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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Sport
Gestern Rivalin - künftig gemeinsame Mission mit Sportdirektor Brauße
Trainerin von Lanken bewies Übersicht
Von Bernd J.R. Henke

Rivalitäten zwischen Top-Mannschaften und deren Chefstrategen kennt man im Frauenfußball zu Genüge. Meist sind es Männer, die es in einem fast grotesken medialen Karneval austragen. Wenn Führungspersönlichkeiten wie Bernd Schröder oder Siggi Dietrich mit den Hufen scharren und sich gegenseitig Sprüche in das Stammbuch schreiben, beginnt sich zur gleichen Zeit das journalistische Mühlrad mit den Klischees zu drehen. Das mit der Ausschaltung von Ex-Nationaltorhüterin Katja Kraus im März aus dem Vorstand des Hamburger SV der Frauenfußball beim HSV keine Lobby mehr hat, wird immer deutlicher. Dass dort, wo professionell geführte Bundesliga-Großvereine sich entscheiden zu sparen, der Frauenfußball auf der Strecke bleibt, ist kein Klischee, sondern immer wiederkehrender Fakt. Ein blamabler, bedauerlicher Offenbarungseid knapp zwei Monate vor der Weltmeisterschaft.
 

Synergien    -  Diana Koppelt, Energoeastsport, Jena
 
Potenziale                                                                                                                                    
 
Wenn die 11 Freunde Sportkulturredaktion PR-Selbstdarstellungen des „FFC Sonnenkönig“ unreflektiert übernimmt, beginnt das journalistische Mühlrad die kritischen Leser und Leserinnen langsam zu quälen. Dabei boten die letzten vier Wochen mit dem Zweikampf um die 2. Liga Meisterschaft der Nordgruppe zwischen dem Hamburger SV II gegen Lok Leipzig eine sportlich spannende Auseinandersetzung, fernab vom Marketinggetöse einer künstlich erzeugten WM-Vorfreude im Oberhaus. Das mittlerweile wieder mit der jungen Claudia von Lanken eine Frau in das für Frauen scheinbar risikoreiche Bundesligatrainergeschäft der obersten Spielklasse einziehen wird, wurde nach den geradezu skandalösen Rauswürfen engagierter Trainerinnen in Duisburg, Jena und Herford mit nahezu kaum einem Augenmerk von der Berichterstattung gewürdigt. Frauen mit Trainerlizenzen haben es schwer in der Vorsaison des WM-Sommers. Es gibt aber auch faire Ausnahmen für Trainerinnen. Die strategische Planung beim 1. FC Lokomotive Leipzig beweist es. HSV II-Trainerin Claudia von Lanken erweckte bis zum Schluss der Spielserie im Wettstreit mit dem Leipziger Trainer Jürgen Brauße als Rivalin das spielerische Potenzial beider Frauenteams. Beide wollten Meister der 2. Bundesliga Gruppe Nord werden. Inzwischen war vor einigen Tagen bekannt geworden, dass die Hamburgerin in der nächsten Saison Nachfolgerin von Jürgen Brauße würde, der in nur einer Saison mit sensationeller Akribie seine Lok-Frauen in die 1. Frauenbundesliga katapultiert hat.
 

Meistermanschaft HSV II
 
Fundamente
 
In Hamburg wie in Leipzig wurde verbal nicht mit den Hufen gescharrt, sondern die Trainerin von Hamburg und der Trainer von Leipzig setzten gegen Ende der Saison gemeinsame fundamentale Synergien frei. Vereinsmanagement mit gesellschaftlicher Orientierung und leistungsfördernder Basis, so was gibt es beim 1. FC Lok Leipzig – ein Lichtblick mit Format und Strategie. Erste Priorität hat hier der breit gefächerte Ausbildungsbetrieb für den Frauen- und Mädchenfußball.
 
„Der Fußball ist zunächst ein Spiel und kein Produkt, ist zunächst ein Sport und kein Markt, ist zunächst ein Spektakel und kein Geschäft“, findet die Jenaer Studentin Diana Koppelt, die seit einigen Monaten die Frauen der 1. Mannschaft von Lok Leipzig mit der Kamera bei Präsentationen begleitet. Ehrenamtlich mit viel jugendlichem zeitgemäßem Elan. Grundlagen von unten schaffen ist nicht gerade zeitgemäß gegenüber dem von FAZ, BILD und vielen Bloggern geforderten Professionalismus im Dietri´schen Sinne, da Aufbau einer nachhaltigen Fußballkultur und Vereinsstruktur im Sinne des Potsdamer Konzeptes als anti-professionell hingestellt wird. Der Terminkalender brachte es mit sich, dass Rivalin und Rivale ihr letztes Spiel am Maifeiertag im Leipziger Bruno-Plache-Stadion gegeneinander austrugen, mit dem interessanten Hintergrund, dass die junge Trainerin den erfahrenen Trainer, vorab vertraglich festgeschrieben und strategisch vertraut, für die Saison 2011/12 beerben würde. Der vorzeitige sportliche Aufstieg des 1. FC Lok Leipzig sowie die dauerhafte HSV II-Überlegenheit als Spitzenreiter und die spielerische Konstanz der Hamburgerinnen sahen so puzzlenah zusammengehörig aus, dass Leipzigs Aufstiegstrainer Jürgen Brauße seine Nachfolgerin just in gerade jener Person sah, die in der laufenden Saison seine größte Rivalin war. Der Leipziger Vorstand Bernd Wickfelder, zuständig für den Frauenfußball in einem traditionellen Männerverein, hatte wohl einige Schachzüge weitergedacht, als er mit einer erstklassig initiierten Personal-Rochade, unterstützt durch Abteilungsleiter Frank Tresp, den erfolgreichen Trainer Brauße zum Sportdirektor der gesamten Mädchen- und Frauenmannschaften ernannte. Ein Akt des Vertrauens, nicht ein Akt von Machtgetue.
 
Aufsteigerinnen Lok Leipzig I
 
Herausforderung
 
Ein genialer Schachzug – ohne das branchenübliche rivalisierende Hufescharren, das die eigentliche Arbeit für einen passablen Erstligastart nur behindert hätte. Aus der Position eines Sportdirektors zeichnet der auserwählte Fachmann und Idealist nun für die angemessene Verpflichtung neuer Spielerinnen und den Ausbau des Kaders verantwortlich. Jürgen Brauße spricht von zehn unumgänglichen Verpflichtungen. Er steht schon längst in Kontakt mit Spielerinnen aus Potsdam, Frankfurt und Duisburg. Im Rahmen seines finanziellen Handlungsspielraumes verhandelt er intensiv, um das Team Lok Leipzig so zu verstärken, damit der anvisierte Klassenerhalt nächstes Jahr ermöglicht werden kann. Die behutsame, leise Arbeit des ehemaligen Trainers des sächsischen Fußballverbandes überzeugte schon die ehemalige U-19-Weltmeisterin und derzeitige Edelreservistin des FCR 01 Duisburg, Anne van Bonn (26) so, dass sie beim FC Lok Leipzig mit viel Power einen Vertrag unterschrieb. In Duisburg bestritt sie mehr als 150 Pflichtspiele und gewann 2009 mit ihrem Team den UEFA Women’s Cup. „Mich hat das Konzept der Leipziger überzeugt, darüber hinaus reizt mich die Aufgabe gegen den Abstieg zuspielen und mal nicht in der Champions League aufzulaufen. Auch die Stadt und das Umfeld haben einen guten Eindruck bei mir hinterlassen“, so van Bonn über ihre neue Herausforderung. Die Abwehrspielerin unterschrieb einen einfachen Einjahresvertrag mit der Option auf Verlängerung. Nach zehn Jahren in Duisburg und einer in den letzten zwei Jahren doch eher unbefriedigenden Einsatzzeit für den FCR 01 Duisburg I war es für Anne van Bonn wohl genug. Man konnte ihr die Unzufriedenheit und Enttäuschung im Duisburger PCC Stadion oft genug ansehen. Ein Resultat mangelnder Anerkennungskultur, nicht nur des großen Geldes. Das Angebot von Lok Leipzig und dem neu berufenen Sportdirektor kam zur rechten Zeit. Anne van Bonn wird sich sicher voll entfalten können, besonders gegen Frankfurt, Potsdam, Duisburg und Wolfsburg.
 
Hamburger Flaggentanz

Feuerwerk
 
Am ersten Mai-Wochenende, dem 22. und letzten Spieltag, fand zwischen dem 56-jährigen Jürgen Brauße und der 33-jährigen Claudia von Lanken ein finales persönliches Duell statt, um gleichermaßen, wie umgedreht, kurz danach zum erfolgreichsten Trainer- und Managerteam des Monats, vielleicht des kommenden Jahres zu avancieren. Nach samstäglicher lockerer Freizeitgestaltung beider Mannschaften auf Einladung des Lok-Hauptsponsors KTOW Krankenhaustransport Ost/West mit Feuerwerk, Lasershow und Dinner im Clubhaus des Traditionsclubs lieferten sich beide Mannschaften einen offenen Kampfabtausch um die Ligakrone. Das Duell begann mit optimaler sportlicher fairer Gegnerschaft und endete als Geburt einer noch nie dagewesenen Partnerschaft. Arm in Arm verließen eine Frau und ein Mann den Rasen – gestern noch Rivalen, künftig erfolgreich in gemeinsamer Mission. Die zweite Mannschaft des Hamburger SV gewann nicht unverdient die Meisterschaft gegen den FC Lok Leipzig mit einem 5:2 (0:1) Kantersieg. Trotz Niederlage steigt Lok Leipzig auf, nicht der siegreiche HSV II. Die Regularien des DFB untersagen bekannterweise eine Doppelpositionierung eines Vereines in einer Spielklasse, sodass der Tabellenzweite der gesetzte Saisonaufsteiger in die 1.Bundesliga sein wird. Eine unglaubliche, nicht gewöhnliche Begebenheit und professionelle Überraschung dieser letzten Wochen war, dass noch vor den letzten beiden Ligaspielen bekannt wurde, dass die Hamburger Erfolgstrainerin der 2. Mannschaft, Claudia von Lanken (33), nach Saisonschluss ab sofort die Arbeit ihres bisherigen Trainerrivalen übernehmen würde. Die Beziehung ging im Vorfeld der beiden Ligaspiele schon so weit, dass die junge Hamburger Trainerin, die immerhin dem HSV zwölf Jahre diente, schon einige Tage an der Connewitzer Straße in Leipzigs Stadtteil Probstheida verweilte, um gemeinsam mit ihrem neuen Arbeitgeber Lok sowie dem neuem Chef Jürgen Brauße die personellen Weichen zu stellen.
 
Cheerleaderin Josefine Freitag 
 
Andocken
 
„Wir hatten auch international bekannte Trainer im Gespräch. Aber von Lanken ist hungrig auf Erfolge und eine Teamplayerin“, begründete Manager und Vorstand Bernd Wickfelder die Entscheidung. Erstes Ergebnis war der Wechsel der HSV II Torjägerin Kathrin Patzke mit 22 Saisontoren sowie die Verpflichtung von Jobina Lahr (19) von der ersten Hamburger Mannschaft (HSV I). Beide Spielerinnen folgen somit der Trainerin in die Messestadt an die Pleiße. Ein nicht unüblicher Vorgang im Fußball und gleichzeitiges Indiz, dass mit von Lanken eine charismatisch beherzte Trainerin angedockt hat, um in der 1. Frauenbundesliga Karriere zu machen. Sie verstärkt die Frauenquote in der höchsten Spielklasse auf zwei Trainerinnen gegenüber zehn männlichen Trainer. Sportdirektor Jürgen Brauße rechnet damit, dass noch eine dritte HSV-lerin den Lok Kader für die Saison 2011/2012 verstärken wird. Er ist im Gespräch mit einer Mittelfeldspielerin. Eine Hamburger Zeitung vermutet die technisch quirlige Angelina Lübcke. Ein kluges Unterfangen war es auch, das talentierte Leipziger Lok-Eigengewächs Florin Wagner zu verpflichten. Verhandlungen werden auch mit einer 20-jährigen Spielerin aus dem Kader des 1.FFC Frankfurt geführt, sowie mit einer 22-jährigen Spielerin vom 1. FFC Turbine Potsdam. Aus regionalem Lokalpatriotismus gesehen ist endlich wieder ein Leipziger Fußballverein in der ersten Bundesliga zurück. Was den Männern (noch) nicht gelang, haben die Damen bereits geschafft. Die Frauenmannschaft von Lok Leipzig spielt in der kommenden Saison erstklassig. Die zentrale Lage Leipzigs zwischen Potsdam, Jena und Wolfsburg lässt hoffen auf höhere Zuschauerquoten für den Traditionsverein.
 
Sektdusche                                                                                                                                    
Sonntag 14 Uhr – Spannung auf dem heimischen Rasen in Leipzig. Von Lanken hatte schon jahrelang die HSV-Reserve trainiert, ihre Mannschaft blieb in dieser Spielzeit unangefochten an der Tabellenspitze der 2. Bundesliga Nord – bis jetzt. Weil man nach dem Remis gegen Bad Oldesloe (0:0) nur einen Punkt holte, zog Lok Leipzig auf den letzten Metern – und nach einem 3:0 gegen Werder Bremen – an den Hanseatinnen vorbei. Beide waren nun punktgleich, aber Lok mit einem minimal besseren Torverhältnis, sprich: mit einem Gegentreffer weniger als Hamburg. Die Lok-Frauen verloren nun in einem spannenden Kampfspiel gegen HSV II die entscheidende Partie und die Meisterschaft, nur währte ihre Enttäuschung kurz. Als Lok-Vorstandsmitglied und KTOW-Hauptsponsor Bernd Wickfelder mit der übergroßen Sektflasche auf das Spielfeld des Bruno-Plache-Stadion eilte, um seine Spielerinnen mit den Weihen des Leipziger Fußballgottes zu benässen, war die Enttäuschung verschwunden. Selbst die auf Sieg und Tore programmierte, super enttäuschte Stürmerin Safi Nyembo, die immerhin mit 19 Toren die Saison abschloss, begann nun zu realisieren, dass auch sie und ihre Lok-Mannschaft Grund zur Freude hatten.
 
Leipziger Aufstiegschor
 
Marke
 
„Wir hätten die Meisterschaft gerne mitgenommen", sagte Jürgen Brauße, den wie Bernd Wickfelder die Sektdusche der Mannschaft merklich getroffen hatte, nach der Partie. "Aber der HSV hat eine starke Mannschaft und es war schönes Endspiel", ergänzte er respektvoll. Als dann Leipzigs blonde Abwehr-Lady Katharina Freitag mit einem Mikrophon ihre Mannschaftskameradinnen zum Mitsingen anfeuerte, erklang im Beisein fast aller da gebliebenen 1078 Zuschauerinnen und Zuschauer eine humorvolle Verarbeitung der Niederlage: „Erste Liga - und keiner weiß, warum“, sangen sie mit lauter Stimme. Die fußballerischen Emotionen taten nun ihr Bestes. Die Spielerinnen tanzten im Kreis, sie befühlten und berührten zum ersten Mal als neue Leipziger Fußballstars so richtig mit Freude die vielen ausgestreckten Fanhände am Absperrgitter des Stadions. Begeisterung pur. Seit siebzehn Jahren spielt nun zum ersten Mal wieder eine sächsische Fußballmannschaft in einer der obersten Ligen des DFB. Auf der Tribüne, bei den Sponsoren des Vereins und später im VIP-Bereich im Dialog mit Stadion- und Eventsprecher Stefan Linke, dem Leipziger Kabarettisten mit 1000 Gesichtern, www.kabarettlinke.de, war allgemein ein Faktum zu entnehmen: der traditionsreiche 1.FC Lok Leipzig hat sich innerhalb der einjährigen Ägide von Trainer Jürgen Brauße und Co-Trainer Manfred Meyer mit seinen jungen Frauen zu einer neuen Marke entwickelt.
 
Safi Nyembo - Kinderbotschafterin

Finale
 
Das finale Entscheidungsspiel um die Meisterkrone begann die ersten zwanzig Minuten ohne zwingende Torchancen. Torjägerin Safi Nyembo hatte die erste Gelegenheit, die Hamburger Torfrau Jennifer Weber zu bezwingen. Sie verpasste den Ball und traf mit ihrem Stollen Hamburgs Torfrau, die wie betäubt zu Boden ging. Kurz danach rutschte ein Freistoß in den Hamburger Sechszehner an allen Spielerinnen vorbei. Nach dem Aufsetzen des Balles hatte aber die erfahrene Leipzigerin Josefine Krengel (33.) keine Mühe zur 1:0 Führung einzunicken. Sieben Minuten später hatten die Hansestädterinnen eine exzellente klare Einschussmöglichkeit, doch Loks Schlussfrau Carolin-Sophie Härling hielt bravurös. Trainerin von Lanken wechselte zur Pause aus, brachte Christine Schoknecht, die nach einem feinen Pass in die Spitze gleich als Joker stach und zum 1:1 einschob (46.). Die Lok-Frauen zeigten sich unbeeindruckt: die kampfstarke Anja Hädrich kam über rechts, passte den Ball in die Mitte. Torjägerin Safi Nyembo schob im Fallen unbedrängt ein (48.). Ein sehenswertes Tor, denn es war ein Bespiel für eine kraftvolle intelligente Konteraktion. Dramaturgisch passend standen vier Minuten danach die Hamburgerinnen im Leipziger Strafraum. Lok-Verteidigerin Katharina Freitag riss eine Hamburgerin im Strafraum von den Beinen. Die Schiedsrichterin zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt. Torjägerin Kathrin Patzke (52.) verwandelte sicher zum 2:2. Ein Unentschieden hätte den Gastgeberinnen zum Titel gereicht. Nur der HSV ließ nicht locker.
                                                                 
Stars mit Fans

Graskante
 
Das Spiel wurde ruhiger. Plötzlich, ein klares Abseits wurde nicht gepfiffen, der Ball wurde zur HSV-Jokerin Schoknecht gepasst, die nach Ballannahme (73.) sicher ohne Gegenwehr zur HSV-Führung verwandelte. Mit Maike Timmermann (74.) stach auch der zweite „Joker“ von Claudia von Lanken zur Hamburger 3:2-Führung, ehe erneut Schoknecht (87.) und Patzke (90.) in der Schlussphase den Endstand herstellten. „Das Ergebnis fiel insgesamt zu hoch aus", befand die alte HSV- und neue Lok-Trainerin Claudia von Lanken. "Aber ich hätte in die Graskante gebissen, wenn wir hier 2:2 gespielt und so die Meisterschaft verloren hätten, nachdem wir in der Liga zuvor keine Partie verloren haben." Hoch verdient haben die Hamburgerinnen am Ende gewonnen. Zweimal lag Lok in Führung und zweimal glichen die Gäste aus. Ein Elfmeter kam ihnen dabei zu Gute. Nach dem 2:2 war wieder alles offen. In der Folgezeit kam Hamburg besser ins Spiel und ging erstmals in Führung. Als Lok in der Schlussphase das Risiko erhöhte, schlugen die Gäste noch zwei Mal eiskalt zu. „Mit dem Elfmeter zum 2:2 kam ein Bruch in unser Spiel“, bedauerte Jürgen Brauße. „Es war eine Partie auf Augenhöhe, deren Ergebnis am Ende leider zu hoch ausfiel, da wir in die Hamburger Konter gelaufen sind.“
 
Gabriella Toth mit Mädchen aus der Fangemeinde

Träume werden wahr
 
Trainer Jürgen Brauße gelang es, innerhalb kurzer Zeit eine homogene spielstarke Mannschaft zu formen, mit immerhin neun Neupflichtungen bei Saisonbeginn, darunter auch die zwei ungarischen Nationalspielerinnen Erika Szuh und Gabriella Toth. Die beiden Ungarinnen fühlten sich von Anfang an sehr wohl in der sächsischen Messe-, Automobil-, Medien- und Logistikmetropole und unterstrichen dies während der gesamten Saison mit hervorragenden Leistungen. Im Spätsommer 2009 spielten Gabriella Toth und Erika Szuh im Trikot des ungarischen Meisters Viktória FC Szombathely in der Champions League in der Runde der besten 32 europäischen Teams gegen den FC Bayern München. Gabriella Tóth schoss gegen den FC Bayern im Rückspiel in Aschheim ein Tor. „Mittelfeldspielerin Gabriella Tóth bestach mit ihrer Quirligkeit“, erklärte der damalige FCB Coach Günther Wörle die Spielstärke der ehrgeizigen Ungarin. Ihren Einstand beim 1. FC Lok Leipzig verschafften sich Toth und Szuh am 7.8.2010 in der 1. Runde des DFB Pokals beim 3:0 Auswärtssieg der neu formierten Lok-Mannschaft im Rewirpower-Stadion gegen den VFL Bochum. „Dieses Gefühl, jetzt als Ungarin in der 1. Bundesliga in Deutschland zu spielen ist unbeschreiblich, aber es war schon immer mein Traum“, schwärmte Erika Szuh. „Stolz macht es mich, dass wir den Aufstieg schon im ersten Jahr erreicht haben“, ergänzte Gabriella Toth, die zu den besten der Leipziger Spielerinnen zu zählen ist. „Endlich haben wir es geschafft. Ich bin ja extra deswegen nach Leipzig gegangen. Beim FFC hätte ich diese Chance nie bekommen, in der ersten Liga zu spielen“, frohlockte Stürmerin Safi Nyembo, die vor vier Jahren vom 1. FFC Frankfurt nach Leipzig wechselte.
 
Sponsor Bernd Wickfelder (KTOW)

Nachrüsten
 
„Ich lege wert darauf, dass die Neuzugänge in die Mannschaft passen, der Star ist die Mannschaft“, erklärte der frisch ernannte Sportdirektor Jürgen Brauße im VIP-Raum. Bislang wären der Zusammenhalt und das gepflegte spielerische Element charakteristisch für seine Mannschaft gewesen – das soll auch in der höheren Liga so bleiben. „Die Mannschaft hat viel Potenzial“, sagte die angeheuerte Nachfolgerin Claudia von Lanken. „Trotzdem müssen wir nachrüsten, brauchen in erster Linie Spielerinnen mit Erfahrung.“ „Wir sind gegenüber den Erstliga-Vereinen körperlich unterlegen und brauchen daher große Frauen, die sich auch in Duellen mit Nationalspielerinnen wie Birgit Prinz durchsetzen können. Verstärkungen durch erfahrene Spielerinnen sind notwendig – besonders in zentralen Positionen“, betonte Brauße. „Wir müssen für sinnvolle Verstärkungen Geld in die Hand nehmen", sagte Vorstand und Manager Wickfelder. „Um mehr Zuschauer zu den Spielen der Lok-Damen zu locken, sind Doppelveranstaltungen mit der Herren-Mannschaft geplant.“ Im verflixten siebten Jahr gelang den Lok-Fußballerinnen endlich der Erstliga-Aufstieg. Jetzt wird beim 1. FC Lok Leipzig in Rekordtempo an bundesligatauglichen Strukturen gearbeitet. Trainerin Claudia von Lanken, einst deutsche Nationaltorhütern, ist die Aufsteigerin der Trainerinnen im WM Jahr 2011.
 
FC Lokomotive Leipzig

Bitteres Nachspiel
 
Kaum Stunden später nach der Meisterfeier der Hamburgerinnen in Leipzig erreichte die Mannschaft des HSV II inoffiziell eine verheerende Nachricht. Das Team der HSV II würde vom Vereinsvorstand beim DFB aus der 2. Bundesliga abgemeldet werden. Ersatzlos ohne wenn und aber. Die Spielerinnen erreichte die Nachricht im Bus auf der Heimreise. Die Fußballerinnen hatten alles gegeben. Jetzt diese ignorante Entscheidung.
 
Das schlug auf die Stimmung. Fazit: ungeschlagen die sportliche Meisterschaft in Saison 2010/2011errungen, nominell aber als fünfter Verein abgestiegen. Zum Hintergrund der Entscheidung sagte HSV-Mediendirektor Jörn Wolf: „Bei uns stehen derzeit alle Ausgaben für die neue Saison auf dem Prüfstand. Dabei wurde entschieden, bei den Frauen nur noch eine Leistungsmannschaft zu unterhalten.“ - „Bei einem multinationalen Konzern wäre so was sicher erklärbar, aber so ein Fußballverein ist doch eine personell überschaubare Unternehmung. Dies ist eine bittere Niederlage für die gesamte Glaubwürdigkeit des deutschen Frauenfußballs – so kann ein honoriger Männerverein nicht bei der Entwicklung des Frauenfußballs mit jungen erfolgreichen Sportlerinnen umgehen“, betonte Frauenfußballexperte Joe Blaha.
 
Krämergeist
 
Die Reduzierung der Ausgaben für eine sportlich erfolgreiche Frauenabteilung kommt kurz vor der Frauen-WM im eigenen Land völlig überraschend, wirkt ziemlich deplaziert und höchst frauenfeindlich. Mit dem vielbeschworenen Trend zu einem Professionalismus Dietri´scher Prägung hat diese Sparmaßnahme im großen Jahr des deutschen Frauenfußballs absolut nichts zu tun. So viel Krämergeist birgt auf Dauer die Gefahr, dass zukünftig ernsthaften Sponsoren abspringen werden, da man in den Chefetagen mit so einem schlechten Vorbild und konfusen Handeln überhaupt nichts zu tun haben möchte. Diese Aktion des HSV deutet somit an, dass die Mahnung von Turbine-Chef Bernd Schröder, die Erwartungshaltung hinsichtlich eines Wachstums im Frauenfußball nicht zu überdehnen, ernst genommen werden sollte. Man darf auf die Entwicklung der kommenden Tage und Wochen gespannt – und auch besorgt – sein. Die offensichtlichste Folge beim HSV ist: dessen Teams werden wohl numerisch nachrücken, sprich das Regionalliga-Team würde kommende Saison als HSV II auflaufen (in der Regionalliga Nord), die weiteren Frauen-Teams bekämen entsprechende Bezeichnungen.
 
Klassenverbleib
 
Die Sportredaktion der FAZ rechnet für die nächsten Jahre, blauäugig wie so oft, mit einem verstärkten Engagement der Klubs, die auch in der Männer-Bundesliga aktiv sind; dazu zählen neben dem HSV der VfL Wolfsburg, Bayern München, Bayer Leverkusen und der SC Freiburg. Jeder solide Frauenfußballverein, der sich seinen Nachwuchs mit guter Jugendarbeit entwickelt, weiß jetzt, dass die Großvereine der Männer-Bundesliga auf Dauer keine Sicherheit mehr darstellen können für einen erfolgreichen Aufbau fester verlässlicher Ligastrukturen. Auch hier irrte der vom „FFC Sonnenkönig“ stark beeinflusste Ligaausschuss der Frauen. Drei Tage später meldete der DFB auf seiner Homepage, dass der Hamburger SV seine 2. Frauen-Mannschaft zurückzieht. O-Ton der Nachricht: „Der Hamburger SV zieht die Bewerbung seiner 2. Mannschaft für den Spielbetrieb in der 2. Frauen-Bundesliga 2011/2012 zurück. Gemäß Paragraph 48 der DFB-Spielordnung rückt der HSV II somit ans Ende der Tabelle der 2. Frauen-Bundesliga Nord und steht als fünfter Absteiger der Saison 2010/2011 in die zugehörige Regionalliga fest. Dadurch entfällt das vorgesehene Relegationsspiel um den Klassenverbleib in der 2. Frauen-Bundesliga, zwischen den beiden jeweils drittletzten Vereinen der Staffeln Nord und Süd: Der BV Cloppenburg (Nordstaffel) und der FV Löchgau (Südstaffel) verbleiben somit in der 2. Frauen-Bundesliga.“

"Hamburg is calling"
 
Der Vereinswechsel der HSV-Trainerin Claudia von Lanken bekommt im Nachhinein eine neue Bewertungsgrundlage. Von Lanken bewies Übersicht. Der Ausverkauf bei der Frauenabteilung des Hamburger SV, immerhin Tabellenvierter mit der ersten Mannschaft in der 1. Bundesliga unter Trainer Feifel sowie Tabellenerster und Meister mit seiner zweiten Mannschaft in der 2. Bundesliga unter von Lanken  kann nun beginnen. Leipzigs Sportdirektor wird wohl die Chance nützen, weitere HSV-Spielerinnen zu verpflichten. Für den deutschen Vereinsfußball im Frauenfußball bedeutet diese Maßnahme des HSV-Vorstandes eine Kriegserklärung oder besser einen Offenbarungseid – das Telefon von Sportdirektor Jürgen Brauße hingegen klingelte pausenlos: „Hamburg is calling.“ Bereits am Samstag vor dem Endspiel gegen den HSV II hatte die kommende Trainerin Claudia von Lanken dem 1.FC Lokomotive Leipzig die Mittelfeldspielerin Jobina Lahr vorgeschlagen. Mit ihr kommt wie schon gesagt eine weitere Bundesliga-erfahrene Spielerin von Hamburg nach Leipzig, um den Verbleib in der 1. Liga zu sichern. „Ihr erklärtes Ziel ist es, sich zu einer Führungsspielerin zu entwickeln und mit der Mannschaft zusammenzuwachsen“, heißt es auf der Website der Leipzigerinnen. Die 20-jährige war zuvor beim 1. FFC Frankfurt II, Hamburger SV II und beim Hamburger SV im Einsatz. Leipzig nutzt die Chance und gibt jungen Spielerinnen ohne Starallüren bessere Chancen. Die Rechnung könnte für beide Seiten aufgehen.
 
Chaos-Verein
 
Der neu gewählte HSV-Vorstand will sparen. Er fängt mal gleich mit Etatkürzungen im Frauenfußball an. Ein Paradebeispiel dafür, wie man jahrelange Aufbauarbeit ganz schnell wieder vernichten kann. Eine Saison lang hat sich der Hamburger SV im Männer-Profifußball den Ruf des Chaos-Vereins hart erarbeitet, mit internen Querelen und fragwürdiger Finanz- und Personalpolitik. Die Frauen hatte das bislang nicht tangiert, die hatten ihre Arbeit gemacht. Der Erstligakader von Trainer Achim Feifel erreichte mit dem 4. Platz die bislang beste Platzierung in der Bundesliga. Durch den Wegfall der 2. Mannschaft verschwindet somit das Bindeglied zwischen Bundesliga und Nachwuchsarbeit. Dies ist ein fatales Signal für den Rückzug des Frauenfußballs kurz vor der WM in Deutschland, die ja eigentlich ein Sommermärchen werden sollte. Frauenfußballexperte Joe Blaha fand klare Worte: „Die Mädels verursachen minimale Kosten im Vergleich zu den Männermannschaften. Irgendwann hat sich doch jeder Sportverein auch dem Breitensport verschrieben. Es ist falsch verstandene Professionalität, sich nicht dem Nachwuchs zu widmen. Der Mädchen- und Frauenfußball braucht starke regionale Partner in Form von Sportvereinen. Die kann man nicht über Facebook organisieren. Der Großverein HSV will offensichtlich beiden Punkten nicht entsprechen. Dem Verein fehlt jegliche Anerkennungskultur.“ (PK)
 


Online-Flyer Nr. 301  vom 11.05.2011

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