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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Medien
Sabine Schiffer erforscht, wie Medien eine eigene "Wirklichkeit" schaffen:
Wort + Bild trügt mehr?
Von Markus Omar Braun

Die auf 9'11 folgende Medienhysterie um die Muslime, ihre Religion, ihre Kultur, ihre angeblichen fundamentalistischen und/oder gewalttätigen Neigungen, die so geschürte Islamophobie, all das musste eine gewisse Aufmerksamkeit auf Dr. Sabine Schiffer (1) lenken, die 2004 mit einer bahnbrechenden Arbeit über "Die Darstellung des Islams in den Medien" (2) promovierte und 2009 in einem gemeinsam mit Constantin Wagner verfassten Buch über "Antisemitismus und Islamophobie" (3) zum Thema nachzog. Dabei wird die methodische Seite ihrer Forschung häufig übersehen. Schade eigentlich, denn hier hat gerade die erste der erwähnten Untersuchungen viel wissenschaftlich Neues anzubieten, ganz unabhängig vom hochgespielten und instrumentalisierten Medienthema "Islam".
 

„Die Darstellung des
Islams in der Presse“
Mediengesellschaft erfordert Medienwissen und Medienverantwortung
 
Sabine Schiffer ist keine Islamwissenschaftlerin – auch wenn sie in dem Bereich ein Aufbaustudium absolviert hat – und will es auch gar nicht sein oder werden. Dr. Schiffer ist Medienwissenschaftlerin. Dementsprechend handelt es sich beim Institut IMV in Erlangen, das sie gegründet hat und verantwortlich leitet, auch nicht primär um ein dem Antirassismus oder der Erforschung der Islamophobie gewidmete Einrichtung: IMV bedeutet Institut für Medienverantwortung (4). Wie Frau Schiffer in ihren Vorträgen (5), immer betont, sieht sie in Fragen der Medienverantwor- tung nicht nur die Medien, die Journalisten in der Pflicht, sondern auch die Nutzer. In der heutigen multimedialen Zeit der nicht nur technisch hochgerüsteten Informationsindustrie, der Epoche von Internet und Multimedia-PC, seien alle Nutzer von Medien, also schlichtweg alle, aufgefordert, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben, notwendig auch dafür, die vermittelten Inhalte auf jeder Mitteilungsebene bewusst verstehen und hinterfragen zu können. In ihrer Dissertation hat sie diese Arbeit durch die Entwicklung eines geeigneten Begriffsinventars zur Analyse medialer Konstrukte und ihrer Wirkungen begonnen.
 
Menschliche Wahrnehmung: Macht und Gefahr der Selektivität
 
Wie sehr unsere Wahrnehmung ein Konstrukt darstellt, ist den meisten Menschen weder bekannt noch bewusst. Der menschliche Geist verwendet nämlich einen recht geringen Dateninput (das meiste wird gleich weggeworfen, und nur selten wirklich interpretiert) unter Zuhilfenahme des Gedächtnisses und bestimmter Konstruktionsprinzipien, um daraus ein Bild zu fertigen, das wir gewöhnlich für ein Bild der Wirklichkeit halten. Je mehr wir es sogar für "die" Wirklichkeit halten, desto schiefer hängt es dann. In der ersten Stufe: Aussuchen dessen, was (vorerst) behalten wird, und dessen, was weggeworfen wird, in dieser ersten Stufe kommt alles auf die Güte der Auswahlmechanismen und -kriterien an. Wird wirklich nur das Wichtigere in den Fokus genommen und das Unwichtigere ausgeblendet? (6) Was ist, wenn Teile dieser Operation an eine fremde Instanz, zum Beispiel einen Bericht erstattenden Journalisten ausgelagert sind? Hier kann die Auswahl des Berichteten und des Ausgeblendeten allein – ohne Fehlberichterstattung in den einzelnen Details – nicht nur zu einer Verschiebung eines Bildes, sondern zu seiner glatten Umkehr führen. Ferner können durch solche gezielte Auswahl Stereotypen – also einfache Wahrnehmungsmuster – zitiert und abgerufen, aber auch erst geschaffen oder verstärkt werden: Wenn ich zum Beispiel die Nationalität eines wegen vermuteter Körperverletzung Verhafteten erwähne, jedoch die Vorgeschichte des konkreten Vorfalls, die wesentliche Erklärungsmerkmale liefern könnte, verschweige (oder vielleicht auch nur deshalb nicht berichte, weil ich sie nicht kenne), dann erzeuge, verstärke, zitiere ich ggf. das Stereotyp: "(Alle?) Xler sind gewalttätig".
 
Rüssel ist gleich Elefant – der pars-pro-toto-Effekt
 
Wenn nun durch Fokussieren und gleichzeitiges Ausblenden wiederholt dasselbe Detail, derselbe Aspekt (lateinisch: "pars" für: "Teil") eines Komplexes (lat.: "totum" für: "Ganzes") wahrgenommen wird, so nehmen Menschen gerne diesen einen Aspekt für das Ganze oder halten ihn zumindest für das Wesen oder das Wesentliche des Ganzen: der pars-pro-toto-Effekt. Wenn wir im Fernsehen von China immer nur die Triaden sähen, bliebe so auch bald das Bild eines durch und durch korrupten, mafiösen Landes hängen: China, "das" "sind" dann schließlich "die Triaden". Und eigentlich müsste man sogar "China" in Anführungszeichen setzen – wie heute "den" "Islam"; es wird mit dem Namen ja nurmehr das auf beschriebene Weise erzielte abstrakte Konstrukt bezeichnet. So wird also der Eisberg mit der Spitze, die wir unentwegt sehen, von uns gegebenenfalls inhaltlich einfach gleichgesetzt – und das kann ein Medienmanipulator ausnutzen. Wenn "wir" nicht aufpassen. Es muss aber nicht einmal unbedingt bewusste Manipulationsabsicht von irgendeiner Seite vorliegen: gegebenenfalls war ein Journalist einfach faul, hat nicht recherchiert, präsentiert uns ein Phänomen deshalb einseitig, und schwups, haben wir das ganze Phänomen unter diese eine Seite subsumiert. Es sei denn, wir passen auf. Oder ein Detail einer Sache eignet sich gut zu reißerischer Darstellung, reizt die verbreitete menschliche Sensationsgier: Journalisten, nicht blöde, bedienen diese gerne, manchmal nur aus ökonomischem Erfolgsinteresse; deshalb berichten sie wiederholt nur aus dem Blickwinkel dieses Details über besagte Sache, und zappzerapp sehen wir Medienkonsumenten ebendiese komplexe Sache nur von dem einen Detail bestimmt. Wenn wir nicht wach sind und aufmerken.
 
Von Satzbildung, Sinnstiftung und Trugschlüssen
 
Noch fataler kann es werden, wenn wir genau zwei Details präsentiert bekommen. Sehen Leser zum Beispiel – mittlerweile ein berühmt-berüchtigter "Islam"-Klassiker – zur Linken ein Bild von betenden Muslimen in Reih und Glied und unmittelbar daneben zur Rechten traditionell gekleidete wehrhaft aussehende Paschtunen mit Kalashnikows, so identifizieren sie ggf. den Islam nicht einfach mit Gebet oder mit Kampf (nach der pars-pro-toto-Regel). Menschen neigen in einem solchen Falle vielmehr dazu, einen möglichst einfachen Satz zu bilden: Die islamische Religion in ihrer strengen Form ist militant, ganz einfach also: Islam=Gewalt. Die rechts im Bild sind nämlich bärbeißig und bewaffnet und kampfbereit, weil die links im Bild so eifrig beten und beide zum gleichen Verein gehören. Sieht man doch! Hierin äußert sich zugleich mit der Macht des Bildes die Macht der Kontextualisierung, bei der die Wahrnehmung erst einmal sparsam nach dem Motto verfährt: es ist kein Zufall, wenn Dinge immer wieder zusammen auftreten oder von Menschen, denen wir vertrauen, zusammen geäußert werden. Sparsam merkt sich das Hirn nämlich immer zuerst den Zusammenhang und damit der Zusammengehörigkeit: Der Satz "Der Unfall hat nichts damit zu tun, dass eine Frau am Steuer saß." wird zu "Unfall" zusammenhängend mit "Frau am Steuer" (und schon ist mit dem Verschwinden der Negation auch der Sinn geradezu umgekehrt worden!). Wir sehen, hören oder lesen "Terror" und "Islam" zusammen, also merken wir uns: "Terror" und "Islam" hängen irgendwie zusammen. Zwei Bilder werden im Magazin zusammen, im Film nacheinander gezeigt, hie "Islam", symbolisiert durch das Gebet, da "Terror", symbolisiert durch Stammeskrieger: zack, ist der genannte Zusammenhang gestiftet. Es sei denn, wir halten inne und denken nach (7).
 
Von der unbekannten Macht des Diagonallesens
 

Dr. Sabine Schiffer
NRhZ-Archiv
Diese menschliche Neigung, Bildfolgen, Textkombinationen, aber auch zwei oder mehr Ereignisse sinnvoll und zugleich möglichst einfach (Ockhamsches Prinzip) verbinden zu wollen und dies auch unbewusst zu tun, behandelt Dr. Schiffer unter dem Stichwort "Sinn-Induktion". Mit diesem verbindet sich eine andere, dem Konsum von Informationsmedien wesentliche Erscheinung: Faulheit ist nichts an sich verwerfliches, sondern hier erst einmal ökonomischer Umgang mit Körperressourcen. Unter der heutigen Datenüberflu- tung ist es nur natürlich, wenn wir ein Medienprodukt erst diagonal lesen oder hören, bevor wir es sorgfältig durchlesen, es uns genau ansehen oder genau hinhören. Bei dieser ersten oberflächlichen Prüfung aber nehmen wir nur die prägnantesten Spitzen aus dem Datensalat war, insbesondere wenn im Bereich der Printmedien nicht ein Text, sondern eine gefällig aufbereitete Mischung von Bild und Text, zum Beispiel ein Illustriertenartikel, präsentiert wird. Schlagzeilen, Teilüberschriften, Bilder und Collagen, dann noch ein paar Bildüber- oder -unterschriften, ein, zwei Diagramme werden wahrgenommen. Die Lücken zwischen den Zutaten dieses Potpourri schließt der Verstand, zu weiten Teilen automatisch, mit Hilfe der Sinn-Induktion, unter weiterer Zuhilfenahme von abgespeicherten Stereotypen, Topoi, Narrativen. Daraus entsteht ein Metatext, den Sabine Schiffer "Text' " nennt, gesprochen wohl: "Text-Strich".
 
Das Geniale der Bild-Zeitung – von Sabine Schiffer erklärt
 
Hier wäre auf Dauer sicher eine rein sprachliche Bezeichnung dieses wichtigen theoretischen Konzeptes glücklicher, wie eben "Metatext" oder "Supratext" (als Bruder und Gegenstück von "Subtext") oder "Derivattext" ("Derivat-" im Sinne von "abgeleitet"). Supratext bleibt in jedem Fall dann hängen, wenn wir nicht weiterlesen, nicht nachlesen, nicht gründlich lesen: in der Bild-Zeitung fast immer, im Focus aber auch, denn beide Produkte sind auf die Erzeugung von Supratext regelrecht ausgerichtet, genauso wie Film und Fernsehen, deren Techniken wiederum ja die heutigen Printmedien stark beeinflusst haben. Die dahinter liegende Sinn-Induktion gehört zum Genialen des menschlichen Verstandes, wir können durch die Anwendung des Prinzips aber auch genial daneben liegen. Wir werden vor allem enorm manipulierbar, wenn wir den Prozess und seine Ergebnisse nicht reflektieren. Wobei wir wieder bei der Medienverantwortung wären, der Verantwortung der Medienproduzenten und der Medienkonsumenten. Einige begriffliche Hilfsmittel für den nötigen gesellschaftlichen Lernprozess hat Sabine Schiffer in ihrer Dissertation erarbeitet und vorgelegt.
 
Anmerkung: Natürlich entwickelt Sabine Schiffer das besagte Instrumentarium, um die Berichterstattung in deutschen Medien über islambezogene Themen danach zu untersuchen und führt dies auch exemplarisch im Bezug auf drei ausgewählte Teilfelder durch. Dies hier auch konkret zu behandeln, hätte den angemessenen Rahmen gesprengt. Der daran interessierte Leser sei hiermit außer auf die Dissertation selber (die als solche in jeder Universitätsbibliothek zur Ausleihe oder Einsicht erhältlich sein sollte) auf die hier drunter stehenden Rezensionen und insbesondere die erste davon verwiesen:
http://www.politikcity.de/forum/literatur-edebiyat/13371-rezension-zu-sabine-schiffers-%84die-darstellung-des-islams-der-presse%93-ergon-2005-a.html ;
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-166 ;
http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/09/Rz-Schiffer-Medien_RIG9.pdf ;
http://www.migration-boell.de/web/integration/47_1144.asp ; (PK)
 
(1) Dr. Schiffers Lebenslauf auf der Website ihres Instituts für Medienverantwortung:
http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20100627_Vita_SabineSchiffer.pdf
(2) Sabine Schiffer, Die Darstellung des Islams in der Presse, Sprache, Bilder, Suggestionen, Eine Auswahl von Techniken und Beispielen. Ergon Verlag, Reihe Bibliotheca Academica, Orientalistik Band 10, Würzburg 2005, 39,00 Euro.
Der Titel mit den Libri-Bestelldaten (damit bekommt man ihn in Deutschland beim kleinen Buchhändler auf Bestellung am nächsten Werktag, in der Regel):
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/5157316/sabine_schiffer_die_darstellung_des_islam_in_der_presse_3899134214.html .
Das Inhaltsverzeichnis der Untersuchung auf der Seite des Verlags:
http://www.ergon-verlag.de/tocs/9783899134216.pdf .
(3) Sabine Schiffer / Constantin Wagner, Antisemitismus und Islamophobie – Ein Vergleich, HWK Verlag Wassertrüdingen, 2009, 24,80 Euro. Die Bestelldaten für das Buch nach Libri:
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/8471155/sabine_schiffer_constantin_wagner_antisemitismus_und_islamophobie_3937245057.html .
Zwei Besprechungen des Titels in der Neuen Rheinischen Zeitung: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13736 und
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15477 .
(4) Die Website des Instituts: http://www.medienverantwortung.de/
(5) Sabine Schiffer hat einige Vorträge auf youtube hochgeladen, siehe auch unter: http://www.youtube.com/user/SabineSchiffer
(6) Dr. Schiffer stützt sich stark auf fachpsychologische Forschung. Wer sich mit dem Thema in der Tiefe befassen will, ist gut beraten, das ebenfalls zu tun, zum Beispiel, was die notwendigen Grundlagen angeht, und zum Nachschlagen der Fachbegriffe, mit dem hervorragenden Lehrbuch von Prof. Zimbardo, einem der führenden US-amerikanischen Sozialpsychologen, in der aktuellen Neuauflage (mittlerweile mit Co-Autor): Richard Gerrig, Philip Zimbardo, Psychologie, 18. aktualisierte Auflage, Pearson, München 2008, 49,95 Euro. Das Buch bei Libri:
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/7181910/richard_j_gerrig_philip_g_zimbardo_psychologie_3827372755.html . Dies ist auch das Psychologie-Standardwerk (in einer vorhergehenden Auflage), das Dr. Schiffer benutzt hat und zitiert.
Zum Weiterlesen wären sozialpsychologische Publikationen einschlägig, insbesondere aber:
Lars-Eric Petersen u. Bernd Six (Hrsg.), Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 2008, 34,95 Euro. Die Daten des Buches nach Libri: http://www.libri.de/shop/action/productDetails/7081861/stereotype_vorurteile_und_soziale_diskriminierung_3621276459.html
(7) Beim Nachdenken hilft auch folgender Artikel von Sabine Schiffer:
http://www.migazin.de/2010/10/01/die-grenzen-wohlmeinender-diskurse-rassismuskritische-aufklarung-auf-verlorenem-posten/
 
 
Der Rezensent, Jahrgang '67, Diplom-Mathematiker, Muslim seit 1999 (praktizierend), lebt z.Zt. in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 306  vom 15.06.2011

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