NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Medien
Ergänzung zum Leserbrief an die Lokalredaktion der Frankfurter Rundschau
Feindbildlogiken
Von Markus Omar Braun

Die FR vom 21. April berichtete, wie man einem in dieser Ausgabe enthaltenen Leserbrief entnehmen kann, ausführlich über eine Kundgebung vom Vortage, zu der der bundesweit bekannte Islamprediger Pierre Vogel eingeladen hatte. Diese war nach einer Verbotsverfügung durch den zuständigen Dezernenten und entsprechendem Hinundher vor hessischen Gerichten per Eilentscheidung zustande gekommen. Sie wurde von Gegenkundgebungen begleitet und sorgte für großes Hallo. Da der Verfasser Text und Bildunterschrift in der FR als billige Bedienung eines rassistischen Feindbildes empfand(1), ergänzt er seinen Leserbriefder bis zum 26. April nicht veröffentlicht wurde, an dieser Stelle, an der mehr Raum dafür ist, mit einer weniger polemischen Diskussion.


dpa-Foto im FR-Artikel zu Pierre Vogel und Abu Ameena Bilal Philips (links)
 
Warum so viel Ärger über so wenig Worte?
 
Besagter Leserbrief  hängte die inhaltliche Kritik vor allem an einer gemeinen Bildunterschrift auf, die in der Druckausgabe der FR unter einem Foto einer Reihe kniender Muslime zu lesen ist: „Rechtzeitig noch ein Gebet, bevor Vogel predigt.“ Die inkriminierte Textzeile stieß deshalb auf, weil der Verfasser als Muslim weiß, wie sie ohne Spin lauten müsste, nämlich: „Besucher der Kundgebung verrichten das Nachmittagsgebet kurz vor ihrem Beginn“. Dabei ist zu beachten, dass die gezeigten Herren wahrscheinlich vor Beginn der entsprechenden Gebetszeit (zur Zeit in Frankfurt ca.17.30h, die Kundgebung sollte um 18.00h beginnen) ihr Heim verlassen hatten und daher gezwungen waren, vor der Kundgebung zu beten, da sie sonst durch das Verstreichen der Gebetszeit ggf. daran gehindert gewesen wären. Die abgedruckte Zeile fabrizierte aus diesem für Nicht-Muslime eher uninteressanten Faktum einen ironischen Kommentar, der unter anderem durch die Veränderung des Artikels vom bestimmtem zum unbestimmtem „ein“, der Einfügung des Adverbs „noch“ die religiöse Absicht der Betenden in ein Motiv zur Demonstration verkehrte. Hierbei ist die Unterstellung auch dann noch kritikwürdig, wenn sie sich inhaltlich bei dem einen oder anderen der dort Betenden als zutreffend erweisen sollte, was der Verfasser des Leserbriefs grundsätzlich auch gar nicht ausschließt. Wenn ich nämlich jemandem bei einer x-beliebigen Tat ein Motiv unterstelle, das für diese vielleicht sogar noch denkbar ist, da es zur selben äußerlichen Handlung führen könnte, klebe ich ihm etwas an, was ich nicht beweisen, er aber auch nicht widerlegen kann. Es handelt sich also um eine moralisierende, aber amoralische Redeform, die sich gut dafür eignet, Menschen ohne Beweis zu beschuldigen, und sie gerade dann in Bedrängnis bringt, wenn sie meinen, den geäußerten Verdacht entkräften zu müssen. Wer schnell lernen möchte, wie man in dieser Manier reden und denken lernt, höre und studiere ein paar Goebbels-Reden - dies allein eine Empfehlung, um diese Form des Diskurses meiden zu lernen...
 
Rassismus, damals wie heute dieselbe Logik
 
Welchen, das zeigt Dr. Sabine Schiffer vom Erlanger Institut für Medienverantwortung (IMV) in ihrer Arbeit, zuletzt auch in ihrem mit Constantin Wagner erarbeiten Buch "Antisemitismus und Islamophobie“. In dieser Untersuchung gelingt es den beiden Autoren, die Entwicklung des antiislamischen und antimuslimischen Diskurses durch einen Vergleich mit der Entwicklung des Judenhasses in der säkularisierten Form des Antisemitismus im Wilhelminischen Kaiserreich nachzuvollziehen. Ihre Untersuchung erweist, dass in der Entnazifizierung die negative Markierung der ehemals verfolgten Gruppe der deutschen und europäischen Juden erfolgreich deutlich gemacht und die Wiederholung dieses besonderen rassistischen Diskurses allein auf weltanschaulicher Ebene erfolgreich stigmatisiert und damit im wesentlichen unterbunden werden konnte. Leider trat dieser Erfolg aber nicht auf der dahinterliegenden Ebene der Logik rassistischer Opfermarkierung ein, so dass sich nun seit der Revolution in Iran – worauf Edward Said hingewiesen hat – eine erst schleichende, spätestens seit 2001 immer lautere antimuslimische rassistische Propaganda breit macht und das Denken weiter, leider auch gebildeter Kreise der Bevölkerung vergiftet hat.
 
Beim Rassismus ist der Rassismus das Problem
 
Warum nun im Leserbrief und auch hier kaum Kritik an Pierre Vogel? Um das, aber auch anderes, zu erklären, war im Leserbrief und ist hier der Verweis auf die Arbeit von Jane Elliott(1) gemeint, die sich naturgemäß mehr mit dem US-amerikanischen Problem der Diskriminierung der Afro-Amerikaner, aber auch der Native Americans, auseinandersetzt, zu betrachten zum Beispiel in "How Racist Are You?“ oder in dem Denkmal-Film von Bertram Verhaag "Blue eyed“ aus dem Jahr 1996.(2) Bitte mal anschauen, nicht nur muslimische, sondern auch Mitbürger osteuropäischer Herkunft zum Beispiel oder solche dunklerer Hautfarbe freuen sich über den Lerneffekt!
 

Jane Elliott - ehemalige Lehrerin
aus Iowa (USA), führt seit über
30 Jahren einen engagierten
Kampf gegen Vorurteile,
Ignoranz und Rassismus in ihrer
Gesellschaft. | Quelle:
http://weekendamerica.publicradio.org
Polemisch auf einen Punkt gebracht: Das Problem für die Gesamtgesellschaft stellen viel weniger die paar Radikalinskis der markierten Minderheit dar, sondern die schweigende Mehrheit in der Mehrheit. Die USA leiden und litten nicht so sehr unter "Nation of Islam" (die black community intern wahrscheinlich eher), sondern darunter, dass selbst unter liberalen Weißen viele rassistische Topoi (d.h. Sprachregelungen, Sprechweisen) immer noch nicht ausreichend geächtet sind. Und genauso will hier mancher sonst kritische Zeitgenosse den Rassismus in der oben zitierten Bildunterschrift der FR nicht bemerken – oder er kann es vielleicht auch einfach nicht, sei es aufgrund fehlenden Wissens oder fehlender Reflexion. Diese Blindheit für manchmal verdeckte rassistische Diskursebenen unter dominanten Mehrheiten ist ein großes Problem und kann einem Zerfressenwerden der Gesellschaft durch destruktive Ideologien die Bahn bereiten oder zumindest offenhalten. Darin liegt das wahre Problem, das wirklich alle angeht, und weniger bei Pierre Vogel und seinen Leuten.
 
Es sei übrigens dem Verfasser als einem Muslim, der in vielem nicht mit dieser Gruppe einverstanden ist, aus seiner genaueren Kenntnis der Sachlage erlaubt zu sagen, dass diese zur Zeit auf häufig verlogene Weise in der Öffentlichkeit dämonisiert wird, auch von unverantwortlichen Verantwortungsträgern in Medien, Parteien und Staatsämtern. (PK)
 
 (1) (4) "Fundamental getrennt",
http://mobil.fr-online.de/;s=w_0hgJaDtcMqCB1iYxd4BQ03/cms/home/frankfurt/fundamental-getrennt/-/4230952/8365076/-/view/asFitMl/-/index.html
Den FR-Text finden Sie auch in dieser NRhZ-Ausgabe, das erwähnte Bild nur in der FR-Printausgabe
(2) http://www.janeelliott.com/index.htm
(3) http://www.eyetoeye.org/de/film/index.shtml
 
Der Autor, Jahrgang '67, deutscher Herkunft, ist seit 1999 Muslim (praktizierend), Diplom-Mathematiker und lebt zur Zeit in Frankfurt am Main.

Online-Flyer Nr. 299  vom 27.04.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie