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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
De Lapuentes literarische Nachrichten aus der Propaganda-Republik
Parallelwelten
Von Markus Omar Braun

"An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen!", mit diesem Zitat fasst eine Rezension (1) ihr Lob an Roberto De Lapuentes (2) Sammelband "Unzugehörig" (Renneritz, 2009 (3)) zusammen. Warum nicht an ihrem Denken? Unbestritten: De Lapuentes Sprache besticht durch Ausdruckskraft, Vielfalt, Eleganz, und, und, und. Zugegeben: Denken klingt papiern, erinnert an das Papier der meisten Zeitungen, nicht nur der "Bild", welches in der Mehrheit seines Inhalts zurecht ungelesen als Dokument fortgesetzter Vergehen am nicht nur deutschen oder finnischen Wald dem Recycling als Öko-Toilettenpapier zugeführt wird.
 

Roberto De Lapuente
Kein Realist,
 
Besser vielleicht, zu sagen: An ihrem Wirklichkeitssinn sollt ihr sie erkennen. Denn Sinn für Wirklichkeit ist Sinn für die lebendige Welt, in der wir leben, die wirkende, agierende, interagierende. Nicht bloß für die dingliche, die Welt der Dinge, der rerum, der Sachen. "res", das ist auf lateinisch "die Sache", "das Ding", und damit ist Realismus als Sachlichkeit, Dinglichkeit enthüllt, als Sinn für das nicht immer goldene Kalb. Wirklichkeit geht über die Realität hinaus, umfasst nicht nur die Welt der Dinge, umfasst die Welt ihres Wieseins, Miteinanderseins, Nebeneinanderseins, Aufeinanderbezogenseins, umfasst die Welt der Freundschaften und der Feindschaften, der Zugehörigkeiten und Unzugehörigkeiten, die Welt des Seins und des Werdens, des Vergehens und des Wiedererstehens.
 
sondern Lehrbuchschreiber
 
Robert Fisk hat bei der Recherche zu seinem Buch "The Great War for Civilisation" entdeckt, dass er in Geschichtsbüchern mehr über die Wirklichkeit des Iraq der Jahre nach der Invasion 2003 erfahren konnte, als in den Depeschen der "Koalition der Willigen", ihren Pressekonferenzen, oder den meisten Presseorganen der entsprechenden Länder. Möchte einer von den Sweatshops in Bangladesh lesen oder hören, so soll er im Kapital von Karl Marx, im ersten Band, nachschauen, und findet die heutige bengalische Wirklichkeit dort bis aufs Komma nachgezeichnet: Nur die Namen und Jahreszahlen wären zu ändern. Wer dagegen erwartet, nicht nur aus der "Bild", sondern aus "Spiegel", FR, FAZ oder anderer Qualitätspresse sich ein nur annähernd lebensnahes Bild nur eines Teils der gesellschaftlichen Wirklichkeit des globalen Dorfes und der globalen Weltunordnung machen zu können, kann sich seine täglich neue Enttäuschung am Kiosk oder im Internet gleich dutzendfach abholen.
 
Zensur im Mainstream
 
Wenn man Robert Fisks Berichte vom Nahen Osten kennt, fragt man sich: Warum kennen wir Deutschen Fisk nicht und warum lesen wir nicht täglich seine Berichte übersetzt in unserer Presse? Quergefragt: Wie viele deutsche Zeitungsleser vor '33 kannten Egon Erwin Kisch? Wissen, Wahrheit, Wirklichkeit sind unbequem, auch für uns, auch für die sich für kritisch Haltenden, auch für die Armen, auch für die Bedrückten. Noch weit unbequemer sind Wissen, Wahrheit, Wirklichkeit aber für die Mächtigen, die Bedrückenden, die Enteignenden, die Frechen, den Mainstream, der Mainstream sein will, indem er jeder Wahrheit schreiend widerspricht. Der Mainstream – am schlimmsten dann, wenn er sich zugleich volksnah und tabubrechend geriert wie im neudeutsch-rassistischen Entdecken des "Abendlandes". Der Mainstream kennt und schätzt das Millionen-Fliegen-Argument, weil er kein anderes hat. "Fresst Scheisse!" ist sein Kampfruf – zugleich aber "Nennt sie bloß nicht beim Namen!"
 
Hinsehen ist ungehörig – wer hinsieht, wird unzugehörig
 
De Lapuente nennt sie aber beim Namen. Natürlich ist er "unzugehörig", denn auf für die a-moralische Mehrheit recht ungehörige Weise legt er den Finger in die Wunden unserer deutschen Gegenwart mit ihrer falschen Sachlichkeit, der erschwindelten Korrektheit, der Verdrehung der Begriffe, der Umwertung der Werte, der täglichen Werbekampagne für Haltbarkeit des Unhaltbaren. De Lapuente hat erkannt, dass die Sachlichkeit der Journalisten und der Wissenschaftler, der Beamten und Politiker, der Manager und Wirtschaftsglaskugelexperten sich als offensives Desinteresse für die Wirklichkeit der Menschen außerhalb des Leistungsträger-Ghettos entpuppt. Er hat entdeckt und enthüllt uns nun, dass und wie diese Sachlichkeit tötet. Aus und auf dieser Sachlichkeit sind nicht nur die Dachaus und Guantanamos, die Teppichbomber und Gänseblümchenschneider, sondern auch die Mehrwertsteuererhöhung und die "Aufhebung der aufschiebenden Wirkung", die Rechtsfolgenbelehrung und die Rationalisierungen, die "Arbeitsmarktreformen" und die "Asylrechtsreformen" gebaut, errichtet, übereinander getürmt.
 
Wenn Sachlichkeit zur Lüge wird
 
De Lapuente nennt die Scheiße Scheiße und er meint dabei nicht die menschlich allzu menschlichen Verdauungsprodukte, er meint nicht den unwiderstehlichen Duft des Katzenklos, er meint nicht den dampfenden Misthaufen – denn diese Abbauprodukte menschlichen und tierischen Lebens, Essens und Verdauens sind in Massen zwar ein Entsorgungsproblem, doch wenn man dieses löst, noch zu vielem zu gebrauchen. Er meint den "autoritären Charakter", den nicht nur Freud, sondern auch der Volksmund mit dem "Analen" korreliert, wenn der egoistische Widerling in gut deutscher Sprache mit einer unteren Körperöffnung verglichen wird – und man seinem schleimigen Anbeter das Hineinkriechen in dieselbe attestiert. In diesem Sinne bezeichnet De Lapuente die Abbauprodukte der schlechten un-geistigen Verdauung der Mächtigen und ihrer Diener als Scheiße, die er nicht im verlogen vornehmen Ausdruck "entkotifiziert" zu sehen wünscht.
Kafka ohne Depression
 
"Unzugehörig", die Sammlung der Essays des Dichters De Lapuente nimmt auf, was Kafka uns an Horror aus dem österreichisch-ungarischen Amtsleben in seine Werke destilliert hat. Doch wer Kafka nicht gerne liest, weil der nicht nur sich selber, sondern auch den Leser nicht aus dem Schrecken der Verwaltungsleviathane entlassen mag, ist bei De Lapuente besser bedient. Er findet dort gerade im mit dem Gesamtwerk gleichnamigen Essay die Perspektive, welche die beiden Dichter unterscheidet: der eine, ältere kennt kein wirkliches Jenseits zum gesamtgesellschaftlichen Knast, der den Menschen zum Freigänger degradiert, Kafka setzt nicht gegen die virtuelle Realität der Mächtigen die Wirklichkeit der wirklich Normalen. Kafka beschreibt die Welt, die der moderne Leviathan des Maschinenzeitalters erschafft, als KZ und Irrenhaus – De Lapuente dagegen schöpft die Kraft seiner Darstellung, seiner Sprache, seiner Bilder, seines Aufrufs daraus, dass er die Welt jenseits der geistigen Mauern, des geistigen Stacheldrahts kennt und täglich lebt.
 
Enthüller böser Kontinuität
 
Die Kontinuität der Lebensfeindlichkeit, der Menschenfeindlichkeit einer Gesellschaftsmaschine, deren Produkt – materielle Verfügung - ständig wachsen muss, die Lebensfeindlichkeit, die Menschenfeindlichkeit der Konstrukteure, Ingenieure, Techniker dieses Kolosses, der manchmal still, unblutig, manchmal ganz laut und brutal Menschen verschlingt und tötet, die Kontinuität dieses alltäglichen Bösen, ganz ungestört von Kriegsende und Entnazifizierung, belegt De Lapuente in seinem Buch, das Wirkende der deutschen Wirklichkeit als echter Dichter in seine Skizzen verdichtend. Der Künstler, der nicht linkshirnig, digital wahrnimmt, sondern sein ganzes Hirn benutzend Muster und Regeln der Wirklichkeit in Bildern sieht und diese dann in Sprache fasst, der Künstler schafft, wenn er es denn wie De Lapuente kann – Kunst kommt von "Können" – der Künstler schafft es dann, was nur dem großen Wissenschaftler gelingt: Er sieht mit Gegenwart und Vergangenheit zugleich die Zukunft.
 
Auch eine Art, Sarrazin zu widerlegen: 2009 erschienen
 
Wer keine Vergangenheit hat, hat keine Zukunft: Menschen, deren Langzeitgedächtnis auf Nervenebene gestört ist, leben nur von einem Tage zum anderen. Da sie nicht wissen, was sie gestern, vorgestern oder letztes Jahr getan haben, können sie sich auch nicht vorstellen, was sie morgen tun könnten, geschweige denn dieses planen. Wer umgekehrt aus seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart zu lernen imstande ist, kann nicht nur sich, sondern auch den anderen die Zukunft sagen – ohne Glaskugel, Spökenkiekerei, Kaffeesatzlesen oder Ifo-Institut. De Lapuentes Buch ist 2009 erschienen, nimmt aber in manchmal bedrückender, aber meist auch aufheiternder Weise die sogenannte "Sarrazin-Debatte", also die neo-braune Soze (nach Oliver Welke) vorweg. Kein Aspekt dieser alt-neuen Sauce wird in "Unzugehörig" ausgelassen, selbst der die Menschheit statistisch beurteilende und so auf ihre Nützlichkeit für Staat und Wirtschaft, für Macht und Geld, abschätzende, abschätzige Rassist wird bis auf die braun verfleckte geistige Unterwäsche entkleidet. Wer dieses Büchlein erwirbt, ist also gut beraten, wer es verschenkt, schenkt nützliches, wer es liest und versteht, beschenkt sich selber. (PK)
 
 
(1) http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1747/an-ihrer-sprache-sollt-ihr-sie-erkennen
(2) Sein Blog: http://ad-sinistram.blogspot.com/
(3) Wer das Buch beim Buchhändler nebenan (und nicht bei den Monopolisten in Fußgängerzone und Internet) bestellen möchte, muss das wahrscheinlich über eine Verlagsbestellung erledigen:
http://www.renneritz-verlag.de/artikeldetails/kategorie/belletristik/artikel/unzugehoerig.html
http://www.renneritz-verlag.de/unzugehoerig.html
 
 
Der Rezensent, Jahrgang '67, seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 304  vom 01.06.2011

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