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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Statistikers Nachrichten aus der Propaganda-Republik
MAnipuLierEN mit Zahlen
Von Markus Omar Braun

"Lügen mit Zahlen" seien alltäglich, so die nur auf den ersten Blick altbackene Botschaft des Mathematikers und Statistikprofessors Gerd Bosbach und des Historikers und Werbetexters Jens Jürgen Korff (1). Bekannt nicht nur die Bemerkung eines Politikers, er wolle nur der Statistik glauben, die er selber gefälscht habe (2), welches Bonmot schon längst im Schatz des Volksmundes angekommen ist, bekannt auch bei Fachautoren die Fragestellung: Darrell Huff beantwortete 1956 "Wie lügt man mit Statistik"(3), ergänzt seit 1998 durch Walter Krämers Hinweis in Buchform: "So lügt man mit Statistik"(4) Trotz Volksmund, trotz kompetenter Hilfestellung dachten viele im vergangenen Jahre 2010: Die Statistiken, da kann man Sarrazin nicht am Kreuze flicken. Denkste (5).
 
 
Der Trugschluss: Zahl=Exaktheit=Wissenschaft=Wahrheit
 
Denn die Zahl genießt doch weithin den Respekt der Genauigkeit, der wissen-schaftlichen Exaktheit. Dabei könnte man ja die Sache auch ganz anders herum sehen: Wenn man schlichtweg alles zählen kann, und jedes auf tausend Weisen, dann ist die Angabe von Zahlen oder ihrer Beziehungen nichts Besonderes, sondern – wie Mathematiker gerne für wissenschaftliche Plattitüden sagen – an sich trivial. Zugrunde liegt dieser Faszination der Zahl oder auch dem "Kult der Zahlen" (so ein "Exkurs" bei Bosbach/Korff), die ungeheure technologische Macht, die der moderne Kapitalismus hat entfalten können. Die Macht der Maschinen beruht ihrerseits auf der bewussten Anwendung der Naturwissenschaften – und damit der Allgegenwart von Zahlen, Funktionen usw. in der Welt der Ingenieure und Techniker. Da ferner auch die Verwaltung als Maschine, das Recht in Paragraphen, die Einschätzung der Wirtschaftsleistung und der Beitrag der jeweiligen Gruppen als Statistik organisiert sind – scheint nicht bloß Wissen Macht, sondern vor allem das mathematisch formulierbare Wissen Macht an sich zu repräsentieren. Hier unterscheiden sich Bosbach/Korff auch von anderen Autoren und Fachleuten zum gleichen Thema, als sie diese Problematik ausführlich und gerne im genannten Abschnitt diskutieren. 

Wenn Sarrazin und seinesgleichen ihre Maßlehre anlegen -

Einen wesentlichen Aspekt der manchmal totalitären Dimension des Zahlenkultes erwähnen sie dort auch, indem sie mehrere Einlassungen Sarrazins in der sinngemäß zitierenden Äußerung zusammenfassen: „Menschenrechte, so etwas ist doch ökonomisch-statistisch gar nicht fassbar! In solchen grundsätzlichen politischen Fragen ist nichts alberner als der Hinweis, dieses oder jenes sei rechtlich nicht möglich. Wir müssen doch wegkommen von dieser Sozialromantik und die harten Fakten sehen: Welchen Nutzen haben diese Gruppen für Deutschland? Wenn ich Statistiken lese, dann sehe ich keine Menschen...“ (Bosbach/Korff, S.235), dabei verschweigend, dass man Statistiken auch ganz anders lesen kann, und soziale wie rassistische Diskriminierung sowohl statistisch wie auch individuell zahlenmäßig exakt erfassbar ist. Das weiß Sarrazin aber zum Teil einfach nicht, da er Statistiken nur aus seiner Version der Volkswirtschaftslehre kennt und meint, diese Kenntnis des neoliberalen ökonomischen Standpunkt reiche für eine vollumfängliche valide Beurteilung der deutschen Gesellschaftswirklichkeit aus. Dr. Sabine Schiffer vom Erlanger Institut für Medienverantwortung weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass hinter der Verwendung der Statistik das Menschenbild des "homo profitabilis" stecke (6). 

- so sehen sie den Menschen nur als Rädchen im Getriebe

Hinter politischem Rassismus steckt nämlich unausgesprochen die Vorstellung des Menschen als natürliches Material übergeordneter, das heißt: mächtigerer Interessen. Der alte Rassismus war mehr militärisch geprägt und vermass entsprechend seinem Feldwebel-Blick auf die Menschen diese auf scheinwissenschaftliche Art, wie ein Stabsarzt beim Mustern des Kanonenfutters.  Die meisten Konflikte der neuen Welt(un)ordnung werden auf dem Felde der wirtschaftlichen Konkurrenz ausgetragen, da wird dann aus Hinz und Kunz im Auge des mehr oder minder wohlgefälligen politökonomischen Betrachters, bevor man sich versieht, ein mehr oder minder guter Wirtschaftssoldat, korrekt gemustert durch Intelligenzquotient, PISA-Studie und Wirtschaftsstatistik. Insofern sei es zu hinterfragen, so Sabine Schiffer, wenn man Sarrazin nur seinen wissenschaftlich mangelhaften Umgang mit Statistiken vorwirft, ohne je die auch dahinter stehende menschenfeindliche Sicht zu thematisieren. Sie weist in ihren Vorträgen gerne darauf hin, dass nicht nur die Medien Verantwortung trügen, sondern auch die Bürger als Konsumenten der Medienprodukte. Das vorliegende Werk von Bosbach/Korff genügt dem tatsächlich in zweierlei Hinsicht: Zuerst ermöglicht es jedem interessierten Leser durch seinen Aufbau, seine leserfreundliche und vor allem nichtmathematiker-freundliche Darstellungsweise, weiterhin aber auch durch viele offensichtlich durchdachte Einzelheiten, die im Umgang mit Zahlen notwendige kritische Haltung und das Minimum an (Hinter-)Grundwissen einfach zu erwerben.
 
Nicht rechnen lernen, nein: denken lernen
 
Von den angesprochenen, gut ausgedachten Einzelheiten im Aufbau von "Lügen mit Zahlen" seien hier nur erwähnt: Kapitel 15 – Zusammenfassung des Buches in täglich anwendbare Regeln – und Kapitel 16 – leichte, aber eminent praktische und relevante Übungen des Gelernten. So erweist sich das Buch von Bosbach/Korff auch eher als eine Unterweisung im kritischen Denken – in Bezug auf Zahlen – denn als Statistiklehrbuch für Laien. Dies ist die zweite der erwähnten Hinsichten, in denen die Autoren der umfassenden Notwendigkeit der Medienverantwortung gerecht werden: So beginnt das Buch, das sich vom ersten bis zum letzten Kapitel mehr als informatives Zwiegespräch mit dem interessierten Leser denn als oberlehrerhafte Unterweisung präsentiert, nicht etwa mit einer mathematisch-statistischen Einführung, sondern einigen dialektischen Überlegungen. Dem Zeitgeist entsprechend, aber sachlich auch völlig korrekt, wird die Dialektik in einer Kurzversion ihrer chinesischen daoistischen Variante, der Lehre von Yin und Yang, vorgestellt, mit dem wesentlichen Hinweis, dass manipulativen Diskursen in der Regel ein Weglassen einer der Sache wesentlichen Seite (die Halbwahrheit als schlimmste Form der Lüge) oder eine unzulässige Polarisierung (Schwarz-Weiß-Malerei) oder beide in Tateinheit zugrundeliegen. 

"Ein Bild lügt schneller als tausend Zahlen" (Kapitelüberschrift) 

Natürlich kommt auch die Mathematik in der Darstellung der beiden Autoren zu ihrem Recht, allerdings zum Nutzen aller Leser gebremst und übersetzt durch den Co-Autor Jens Jürgen Korff, der einen soliden geisteswissenschaftlichen Abstand zu leerem Zahlengeklapper und zugleich den für das Thema notwendigen Sinn für die Entlarvung manipulativer Diskurstechniken, aber auch die verständliche Vermittlung komplizierter Inhalte mitbringt. So muss es niemand schrecken, wenn von absoluten und relativen Größen, von Brüchen, Zählern und Nennern, von x- und y-Achsen auch die Rede ist. A propos die Achsen und Grafiken, denen sie entnommen sind: Nicht ohne sachliche Begründung weisen Bosbach/Korff im stärker mathematisch gehaltenen Teil der Argumentation schon im Kapitel 2 auf die bildlichen Betrugsmöglichkeiten hin, mithilfe derer nicht die Zahlen, sondern die Wahrnehmung ihres Gewichts durch den Leser, die gefühlten Zahlen, verändert und so manipuliert werden. Hoch anzurechnen ist dem Buch auch die Darstellung des Simpson-Paradox, nach dem man zum Beispiel den Klassendurchschnitt zweier Schulklassen in jeder beliebigen Größe (!) ggf. dadurch heben kann (bei beiden Klassen!), indem man einen Schüler von der einen in die andere versetzt.
 
Wer zahlt, wenn Neoliberale (mit) Zahlen malen?
 
Dieses Problem, das eben auch alle Mathematiker verblüfft, die damit zuerst konfrontiert werden (was Bosbach im Buch auch dankenswerterweise erwähnt), zeigt, wie trickreich und daher auch trügerisch der Umgang mit Zahlen sein kann. Wie schon festgestellt, begnügen die Autoren sich – und der aufmerksame Leser dankt es ihnen immer wieder – aber nicht damit, bloß die mathematisch-naturwissenschaftliche Kritik manipulativer Verwendung von Statistiken und ihrer Auswertungen auszuführen. Mit gutem sozialwissenschaftlichem Instinkt weisen sie auf die Beliebtheit scheinwissenschaftlicher Begründungen im neoliberalen ideologischen Kontext hin und diskutieren zwei dieser Beispiele gar in eigenen Kapiteln.
 
Kostenimplosion?
 
Im elften Kapitel behandelt ihre Untersuchung die fortgesetzte Lügengeschichte von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen, dessen angeblich anschwellender Ausgabenberg sich nämlich nach der angemessenen Analyse als leicht wellige Ebene mit seit Jahren beständigem Mittelwert entpuppt. Was aber in denselben Jahren – gerade dank erfolgreicher neoliberaler Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik seit 1982 – gesunken ist, sind die (nach deutscher Unsitte nur) auf die niedrigeren Arbeitseinkommen erhobenen Sozialbeiträge, da in Deutschland seit Jahren beständig geringere Anteile des Sozialprodukts an die Arbeitnehmer, beständig höhere aber an Kapitaleigner fließen. Ergänzt wird dieses Kapitel durch den sehr interessanten und wohl selten so begründet zu findenden Hinweis auf die zu Unrecht vorhergesagte "Pflegekatastrophe" und ähnlich angeblich schlimme Folgen der "Überalterung" der Gesellschaft, mit welchen Stichworten ja auch zunehmend Stimmung gegen ältere Mitbürger gemacht wird.
 
"Die bösen Armen" hören nicht das Atmen auf...
 
Im dreizehnten Kapitel nehmen Bosbach/Korff die bösartige und antisoziale Art aufs Korn, nach der gerade die Ärmsten, also wirtschaftlich Machtlosesten, zu den größten Schmarotzern und Schuldigen am Niedergang des derzeitigen deutschen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ernannt werden sollen. Sie weisen dabei darauf hin, dass viele der einschlägigen Argumente entsprechender Neoliberaler (mit Schröder auch an prominenter Stelle in der SPD, längst vor Sarrazin) bei haargenau dem gleichen Datenmaterial umgekehrt gelesen werden könnten, sogar mit weit größerer Plausibilität: Wenn viele Politiker in das – verfassungsrechtlich längst verstopfte – Horn stoßen, die Hartz-IV-Sätze müssten gesenkt werden, um unterhalb der Löhne der ausgebeutetsten deutschen Lohnabhängigen zu landen, und damit darauf hinweisen, dass auch aufgrund der Hartz-Gesetzgebung in Deutschland Tagelöhnerei wieder zur alltäglichen Regel geworden ist, dann erinnnern uns Bosbach/Korff, dass hier erstens, wie gerade gesagt, gezielt Ursache und Wirkung vertauscht wurden und zweitens das Ganze eher für eine gesetzliche Einführung eines verbindlichen Mindestlohns spräche.
 
Guter Zweck, gute Umsetzung: Gutes Buch
 
Und und und. Wir könnten an dieser Stelle unseren Gang durch dieses Buch noch bedeutend fortsetzen, denn es bietet reichlich Stoff, zu lesen, zu lernen, zu denken, denken zu lernen. Man kann es von vorne nach hinten, oder umgekehrt lesen. Man kann es nicht nur lesen oder gar schmökern, sondern auch sehr gut zum Nachschlagen benutzen. Es gehört nicht nur in jede gute Bibliothek eines Naturwissenschaftlers (der daraus etwas über sozialwissenschaftliche Verantwortung lernen könnte), sondern auch in die eines Gesellschafts- oder Geisteswissenschaftlers (damit er oder sie nicht dem mathematisch verblendeten Schein von Wissenschaftlichkeit aufsitzt), in den Bücherschatz eines Journalisten oder Lehrers, aber eigentlich eines jeden, denn Medienverantwortung ist – so Dr. Schiffer zurecht – unser aller Sache. (PK)
 
 
(1) Gerd Bosbach / Jens Jürgen Korff: Lügen mit Zahlen – Wie wir mit Statistiken manipuliert werden, W.Heyne-Verlag i.d. Verlagsgruppe Random House, München 2011, 18,99 Euro.
Das Buch auf der Website des Verlages: http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=351192
Die Website der Autoren zum Buch: http://www.luegen-mit-zahlen.de/
(2) Wer war es? Im Netz war für den Rezensenten außer der behaupteten Autorenschaft von Winston Churchill nur noch die Alternative Benjamin Disraeli einfach auffindbar, beides ohne Quelle, Datum, Ort etc. Wer war es also? Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns von J.J.Korff die Meldung, es könne Goebbels gewesen sein. Wir bleiben dran!
(3) Anscheinend nur noch auf Englisch erhältlich:
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/2008262/darrell_huff_d_huff_how_to_lie_with_statistics_how_to_lie_with_statistics_0393310728.html  bzw. etwas teurer von einem anderen Verlag:
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/3273776/darrell_huff_how_to_lie_with_statistics_0140136290.html
(4) Das Buch in der Libri-Datenbank (Libri ist ein Buchgroßhandel, der vor allem in Deutschland auch kleine Buchhandlungen beliefert und damit dem Buchhändler nebenan ermöglicht, bis zum nächsten Werktag auf Bestellung zu liefern):
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/11264111/walter_kraemer_so_luegt_man_mit_statistik_3492264131.html
(5) Die NrhZ berichtete: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16523
Vgl. auch die Website von Bosbach/Korff zum Thema:
http://www.luegen-mit-zahlen.de/blog/sarrazins-unserioeser-umgang-mit-zahlen
(6) Vgl. zur Problematik des ggf. unausgesprochenen Menschenbildes:
http://www.migazin.de/2010/11/16/integrationsdebatte-und-menschenbild/
Vgl. auch die Website des Instituts: http://www.medienverantwortung.de/
 
 
Der Rezensent, Jahrgang '67, seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 350  vom 08.06.2011

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