NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Medien
ARD-Jubiläumssendung 50 Jahre "Panorama“
Biß verloren, Biß ausgetrieben
Von Werner Rügemer

"Panorama“ ist das erste und älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Es gehört bis heute zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) und war Vorbild für die später in den anderen Landesrundfunkanstalten gegründeten TV-Magazine wie Monitor, kontraste, frontal21 und report. Das Format wurde wie vieles in den kritischen deutschen Nachkriegsmedien vom britischen Sender BBC übernommen („BBC-Panorama“). Im Juni 1961 ging Panorama im 1. Deutschen Fernsehen (ARD) auf Sendung. Die jetzige Redaktion gedachte in einer Sondersendung am 26. Mai 2011 dieses Jubiläums. Die Sondersendung zeigte, wie das Magazin inzwischen nur gelegentlich noch wirklich bissig ist.


Gerd von Paczensky (rechts) und Chefredakteur Rüdiger Proske bei einer Redaktionsbesprechung 1961
Quelle: http://daserste.ndr.de/panorama/
 
Gerd von Paczensky hieß der erste Moderator. Sein Motto: „Nun wollen wir uns mal mit der Bundesregierung anlegen!“ Die Bundesregierung, das waren damals vor allem Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU). Da währte die Arbeit Paczenskys nicht lange. 1962 kam es zur „Spiegel-Affäre“: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" hatte den Artikel „Bedingt abwehrbereit“ veröffentlicht. Darin hieß es, die Bundeswehr unter Verteidigungsminister Strauß könne einen Angriff des Warschauer Pakts gar nicht abwehren, sie sei zu schlecht ausgestattet, man bräuchte die westlichen Atomraketen.
 
Das war für Adenauer ein „Abgrund an Landesverrat“. Strauß ließ in Absprache mit der Justiz und mit Amtshilfe von Diktator Francos Polizei einen urlaubenden Redakteur in Spanien verhaften, die Redaktionsräume des „Spiegel“ durchsuchen und wochenlang besetzen, Spiegel-Redakteure kamen in Untersuchungshaft. Darüber berichtete Panorama mehrmals. Deshalb verweigerte die CDU im NDR-Verwaltungsrat, den Vertrag mit Paczensky zu verlängern. Der wurde zwar danach sofort als stellvertretender Chefredakteur des „Stern“ berufen, aber aus Panorama war er entfernt. Später mußte Strauß zurücktreten, die Spiegel-Redakteure wurden freigesprochen. Doch dieser wesentliche und aussagekräftige Konflikt wurde in der Jubiläumssendung nur in einem Satz gestreift.
 
1977 kündigte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg den NDR-Staatsvertrag. Panorama hatte mehrmals über die Demonstrationen gegen das AKW Brokdorf berichtet: Stoltenberg ließ die Polizei kräftig losprügeln. Die kritische Berichterstattung dazu war für Stoltenberg „zuviel Linkssozialismus“ und „monotoner Marxismus“ - auch das wurde in der Jubiläumssendung nur mit einem Satz erwähnt. Ähnlich ging es mit den Todesurteilen, die der damalige baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Hans-Karl Filbinger in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs als Marinerichter gegen Deserteure gefällt hatte: Die Enthüllung in Panorama führte zu Filbingers Rücktritt. Da hätte sich eine ausführlichere Darstellung doch gelohnt. Auch die Moderatoren, die nach Paczensky das Magazin repräsentierten und eindrucksvolle Persönlichkeiten waren, wie Eugen Kogon, Peter Merseburger und Peter Gatter, wurden nicht einmal namentlich erwähnt.
 
Im Schweinsgalopp führte die jetzige Moderatorin Anja Reschke zu späteren Sendungen. Adenauer-Nachfolger und CDU-Kanzler Helmut Kohl wurde gefragt, ob er Gelder vom Medienhändler Leo Kirch angenommen habe. Kohls Antwort: „Mit Ihnen rede ich nicht“ - damit hatte es sein Bewenden. Der nebenherlaufende Panorama-Reporter wurde stilbildend: Der fragte den NRW-Ministerpräsidenten Rüttgers im Vorbeilaufen: „Staatsgelder an die Landesbank?“ - keine Antwort. Ministerrücktritte oder ähnliche Reaktionen wurden nicht mehr ausgelöst. Die Jubiläumssendung kam ausführlicher auf Sendungen zurück, die dem gegenwärtigen gebändigten Stil entsprechen. Sie brachten durchaus auch Brisantes ans Tageslicht: Organklau bei Babys, BND-Hilfe beim US-Krieg gegen den Irak, Kriegsopferrenten für lettische SS-Veteranen.
 
Nett eingeblendet wurden, unnötiger Weise, wie ich meine, altersmilde und freundliche Statements des Strauß-Nachfolgers und Ex-Ministerpräsidenten Bayerns, Edmund Stoiber (CSU). Er bescheinigte Panorama, dass es Strauß damals richtig ärgern konnte, dass das aber eigentlich und letztlich doch nicht so schlimm sei, Medien dürften sowas doch machen.
 
Das Highlight der Jubiläumssendung war ein Bericht über die Deutsche Bank. Eingeblendet wurde ein Statement von Chef Josef Ackermann während der Aktionärsversammlung vom selben Tag: Die Bank müsse sich ethischen Verpflichtungen unterwerfen, sie dürfe nicht jedes mögliche Geschäft machen - wenn sie ihren guten Ruf bewahren wolle. Dann wurde gezeigt, wie die Deutsche Bank als Treuhänder für eine Million Häuser und Wohnungen in den USA nach der Finanzkrise vieles verfallen und vergammeln läßt. Die Bank setzt auf Abriß und Grundstücksverkauf. In Los Angeles und Milwaukee und vielen anderen Städten wird ermittelt, Städte klagen auf Schadenersatz, der „Slumlord“ Deutsche Bank hat dort das Ansehen eines kriminellen Haufens.
 
Wir sollten uns heute vergegenwärtigen, wie das Magazin Panorama bis in die 80er Jahre beschimpft und angepöbelt wurde. Da waren Straußens „linke Chaoten“ und Stoltenbergs „monotoner Marxismus“ noch höfliche Floskeln, verglichen mit Zuschriften aus dem meist anonym bleibenden Stammtischmilieu wie „Pfui Teufel, ihr charakterlosen Lumpen!“, „linksfaschistische Panoramaschweine“ und „Diese Fratze gehört nicht ins Fernsehen!“ Auch der Rauswurf des Gerd von Paczensky, bereits ein Jahr nach Beginn, war ein überdeutliches Signal. Die Dominanz von Landesregierungen, Kirchen und Unternehmensverbänden in den Verwaltungsräten der Rundfunkanstalten spielt bis heute ebenfalls eine Rolle wie die Parteibuchwirtschaft bei der Besetzung von Leitungs- und Redaktionsstellen. Wie sollen sich da auf Dauer kritische Magazine halten, die dem ersten Konzept von Panorama verpflichtet sind? Pressefreiheit in Deutschland? (PK)
 
Werner Rügemers Buch "»Heuschrecken« im öffentlichen Raum. Public Private Partnership - Anatomie eines globalen Finanzinstruments" erschien gerade in zweiter erweiterter und aktualisierter Auflage - mit drei neuen Kapiteln zu den Themen Bankenrettung und PPP, Gescheiterte Projekte, Die gefährlichste Straße Deutschlands - im transcript-Verlag, Bielefeld, 2011.


Online-Flyer Nr. 304  vom 01.06.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE