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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Nicht erst bei Futures, Derivativen und anderem Hokuspokus
Geld - nichts mehr wert
Von Markus Omar Braun

In der Volkswirtschaftslehre der Neuzeit wird gewöhnlich die sogenannte Klassik von der heutigen Neoklassik unterschieden. Die Klassik hatte als berühmte Vertreter Adam Smith und David Ricardo – und als schwarze Schafe Karl Marx und die nach ihm benannte Schule ökonomischen Denkens. Letzeres, Marx' ökonomisches Denken, ist weniger bekannt, vor allem seinem Inhalt nach, als die meisten, auch die meisten Linken heute meinen. Jeder gebildete Mensch kennt Marx, d.h. dem Namen nach, und hat eine Meinung, d.h. ein gerüttelt Maß Vorurteile über ihn – aber wenige befassen sich inhaltlich mit dem werttheoretischen Ansatz der Marxschen nationalökonomischen Theorie. Das ist der wahre Sieg der Neoklassiker – und rächt sich fatal.
Märkte-Voodoo an den Lehrstühlen für Volkswirtschaft
 
Die Neoklassiker sind in ihrem Denken ganz hübsch und treffend in einem – internen – Witz beschrieben: „Wieviele neoklassische Ökonomen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Gar keinen natürlich, denn wenn man sie nur machen läßt, tun das die Marktkräfte von alleine.“ Im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich sind solche Wissen-schaftler mitverantwortlich für den insgesamt schlechten Ruf der "eggheads", der Intellektuellen, und der Vorstellung, da werde eine moderne Art von Voodoo betrieben. Voodoo sehen wir ja auch tagtäglich in den Banken, den Vorstandsetagen, den Ministerien, auf den Kapitalmärkten und überall sonst, wo viel Geld oder besser gesagt das, was man modernerweise dafür hält, fließt. Es gibt eine allgemeine Vorstellung des Philosophen Adam Smith, die sich nämlich in der Neoklassik verselbständigt hat: Smith behauptet (!), dass das allgemeine Wohl am besten dadurch befördert würde, dass jeder einzelne im Wirtschaftsleben nur seinem Privatinteresse nachgehe und der deshalb ausbrechende Reichtum der Individuen den Wohlstand aller mit sich bringen müsse.
 
Und willst Du nicht mein Freihändler sein...
 
So weit, so kontrafaktisch. Das stört natürlich gelahrte Ökonomen, besonders Jünger von Milton Friedman, kein bisschen. Im Zweifelsfall waren die Märkte eben nicht frei genug! Wir dürfen auch hier eine zirkulär-rechthaberische Theorie bestaunen, die dem „ick bün all schon da“-Prinzip aus der Fabel vom Hasen und dem Igel gehorcht. Dafür musste die Neoklassik die Klassik an den Universitäten ablösen, dafür und für sonst gar nichts. Die neoklassische Theorie sollte nie etwas anderes sein als der akademische Heiligenschein einer Elite, die sich in Aktiengesellschaften und Staatsamt den Reichtum der Gesellschaft und der Natur aneignet und einverleibt und die den Opfern dieser Veranstaltung zuruft, diese müssten arm sein oder gar (ver-)hungern, weil die Reichen noch nicht genug bekommen hätten. Guten Appetit! wünschen hierbei moderne Volkswirtschaftler den "Leistungsträgern". Umgekehrt müsste nämlich jede wirtschaftswissenschaftliche Theorie, die die Werthaltigkeit von Waren in der aufgewendeten Arbeit begründet sieht, das Paradoxon feststellen, dass die produktiven Arbeiter, also gerade die Wertschaffenden, regelmäßig als die wirtschaftlichen Verlierer des Kapitalismus enden.
 
Zu harte Theorie, zu hartes Geld
 
Letzteres der Marxsche Ansatz. Was aber die Klassiker unter den Ökonomen vereint, ist weniger die Arbeitswerttheorie als vielmehr das gemeinsame Wissen um die notwendige Härte des Geldes. In der klassischen Ökonomie geht es nicht nur um Geld- und Kreditkreisläufe, um längst in der dritten bis zehnten Potenz bewertete Ströme, sondern noch um Waren, um Güter, um greifbaren Reichtum. Insofern begreifen die klassischen volkswirtschaftlichen Schulen auch Geld selber als Ware von Haus aus und Gold und Silber als das natürliche Geld der modernen Tauschwirtschaft. Dieser Gesichtspunkt aber stört beim modernen Wirtschaften, nicht nur der Banken, sondern auch der Nationalbanken und Finanzminister. Was bei allem Gebabbel über die letzte, die gegenwärtige oder die kommende "Blase" nämlich unterschlagen wird: Das zugrundeliegende "harte" Geld ist schon an sich eine Fiktion und jeder Geldschein Träger nur eines Geld-Scheins.
 
Kein Geld, nur Schulden
 
Die Banknote ist ursprünglich lediglich ein Wechsel, daher nicht Zahlungsmittel an sich, sondern nur Versprechen von Zahlung. Der Spruch „I promise to pay the bearer one pound“ zierte noch letztens die Ein-Pfund-Note der Bank of Scotland, also das Versprechen, ein Pfund Sterling herauszurücken, wenn diese Note bei der sie herausgebenden Bank präsentiert werden sollte. Schon früher, als es noch eine Einlösungsgarantie der Banknoten gegen Gold oder Silber gab, geschah dies aber äußerst selten, und Banknoten zirkulierten und zirkulierten, bis sie zerfielen und eingetauscht werden mussten – oder die Notenbank pleite war, d.h. kein Gold mehr im Keller hatte und dies ruchbar wurde. Heute brauchen die Bundesbank – oder ihre Kollegen anderer Notenbanken – dies nicht mehr zu fürchten, da aus dem unbefristeten Wechsel mit Einlösepflicht ein solcher ohne Recht des Inhabers auf Einlösung geworden ist. Wie das? Aus Schulden wurde Geld? Wir bezahlen unsere Schulden mit – Schulden? Was ist die Staatssschuld, wenn schon der Geldschein ein staatlicher Schuldschein ist?
 
Die Rentenmark – eine gelungene Spekulation
 
Deutschland verlor den ersten Weltkrieg nicht nur militärisch, sondern spätestens mit den Reparationen auch kräftig auf wirtschaftlichem Gebiete. Die alte Golddeckung der Mark war futsch, das Gold schon im Kriege x-mal ausgegeben und im Keller der Reichsbank befanden sich auch nur Schulden – die internationalerweise in Gold oder Goldwährung abzugelten gewesen wären. Etwaige harte Einkünfte aus dem Inland waren also schon mehrfach verpfändet; die Sieger des Krieges nahmen dann statt Geld auch gern Kohle oder andere Güter, was die Wirtschaft des Deutschen Reiches weiter zerrüttete. Zum Schluss wurde die Tasse Kaffee, die sich kaum noch einer leisten konnte, mit Billionen bezahlt – der Geldschein hatte seinen bloßen Geld-Schein deutlich gezeigt. Woher nun eine neue Währung nehmen, wenn nicht stehlen, und wie stehlen? Die Voodoo-Meister von damals wussten tatsächlich Rat und erfanden die Rentenmark, eine Währung, bei der an Einlösung gegen hartes gutes Geld nicht mehr gedacht wurde, weil nicht daran zu denken war. Warum nur sollte dieses Spiel funktionieren?
 
Ausmünzung des Gewaltmonopols
 
Hier liegt die Geburt der Lüge von dem guten Verhältnis, das das Papiergeld nur zum Warenberg einnehmen müsse, um seinen Wert zu erhalten. Denn ein klitzekleiner Zwangsakt geht dem voraus: Die ganze Zirkulationssphäre, die dadurch zum Währungsraum avanciert, wird, Mann und Maus, darauf verpflichtet, das staatlich sanktionierte Falschgeld als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Wer kauft, muss dies mit Entenhausens Talern tun, wer verkauft, diese annehmen, ganz wie Geld. Kein Ladenbesitzer darf – auch heute noch – an seiner Tür den Hinweis „Kredit wird nicht gegeben und nicht genommen – wir bestehen auf barer Zahlung in Gold oder Silber“ anbringen. Selbst die Auszeichnung der Preise in Unzen Gold wäre verboten, und aus gutem Grund. Das Gold muss heraus aus der Zirkulation und der Schatzbildung, damit es bei denen landet, die damit Geschäfte machen, also den Spezialisten der Banken und Notenbanken. Hinein kommt stattdessen das Entenhausener Papiergeld und der Staat hat seine erste Tranche an Schulden sicher am Markt untergebracht, als Zahlungsmittel nämlich.
 
Solange es klappt, klappt es
 
Die ganze Operation funktioniert aus einem banalen Grunde, dass nämlich jeder moderne Wirtschaftsbürger die Weisheit, dass man Geld nicht essen kann, nicht Indianerhäuptlingen ablauscht, sondern längst beherzigt: Er gibt das Geld mächtig aus. Entweder ist er als kleiner Mann gezwungen, das Salär meist noch vor Ende des Monats komplett für Lebensunterhalt aufgewendet zu haben, oder er investiert. Der große Investor steckt sein Geld in Rohstoffe, Vorprodukte, Hilfsgüter, Maschinerie, Gebäude, nicht zuletzt auch Arbeitskräfte, um nach bewerkstelligter Veredlung und Verwandlung des Eingekauften im Produktionsprozess sich im Verkauf einen Gewinn, und damit die Wertschöpfung, d.h. den Mehrwert anzueignen. Beide interessiert nur eines: Kann ich für mein Geld zu verlässlichen Preisen kaufen? Der kleine Investor, der Sparer, vertraut schließlich sein Geld einer Bank, einem Finanzinvestor an, was großen Investoren, die noch schneller größer werden wollen, als ihr Gewinnrückfluss ihnen das gestattet, die nötige Kapitaldecke gegen Zins und Zinseszins verschafft.
 
Münzverschlechterung in großem Maßstab
 
Darin liegt die scheinbare Genialität der Lösung: Durch die paar Prozent auf dem Sparkonto kann die Bank auch die Oma überzeugen, ihren Sparstrumpf aufzulösen, und auf der Sparkasse einzuzahlen. Auch dem Großmütterchen ist jetzt klar: Der Goldtaler zuhause im Strumpf wirft keine Zinsen ab, also ab damit auf die Bank, natürlich in seiner Papiergeldform, denn nur die macht Zins-Junge – Folge der Verbannung des Goldes aus der Warenzirkulation. Das ermöglicht auch das Anwerfen der Druckerpresse: Schon in Goldmünzenzeiten ließen die König und Potentaten nicht nur in Zeiten leerer Staatssäckel gerne einmal der Goldmünze völlig überflüssigen Rand ein wenig abknipsen, das so gewonnene Lametta ausmünzen und durch Münzverschlechterung eine neue, der öffentlichen Gewalt vorbehaltene Finanzierungsquelle erschließen. Später ermöglichte die Verfügung über die Schlüssel zur staatlichen Notenbank, deren Keller langsam, aber sicher zu entleeren, bis es dann in Kriegs- und anderen Krisenzeiten einfach zu viel wurde und die goldgedeckte Währung zusammenbrach.
 
Alles schon beliehen, alles schon verpfändet
 
Schon hier erwies sich aber der unendliche Vorzug der Papierwährung gegenüber der Goldmünze, bei entsprechender krimineller Energie der "Verantwortlichen" natürlich: Die Bürger, nicht dumm, bemerkten die Verschlechterung der Goldmünzen sofort und quittierten dieselbe mit einer Depreziation – Inflation in heutiger Sprechweise. Beim goldgedeckten Papiergeld reichte dagegen ein Bruchteil der ausgegebenen Summe an Banknoten als Goldtaler im Tresor der Notenbank aus, um das Tagesgeschäft auch in Krisenzeiten zu bewältigen und das Vertrauen in die "Goldwährung" zu erhalten. Noch schöner für staatlich bestallte Münzverschlechterer wie Finanzminister und Notenbanker das heutige Verfahren: Das Gold im Keller der Notenbank geht Kreti und Pleti gar nichts mehr an, und die Zinserwartung auf schon kleinere Summen Geldes lässt die Bürger sogar über eine gewisse Inflation hinwegsehen, so dass der Staat sich am Wachstum seiner Wirtschaft durch Ausdehnen der Geldmenge bedienen kann, ohne dass sein schönes Papiergeld zusammenbricht. Der Wertverlust des Geldes, so er unter den Marktzinsen liegt, ist dann halt des Staates ungutes Recht.
 
Betrug von Amts wegen
 
Ein Betrugsoperation ist gelungen: Staatsschuldscheine wurden nicht nur ausgestellt, sondern die Bürger des Landes auch gezwungen, sie zu zeichnen, indem sie diese statt Zahlung für ihre Waren und Dienstleistungen akzeptieren mussten. Umgekehrt wurde diesen Bürgern gar kein Umtausch mehr der besagten Staatsschuldscheine in echtes Geld zugesagt, denn der Schuldner wird nie, will nie zahlen. „Hol es Dir doch bei deinesgleichen, kauf Waren damit!“, sagt der Schuldner Staat seinen Bürgern. Er erklärt damit Dritte für die Begleichung der Forderung an ihn haftbar – ein wahrhaft unsittliches Geschäft. Die Zirkularität des Verfahrens macht, wie in jedem solchen Kreditbetrugsgeschäft, das beständige Gelingen vom Wachstum abhängig. Dies und kein "Sachzwang" bewirkt die Knechtschaft moderner, so arg dem Volk verpflichteter Politiker gegenüber dem kontinuierlichen Wachstum der großen Kapitale und daher auch der Finanzkapitale. Ein Räuber braucht den anderen. Weil andererseits diese sehr unwirtschaftliche Wirtschaft immer noch Güter, immer noch produktive Arbeit braucht, müssen Natur und Mensch die Zeche zahlen, und es wird für ganze Nationen genauso zum Unglück, über natürliche Reichtümer zu verfügen, wie für Menschen, etwas Nützliches gelernt zu haben. Da braucht man nur den Bergarbeiter, die Krankenschwester oder die Bewohner des Irak zu fragen. (PK)
 
 
Der Autor, Jahrgang '67, seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker, lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.


Online-Flyer Nr. 302  vom 18.05.2011

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