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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 9
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

Mai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Bodo und Max finden ihr Abendbrot zu trocken und ziehen aus nach Zusatzverpflegung. Am Tag zuvor haben sie die Gegend erkundet und einen kleinen üppigen Garten unterhalb des Kirchbergs ausgemacht, in dem pralle rote Tomaten an den Stauden hängen und braunviolette Auberginen aus dem dichten Blattgrün hervorglänzen. Die Früchte wachsen nahe an dem dichten Flechtzaun, der an der Ecke zum Fluß hin ein Loch hat, weil der letzte große Regenguß eine Karre voll Erdreich hinweggeschwemmt und dabei anderthalb Meter Zaun mitgerissen hat. Die Lücke lädt geradezu in den Garten ein. Man muß nur das Geröll beachten, das leicht den Hang hinunterkollern und Lärm machen kann. Sie wissen auch, daß im Haus oder im Garten ein Hund ist, ein struppiger, dreiviertel Meter großer Köter, der zwar am Tage Passanten nur freundlich-schwanzwedelnd anbellt, im Dunkeln aber vielleicht viel schärfer ist.
Sie nähern sich dem Garten auf dem Trampelpfad am Flußbett, wo sie zwar manchmal über Steine stolpern, aber keine Hunde aufwecken können. Auf den letzten fünfzig Metern sind sie besonders vorsichtig und verständigen sich nur noch flüsternd: „Komm hinter mir her! Dann merkst du, wo du Klamotten ausweichen mußt.“
„Nachdem du darübergestolpert bist“, unkt Schmude.
„Besonders beim letzten steilen Stück mußt du gut Tritt fassen. Sonst rutschst du aus und fällst auf die Schnauze. Das würde mir nichts ausmachen, aber es macht zu viel Krach.“
„Den meisten Krach machst du mit deinem dämlichen Gequatsche!“
Unter solchen Reden gelangen sie an den Zaun und finden das Loch. Bisher schlug der Hund nicht an. Zentimeterweise schieben sie sich durch die Öffnung, können es aber doch nicht vermeiden, gelegentlich auf ein Ästchen zu treten, das laut unter den Füßen knackt. In der Stille der Nacht klingt das wie ein Pistolenschuß, und sie erstarren jedes Mal für eine Minute. Schließlich sind sie durch den Zaun und finden die Tomatensträucher.
„Wat machen wir, wenn der Köter kommt?“ will Schmude wissen.
„Wir hauen ab! Was sonst?“
„Ick will zuerst durch det Loch!“
„Wenn du zuerst da bist, bitte sehr! Aber jetzt halt endlich das Maul und mach dich an die Tomaten. Ich nehme die Auberginen.“ Vorsichtig brechen sie die Früchte vom Strauch und verstauen sie in ihren Taschen. Die reifen Tomaten lösen sich fast von selbst, die Auberginen aber haften fest an den Stengeln, und die Pflanzen rascheln, wenn man sie abknickt.
„Scheiße!“ flucht Max. „Hast du kein Messer?“
„Hab’ ich vergessen.“
„So ein Penner! Hier, nimm meins!“
„Ja doch!“
Sie rascheln wie drei Igel bei der Futtersuche.
„Ich habe acht oder zehn.“
„Das reicht! Wir hauen ab!“
Bodo Schmude ist nervös und macht sich auf den Weg. Er will ihn abkürzen und steigt über das Beet hinweg, bleibt aber in einer Ranke hängen, stolpert und fällt in das Kraut. Auf das laute Strampeln hin schlägt im Haus der Hund an.
„Beeil dich, du Idi!“ treibt Max ihn an. Schmude strampelt sich frei und hastet zu Max, der bereits durch das Loch steigt. Schmude drängt hinterher, Steine kommen ins Rollen und kullern den Hang hinab. Das Bellen wird lauter, die Haustür wird geöffnet, der Hund fegt heraus, ihnen nach, und eine Frauenstimme fragt laut: „Ist da wer?“ Die beiden sind aber schon den Hang hinab und hasten stolpernd über den Pfad  am Flußbett. Der Hund bleibt zum Glück am Zaun stehen, um seinen Garten zu bewachen, und kläfft ihnen hinterher.
Nach hundert Metern fallen sie, außer Atem, in Schritt-tempo.
„Mann, das war knapp!“ keucht Schmude.
„Schwein gehabt“, pflichtet Max bei. Sie marschieren weiter im Flußbett bis an den Dorfrand, wo sie die Straße ungesehen überqueren, steigen hinauf zur Bahn und folgen dem Gleis, bis sie oberhalb des Lagers hinabsteigen können ohne aufzufallen.
Die Beute hat die Aufregung gelohnt. Die vor Saft strotzenden Tomaten werden den zähen ‚La Vache qui rit‘ genießbarer machen, und die Auberginen, mit Tomaten in Öl gebacken, ein wundervolles Gemüsegericht abgeben.

*

Ein paar Tage später, als die Gefangenen von der Arbeit zurückkommen und verdreckt und erschöpft die Dorfstraße entlangschlorren, sehen sie vor ihrem Haus einen stumpf-schnäuzigen Zweieinhalbtonner Renault.
Im ‚Vorgarten‘ ist ein graublonder Mann Mitte der Dreißig dabei, seine graugrüne Landserjacke auszuklopfen.
Bodo Schmude ist, wie immer, am neugierigsten und macht die Honneurs: „Salut! Wer bist du denn?“
„Ich heiße Karl-Heinz Witting, wir sind Nachschub, sechs Mann aus Alès.“
„Sehr erfreut! Ick heiße Bodo Schmude. Und wo sind die andern?“
„Sind drin. Tünnes hat uns gezeigt, wo noch was frei war.“ Sie gehen durch die Küche, um in die Gute Stube zu kommen. Tünnes hantiert mit dem Essen.
„Essen fertig?“
„Was gibt’s denn heute?“
„Was sind das für Neue?“
Tünnes ist sauer: „Dat sinn janz normale nette Kameraden! Die sagen zur Bejrüßung ‚Juten Tach‘ und nicht einfach ‚Essen fertich?‘“
„Is ja jut. ’n Ahmd!“ – „Grüß Gott!“ – „Grüß du ihn.“ Von nebenan hört man Hämmern. Skroszny will wissen: „Was ist denn da los?“
„Die bauen sich noch zusätzliche Kojen“, informiert Tünnes. Sie gehen in die Stube, interessiert, wie die Neuen aussehen.
Max erstarrt. Neben Tünnes’ Bett ist Heinz Frömmich dabei, sich einzurichten!
Auch Frömmich ist überrascht, hat sich aber schnell wieder in der Gewalt und tut so, als wären sie alte Bekannte: „Hallo! So sieht man sich wieder ...“
Max weiß nichts Negatives über Frömmich, aber er ist ihm unheimlich. In Bretzenheim, im Zelt, hatte er sich nicht eingemischt, aber irgendwie autoritär, wie ein Vorgesetzter gewirkt. Malich glaubte ihn schon einmal in anderer Uni-form gesehen zu haben. Aber was will das heißen? Daß er aus dem Zug getürmt war, zeigte nur, daß er Mut hatte. Und was mit Malich geschehen war, würde er vielleicht noch erzählen – oder auch nicht. Max’ Phantasie läßt ihn auch ein Verbrechen nicht ausschließen.
Inzwischen stellt Frömmich sich den anderen vor: „Heinz Frömmich, Obergefreiter der Großdeutschen Wehrmacht, zur Zeit prisonnier de guerre.“ Er gibt Tünnes einen Stoß Zettel: „Hier, Post für euch.“ Unter großem Beifallsgeschrei werden ihm die Briefe aus den Händen gerissen.
Max starrt ihn immer noch an, und Frömmich überkommt eine Spur von Verlegenheit. Er überspielt sie, indem er von seiner Flucht erzählt: „Ich hab’s also nicht ganz geschafft ...“ Zu den anderen: „Ich bin vom Transport abgehauen, aber bloß bis Metz gekommen. Zuerst bin ich die Bahn lang und auf einen Bautrupp gestoßen. Die haben Pause gemacht, und ich hab’ mir einen von ihren roten Kitteln ‚geliehen‘, ’ne Schaufel und das Signalhorn. Vor Montceau bin ich auf einen Plattenwagen geklettert und bis Dijon gefahren. Da habe ich denen, die da warteten, erzählt, daß mein Bautrupp gleich nachkäme. In Metz aber hat ihnen meine Erzählung nicht so gefallen, vielleicht war auch mein Französisch nicht gut genug, und sie haben mich gebeten, noch ein bißchen dazubleiben. C’est la vie! Und wie ist es hier?“
Emil: „Jedenfalls besser als im Lager.“
Skroszny mißfällt etwas an Frömmichs Erzählung: „Du bist also ’n Abenteurer ...“
Und Frömmich versteht die unausgesprochene Frage: Und was war wirklich los? „Ich wollte nach Hause! Du etwa nicht?“ Frömmich beschließt, wachsam zu sein.

*

Max und Schmude räumen das Geschossene aus einem Vortrieb. Es liegt nicht mehr viel Material da, und sie lassen sich Zeit, um nicht zu früh damit fertig zu werden.
Bodo Schmude wirft eine letzte Schaufel Erz auf den Hunt, schmeißt die Schaufel hin und spielt den Erschöpften: „Pause! Du bist dran.“ Er greift zu seiner blechernen Feldflasche, findet sie aber leer: „Mist! Muß doch bald Feierabend sein. Ham wir malocht!“ Er kramt aus dem Brotbeutel einen Brotrest und eine Zwiebel, betrachtet beides geringschätzig und beginnt, die Zwiebel zu pellen. „Woll’n wir heute abend wieder Kastanien klauen? Ick habe nischt mehr zu essen.“
„Warum nicht? So langsam kriegen wir Übung.“
„Hör mal, der lange Neue, was is ’n das für ’n Typ? Kennt ihr euch irgendwo her?“
Max spielt die Bedeutung der Bekanntschaft herunter: „Wir haben uns in Bretzenheim kennengelernt, und dann waren wir zusammen auf dem Transport. Er war im Krieg irgendwie in den Ardennen. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Und dann ist er abgehauen?“
„Ja.“ Max grinst beifällig. „Das war gar nicht so ohne! Er hat im Güterwagen ein Brett aus dem Boden gesägt, weiß der Teufel, woher er die Säge hatte, und ist während der Fahrt ausgestiegen. Als der Zug langsam fuhr. Wir hatten nachher Mühe, das Loch wieder dicht zu machen, wenigstens zum Ansehen. Bis einer durchfällt!“ Er grinst schadenfroh. „Wenn sie uns damit erwischt hätten, wären wir dran gewesen.“
„Und warum biste nicht mit?“
„Er ist getürmt, als ich geschlafen habe. Mein Obermaat, mit dem ich bis dahin zusammen war, ist mit. Ich weiß nicht, warum der mich nicht geweckt hat. Dann kamen schon wieder die Ami-Posten. Na ja! Dreie verstecken sich schwerer als einer. Ich hab’ auch schon gedacht: Ob der Frömmich nicht den Malich durch das Loch geschubst hat, weil der was von ihm wußte?“
Bodo Schmude ist von dem Krimi begeistert: „Mann! Das wär’ ’ne Schote!“
 Max will nicht weiter darüber spekulieren. Er stemmt sich gegen den vollen Hunt und schiebt ab: „Auf ein Letztes!“
Die Räder dröhnen und schrillen, die Karbidfunzel zerschlenkert schrittweise den Schatten. Der Hunt, einmal in Fahrt, läßt sich leicht schieben. Der Stollen verläuft fast horizontal, streckenweise mit leichtem Gefälle gegen den Ausgang. In den Kurven muß sich Max mit seinem Gewicht gegen die Kurve stemmen und die Vorderachse herumdrücken. Man bekommt schnell Übung darin.
Max schiebt im Bummeltempo, aber seine Gedanken galoppieren. Warum hat Malich ihn nicht mitgenommen? Hat Frömmich etwas damit zu tun? Dieser Frömmich strahlt Autorität aus. Er ist erfahren und wachsam. Er wirkt nicht böse, aber irgendwie doch bedrohlich. Max weiß keine Antwort darauf und schüttelt den Kopf.
Dann beginnt er seine Schritte zu zählen, um das Englische zu üben: „One, two, three, four, ... So ’n Quatsch! Französisch muß ich lernen: Un, deux, trois, ... Na und weiter?“
 Max lernt, was und wo er nur kann. Krieg und Gefangenschaft haben ihn schon viel zu viel von der kostbaren Lehrzeit gekostet, und er will doch bald auslernen, einen Beruf ausüben, etwas bewegen. „Ich muß mir ein französisches Wörterbuch besorgen!“ redet er mit sich selber. „Im Dorfmagazin muß es doch so was geben.“ Max ist sparsam. Er hat schon einhundertachtzig Francs zusammen. Für jeden Arbeitstag fünf Francs bar und weitere fünf Francs auf irgendein Konto, alles in ‚Lagergeld‘, Gutscheine, für die man im Dorf (oder in größeren Lagern) einkaufen kann. Einhundertachtzig Francs, das sind sechsunddreißig Gauloises bleues oder neun Liter Wein. Dafür muß man doch schon ein kleines Wörterbuch kriegen. Drei Wochen später bekommt er denn auch ein kleines blau-weiß-rot gestreiftes Taschenwörterbuch, das so aussieht wie ein Schilderhäuschen und etwas wie sein Markenzeichen wird, weil er es ständig mit sich herumträgt und nach Worten suchend darin herum-blättert.
Neben dem Französischen sind Mathe und Latein sein Hauptinteresse, aber einstweilen findet sich niemand, der ihm darin weiterhelfen kann.

*

Mit fünfzehn war Max Luftwaffenhelfer geworden und hatte nur noch an drei Vormittagen der Woche regulären Schulunterricht, und der fiel auch noch aus, wenn länger als bis ein Uhr nachts Fliegeralarm gewesen war und sie an ihren Kanonen und Scheinwerfern gestanden hatten.
Aus der elften Klasse mußte er zum Arbeitsdienst und gleich anschließend zur Marine. (Er hatte sich freiwillig zur Marine gemeldet, weil er nicht zur Waffen-SS oder zu den Panzertruppen eingezogen werden wollte.) Ihm wurde eine Art Kriegsabitur zugesprochen, aber er vermutete nicht zu Unrecht, daß er nach dem Krieg einen Teil der Schule nachholen und auch eine ordentliche Abiturprüfung ablegen müsse. Darauf bereitete er sich vor und nutzte alle Möglichkeiten, sein Wissen zu erweitern.
Latein hatten sie beim Klassen- und Deutschlehrer Malzow. Der war ein Vieh und gefürchtet. Um Ordnung zu schaffen, pflegte er mit seinem schweren Schlüsselbund nach Unruhestiftern zu werfen. Einmal bekam es Rybitzki an den Kopf und in der Folge eine dicke Beule. Rybitzkis alleinerziehende Mutter kam angestürzt, um Malzow zu erwürgen, und sorgte in der Schule für Aufregung, ohne daß sich an Malzows pädagogischer Praxis etwas änderte.
Während des Krieges mußte zeitweilig aus Raummangel in zwei Schichten unterrichtet werden, und sie wurden einmal in einen ungewohnten, entfernt gelegenen Raum geschickt. Sie juxten sich eins, daß Malzow sie dort schwerlich finden werde. Eine Viertelstunde später kam er aber, vor Wut brüllend, ins Klassenzimmer gestürzt, schmiß seine dicke Aktentasche schon von weitem auf sein Katheder und schrie: „Aufstehen!“, obwohl sie schon aufgesprungen waren.
Dann schrie er den ersten in der Reihe an: „Uns wird durch das Gesetz befohlen, recht zu handeln; Unrecht zu tun wird uns verboten! Auf lateinisch! Kaiser!“
Kaiser war nicht gut präpariert, und wenn, hätte ihn Malzows Wildheit gehindert, einen klaren Gedanken zu fassen. Malzow brüllte: „Lege recte ..., na?“, und da die weitere Übersetzung nicht prompt kam, hieb er Kaiser eine mächtige Schelle: „Setzen!“
Hinter Kaiser saß Knebel, das heißt, er stand jetzt. Malzow brüllte: „Uns wird durch das Gesetz befohlen, ...?“ Knebel war nicht schlagfertiger als sein Vordermann: „Lege recte ...“, stotterte er, und Malzow schrie: „Lege recte facere iubemur – recht zu tun!“, und klatsch!, auch Knebel hatte seine Maulschelle weg. „Setzen!“
Der dritte in der Reihe war Fitte – Fritze Parnemann, der zwar ein wenig langsam, aber immer gut in Latein war. Malzows Stimmkraft war ungeschwächt: „Unrecht zu tun wird uns verboten!“ Fittes Antwort kam ohne Zögern, nur eben, seinem Naturell entsprechend, ein wenig langsam: „Iniuriam facere vetamur ...“ Malzow konnte seinen Furor nicht so schnell bremsen, und er hieb Fitte Parnemann auch eine rein, um dann „Setzen! Alle!“ zu schreien und die Übung zu beenden, indem er zu seinem Tisch stapfte und Platz nahm.
Dann wurde Malzow eingezogen, und den Unterricht übernahm ein Herr Redecker, ein reaktivierter, halbblinder und -tauber Pensionär, der die Güte selbst war. Er half seinen Schülern mit endloser Geduld über die Klippen und Fallgruben der lateinischen Grammatik hinweg und soufflierte ad infinitum dem Gedächtnis entfallene oder gar nicht erst eingespeicherte Verben. Bei Klassenarbeiten übersah er alle illegalen Kooperationen und Spickzettel, teils weil er sie wirklich nicht sehen konnte, mehr aber wohl aus Herzensgüte und aus nostalgischer Erinnerung an seine eigene Pennälerzeit.
Max war ein Ehrpussel. Bei Malzow hätte er alles dran-gesetzt, um ihm ein Schnippchen zu schlagen. Das war gefährlich und deshalb ehrenhaft. Betrügereien bei Redecker aber empfand Max als Gemeinheit gegen einen hilflosen, endlos gutmütigen Menschen. Also schrieb er nicht ab wie die meisten anderen, und kassierte prompt Dreien und Vieren, weil sich ihm die unregelmäßigen Verben und die sprachlich anspruchsvollen Reden Catilinas nur schwer erschlossen.
*

Max und Bodo treten, sich vorsichtig umsehend, aus dem Wald. Sie haben Kastanien gesammelt und schleppen pralle Säcke. Bisher ist alles gutgegangen, keiner hat sie gesehen. Sie biegen auf den Pfad neben der Schmalspurbahn ein und sehen den Posten, der, durch Büsche verdeckt, am Rande des Weges sitzt, als ob er sie erwartet. Sie schrecken zurück.
„Bonsoir messieurs!“ grinst er.
„Ach du Scheiße!“ entfährt es Schmude, „jetzt haben sie uns am Arsch.“
Max sagt reflexartig: „Bonsoir, monsieur Dupont ...“
„Vous êtes promenés? Sie sind spaziergegangen?“ amüsiert sich der Posten weiter.
Max stottert: „Oh, oui, wissen Sie ..., savez-vous ...“, er deutet essen an, „wir hatten Hunger und haben uns ein paar Kastanien gesucht.“
Der Posten wiegt bedenklich den Kopf, als ob es sich um ein kompliziertes Problem handele: „Ja ja, aber Sie wissen doch, die Walde aben eine patron. Sie geören eine Besitzer.“
Max sucht einen Ausweg: „Wir haben nicht hier gesammelt! Wir waren fast bis St-Hilaire.“
Der Posten schüttelt mit gespielter Besorgnis den Kopf: „Und sollen Sie auch nicht so weit spazierengehen ...“
„Wir laufen schon nicht weg!“ mimt Max den Treuherzigen.
Der Posten geht darauf ein: „Bien sûr, naturellement! Er nimmt eine Kastanie aus dem Beutel und betrachtet sie: „Sein gutt dies Jahr?“ Er wirft die Kastanie weg: „Dies nix gutt! Nix fix, äh, fest. Nehm nur die Gutten. Äh, dies hier, Sie sehen?“ Er hält eine andere Kastanie hoch.
Max betrachtet sie, leicht verwirrt, er weiß nicht, worauf das hinausgehen soll. Zurück ins Hauptlager nach Nîmes? In den Bau? Er nickt, wozu, weiß er nicht: „Ja, ja ...“
Bodo begreift erst recht nicht, was läuft: „Was hatter denn? Was willer denn?“
„Wir sollen nur die Guten nehmen.“
„Machen wir immer!“
Der Posten forscht: „Sie willen verkaufen?“
Max will auf alle Fälle auf ‚Mundraub‘ hinaus und schüttelt heftig den Kopf: „Nein, nein! Wir wollen essen!“ deutet er an.
Aber der Posten beharrt: „Ich kauf Marrons.“ Er hebt abwägend die Beutel an: „Trente kilo ... dreisisch Kilo. Ich euch gebe viersisch francs.“
Max schüttelt völlig verwirrt den Kopf, Bodo drängelt: „Was is ’n los? Was willer denn?“
„Er will sie uns abkaufen, für vierzig Francs.“
„Is ja ’n Ding!“
Der Posten mißdeutet die Verwirrung der beiden als Unzufriedenheit und erhöht sein Angebot: „Alors, disons ... cinquante francs, fünfsisch!“
Bodo Schmude stürzt sich sofort ins Geschäft: „Achtzig Francs! Für achtzig ham Se sie.“
Der Posten ist verblüfft, besinnt sich dann aber auf die Machtverhältnisse und wehrt gestenreich ab: „Oh, non, non, non! Generalement, ich nicht weiß, wo Sie hab’ gesammelt. Vielleicht ich soll nicht machen euch abkaufen!“
Max ist die Sache unheimlich, er dringt in Schmude: „Wir dürfen nicht überziehen, Bodo! Er kann sie uns doch einfach wegnehmen!“
Im Posten setzt sich scheinbar die Großzügigkeit durch: „Alors, zuletzt – soixante francs! Ich gebe Sie sechsisch francs! Und ihr mir helf tragen zu Magazin.“
Schmude nickt jetzt: „Oui, oui! Jemacht!“ Er hält die Hand auf, auch Max nickt: „Einverstanden!“
Der Posten kramt sein Portemonnaie heraus und zählt jedem dreißig Francs auf die Hand. Dann winkt er zum Aufbruch: „Allons-y!“

*

Das Magazin ist ein Bretterschuppen auf einem Sockel aus Natursteinen. Es gehört dem Schweinehändler, der witzigerweise ‚Cauchon‘ heißt, was man wie ,cochon‘ spricht, was wiederum ‚Schwein‘ bedeutet.
Das Tor ist offen, davor wiegt Cauchon Kastanien ab. Im Schuppen liegen schon große Haufen. Cauchon ist ein cleverer dicker Mann um die Fünfzig, mit gelichtetem Scheitel und der fleischigen, blaugeäderten Nase des Rotweintrinkers. Er trägt ein kragenloses gestreiftes Hemd, und über seinem Bauch spannt sich eine fleckige rote Strickweste, während der Gürtel unter den Bauch gerutscht ist und die Hosen mit Mühe oben hält.
Seine kleine verhuschte Frau Martine ist sein absolutes Gegenbild. Sie ist ständig auf dem Sprung, seinen Winken zu folgen. Sein Sohn Theo ist ihm sehr ähnlich, und es gab ständig Krach, solange er zu Hause wohnte. Jetzt lebt er mit seiner Familie in Alès, vierzig Kilometer entfernt, und handelt mit Fellen. Katzen meiden seine Nähe.
Eine alte Frau hat auf einem kleinen Karren einen Sack Kasta­nien gebracht, und Cauchon liest an der Waage ab, wieviel es sind: „Quarante-neuf kilo, weniger ein Kilo der Sack, macht acht­undvierzig Kilo, das sind – einhundertzweiundneunzig Francs!“
Die Frau protestiert: „Aber Louis! Du kannst mir doch nicht für den Sack ein Kilo abziehen! Der ist doch nicht aus Blei. Wieg ihn nach!“
Der Schweinehändler spielt den Großmütigen: „Weil du es bist, Clementine, runden wir auf: zweihundert Francs.“
Die Frau ist noch nicht zufrieden: „Auch ein halbes Kilo wiegt der Sack nicht!“
Cauchon schüttet die Kastanien aus und wirft ihr ärgerlich den Sack hin: „Daß du auch immer meckern mußt! Zweihundert, basta! Mehr gibt’s nicht. Sonst verkauf deine Kastanien in Ste-Cécile oder sonstwo.“
Die Frau faltet ihren Sack zusammen: „Halsabschneider! Du weißt ganz genau, daß ich nicht mit dem Karren bis Ste-Cécile marschieren kann. Der Teufel soll dich holen!“ droht sie ihm hinterher, und: „Ich werd’s monsieur le Curé erzählen.“
Cauchon bekreuzigt sich hastig und wendet sich dem Posten mit seinen beiden Trägern zu: „Du hast Kastanien gesammelt, François?
Der Posten stellt die Säcke auf die Waage: „Wie du siehst!“
Cauchon, während er die Säcke abwiegt, mit einer Kopfbewegung zu den Jungen: „Und hast dir Helfer ge­nommen ...“
„Wie das so geht, Louis ...“
Zweiunddreißig Kilo, minus ein Kilo für die Säcke, einunddreißig Kilo, das macht ... einhundertvierundzwanzig Francs. Voilà!“ Er zahlt dem Posten das Geld auf die Hand.
Schmude und Max sehen sich an: „Haste gesehen? Der Hundesohn hat hundertvierundzwanzig kassiert und uns hat er sechzig gegeben!“
„Wir müssen froh sein, daß er uns nicht angeschissen hat!“
Der Posten klemmt sich die Säcke unter den Arm: „Salut, Louis!“
„Salut, François.“
Die Jungen verabschieden sich mit zusammengebissenen Zähnen: „Bonsoir, monsieur Cauchon.“
„Salut, mes amis!“ tönt Cauchon ihnen hinterher.



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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 302  vom 18.05.2011

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