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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Sport
Weltfußballverband-Funktionäre bezichtigen sich gegenseitig der Korruption
Institution FIFA blattert langsam ab
Von Bernd J.R. Henke

Die FIFA - der Weltfußballverband - liegt moralisch am Boden. Seit dem letzten Kongress und einer Präsidentenwahl mit skandalösen Begleitumständen fragt sich die internationale Sportöffentlichkeit - dazu gehören Journalisten, FIFA-Sponsoren, TV-Broadcast-Unternehmen, Regierungen, NGOs, Wohlfahrtsorganisationen, Sportpolitiker und natürlich die Fans in aller Welt - wie der Karren aus dem Dreck gezogen werden kann. Mit dem wiedergewählten, aber ziemlich angeschlagenen Josef S. Blatter als Familienoberhaupt ein kostspieliges Unterfangen für den Weltverband.


Wie immer selbstbewusst – Josef Blatter
Foto: A2 Bildagentur
 
Die FIFA wird bisher regiert durch das System: eine Nation = eine Stimme. Das bedeutet, dass jedes kleine Land der 208 FIFA-Nationen bei Wahlen genauso viel Stimmrecht besitzt wie zum Beispiel eines der fünf großen traditionellen Fußballländer England, Deutschland, Spanien, Italien oder Frankreich. Dies gilt u.a. für die Wahl des FIFA-Präsidenten, die jüngst in Zürich stattfand.
 
Beispiel
 
Der karibische Fußballverband Arubas, der Arubaanse Voetbal Bond, gegründet 1932, aktuell auf Platz 198 der FIFA-Weltrangliste stehend, Mitglied in der CONCACAF (Confederation of North and Central American and Caribbean Association Football) und seit 1986 auch Mitglied der FIFA nimmt seit der Fußballweltmeisterschaft 1998 regelmäßig an der WM-Qualifikation teil. Jedoch konnte sich die Mannschaft bisher weder für die Weltmeisterschaft noch für den CONCACAF Gold Cup qualifizieren. Alle Nationalspieler Arubas spielen in Vereinen auf der Insel. Der Verband Arubas wird wohl nie internationale Spielklasse erreichen und irgendwelche Gelder für die Weltfußballgemeinschaft erzielen können - im Umkehrschluss stellt aber die FIFA Finanzmittel zur Verfügung. Auf Grund der Intransparenz des Weltfußballverbandes können dadurch Abhängigkeiten zu einigen FIFA-Funktionären, die wiederum dem 24-köpfigen FIFA-Exekutiv-Komitee angehören, die Folge sein.
 
Pyramidal
 
Da laut den Statuten der FIFA die Auswahl eines Austragungsortes für eine FIFA Weltmeisterschaft ausschließlich das amtierende FIFA-Exekutiv Komitee durchführt, erkennt man unweigerlich eine gefährliche pyramidale Entscheidungsstruktur. Die FIFA nennt sich Weltfußballverband und genießt Gastrecht in der Schweiz. Als eingetragener Verein verfügt die FIFA weitgehend über ein Sonderrecht der Steuerfreiheit. Während fast die Hälfte aller vierzwanzig Exekutivmitglieder in schwerwiegende Korruptionsvorwürfe verstrickt sind, wählte die sichtbare Fußballwelt, 208 Mitgliedsnationen, den angeschlagenen amtierenden Präsidenten mit Applaus wieder ins Amt. Joseph S. Blatter blieb das Familienoberhaupt
 
Sportal-Jahreschronik
 
Wie der wichtigste Sportverband der Welt das alles so macht, zeichnet eine Jahreschronik nach, die der Sportjournalist Daniel Raecke in www.sportal.de (1) veröffentlicht hat. Die Chronik beginnt mit dem August 2010, als der spätere Rivale von Blatter, der katarische Geschäftsmann Mohamed bin Hammam, Präsident der Asiatischen Föderation, seine Unterstützung für Sepp Blatter bei den Präsidentschaftswahlen 2011 ankündigte. Blatter sei sein "sehr guter Freund". Dass der heilige Schwur des Freundes nicht lange hielt und spätestens nach der umstrittenen Doppelvergabe der FIFA WM 2018 nach Russland und der WM 2022 an den Wüstenstaat Katar zur Gegnerschaft mutierte bis hin zur Suspendierung des ehemaligen Freundes, erklärt die Sportal-Jahreschronik sehr detailliert
 
Frauen WM 2011™
 
Die Sportöffentlichkeit bereitet sich gerade auf die Frauen Weltmeisterschaft 2011™ vor. In knapp zwanzig Tagen ist es soweit. Was tangieren dieses stark erwartete Sportereignis die Streitereien in der pyramidalen, korrupten FIFA-Spitze? Zuallererst befürchten FIFA-Sponsoren und viele Vertragspartner Imageverluste. Zum anderen wird schon ein innerer Zirkel im deutschen FIFA-Organisationskomitee für die Frauen WM 2011™ damit beschäftigt sein, zu überlegen, was man den vielen Fußballfans in den Stadien erzählen soll, wenn der angeschlagene Blatter und der Thailänder Worawi Makudi, Mitglied des FIFA Exekutivkomitees, Vorsitzender der FIFA Kommission für Frauenfußball und der FIFA Frauen Weltmeisterschaft 2011™ , öffentlich auftreten werden. Pfiffe werden Blatter gewiss sein, da die skandalöse Wiederwahl in allen Medien kritisch behandelt wurde. Vielleicht benötigt man sogar Sicherheitsvorkehrungen für die FIFA-Creme.
 
Hauptverantwortlich
 
Was aber sicher vielen Leserinnen und Leser bisher verborgen blieb: der Thailänder Worawi Makudi, der FIFA-Verantwortliche für die Frauen WM 2011™ , wird für das Organisationskomitee unter der Leitung von Steffi Jones ein erhebliches Kommunikationsproblem darstellen und zusätzliches Krisenmanagement fordern. Blatter-Freund Worawi Makudi wurde mehrfach belastet, in der Familie Korruption zu praktizieren Der frühere englische FA-Präsident und Chef der englischen WM-Bewerbung Lord Triesman sagte im britischen Unterhaus einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, vier Ex-Co-Mitglieder hätten Geld von ihm verlangt, damit sie für England stimmten. Triesman nannte neben CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz und CONCACAF-Präsident Jack Warner auch Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, wie Leoz schon im Herbst von der BBC als korrupt bezeichnet, und peinlicher Weise auch den Thailänder Worawi Makudi, der FIFA-Hauptverantwortliche für die Frauen WM 2011 in Deutschland.


Worawi Makudi bei der Vorstellung des WM Posters mit FIFA OK-Präsidentin Steffi Jones und Tatjana Haenni, Leiterin der FIFA-Abteilung Frauenfussball
Foto: A2 Bildagentur
 
Brisanter Vorgang
 
Weiterhin kassierten am 10./11.Mai 2011 fünfundzwanzig karibische Fußballfunktionäre laut Anlagedossier der FIFA-Ethikkommission jeweils 40.000 Dollar für ihre Stimmen zugunsten von Blatters damaligem Gegenkandidat Bin Hammam. Ob Funktionäre des karibischen Landes Aruba dabei waren, ist nicht klar bekannt. Das Thema kann an fortschreitender Brisanz gewinnen, wenn folgende Nachricht stimmen würde: In britischen, asiatischen und karibischen Medien heißt es, dass Bin Hammam bei der Aktion von zwei FIFA-Vorständen aus Asien begleitet worden sein soll. Genannt werden Worawi Makudi und Manilal Fernando aus Sri Lanka. Über das berüchtigte Treffen in Trinidad wurde der auch damals amtierende FIFA-Präsident Blatter vom FIFA-Vorstand Jack Warner (Trinidad-Tobago) durch eine private Mail informiert, so Warner am Sonntag, den 6. Juni 2011. Hier steht die Aussage von Warner gegen die von Blatter. Es könnte eng werden für den Intrigen-erfahrenen FIFA-Weltpräsidenten kurz vor der in Deutschland beginnenden Frauen-WM und für seinen Freund Worawi Makudi.
 
Sportprominenz
 
Der Thailänder Worawi Makudi ist für die deutsche Sportöffentlichkeit medial kein Unbekannter. Im April 2009 zählte er zu den Ehrengästen der Präsentation des Slogans der Frauen-WM 2011™ im Frankfurter Commerzbank-Tower. Danach nahm er sein Bad in der Menge beim Freundschaftsspiel der Frauen zwischen Weltmeister Deutschland und Brasilien. Als Mitglied des FIFA Exekutivkomitees und Vorsitzender der Kommission für Frauenfußball sowie der Frauen-WM wird Makudi sich spätestens beim Eröffnungsspiel der deutschen Frauennationalmannschaft gegen den Gruppengegner Canada öffentlich präsentieren müssen. FIFA-OK-Präsidentin Steffi Jones und Gesamtkoordinator Ulrich Wolter sind nicht zu beneiden, denn bei Anwesenheit von Blatter und Makudi im Berliner Olympiastadion werden Pfiffe eines ausschließlich emotional informierten Publikums nach der Züricher Schlammschlacht nicht zu vermeiden sein. Vertrauenswürdige ehrwürdige Sportfunktionäre einer Weltgemeinschaft mit Ehrenkodex sehen für die Fans wohl anders aus. Wenigstens müssen sie persönlich Fußball als Leistungssport betrieben haben und auch so wirken. Selbst das wird nicht der Fall sein, wenn sich Männer um oder über die siebzig Jahre präsentieren müssen. Das Klischee erfüllen derzeit Michel Platini oder Franz Beckenbauer. Doch Beckenbauer hat die Nase voll, denn er zelebrierte die Unbefangenheit eines Fußballunternehmers, jüngst beim FIFA-Kongress in Zürich. Er verließ gut beraten den irren „FIFA-Haufen.“ UEFA Chef Michel Platini winkte hinsichtlich Kandidatur frühzeitig ab. Mogeleien passen halt nicht zu Ehrenmännern im Großvateralter. Nun ist Dr. Theo Zwanziger gefordert.
 
Kulturgut Frauenfußball
 
Bestimmt erinnert sich die junge charismatische Sportfunktionärin „Steffi“ Jones an ihre offizielle öffentliche Begegnung mit Makudi in Frankfurt, als sie als FIFA-OK-Präsidentin am Ende seines Besuchs in Deutschland vor dessen Bad in der Menge der über 40.000 Zuschauer in der Frankfurter Commerzbank-Arena über FIFA-Media-Channel äußerte: „Bereits im Rahmen der Sitzungen der Kommission für Frauenfussball und die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft haben wir sehr gute Gespräche mit Herrn Makudi geführt. Es freut uns sehr, dass er sich nun persönlich einen ersten Eindruck unserer WM-Stadien machen wird. Mit über 40.000 Zuschauern im Frankfurter Stadion am Mittwoch werden wir ihn sicherlich nicht enttäuschen.“ Enttäuscht haben damals den Thailänder nicht die Fußballfans und das deutsche OK der Frauen-WM 2011 beim Schlagabtausch von Birgt Prinz und Co gegen Marta und Co., es war ein super Fußballspiel und eine wahrlich gute Stimmung in der Commerzbank Arena. Enttäuscht dagegen hat nunmehr Blatters Spielgefährte Makudi alle ehrlichen Freundinnen und Freunde des Frauenfußballs. Kurz vor dem großen Fest des Frauenfußballs in Deutschland ein herber Schlag für alle Beteiligten. „Aber Enttäuschungen gehören zum Weltfußball und zum internationalen Fußballgeschäft, wenn es um Milliarden geht. Es wird wichtig sein, die unbeschreiblich positive Qualität und das emanzipatorische Kulturgut des internationalen Frauenfußballs als neue Kraft hinzustellen und sich von den korrupten Schlagzeilen führender machtbesessener Männer kritisch abzusetzen“, meint Fußballexperte Joe Blaha.
 
Ethik, Transparenz und Verantwortung


Dr. Theo Zwanziger
Foto: Jan Kuppert, Potsdam
 
Eine Chance zur umfassenden Darstellung eines internationalen Frauenfußballs mit seinen gesellschaftlichen Werten und eine europäische Initiative zur Reinigung und Reform der FIFA bietet sich jetzt vor den Augen der Weltöffentlichkeit, sofern das neue FIFA-Exekutiv-Mitglied Dr. Theo Zwanziger und als umtriebig geltender DFB-Präsident nicht kneift und mit seinem Pragmatismus nicht die letzte moralische Debatte abwürgt. Er regte einen „Runden Tisch“ an, um die Kritik aus der Bundesliga an der FIFA und Blatter aufzuarbeiten. Am 21. Juni will Zwanziger mit einer Runde deutscher Spitzenfunktionäre, darunter Liga-Präsident Reinhard Rauball und Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, in einer „offenen Diskussion“ eine „deutsche Position“ zur FIFA-Krise entwickeln. Warum nicht jetzt einen großen Schritt wagen und auch kritische Journalisten einladen?


Jens Weinreich - freier Journalist
Foto: privat
 
Ich denke da an Jens Weinreich und Thomas Kistner, beides langjährige deutschsprachige Beobachter der internationalen Fußballfamilie FIFA. Aber dazu fehlt es wohl noch an Mut, vielleicht auch an begabten Krisenmanagern beim DFB und seinem Generalsekretär Niersbach. Der Buchautor Thomas Kistner und der Grimme-online-Award Preisträger 2009 Jens Weinreich berichteten vorige Woche zeitnah aus Zürich für fast alle renommierten deutschen Tageszeitungen. Beide zeichnet ihre kritische Außensicht aus. Zwanziger ließ in der Vergangenheit etliches gegen Jens Weinreich gerichtlich aufwarten, wahrscheinlich um ihn wirtschaftlich durch Verfahren zu schwächen und mundtot zu machen. Dies war aber ein Irrweg. Kritische investigative Journalisten sind sicher unbequem, aber für die Sportöffentlichkeit notwendiger denn je. Umso mehr bekam der mutige freie Sportjournalist Weinreich Aufträge bekannter Sportredaktionen.
 
Nibelungentreue contra Beweissicherung
 
Der DFB-Chef verteidigte übrigens sein Abstimmungsverhalten bei der Wiederwahl Blatters relativ sorglos: „Sepp Blatter ist in einer geheimen Wahl, auf die ich auch sehr gedrängt hatte, mit einer deutlichen Mehrheit gewählt worden. Hätte sich Deutschland in die Isolation begeben sollen?“ In England, Spanien, Italien und Frankreich missfallen solche „devoten“ Bekundungen von Zwanziger schon länger. Hat er es schon registriert? Laut FIFA-Ethikkommission wurde bisher öffentlich ausgesagt, dass ein Teilnehmer am korrupten Karibik-Meeting „Anzeige“ bei CONCAF-Generalsekretär Chuck Blazer (USA) erstattet hatte. Dieser beauftragte den US-Anwalt John Collins mit der Beweissicherung, Collins Report ging am 22. Mai 2011 zur FIFA nach Zürich. Waren dem gewieften US-Anwalt die Namen Makudi und Bin Hammam entgangen? Ist das der Grund für Blatters genervte Aussagen vor dem Kongress? Warum schonte die Ethik-Kommission den Strippenzieher Blatter? Die Suspendierung von vier statt zwei Vorständen drei Tage vor dem Kongress hat den guten Ruf und das kommerzielle Image der FIFA stark beschädigt, sodass eine Wahl unwahrscheinlich geworden wäre, wie es der englische Fußballverband öffentlich gefordert hatte, falls die Beteiligung und Verwicklung von Makudi und Bin Hammam ebenso sachlich aufgedeckt worden wäre.
 
Familienvater
 
Blatter gab öffentlich viel Bizarres vor laufenden Kameras zum Besten, wirkte nervös und aufgebracht. Sein O-Ton: „Wir leben in einer gestörten Welt. Es herrschen leider kein Respekt und auch kein Fair Play mehr. - Die berühmte Fifa-Pyramide schwankt, sie ist in ihren Grundfesten erschüttert. - Es ist Gefahr im Verzug. Wenn jetzt sogar schon die Natur eine Revolte anstrengt, dann ist es auch normal, dass die Menschen eine Revolte anstrengen. - Die Welt durchlebt unruhige Zeiten. Aber ich bin weiter überzeugt, dass der Fußball eine verbindende Rolle spielen kann. - Wir fahren auf einem Schiff namens FIFA in turbulentem Wasser. Ich, der Kapitän, trage die Verantwortung, doch das geht nur, wenn Sie mir helfen. - Es geht jetzt darum, radikale Schritte zu unternehmen und nicht nur kleine kosmetische Verbesserungen. - Krise? Was ist eine Krise? - Ich bedauere, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. - Das Image der FIFA hat sehr darunter gelitten, zum Leidwesen der FIFA selbst und aller Fußballfans. - Wir haben Schläge eingesteckt und ich persönlich einige Ohrfeigen, die Verwarnung hat gut getan.“ So frei redet nur ein autokratischer Narr, der glaubt sicher zu sein. Mubarak lässt grüßen. 
 
Causa aufklären
 
Der Thailänder Makudi gehört zu den sechs FIFA-Spitzenfunktionären, die kürzlich bei Anhörungen zur WM-Vergabe im Londoner Unterhaus belastet wurden. Es hieß, Makudi habe als Gegenleistung für seine Stimme die TV-Rechte an einem Länderspiel Englands gegen Thailand gefordert. Übrigens ein nicht unüblicher Vorgang innerhalb der FIFA-Diplomatie, meinen viele Beobachter. Makudi bestritt dies. Die FIFA-Ethikkommission wurde erst gar nicht eingeschaltet. An solchen Barter-Geschäften einzelner Mitgliedsnationen störte sich bisher kaum einer in der Familie. Ob das stimmt, muss nun der mit den Ermittlungen beauftragte Louis Freeh klären, vormals Direktor der US-Ermittlungsbehörde FBI. Auf der FBI-Homepage wird an erster Stelle sein Schlag gegen die „Pizza-Connection“ genannt. Freeh trat als Chef-Ankläger gegen Mitglieder einer sizilianischen Mafia-Bande auf, die im großen Stil Drogenhandel in den USA aufgezogen hatten. Zurzeit kursiert am Zürichsee der Witz: „Was unterscheidet die Mafia und von der FIFA? - Antwort: bei der FIFA wird noch nicht geschossen.“
 
Wirtschaftskriminalität und Käuflichkeit
 
Freeh ermittelt inzwischen mit eigener Firma bei der Aufklärung von Wirtschaftskriminalität. Mit ihm als Auftragnehmer treibt die FIFA die Untersuchung gegen die suspendierten Bin Hammam and Warner voran. Doch kämen jetzt mit Makudi und Manilal Fernando (Sri Lanka) zwei weitere Vorstandsmitglieder ins Spiel, würde dies Fragen zum bisherigen Verfahren aufwerfen. Und Freehs Leumund ist ebenfalls nicht mehr unbestritten, da er nicht mehr als unabhängiger FBI- Chef ermittelt, sondern für das umstrittene Consulting Unternehmen „Free Group international“ arbeitet. Früher verteidigte er als juristischer Berater den Saudi-Arabischen Prinzen Bandar bei einer Ermittlung des US-Justizministerium gegen ein angeklagtes britisches Rüstungsunternehmen, welches an Bandar riesige Bestechungs-Dollars und Geschenke fließen ließ, damit dieser sich selbst ein Flugzeug (welches er in den Farben der Dallas-Cowboys lackieren ließ) anschaffen und seinen Palast renovieren konnte.
 
Kontrolleur der Kontrolleure aus Guam
 
Beaufsichtigt wird die Aufklärungsarbeit von „Free Group International“ durch Robert Torres, einem Mitglied der FIFA-Ethikkommission aus Guam. (Einwohnerzahl Stand Juli 2005: 168.564). Die guamische Fußballnationalmannschaft ist FIFA- und AFC-Mitglied. 2002 nahm Guam zum bislang einzigen Mal an der Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft teil, wo man zwei Spiele mit 0 Toren bei 35 Gegentoren absolvierte. Das 0:21 gegen Nordkorea am 11. März 2005 war die höchste Niederlage einer asiatischen Mannschaft. Insgesamt hat Guam zehn Spiele in seiner Statistik, bei denen jeder der unterschiedlichen Gegner mindestens 14 Tore erzielte. Die guamische Nationalmannschaft hat im Jahr 2009 ihr erstes offizielles FIFA-Länderspiel gewinnen können und befindet sich aktuell auf Platz 188 der FIFA-Weltrangliste. Die Insel besitzt für die USA eine große strategische Bedeutung. Rund ein Drittel wird von Einrichtungen der Marine und der Luftwaffe eingenommen. Man befürchtet hohe Arbeitslosigkeit, wenn - wie geplant - vier Marineeinrichtungen geschlossen werden. 15 % der Inselbewohner sind arbeitslos, 23 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Doch der Tourismus ist sehr bedeutend (nur Hawaii ist ein noch populäreres Ziel im Pazifik), vor allem für Japaner, für die ein Flug weitaus kürzer ist als nach Hawaii. Guam (Chamorrow Guåhån) ist die größte und südlichste Insel des Mariannen-Archipels im westpazifischen Ozean und ein nichtkorporiertes Territorium der USA. Das Mariannen-Archipel liegt weit ab von den Fußballzentren des Weltfußballs. „Robert Torres als Aufsicht wird wohl hohe Reisekosten aufweisen und bei vollem Einsatz wohl über Jahre fern der Heimat sein“, meint Fußballexperte Joe Blaha mit leichtem Lächeln. Die USA verfügen mittels Stimmrechten wie dem von Guam praktisch über doppelt soviel Stimmen bei einem FIFA-Kongress mit Wahlen als die finanzstarken Deutschen. „One Nation – One Vote -“
 
Imagetransfer
 
Noch bezieht sich die Schlammschlacht nur auf die Präsidentenwahl und nicht auf die Vergabe der WM 2018 an Rußland sowie der WM 2022 an Katar. Doch auch diese Geschichte wird in naher Zukunft aufgerollt werden müssen, da Geldgeber und Geschäftspartner der FIFA, sowie Sonsoren der ersten Kategorie - adidas, Emirates, Mastercard, Hyundai, Sony und Coca-Cola - befürchten müssen, dass es zu einem Sponsoring-Gau kommen könnte. Was bisher als positiver Imagetransfer zwischen dem Weltfußball und den handverlesenen Hauptsponsoren galt, könnte drohen, in einen negativen Imagetransfer umzukippen. Schon die Korruptionsaffäre in der FIFA-Führung gefällt adidas überhaupt nicht. Ihr Star bei der Frauen-Fußball-WM 2011™ ist der adidas „Speedcell“. Gemeint ist der offizielle WM Spielball. Er kommt wie immer bei großen Turnieren der FIFA ausschließlich von adidas. Marketingexperten bescheinigen dem Herzogenauracher Konzern eine gekonnte Strategie, um die Marke mittels Spielball mit der oft zitierten „Faszination Fußball“ zu identifizieren. Doch die Mechanik des weltweiten Imagetransfers dank der Marke FIFA funktioniert nicht mehr reibungslos. Eine Affäre kurz vor der WM stört den Sport- und Freizeitmoden-Konzern beträchtlich. Asiatische Mitgliedsverbände verließen demonstrativ den Züricher FIFA-Kongress. Die Affäre gilt in der internationalen Presse fast einhellig als Beweis dafür, dass innerhalb FIFA eher mafiotische Zustände herrschen, als Fairness, Transparenz und Demokratie. Auch Gigant Coca-Cola nennt den Fall „beunruhigend und schlecht für den Fußball.“
 
Hinterfragen
 
In welcher Demokratie übersteht der Regierungschef so etwas? Joseph S. Blatter hält immer noch pathosgeladende Reden, umgarnt seine Gesprächspartner charmant, erteilt kleine Gefälligkeiten, regiert intern mit eiserner Hand, zuweilen unter sehr flexibler Auslegung der Statuten. So wurde er mit 186 von 203 Stimmen zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt. Das Schiff sei wieder auf Kurs, so der Schweizer nach seiner Wahl, während Bin Hammam Hausverbot für das Züricher Hallenstadion erhalten hatte. Wer kontrolliert Blatter? Im Gastland der FIFA, der Schweiz, scheint sich - ausgelöst durch die eklige Schlammschlacht um die Präsidentschaft - eine erfreuliche öffentliche Diskussion auf Ebene der Bundespolitik, in der seriösen Medienlandschaft und im Bewusstsein einer direktdemokratisch erfahrenen und engagierten Bevölkerung über die Themen Vereinsstatut und die Steuerfreiheit der FIFA im Gastland zu entwickeln. Das lässt hoffen.
 
Die FIFA benötigt Druck und Kontrolle von außen. Die Schweizer Eidgenossen sind gefordert. Externe Berater und Kontrolleure, die von Blatter jetzt direkt ins Geschehen eingeführt werden, gilt es kritisch zu hinterfragen und nicht blauäugig zu akzeptieren. Und wo stehen im DFB die Reformer, die helfen wollen, gemeinsam mit den einflussreichen Fußballverbänden von England, Spanien, Frankreich und Italien, die Karre wieder aus Dreck ziehen? Runde Tische oder auch viereckige Tische sind viel zu wenig. Transparenz tut Not. Auch kritischer Sportjournalismus darf nicht mit Rechtsmitteln bekämpft werden. Die Institution FIFA blattert langsam ab. (PK)

(1) Die Chronologie zum Thema: 
http://www.sportal.de/sportal/generated/article/fussball/2011/06/07/19923100000.html#diskussion


Online-Flyer Nr. 305  vom 08.06.2011

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