NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 8
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

In den folgenden Wochen bemüht man sich auch in den Stuben um etwas Wohnlichkeit.
In der Guten Stube hat Max die nackte Glühbirne mit einem Schirm aus Packpapier bekleidet, auf den er mit der roten Sepsotinktur Blumen gemalt hat. Einige Zeit später wundert er sich nur, daß die Blumen herausfallen, wie ausgestanzt. Die Desinfektionslösung hat sie herausgefressen. Eine Radikalkur für erkrankte Haut: einfach herausfressen.
An die Wand kommen zwei Kalenderblätter mit einer Kuhwiese und einer Alpenlandschaft im Winter, und in einer Ecke dienen die Aststummel eines entrindeten kleinen Kiefernstamms als Kleiderständer.
Max hängt über sein Bett ein Wandbrett auf zwei Nägel und verziert es mit einer Spitzenborte aus Papier. Dann will er drei Enden Dachlatte als Trittstufen zu seinem Bett an die Wand neben dem Bett nageln. Die zehnzölligen Nägel, die er hat, sind viel zu lang, aber kürzere hat er in der alten Werkstatt nicht auftreiben können. Außerdem hat er nur einen Treibhammer mit rundem Kopf, und die Wand federt wie verrückt.
Die Stubenkameraden nölen wegen des Lärms.
„Sind doch nur sechs Nägel!“ verteidigt Max seine Heimarbeit und versucht schnell damit fertig zu werden. Natürlich muß man auf die anderen Rücksicht nehmen, aber man darf auch nicht jeder Meckerei nachgeben, sonst ist man sehr schnell der Stiefelknecht für alle.
Max muß kräftig mit dem Hammer ausholen, obwohl der mit seinem runden Kopf dazu neigt, vom federnden Nagel abzurutschen. Dummerweise stützt sich Max Halt suchend mit der freien Hand gegen die Wand ab. Zwei Stufen und vier Nägel lang geht das gut, aber beim fünften Nagel passiert es: Der Hammer rutscht vom Nagelkopf ab und trifft voll das letzte Glied seines kleinen Fingers! Was passieren kann, passiert auch immer.
Max wird es schwarz vor Augen und er sieht Sterne! Der Hammer poltert zu Boden, Max hopst wie ein Moriskentänzer durch die Gegend und quetscht mit der anderen Hand den Finger zusammen, so sehr er kann, um eine ungeheure Blutblase zu verhindern. Der Finger kommt ihm platt wie eine Briefmarke vor.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: „Ist das der Festtanz zum Richtfest? Oder isses ’ne Woodoo-Beschwörung, damit die Latten nicht wieder abfallen?“
Max pustet auf seinen platten Finger, lutscht daran, quetscht ihn, sich auf die Lippen beißend, zusammen und preßt wütend hervor: „Wenn du nicht die Schnauze hältst, wird es ein Kriegstanz!“, welch kämpferische Äußerung man ihm nur aus Schadenfreude durchgehen läßt. „Ein Finger pro Nagel? Dann bleiben dir viere übrig.“ Und „Hopsassa, tralala ...“ versucht ein anderer seinen Verzweiflungstanz nachzumachen.
Emil steht aber auf, greift sich Hammer und Nagel und treibt diesen mit fünf gekonnten Schlägen in die Wand. „Ist wirklich Scheiße, mit so ’m Hammer“, sagt er versöhnlich. Und: „Man soll nie mit ’nem ungeeigneten Werkzeug arbeiten!“
Max verkneift sich eine Erwiderung.
Er lernt im Laufe der Zeit, wie man ein Werkzeug hält, wie man eine Zange anfaßt, ein Stemmeisen oder einen Schraubenzieher.
Die Feierabendbeschäftigungen sind vielfältiger Art. Frieda schneidet Reinhard Balke die Haare, das heißt er rasiert ihm die Glatze, die Balke zur Modefrisur erklärt hat.
„Weißte, Reinhard, es ist nicht einzusehen, daß ich euch alle für lau die Haare schneide! Ihr verdient euch mit Heimarbeiten ’ne goldene Nase, und ich verplempere meine freie Zeit, indem ich euch zu schönen Menschen mache. Einen Zehner müßtest du eigentlich rausrücken.“
„Was?“ empört sich Balke, „für ’n Zehner kriegste ja ’ne Dauer­welle! Bei mir machste doch ’ne Negativ­frisur.“
„Sei nicht so geizig, Reiner!“ mischt sich Tünnes ein. „Aber Frieda hat recht. Eine ehrliche Arbeit verdient auch ’n ehrlichen Lohn. Zehn ist aber viel. Sagen wir fünf. Fünf Francs für einen Haarschnitt, lang oder kurz. Einverstanden?“ Es folgt zustimmendes Gebrabbel, und Frieda zeigt sich zufrieden: „Also Reiner! Für fünf Francs wasche ich auch mit der Bürste nach!“
Balke fährt sich über die blanke Omme und kramt grunzend einen Fünffrancsschein aus der Tasche. „Nee, nee!“ weist ihn Ehrenfried zurück, „kein Lagergeld!“
„Aber anderes habe ich nicht“, verteidigt sich Balke. „Na, das mußte schon nehmen, Frieda!“ Und Frieda gibt sich schließlich auch damit zufrieden.

Karl Pfaffhausen näht sich eine Mütze, mit Schirm und Ohrenklappen, Modell ‚Gebirgsjäger‘. Pedantisch stichelt er Schneidernähte mit Zwirn, die halten hundert Jahre. Pfaffhausen ist an die Fünfzig, hager, mit schütterem Haar. Er geht immer leicht gekrümmt, als ob er Magenschmerzen hätte. Vielleicht hat er auch welche. Er hat eine bedenkliche Sprechweise und ein nervöses Lidzucken. Von Beruf ist er Eisenbahner und politisch Sozialdemokrat. Angesichts der Schwierigkeit von gesellschaftlichen Verbesserungen neigt er zu grüblerisch-kompliziertem Denken.
Die Mütze findet Anerkennung und Nachahmer. Willi Breitenbach spendiert eine etwas verschlissene, von Sonne und Regen gefleckte Zeltplane. Willi ist ein Maurer aus Hagen-Haspe, kräftig, bedächtig und hilfsbereit. Er macht nicht aus jeder Sache ein Geschäft und deshalb mag ihn jeder. Auch Max erwischt einen Streifen Stoff, paust bei Karl Pfaffhausen den Schnitt für die Mütze ab und bringt in den Abenden einer Woche einen ganz ansehnlichen Kopfschutz und -putz zustande.

Währenddessen ist Petrus Tanne dabei, eine Figur zu schnitzen.
Emil erkundigt sich neugierig: „Wird ’n das? So ’ne Art Nußknacker?“
Tanne macht die Sache spannend: „Nein.“
Emil bohrt weiter: „’n Kerzenhalter?“
Tanne bleibt stur: „Nein.“
Emil wird langsam ungehalten: „Mannchen! Brich dir nicht die Zunge beim vielen Reden.“
Tanne bequemt sich zu einer Auskunft: „Wird so ’ne Art Stehaufmännchen.“ Er stellt die halb fertige Figur auf den Tisch: „Heb mal hoch!“
Emil hebt die Figur an, sie erweist sich als beweglich und, hochgehoben, schnellt ein großer Penis unter dem Sakko hervor.
Emil erschrickt fast: „Ih Gottedoch!“ Dann lacht er und will das auch den anderen zeigen: „Guckt mal her, dem Tanne sein’ Männel steht sein Mann.“
Ehe die anderen das Kunstwerk bewundern können, fliegt die Tür auf, und Bodo Schmude und Robert Volack stürzen aufgeregt und abgehetzt herein. Schmude wirft einen großen Beutel auf den Tisch: „Hätte uns doch beinahe der Schweinehändler erwischt!“
,Mundraub‘ verstößt zwar nicht gegen den Ehrenkodex der Gefangenen, aber Emil ärgert sich immer wieder über die Leichtfertigkeit der Jungen: „Würde dir nischt schaden, wenn sie dich mal erwischen! Was bist du so blöde, im Nachbargarten zu klauen.“
Bodo verteidigt sich: „Wir waren erst unten am Fluß. Ist alles glattgegangen – Feigen, Tomaten, Auberginen, Zwie­beln ...“
Tünnes: „Zwiebeln können wir jut jebrauchen. Jib mir mal zweie ab für die Suppe.“
Bodo gibt ihm die Zwiebeln, mault aber: „Kannste ooch mal selber jehen!“
Das bringt Tünnes schnell auf die Palme: „Wann soll ich denn? Ich bekoche und bemache euch von morgens bis  abends, und ihr meckert auch noch rum! Das stinkt mir schon lange! Ihr habt nach der Schicht frei und könnt spazierenjehen oder für Bares malochen, und ich hocke hier und komme kaum vors Haus. Da kann bald mal ein anderer den Koch machen. Und dann noch ewig den Undank und das Jemecker! Ihr könnt euch ja ’n anderen Küchenbullen suchen.“
Die Drohung wird ernst genommen, denn die Stellung des Küchenbullen ist in einem so kleinen Kommando nicht beliebt. Die Verpflegungsmenge ist zu klein, als daß er etwas abzweigen könnte, alle können ihm auf die Finger sehen, und die räumliche Nähe läßt zu viel einzelne Wünsche und Nörgeleien zu. Also versucht man schnell, Tünnes zu beschwichtigen: „Nu nimm doch das Gequatsche nicht ernst!“ – „Wir wissen, daß du jut kochen kannst ...“ – „Vielleicht müssen wir dat orjanisieren, dat du für die Küche deinen Teil von den Einnahmen abbekommst.“
Tünnes beruhigt sich so schnell, wie er sich aufgepumpt hatte.
Bodo hat keine Lust, diese Diskussion weiterzuführen: „Die Feigen jedenfalls haben mir schon lange in die Augen jestochen.“
Max will sich eine Feige nehmen, aber Schmude klatscht ihm auf die Finger: „Du laß die Pfoten davon!“ Max zieht eine Grimasse.
Inzwischen kramt Robert allerlei aus seinem Beutel hervor: ein zerrissenes Hemd, eine zerschlissene Drillichjacke, eine Petroleumlampe ohne Zylinder, den Riemen eines Pferdehalfters, eine Nachtmütze mit Rüschen.
Robert ist im Zivilberuf Fleischergeselle, ein mittelgroßer Mann mit leichtem Fettansatz, gelichtetem rotblondem Scheitel und sanften, leicht schwammigen Gesichtszügen. Er ist gutmütig, offen und etwas naiv.
Er setzt sich die Mütze auf und tänzelt damit in der Stube umher: „Liebling, Süßer! Komm doch zu mir ins Himmelbett!“
‚Frieda‘ Külow ist gegen jede Art von Unregelmäßigkeit – wenn sie nicht von überzeugendem Vorteil ist. Das hat er aus einer strengen Lehre bei Friseurmeister Schimmelpfennig, bei dem jedes Haar aufgefegt werden mußte, sobald die Kunden den Laden verlassen hatten. Eigentlich hatte Ehrenfried Maskenbildner werden wollen, aber er wurde vorher eingezogen, und die noch freigestellten Schauspieler am Stadttheater Neuruppin mußten sich selber schminken. Als er Anfang der zwanziger Jahre ausgelernt hatte, war er sogar einmal für ein Jahr nach Frankreich gegangen, genauer gesagt ins Elsaß, fand aber die ständigen Auseinandersetzungen über die Abtrennung oder Annexion Elsaß-Lothringens zu ungemütlich und kehrte lieber wieder nach Deutschland zurück. Als Gewinn aus dieser Zeit verblieben ihm ein paar Brocken Französisch, die ihm jetzt das Leben erleichtern und eine gewisse Autorität sichern. Er mißbilligt Bodos und Roberts Beutezug: „Wo habt ihr ’n die Lumpen geklaut?“
Robert bindet sich den Riemen um den Bauch und zieht sich die Jacke über, die ihm viel zu groß ist: „Vom Boden des alten Hauses an der Fußgängerbrücke. Kann man doch noch gebrauchen.“
„Da wohnt doch die alte Cresson.“
„Na und?“
Balke: „Wenn die Alte ihre Jacke wiedererkennt, haben sie dich ganz schnell am Arsch! Lohnt sich das?“
„Die ist sicher noch von ihrem Mann.“
„Nee! Die hatte ’n Sohn, der ist umgekommen, als Partisan.“
„Oh Mann! Überall so ’ne Scheiße.“
„Das wird uns noch ’ne ganze Weile verfolgen!“ Reinhard Balke scheint Genugtuung über die Nemesis zu empfinden.
Max hatte noch nie Verständnis fürs Klauen. Er hat zeitig begriffen, daß man nicht alles haben kann, daß es aber auch nicht glücklicher macht, alles zu haben. Und vor allem, daß es auf die Dauer keine Befriedigung verschafft, sich fremde Dinge anzueignen.

Als er sechs oder sieben war, hatte er einmal beim Spielen von seiner Freundin Loni eine Rotte Zinnsoldaten mitgehen lassen (was müssen Weiber mit Soldaten spielen!), war dessen aber nie froh geworden. Solange es niemand bemerkte, konnte er kaum damit spielen, um sich nicht zu verraten. Und als es dann doch bemerkt wurde, konnte er erst recht nicht damit spielen, weil er sie zurückbringen mußte. Außerdem schämte er sich. Das hat er Loni nie verziehen.
In Max’ Klasse war es eine Zeitlang ein Sport, bei ‚Wool­worth‘ Trillerpfeifen, Jojos, Knackfrösche, Radiergummis und ähnliche Groschenartikel zu klauen, und wenn sie freitags zum Schwimmen in die Deutschlandhalle fuhren, galt es als Jux, auf dem Bahnhof Pichelsberg die etwas zurückgebliebene Budentrude nach Lakritze in den Hintergrund ihres Kiosks zu schicken, um ihr vorne Kaugummis und Pfefferminz zu klauen.
Aber Max ging es gegen den Strich, jemanden herein­zu­legen, der sich nicht zu wehren wußte.

*

Robert greift wie der Weihnachtsmann nochmals in seinen Sack: „Aber hier! Da werden euch die Augen tränen! Da wird euch der Geifer vom Zahn tropfen.“ Er zieht einen halb zerbrochenen Bilderrahmen hervor mit einem billigen Druck nach Bouchers „Der Traum“, einer nackten Frau im Bett mit wollüstig zwischen die Schenkel geklemmter Bettdecke.
Max hat zwar schon Bilder nackter Frauen gesehen, nie aber so einladende. Er denkt an den Aufklappmenschen im Brockhaus, eine Frau, deren Innenleben man schichtweise bloßlegen konnte, die aber leider zwischen den Beinen gestaltlos war, ein Nichts. Warum wird daraus so ein Gewese gemacht?
Jetzt drängen sich alle um das Bild. „Mann, das haut mich um!“ – „Da kriegt mein Schwanz Flügel.“ – „Das ist dir ein Hintern!“
Schmelzer bietet einen vorteilhaften Platz an der Wand an: „Das mußte hier schön in die Mitte hängen, wo alle was sehen können!“
„Die werd’ ich doch nicht euren geilen Blicken aussetzen“, tönt Robert. „Die kommt über mein Bette.“
„Nee, das wackelt mir dann zu sehr!“ protestiert Pfaffhausen, der unter ihm schläft, und die anderen amüsieren sich.
Tünnes teilt die Aufregung nicht: „Das sind doch Dämlichkeiten.“
Bodo Schmude verteidigt sich: „Wat is an der Dame dämlich? Die würd’ ick schon mal büjeln woll’n.“
„Wichsen wirste, weiter nischt“, kontert Tünnes.
„Selber ’n Wichser“, glaubt Schmude sich verteidigen zu müssen.
„Nimm dich bloß zusammen!“ Tünnes’ Stimme hat einen  dro­hen­den Unterton. „Ich meine die Klauerei über­haupt! Dat bringt doch nichts als Ärjer. Dat bringt uns bloß in Verruf. Das Dorf hält uns sowieso für Banditen, und wenn wir uns nicht anständig benehmen, wird sich dat auch nicht ändern!“
Emil wird philosophisch: „Benimm dich wie ein Mensch, dann wirste auch wie ein Mensch behandelt.“
Skroszny beteiligt sich nicht am Disput, sondern macht die ganze Zeit über sorgfältig Toilette, wobei er sich besonders den an den Schläfen wieder sprießenden Haaren widmet. Jetzt sagt er: „Du hast vielleicht Illusionen! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“
Balke mit in sich ruhender Trägheit: „Aber doch nicht beim Klauen! Du solltest mal in die Kirche gehen.“
„Ich wollte, ich hätt’ was zu beichten“, grinst Skroszny. „Aber wer weiß. Wenn ich Glück habe?“
Schmelzer kehrt seine Bildung hervor: „Merkur ist der Schutzpatron der Diebe.“
Schmude wird immer von seinen körperlichen Bedürfnissen beherrscht, in der Reihenfolge: essen, schlafen, Sex: „Soll’n se uns mehr zu essen geben!“
„Aber du klaust ja nicht bloß was zum Essen“, rückt Balke die Zusammenhänge zurecht.
Max ergreift Partei: „Ja! Das Klauen muß aufhören – außer vielleicht Tomaten und Zwiebeln und so was, davon haben sie ja genug.“
Schmude: „Das ist auch bloß Mundraub.“
Robert fühlt sich von Max angegriffen: „Willst du mir was vorschreiben?“
„Ich nicht.“ Max schaut sich um. „Aber vielleicht werden wir uns alle einig ...“
„Übernimm dich nicht“, spöttelt Skroszny.
Inzwischen ist auch Petrus Tanne aus der Küche herein­gekommen und vermutet ein Forum für eine kleine Agitation: „Wir sind doch die Ausgebeuteten! Die herrschenden Eigen­tums­verhältnisse erfordern eine Umverteilung des Reichtums zugunsten der Besitzlosen!“
Tünnes verdreht die Augen: „Wo haste denn dat her?“
„Alle haben das Gleiche, alle kriegen das Gleiche!“
„Und wie willste dat machen?“
„Die Revolution muß kommen! Wie in Rußland 1917.“
„Mann! Wie Rußland aussieht, haben wir doch gerade erlebt! Wir sind doch gerade aus einem Schlamassel raus. Nun laß uns doch erst einmal Luft holen!“
„Aber jetzt ist die Gelegenheit! Alles ist im Umbruch, alles ist ungewiß, alles kann sich verändern!“
Emil ist Realist: „Und du bist das strahlende Abbild der neuen Weltordnung, in der faule Köppe wie du überhaupt nicht mehr arbeiten! Der Krieg ist mehr als ein halbes Jahr vorbei, und irgendwann müssen sie uns nach Hause lassen. Dann werden wir sehen, was wir machen können. Aber ich will auch bis dahin schon ein bißchen wie ein Mensch leben. Wenn du das begreifst! Ich meine“, und hier wendet er sich an Bodo Schmude und Robert Volack, „das Klauen muß aufhören! Jedenfalls von anderen Sachen als Obst und Gemüse. Und ein bißchen mehr Ordnung inne Bude würde auch nicht schaden.“
Skroszny hat keine Lust, sich nach fünf Jahren Kommiß und Krieg wieder Regeln zu unterwerfen: „Ich hab’ von preußischer Ordnung die Schnauze voll!“
Hier mischt sich auch Konrad ein, ein Bauer aus Franken, groß, hager, zäh und wortkarg: „Wir müssen doch nicht wie Schweine und Banditen leben! Wegen solcher Lumpen ziehen sie uns noch einen Zaun ums Haus und stellen uns einen Posten vor die Tür. Lohnt sich das? Paar Kastanien könnt ihr ja klauen. Sind ganze Wälder davon da. Meinetwegen auch Tomaten und Weintrauben und so – wenn ihr nicht die Beete zertrampelt. Wird sich keiner groß aufregen darüber. Aber den anderen Mist laßt sein!“ Konrad redet selten und nicht viel. Aber seine Worte haben Gewicht, seine Gesten sind karg und griffig. Er bemüht sich nicht um Wirkung, doch er ist eine Autorität, wenn auch Leute wie Skroszny oder Schmude das nicht akzeptieren wollen.
Frieda sucht nach einer praktischen Lösung: „Wir sollten einen Lagerältesten bestimmen, der bei Mauser oder dem Ingenieur für uns alle spricht, und einen Stubendienst einrichten, jeden Tag ein oder zwei Mann. Und wenn’s Probleme gibt, wenn einer Ärger hat oder Dämlichkeiten macht, dann reden wir alle darüber.“
Ein erregtes Gebrabbel setzt ein, und die Meinungen prallen aufeinander.
Skroszny sind solche Arrangements lästig: „Nehmt euch mal nicht zu viel vor.“
Max ist immer sehr für Ordnung (vielleicht ein bißchen zu viel): „Klar! Ich bin für Tünnes!“
Tünnes wehrt ab: „Enä! Nun mal nicht einer für alles. Wenn ich die Küche mache, kann ich nicht auch noch Stubenältester sein.“ Er versucht, den verschlossenen Balke aus der Reserve zu locken: „Was ist denn mit dir, Reiner?“
Der wehrt phlegmatisch, aber entschieden ab: „Besser ist einer, der Französisch kann. Also doch Frieda?“
Ehrenfried Külow fühlt sich geschmeichelt, ziert sich aber ein bißchen, auch im Hinblick auf die zu erwartenden Auseinandersetzungen: „Meine paar Brocken Französisch,  besser wäre jemand, der von allen respektiert wird, wie Tünnes. Oder Konrad.“
Der schüttelt gleich den Kopf: „Das soll mal einer machen, der flotter mit dem Mundwerk ist!“
Und Tünnes wiederholt ärgerlich: „Willste inne Küche jehn? Ich hab’ doch eindeutig jesacht, dat ich nich’ in Frage komme! Also zier dich nicht so, Ehrenfried! Ob wir dich respektieren, dat hängt davon ab, wat du machst.“
Reiner Balke nickt Zustimmung: „Wir entscheiden doch sowieso gemeinsam. Du bist aber der Sprecher, und du mußt dafür sorgen, daß die wichtigen Fragen aufs Tapet kommen. Na, was ist?“
Als auch Emil und die anderen zustimmen und ihm zureden, entschließt sich Frieda, die Wahl anzunehmen: „Also gut. Fangen wir mit dem Begehrtesten an, mit dem Stubendienst. Am besten gleich heute, dreckig genug ist es ja. Tünnes scheidet aus, alphabetisch ist Reiner Balke dran.“
Balke protestiert: „Ja, ja. Das kenn’ ich! Immer wenn’s nach dem Alphabet geht, bin ich als erster dran. Fangt mal von hinten an: Hein Skroszny!“
Skroszny ist gerade mit seiner Toilette fertig und will gehen. Er wehrt pomadig ab: „Ihr könnt mich mal! Ich hab’ was vor. Ich werde nicht euren Dreck wegkehren.“
Emil hat keinen Respekt vor seinem bulligen Landsmann: „Ist auch dein Dreck! Aber du bist ja ein so feines Kerlchen, du könntest dir die Fingerchen schmutzig machen! Faß bloß nicht den Besen an! Wirst dir einen Zacken aus der Krone brechen.“
Skroszny ärgerlich: „Du halt dein Maul! Sonst kriste eins drauf.“
„Was anderes fällt dir nicht ein, hä? Statt wie ein Mensch mit uns zu reden.“
Skroszny will im Moment nur weg: „Herrgott! Ich sage ja nicht, daß ich nicht auch mal Stubendienst mache – bloß heute paßt es mir nicht.“
Max will den unproduktiven Streit beenden: „Gut! Ich fange an. Machste mit, Bodo? Stellt eure Stiebel und Klamotten aufs Bett, damit ich ausfegen kann.“
Skroszny stänkert noch ein bißchen: „Na, seht ihr? Max macht das gerne: Warum willst du den Stubendienst nicht ganz übernehmen? Dann gibt’s überhaupt keine Diskussion mehr.“
„Na klar! Ich putze auch deine Schuhe. Zieh sie aus, damit ich sie teeren kann.
Während Skroszny geht, gibt ihm Frieda noch auf den Weg: „Denke nicht, daß du damit raus bist! Wir machen jetzt nach dem Alphabet weiter: Külow, als wie ich, Lehmbäcker, Schmude, Skroszny ...“
Bodo Schmude ruft ihm noch nach: „Grüß Madame Mauser schön!“
Skroszny wirft ihm einen Handkuß zu und verschwindet.


Lesen Sie die Fortsetzung des biografischen Romans in der kommenden Ausgabe, oder - bequemer - bestellen Sie das Buch bei edition winterwork

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 301  vom 11.05.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie