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Aktueller Online-Flyer vom 26. Juli 2016  

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Globales
Interview mit Mumia Abu-Jamal - 29 Jahre von einem Tag zum nächsten
Leben im Todestrakt
Von Annette und Michael Schiffmann

Mumia Abu Jamal sitzt heute seit 29 Jahren im Todestrakt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Pennsylvania. „Unschuldig“ – wie nicht nur er selber oder seine Freunde immer wieder beteuern, sondern wie es zahlreiche Personen und Institutionen als offenkundig erklären, nachdem sie sich mit dem "Fall Mumia Abu Jamal“ beschäftigt haben. Hier ein Interview mit dem politisch engagierten afroamerikanischen Journalisten, das Annette und Michael Schiffmann am 31. Januar gemacht haben - aus dem neuen Buch "Mumia Abu Jamal“, soeben erschienen in der BIBLIOTHEK DES WIDERSTANDS – Die Redaktion
 

Mumia Abu Jamal 1996 in dem
Dokumentarfilm "Hinter diesen Mauern"
Quelle: www.kaos-archiv.de
Mumia – was denkst du, warum du im Todestrakt gelandet bist?
 
Ich habe mich immer unverblümt über die vielen Fälle von Polizei-brutalität gegen schwarze Bewohner Philadelphias geäußert, und das auch während und nach den berüchtigten Angriffen auf MOVE im August 1978. Anders als viele Journalistenkollegen, die sich zurückhielten, ging ich ins Gefängnis, um die Africas (die Mitglieder von MOVE) zu interviewen, und das war etwas, was politisch und journalistisch nicht genehm war. Ich machte mir Feinde.
 
Wie siehst du deinen Fall im Vergleich zu denen der vielen anderen Gefangenen im Todestrakt – was ist ähnlich, was verschieden?
 
Es gibt im Grunde Hunderte von Gründen, aus denen Leute im Todestrakt sind. Einige sind hier wegen Drogen, einige wegen schiefgegangener Raubüberfälle; einige sind hier wegen gescheiterter Liebesbeziehungen, und einige deshalb, weil sie nicht imstande sind, mit der Realität klar zu kommen. Aber falls es Gemeinsamkeiten gibt, dann die, dass die allermeisten der Männer (und natürlich auch Frauen) im Todestrakt praktisch kein Geld besitzen. Sie konnten sich zu dem Zeitpunkt, als es am nötigsten gewesen wäre, beim Prozess, keine fähige Verteidigung leisten. Es kommt vor, dass sie viele Jahre später, während der Berufungen auf Staats- oder Bundesebene, endlich anständige Verteidiger bekommen – aber dann ist der Schaden längst angerichtet. Das System funktioniert wie eine Art Trichter und soll dazu dienen, Todesurteile zustande zu bringen – und zwar auf nationaler Ebene.
 
Im Gefängnis Huntingdon konntest du viel mit anderen Gefangenen kommunizieren und vielen von ihnen hast du in deinem ersten Buch - aus der Todeszelle - ein Gesicht gegeben. Mit wem hast du hier Kontakt - und wie kommt ihr zusammen? Wir kennen deine Beschreibung der Hofkäfige aus dem Besuchsbericht von Anton und Michael.
 
Ich habe hier wahrscheinlich ebenso viele oder sogar mehr Kontakte mit den anderen im Trakt, vor allem, weil im Unterschied zu Huntingdon die Gefangenen hier fast ausschließlich Todeskandidaten sind.
Einige der Männer gehen zum Freigang in die Käfige, und das gibt ihnen die Gelegenheit zu quatschen, abzuhängen und gelegentlich auch mal Dampf abzulassen. Wie in Huntingdon sind das auch hier Zwei-Mann-Käfige. Weil ich gelegentlich als “Getränkemann” für den Block arbeite, kann ich die Männer öfter mal treffen und kurz mit ihnen reden.
 
Wer sind diese Männer? Kannst du uns ein paar von ihnen kurz vorstellen? Warum sind sie hier?
 
Ach, über die anderen Männer könnte ich natürlich stunden- oder sogar tagelang reden oder schreiben - aber der entschei- dende Punkt ist, ob das dem jeweiligen Mann hilft oder schadet. Als ich 1995 "Live From Death Row" geschrieben habe, kannten nur wenige Leute außerhalb Philadelphias meinen Namen. Deshalb war es damals einfacher, über hier zu schreiben, ihre Gedanken und manchmal auch ihre Kämpfe zu zeigen, ohne ihnen oder ihrem Fall Schaden zuzufügen. Natürlich habe ich später trotzdem weiter über Männer im Trakt geschrieben, aber weil dieser Staat das politische Wesen hat, das er hat, haben etliche dieser Männer - die "von Rechts wegen“ vor Gericht hätten gewinnen müssen - am Ende verloren und nicht einmal die grundlegendsten Zugeständnisse erreicht. Deshalb halte ich mich inzwischen sehr zurück, um ihre sehr realen Probleme nicht noch zu vergrößern.
 
Worüber reden die Gefangenen im Todestrakt denn untereinander? Was ist ihnen wichtig, worüber tauschen sie sich aus?
 
Ihr werdet es vielleicht erstaunlich finden, dass Männer im Todestrakt über dasselbe reden wie Männer in “Freiheit”: Sport, die Schlagzeilen, Frauen und so weiter. Ich denke, wie die Männer überall reden sie kaum je über Dinge, die persönlich sind oder die ihnen nahegehen, weil sie damit schwach erscheinen könnten. Und diese Haltung, die typisch ist für die amerikanische Gesellschaft, wirkt fort bis hierhin, an einen in jeder Hinsicht weit abgelegenen Ort.
Ebenso überraschend findet ihr vielleicht das, was ich "Galgenhumor“ nenne - im ganz buchstäblichen Sinn. Jungs sind halt Jungs, sie machen dauernd Witze. Natürlich sind einige darin besser als andere. Es gab da einen Typen namens Yatti - kurz für Kenyatta, der war wirklich einer der witzigsten Menschen, die ich je erlebt habe, und das völlig locker und lässig. Er war so schlagfertig und so lustig, dass die Jungs um ihn herum buchstäblich weinten vor Lachen, bis ihnen der Bauch weh tat.


Foto: Annette Schiffmann
 
Ich weiß es, weil es mir selbst so ging. Er war lustiger als irgendwas, was ich je im Fernsehen gesehen habe. Wirklich. Er war ziemlich klein, dunkelhäutig und so schmal, dass er immer aussah, als könnte ein Lüftchen ihn weg- blasen. Aber wenn er Witze machte, dann konnte er Männer mit seiner bissigen Zunge wegfegen. Um 1997 herum ist er an den Folgen seiner Sichelzellenanämie gestorben - im Todestrakt.
 
Du kennst und kanntest etliche Männer im Todestrakt, die gestorben oder durchgedreht sind - erzählst du uns ein bisschen über sie?
 
Weil sie nicht mehr da sind und es ihnen nicht mehr schaden kann, kann ich jetzt leichter über sie reden. Bei einigen von ihnen war ich wirklich schockiert und überrascht, weil ich sie gut kannte und als Freunde betrachtete.
Bill Tilley war ein weißer Typ aus Kensington, einem Arbeiterviertel, sogar eher einem armen, wo so manche Männer sich in die Drogenwelt verstricken. Tilley war ein Hardcore-Drogenbursche - alles, was high macht. Aber der Todestrakt räumte ganz schön auf mit dieser Gewohnheit. Nüchtern und mit wachen Augen entpuppte er sich als ziemlich begabter Knastanwalt - analytisch, kreativ, sprachlich gewandt und gründlich. In einem wirklich fairen System hätte er vor Gericht gewonnen, aber das sollte nicht sein. Man sagt, dass er Krebs bekommen hat - und statt das langsame Dahinsiechen zu erdulden, das damit einhergegangen wäre, hat er den schnellsten Ausgang gewählt. Er hat sich in den frühen Morgenstunden aufgehängt und war tot und kalt, als um viertel nach sechs das Frühstück kam.
 
Jose June Pagan war ein puerto-ricanischer Bruder aus Fishtown in Nord-Philadelphia und draußen auch ein kleiner Straßendealer. Trotzdem hätte er ein neues Verfahren bekommen müssen, weil eine zentrale Figur in seinem Fall - der Polizist, der ihn verhaftet hat - selbst mit Drogen gedealt hat, was den Bundesbehörden zum Zeitpunkt seines Prozesses auch bekannt war. Tatsache ist, dass dieser Polizist kurz nach Junes Verurteilung selbst verhaftet und für seine Beteiligung am Drogenhandel ins Gefängnis gesteckt wurde. Am Tag bevor er Selbstmord beging, hatte June seine Berufungsrechte für ein Urteil auf Lebenslänglich aufgegeben und war deshalb rein rechtlich gesehen gar nicht mehr im Todestrakt. Ich glaube, die Aussicht auf ein Leben im Käfig war zu beängstigend für ihn - vor allem, weil er wusste - - wusste - dass er ein neues Verfahren hätte bekommen müssen.
 
Du hast als Knastanwalt über deinen eigenen Fall hinaus viele Berufungen für andere geschrieben – erzähl uns etwas darüber.
 
Es gibt wenig, was frustrierender ist als an dem Fall von jemand zu arbeiten, bei dem du sämtliche von den Gerichten veröffentlichte Präzedenzfälle mit einbeziehst und dann, obwohl das Recht auf deiner Seite ist, trotzdem nicht gewinnst. Das ist nicht nur schlimm für den Mann, um den es geht, es ist auch verstörend für den Knastanwalt, denn er oder sie kennt den Fall, die Fakten, die Präzedenzfälle und alles andere, worum es geht. Das heißt, der Knastanwalt weiß dann auch, wann die Gerichte einen Mann oder eine Frau einfach um ihr Recht betrügen. Und das passiert sowohl in zivilen als auch in Strafrechtsfällen.
In einem Fall, der mich besonders aufgeregt hat, ging es um einen jüngeren Mann, der in Philadelphia vor Gericht kam. Einer der zur Auswahl stehenden Geschworenen war der Verlobte der Frau, die getötet wurde. Als diese Tatsache zum Vorschein kam, nachdem schon sechs Geschworene in die Jury gewählt worden waren, fing der Richter nicht von vorne an, sondern machte einfach weiter mit der Auswahl weiterer Geschworener und ließ die anderen sechs in der Jury, obwohl sie in Kontakt mit dem Mann gewesen waren (der außerdem geschworen hatte, er werde dafür sorgen, dass der Angeklagte zum Tod verurteilt wird)! Er ging in Berufung und begründete das mit einem nur kurz zurückliegenden Präzedenzfall, der besagte: Wenn sich in der Gruppe möglicher Geschworener ein Angehöriger der verstorbenen Person befindet, muss die ganze Gruppe entlassen und alles ganz vor vorne begonnen werden, mit einer neuen Auswahl und einem neuen Verfahren.
Die Berufungsakten dieses Mannes lesen sich wie etwas aus Saturday Night Live, denn der Richter (der sogenannte Recht-Sprecher) schreibt, da der Berufungskläger gesagt habe, dass der Verlobte nur kurze Zeit vor dem Gerichtssaal, nicht aber oben im Geschworenenraum saß, fehle seiner Berufung die Grundlage. In Wirklichkeit ging der Mann sehr wohl die Treppe hoch in den Geschworenenraum und redete mit lauter Stimme auf alle ein, die es hören wollten.
Mir war klar, dass der Richter, der diesen Schrieb verfasste, die Anträge der Verteidigung nicht einmal gelesen hatte - und ganz bestimmt hatte er nicht die Verhandlungsprotokolle gelesen, in denen Geschworene mit der Aussage zitiert wurden, dass der Mann oben gewesen war.
 
Die meisten deiner Mithäftlinge haben einen vollkommen anderen Lebenshintergrund als du – wie kommt ihr da miteinander klar?
 
Ich fühle mich nicht verschieden von den Leuten hier, denn die schwarze Community ist unglaublich vielfältig. Obwohl ich nie in einer Gang war oder mit Drogen gedealt habe, bin ich doch mit Leuten aufgewachsen und kannte welche, wo das der Fall war. Tatsächlich waren meine älteren Brüder Mitglieder der Gangs im Viertel, also bin ich ganz buchstäblich damit aufgewachsen. Das einzige, was mich von ihnen unterschied, war mein politisches Leben. Das heißt also, dass die Lebenshintergründe gar nicht so verschieden sind, wie man vielleicht annehmen könnte. Ich erinnere mich noch, dass Straßengangster, Polizisten, Gefängniswärter und Drogenleute in ein und demselben Block oder derselben Gegend wohnten.
 
Woher nimmst du bloß die Kraft, unter diesen absolut wahnsinnigen Bedingungen zu überleben?
 
Du überlebst genauso wie Männer und Frauen überall in der Welt: von einem Tag zum nächsten. Ich fülle meine Tage mit Arbeit aus, mit Lesen, Studieren oder einfach mit Nachdenken. Die Arbeit, die getan werden muss, geht ja nie aus.
Ich lese wahrscheinlich mehr als der Durchschnitt, aber ich sage das nur zögernd, weil es gut sein kann, dass es gar nicht stimmt.
Gefangene jedenfalls lesen, studieren und denken viel mehr nach als viele Schüler und Studenten es tun, besonders Leute in der „freien“ Welt. Das liegt daran, dass sie oft sehr viel weniger Ablenkung haben. Als ich im Fernstudium die Abschlussprüfung in der Uni machte, bat ich meine Lehrerin/Püferin/Lektorin, meine Arbeit mit der von denjenigen zu vergleichen, die sie jeden Tag unterrichtete und von denen viele deutlich jünger waren als ich. Ihre Antwort war für mich wirklich überraschend. Sie sagte so was wie: „Meinst du das ernst, Mumia? Das kann man nicht vergleichen. Viele dieser Schüler und Schülerinnen machen nur genauso viel, dass sie bestehen und ihr Zeugnis bekommen. Deine Sachen sind unter den besten in der Klasse.“ Natürlich habe ich mich gefreut, aber ich war vor allem überrascht. Als Fernstudent zahlte ich viel weniger als die, die Schlafräume auf dem Campus, jede Woche Schule und immer die Gelegenheit hatten, die Lehrer zu fragen und zusammen mit den anderen Studenten zu lernen.
Ihre Einschätzung spiegelt sich auch in der von anderen Akademikern wider, die mit Gefangenen Hochschulseminare machen. Leute im Gefängnis strengen sich mehr an, lesen gründlicher, denken tiefgründiger nach als ihre Kollegen in der "freien“ Welt - und das macht es umso beschämender, dass die Clinton-Administration mit dem Lernen und Studieren im Gefängnis praktisch Schluss gemacht hat - was besonders widersinnig ist angesichts der dokumentierten Tatsache, dass das einzig bewährte Mittel gegen Rückfälligkeit Ausbildung und Lernen sind.
 
Das heißt, Clintons Politik, hat vielleicht ein paar Cent gespart, kostet die Gesellschaft aber am Ende viel mehr..
 
Ich sage all das auch, weil einige der bemerkenswertesten Bücher, die ich je gelesen habe, nicht aus meiner Schulzeit stammen und auch nicht von Freunden. Sie kamen oft von Mitgefangenen, die etwas mit mir teilen wollten, das sie für bemerkenswert hielten.
 
Danke schön, Mumia.
 
Auch Euch vielen Dank.
(PK)
 
Übersetzung: Annette Schiffmann
 
Das Buch "Mumia Abu Jamal - Todesstrafe - Politische Gefangene",
Band 14 in der BIBLIOTHEK DES WIDERSTANDS,
272 Seiten inklusive einer DVD mit drei Filmen:
"Hinter diesen Mauern" (1996) von Jule Buerjes und Heike Kleffner, KAOS Film- und Video-Team Köln, mit letzten Fotos und Aufnahmen von Mumia,
"In Prison My Whole Life" (2007) von Marc Evans und Livia Firth,
"Justice on Trial" - Exklusivschnitt von Kouross Esmaeli und Johanna Fernandez
 
Das Buch enthält neben diesem Interview mit Mumia vom Januar 2011 das erste Mal eine vollständige mögliche Tatversion, viele kurze Statements von UnterstützerInnen, die anschaulich die große Breite der Bewegung zeigen, und viel mehr.....
ISBN: 978-3-942281-84-3, Preis: 24,90 €, 272 Seiten
LAIKA-Verlag, www.laika-verlag.de, info@laika-verlag.de
 
 
Außerdem die nächsten Solidaritäts-Termine für Mumia Abu Jamal:
 
Johanna Fernandez, Baruch University New York,
spricht über Mumia Abu-Jamal, den gefängnisindustriellen Komplex und die Todesstrafe und zeigt ihren neuen Film "Justice on Trial - Justiz auf dem Prüfstand" über Mumia (25 Min. OmU)
Alle Veranstaltungen außer 4. Juni mit DolmetscherIn
 
FRANKFURT:
Mittwoch, 1. Juni, 19.oo Uhr
Exzesshalle Frankfurt-Bockenheim 
Leipziger Straße 91
U-Bahn Leipziger Straße oder Kirchplatz
www.exzess.de.nr
 
MÜNCHEN:
Donnerstag, 2. Juni, 20.oo Uhr
Eine-Welt-Haus München
Schwanthalerstr. 80
U-Bahn Theresienwiese
www.einewelthaus.de
 
HEIDELBERG:
Freitag, 3. Juni, 20.oo Uhr
Deutsch-Amerikanisches Institut
Sofienstraße 2
Haltestellen Bismarckplatz
www.dai-heidelberg.de
 
Samstag, 4. Juni, 14.oo Uhr
Anglistisches Seminar der Uni Heidelberg
Kettengasse 12
www.uni-heidelberg.de/institute/fak9/as
 
Organisation & Kontakt: Annette Schiffmann - anna.schiff@t-online.de - 0172-77 40 333


Online-Flyer Nr. 303  vom 25.05.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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