta" (Nakba-Bluff). Laut Artikel werde in diesemMachwerk schlagwortartig die "zionistische Geschichtsversion" der Nakba dargestellt. Während das Pamphlet in rechten Kreisen begeistert aufgenommen wurde, versuchte die Zeitung Haaretz, diese zionistische Geschichtsklitterung, unter Einbeziehung jüdischer und palästinensischer Zeitzeugen, etwas differenzierter darzustellen. Nach Erscheinen dieses Artikels meldeten sich auf der Haaretz Internet-Seite vierhundert meist wütende Leser zu Wort, von denen nicht wenige bedauerten, dass man damals nicht alle Palästinenser aus dem Land gejagt hatte. Von rechter Seite muss danach massiver Druck auf Haaretz ausgeübt worden sein, so dass danach ein Artikel mit dem Titel "Die jüdische Nakba" von Zvi Gabai,
früherer Botschafter und Vizedirektor des israelischen Außenministeriums erschien, der über die "weit größere Katastrophe der Juden" erzählte, die diese in arabischen Ländern erlitten hätten. Wie gesagt: sehr empfehlenswert dieser Artikel unter dem Titel: "Sie haben angegriffen, sie haben verloren". - Dazu passt immer wieder aufs Neue meine Empfehlung des Buches von Prof. Ilan Pappe: "Die ethnische Säuberung Palästinas". 
 
Uns stehen noch härtere Zeiten bevor. Die Israel-Lobby und die Freunde Israels werden immer schmutziger und verleumderischer gegen uns "Antisemiten" vorgehen, was man sehr gut mit der mächtigen Pharma-Lobby vergleichen kann. Dort werden Studien selbst in Auftrag gegeben, mit eindeutigen Ergebnissen, oder aber Gesunde werden zu Kranken gemacht, um unnötige Medikamente gewinnbringend an Mann/Frau/Kind zu bringen. Auch diese übermächtige Lobby, kann Dank ihrer Politiknähe und ihrer finanziellen Macht munter und immer erfolgreicher agieren.
 
Auch die parteinahen Stiftungen haben inzwischen eine gefährliche Meinungs-Macher-Macht erreicht, die mir großes Unbehagen einflößt. So hat die Friedrich Ebert Stiftung eine Studie in Europa gestartet, die zeigen soll, wie sich der Antisemitismus wieder über Europa ausbreitet. Deutschland liegt dabei im guten Mittelfeld. Mir erscheint nicht nur die Fragestellung mehr als fragwürdig, sondern auch die Auswahl der Personen der sogenannten FES-Studie. Meine Vorbehalte gegenüber Studien und deren mögliche Manipulationen werden durch solche Aufträge nur vertieft. Gerade in Zeiten, wo sich Israel umfunktioniert und explizit als jüdischer Staat anerkannt werden will, werden in der Tat solche Auftragsstudien immer dehnbarer in ihrer Fragestellung.
 
Solange Israel immer noch gegen das Völkerrecht verstößt, Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines Palästinenserstaates verweigert, die Grenzen von 1967 nicht anerkennt, den palästinensischen Flüchtlingen das Rückkehrrecht verweigert, Gaza blockiert und ungebremst enteignet und siedelt und die Welt das alles hinnimmt, helfen nur Druck und BDS-Kampagnen.
 
Unerträglich auch wie Außenminister Westerwelle und Entwicklungsminister Niebel als "Pat und Patachon" bei Außenminister Lieberman als sogenannte "Friedensvorschlagsbringer" auftraten und von Libyen und Jemen nach Israel reisten. Ein desaströser Auftritt der deutschen Außenpolitik, zwischen allen Stühlen, "ausgewogen" und mit dem Scheckbuch in der Hand. Merkel macht es vor, und alle Parteien und Politiker folgen ihr, der "großen Vorsitzenden". Das zeigt mir, wie wichtig es ist: will man seine Unabhängigkeit und Anstand bewahren, darf man kein Parteimitglied werden. Umso mutiger und unterstützenswerter die paar Aufrechten in der Linken. Wie lange noch?
 
Zum Schluss noch ein Wort zu der Kölner Klagemauer, Walter Herrmann und Klaus Francke: Da man sie mit legalen Mitteln nicht fertig machen konnte - im Gegenteil sie gewannen alle Prozesse - so werden die beiden jetzt auf schmutzige Art und Weise bedroht und sollen so, quasi durch die Hintertür von der Domplatte ferngehalten werden. Die Alte Feuerwache und ihr neuer Vorstand scheinen mir dabei eine nicht gerade schöne Rolle zu spielen. Sollte man nicht hinterfragen, wie ein neuer Vorstand gewählt wird, nachdem auch Nichtmitglieder gewählt wurden? Ich empfehle allen Mitgliedern, die mit dieser Vorgehensweise vielleicht nicht ganz einverstanden waren, die Vereinsstatuten einmal unter die Lupe zu nehmen und das genau zu prüfen. Und ich rufe alle Freunde der Klagemauer auf, helfen sie bei der Suche nach einem Quartier für die so wichtige Klagemauer von Walter Herrmann.
 
Kölner, unterschreiben Sie bei ihm und unterstützen sie ihn auch finanziell. Seine Gegner sind mächtig, aber dann nicht übermächtig. Die Domplatte braucht die so wichtige Kölner Klagemauer. Peter Kleinert hat am 16. Juni einen phantastischen Artikel in dieser NRhZ-Ausgabe zu diesem Thema veröffentlicht. (PK)
 
 
Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Mit diesem Kommentar setzt sie ihre Serie fort, die sie "vom Fuße des Blauen", ihrem 1186 m hohen "Hausberg" im Badischen, schreibt.
 
 
 


Online-Flyer Nr. 307  vom 20.06.2011

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