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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 4
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Der Zug rattert durch die Landschaft, immer westwärts. Er bleibt stehen und rattert weiter, drei Tage lang, drei Nächte, vier ...
Es ist Anfang Oktober, das Wetter ist mal sonnig, mal trübe und meistens kühl. Mal gibt es etwas zu essen, mal nicht. Manchmal darf man austreten gehen, meistens stinkt es im Waggon.
Die Gespräche werden verkniffener, die Gerüchte wilder. Nachts erwacht Max von einer halblauten Auseinandersetzung. Frömmich ist im Schein eines Bunkerlichts schwitzend dabei, mit dem Blatt einer Eisensäge ein Bodenbrett durchzusägen. Ein Gefangener mit den Abzeichen eines Rechnungsfeldwebels redet flüsternd heftig auf ihn ein: „Wenn das Brett raus ist, kriegen sie uns doch alle am Arsch! Da sind wir alle dabei!“
Frömmich bleibt gelassen: „Kannst ja auch abhauen.“
Der Rechnungsführer ereifert sich: „Bin ich blöde, jetzt abzuhauen? Es dauert nicht lange, und wir kommen nach Hause. Die Entlassungspapiere sind ausgefertigt, sagt der Transportführer. Wenn ich jetzt geschnappt werde, verderbe ich mir doch alles!“
„Du bist wirklich blöde, aber da kannst du nichts für.“
Der Rechnungsführer versucht, Frömmichs Arm festzuhalten: „Hör auf, Mensch!“
Frömmich schiebt die Hand gelassen beiseite: „Sag nicht noch mal ‚Mensch‘ zu mir, du Filzlaus!“ Max ist müde und schläft wieder ein, erwacht aber irgendwann, weil der Zug steht. Anstelle des Brettes ist im Boden ein Loch. Frömmich ist weg, auch Malich ist verschwunden!
Max schreckt hoch und fragt den Rechnungsführer: „Wo ist denn der Obermaat hin?“
„Der ist ausgestiegen.“
„Jetzt gerade, hier?“
„Nee, schon vor ’ner Viertelstunde, als der Zug ganz langsam fuhr. Das sind vielleicht Kameraden! Die kratzen die Kurve, und uns werden sie deshalb am Arsch kriegen.“
Ein Nachbar phlegmatisch: „Nu, mach dir man nicht die Hosen voll.“
So eine Sauerei! Malich ist abgehauen und hat nichts gesagt! Max’ Gedanken wirbeln durcheinander: Soll er hier schnell noch rausklettern? Soll er versuchen, Malich zu finden? Das ist Wahnsinn! Sich allein auf die Achse machen? Wo sind wir denn hier? Nichts zu essen, nichts zu trinken ...
Von draußen hört man Schritte und Satzfetzen: „How long will it stop, this fuckin’ train? We’re already about fifty hours on the way.“ – „Shall we take ’em out?“ – „No! Shall they shit in their ponts.“ Also die Amis sind auch in der Nähe!
Inzwischen hört man die Schläge der Kupplungen, der Zug ruckt an und nimmt wieder Fahrt auf. Jetzt sorgt Max sich um das Loch im Boden: „Wo ist denn das verdammte Brett?“ Der Rechnungsführer sitzt seelenruhig darauf. „Na los! Wir müssen es wieder reinklemmen.“
Irgendwie gelingt es, das Brett halbwegs zu befestigen. Frömmich hat es schräg durchgeschnitten, so daß es oben breiter ist und fest aufliegt. Nur nicht drauftreten!
*

Am vierten Tag werden sie aus den Waggons geholt. Trübes Oktoberwetter, eine verlassene Station in einer unwirtlichen Berggegend, zerfurchte, geröllbedeckte graubraune Hügel, kaum Vegetation. Die Ausläufer der Pyrenäen.
Sie werden zu einer Marschkolonne zusammengetrieben und latschen eine Schotterstraße empor, die sich um den Bergrücken windet. Max’ Seesack, etwas erleichtert, trägt sich ganz gut. Andere schleppen stöhnend Tornister, Koffer, Bündel von Umzugsgut mit sich, das sie nach Hause, ins notleidende Deutschland mitnehmen möchten. Das zerrt ihnen die Arme lang, schlägt ihnen gegen die Beine, treibt ihnen den Schweiß auf die Stirn und wird niemals das ferne Ziel erreichen.
Max denkt zurück an Bremerhaven, wo sie, aus Norwegen kommend, in der Hitze der letzten Septembertage von den Engländern kilometerweit um das ganze Karree des Gefangenenlagers getrieben wurden. Manche Kameraden brachen unter dem Haufen zusammengeklauter und erhandelter Habseligkeiten fast zusammen.
Der Ort Roquefort liegt oberhalb der Bahnstation, scheinbar willkürlich auf die Hügel gebrockt. Mit dem berühmteren Käse hat er nichts zu tun. Die Häuser sind einfach und erscheinen grau und einfallslos. Bewohner sind kaum zu sehen.
Max mokierte sich darüber, daß an einem Gebäude „Hopital“ steht. Anscheinend können sie nicht einmal „Hospital“ richtig schreiben! Seine Französischkenntnisse umfassen zu dieser Zeit die drei Worte ,bonjour‘, ,madame‘ und ,baiser‘. Sie schlurren durch den Ort weiter bergauf.
Das Lager, ein ehemaliges Gehöft, liegt weit oberhalb des Ortes. Ein hoher Stacheldrahtzaun umschließt Hof und Gebäude. Sie werden in einen Stall getrieben, wo sie ihr Gepäck ablegen und sich eine Strohschütte machen können. Sie haben Hunger. Aber noch mehr Hunger haben die, die schon ein halbes Jahr hier sind. Sie sehen ausgemergelt und zusammengefallen aus, besonders ältere Männer von vierzig oder fünfzig, die nicht auf das Rauchen verzichten können. Es gibt nur eine Zigarette pro Mann und Tag, in Form von Preßtabak, kleinen Würfeln in braunem Papier, aus denen sich bei gutem Willen dreißig rachitische Zigaretten drehen lassen.
Max raucht nicht. Bei der Kriegsmarine hatte er täglich zehn Overstolz in Tropenpackung bekommen und einen Teil davon auf der Langen Linie, der Pier in Kopenhagen, gegen Eier getauscht. Eine Zigarette brachte zwei Eier. Zu dieser Zeit aß er zusätzlich zur Bordverpflegung jeden Tag fünf Spiegeleier. Schließlich wollte er groß und stark werden. Hier kann er nicht bedauernswerten Kameraden ihr Essen wegnehmen, selbst wenn sie darum betteln und auf einen Tausch drängen.
Innerhalb des Stacheldrahts gibt es kein grünes Blatt. Alles ist aufgefressen. Man erzählt sich, die amerikanischen Posten hätten zum Spaß die Reste ihres Essens am Zaun auf die Erde geschüttet und sich amüsiert, wenn Gefangene sie wieder aufgekratzt hätten. Jetzt sind hier französische Posten, die ihre Kippen, manchmal sogar halbe Zigaretten, an den Zaun werfen. Die Raucher raufen sich darum, sie auflesen zu können.
Die Stimmung im Lager ist trostlos. In grauer Luft, auf einem grauen Hügel, unter grauem Himmel ein zugiger Kuhstall mit halbverfaultem Stroh. Kaum fünfzig Meter im Quadrat Bewegungsfreiheit. Eine wäßrige Suppe oder ein undefinierbarer Eintopf, ein halbes Kochgeschirr voll. Keine Nachricht von zu Hause, keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Langeweile und die unausweichliche, zunehmend unerträgliche Nähe von hundert Männern, die immer gereizter und rücksichtsloser werden. Dazu die ewig gleichen und ewig neuen Gerüchte von baldiger Entlassung, verstiegene Zukunftspläne, ständig wiederholte genüßliche Erinnerungen an Schlemmereien. Sexuelle Phantasien haben hier wenig Nahrung. Sie werden vom Magenknurren erstickt.
Max träumt von einem Leben erlöst von dieser Trostlosigkeit. Seine Träume sind bescheiden. Etwa am Rande eines Weges zu irgendeinem sonnigen Ort einen Apfel zu finden, oder eine Zwiebel im Vorgarten, die er zu seinem trockenen Brotkanten essen würde. Oder etwas Nützliches tun, vielleicht einen Karnickelstall bauen, um anschließend zu Kartoffelsuppe und Würstchen eingeladen zu werden.
Dann hört er, daß man sich zur Arbeit außerhalb des Lagers melden kann. Manche sagen: „Ich arbeite doch nicht freiwillig für die Franzosen!“ Aber haben sie eine Wahl? Wollen sie im Lager verrotten? Lieber raus, irgendwas tun, unter Menschen kommen, etwas sehen, etwas erleben – und vielleicht einen Apfel und eine Zwiebel finden.
Max meldet sich freiwillig zur Arbeit. Zu welcher, kann er nicht auswählen. Vielleicht wird später irgendein Armleuchter sagen, daß er das ja nicht hätte tun müssen. Daß er sozusagen freiwillig für Frankreich gearbeitet hätte. Aber das ist nicht sein Problem. Dann arbeitet er eben freiwillig für Frankreich. Er sortiert seine Habseligkeiten, prüft einen schon trockenen Kanten eines Baguettes und polkt ein paar Krümel ab, die er in den Mund schiebt. Er schaut in seine Zigarettenbüchse und verschließt sie wieder.
„Bereitest du deinen Abgang vor?“ Max schaut auf, ein Kamerad spricht ihn an, der sich mühevoll eine dünne Zigarette dreht, mehr Papier als Tabak. Als Max den dünnen Glimmstengel sieht, hält er ihm die halbvolle Büchse hin: „Hier, nimm!“
Der andere will erst zugreifen, schüttelt dann aber den Kopf und packt seine Selbstgedrehte vorsichtig in die Schachtel zurück: „Nee, danke vielmals! Ich will sowieso aufhören zu rauchen …“
Max zuckt die Schultern: „Na, dann nicht!“
Der andere hält ihm die Hand hin. Sie sieht kräftig und zupackend aus: „Ich heiße Willi. Ich will auch raus aus diesem Freigehege.“ Willi ist mittelgroß, aber muskulös, mag fünfunddreißig Jahre alt sein, hat schon einen gelichteten Scheitel und spricht langsam und bedächtig. Etwas verwundert betrachtet er den jungenhaften Max: „Wie kommst du denn schon unter die Matrosen?“
„Mit fünfzehn Luftwaffenhelfer. Dann Arbeitsdienst, Kriegsschule, Flotte. Und du?“
Willi: „Maurer. Mit siebenunddreißig Wehrdienst als Mot.-Schütze. Am Ende gleich einbehalten – Polen, Karelien, Frankreich. Jetzt will ich nach Hause, nach Hagen-Haspe.“
Max: „Ich nach Berlin, bei Falkensee. Oder umgekehrt.“
Willi schüttelt ihm die Hand. „Da haben wir fast einen Weg ...“
 
Drei Tage später wird ihm abends befohlen, sein Bündel zu packen. Gemeinsam mit Willi und einem Dutzend anderer Gefangener klettert er auf einen Zweieinhalbtonner Renault mit stumpfer Schnauze und Plane. Ein Posten steigt mit auf. Auf die Ladefläche sind zwei Bänke montiert.
Sie fahren in den Abend, in die Nacht, die Nacht hindurch und noch in den Tag. Wohin es geht, erfahren sie nicht.
Die Straße führt kurvenreich bergauf. Solange es hell ist, können sie durch die Öffnung der Plane Fetzen der Landschaft sehen, steinige, kümmerlich bewachsene Hänge. Später nimmt der Bewuchs zu, im schwindenden Licht kann man Brombeerbüsche und Heckenrosen erkennen, an denen immer noch Blüten leuchten.
Was immer sie sehen, es ist tröstlicher als das graue, öde Karree des Lagers. Bald deckt die Dämmerung die Farben zu, die Nacht breitet ihr dunkles Tuch über die Landschaft, die Konturen verschwinden, nur ab und zu zieht in der Finsternis ein Licht vorbei.
Der Lkw rattert und schlingert unbeirrt seine Strecke. Die Männer tauschen noch ein paar Bemerkungen, äußern Erwartungen, Hoffnungen, rücken sich aber bald so gut es geht zurecht und dösen sich in den Schlaf.
Sie erwachen am zeitigen Morgen, weil der Lkw hält und der Posten sie zum Pinkeln hinausläßt. Nebel liegt über den Tälern, es ist ein frischer Oktobermorgen. Sie fahren weiter und nehmen ihr opulentes Frühstück ein: einen Kanten Brot, ein Eckchen Käse, einen Schluck kalten Muckefuck aus der Feldflasche. Der Posten frühstückt kaum anders, nur hat er anstelle des Käses ein Büchschen mit einer Art Leberwurst und anstelle des Muckefucks eine Flasche mit rotem Wein. Nachdem er gefrühstückt und getrunken hat, bietet er den Gefangenen die restliche halbe Flasche an: „A votre santé!“ Sie lassen die Flasche reihum gehen: „Prost!“ – „Danke!“ – „Zum Wohl!“ – „Santé.“ Die leere Flasche schleudert der Posten in den Straßengraben.
Der Nebel verzieht sich, die Sonne bricht durch, und die Landschaft wird zunehmend freundlicher. Wälder mit gilbendem Laub, gelegentlich Pinien, schmale Handtücher von Weinbergen an Hängen, dazwischen hingebrockt kleine Dörfer, die Häuser rebenumrankt, mit winzigen terrassenförmigen, noch dicht begrünten Gärten, geschützt durch Mauern aus Bruchsteinen.
Es geht immer weiter durch die Berge. Bewachsen sind sie teils mit blütendurchwirktem Maquis, teils mit dichten Kastanienwäldern, die noch voll grüngolden belaubt sind.
Am frühen Nachmittag heißt es: „C’est fini! Nous sommes arrivés! Descendez!“

*

Sie hopsen vom Lkw, recken die steifen Glieder und stehen in einem idyllischen Bergdorf. Collet-de-Dèze, erfahren sie später. Die Berge ringsum sind die Cevennen. Die Straße verläuft am Hang, das Dorf ist hangauf und hangab an ihr aufgereiht. Oberhalb der Straße verläuft eine Kleinbahnstrecke, die mehrfach unter den Ausläufern der Berge hindurchtaucht. Talwärts sieht man ein breites, ausgetrocknetes Flußbett, zur Zeit nur von einem schmalen Rinnsal durchschlängelt, aus dem sich ein kleiner Bergkegel mit einem Kirchlein erhebt, das von einer Zwiebelkuppel behütet wird.
Die Hänge sind voller Kastanienbäume, die Weinstöcke vor den Lauben der Häuser tragen vereinzelt noch Trauben, Rosen blühen und Dahlien. Und das Licht! Das frühherbstliche Gold der Sonne, das die Farben vor dem Winter noch einmal aufleuchten und das Silber des Flüßchens noch einmal aufblitzen läßt! „Oh Mann!“ stöhnt Willi und reckt die steif gewordenen Glieder. „Hier kann man’s ein Stündchen aushalten!“
„Wenn auch ein paar nahrhafte Eindrücke dabei sind“, ergänzt Max.
Unterhalb der Straße steht ein zweistöckiges graues Gebäude, dem Anschein nach eine Schule. Oberhalb, vor dem Berg, in einer kleinen Senke voller Geröll, Gerümpel und verfilzter Brombeersträucher, ein aus Schichtgestein gebautes, halb verfallenes Wohnhaus. Keine Zäune, kein Stacheldraht.
Aus dem Haus sickert ein halbes Dutzend abgerissener Gestalten, die neugierig durcheinanderquatschen: „Grüß Gott, Kameraden! Willkommen in der Rattenburg. Wo kommt ihr denn her? Wart ihr in Alès im Lager?“ – „Roquefort, bei Mont-de-Marsan? Wo is ’n das?“ – „In den Pyrenäen.“ – „Und wo wart ihr vorher?“ – „Habt ihr Verpflegung mit?“ – „Habt ihr nicht was zu essen für uns?“ fragt einer der Neuen, im voraus enttäuscht.
Ein untersetzter Matrose, oder jedenfalls einer in einer Marinejacke, mit kantigem Bürstenschädel und seltsam kleinem Mund, wie sich herausstellt der Lagerkoch, gibt Auskunft in singendem Kölsch: „Ja, et jibt wat zu essen. Wat Brot is jekommen und Roquefort – mit Fleisch.“ Tünnes Dünnwald, so heißt er, war Decksmann bei der Rheinschiffahrt.
Aus dem Haus ist inzwischen auch ein Zivilist mit einem uralten Karabiner herausgekommen, dem der Posten eine Liste und damit offensichtlich den Neuzugang übergibt. Dann winkt er den Gefangenen: „Salut!“, und klettert in das Fahrerhaus des Lkw. Der wendet und macht sich auf die Rückfahrt. Der Zivilist tritt an die Neuen heran und weist auf sich: „Moi, Marcel.“ Dann erklärt er mit einer das alte Haus umfassenden Geste: „Haus gutt!“ Er weist auf die Umgebung und erklärt weiter: „Nix Haus, nix gutt!“ Dann zeigt er auf den Kölner Matrosen: „Tünnes va vous expliquer tout. Tünnes euch alles erklär! Et puis, rentrez.“
Tünnes nickt wie „Hör auf mit deinem Gequatsche!“ und erklärt den Neuen: „Also – ihr könnt euch hier, im Haus und auf dem Grundstück, frei bewegen, aber ihr dürft dat Grundstück nit allein verlassen – wat meint, ihr dürft euch nit erwische lasse. Dat erkläre mir euch noch jenauer. Zur Mine und woanders hin muß der Posten mitjehn. Is allet halb so schlimm.“
„Zur Mine?“ fragt einer.
„Ja, wißt ihr dat nit? Mir arbeiten in einer Antimonmine.“
„Was ist Antimon?“ will Max wissen.
„Dat is ’n Metall, wat aber bei uns bloß als Pulver vorkommt, als Antimonoxyd. So ’n grauet oder rötlichet Pulver.“
„Und dat is jiftig!“ trägt ein langer Dünner mit sorgfältig gestriegeltem Blondhaar zur Unterhaltung bei.
„Aber dat is halb so schlimm“, wiegelt Tünnes ab.
„Du has’ ja damit auch nich viel zu tun! Du büs ja ooch de Koch!“ entwertet der Dünne, er heißt Sieghelm Welle, Sigi genannt, Tünnes’ Urteil.
Tünnes ist empfindlich: „Wenn du wills’, kannste jerne mit mir tauschen! Denkste, et is ’n reinet Verjnüjen, euch Meckerköppe von morjens bis abends zu bekochen?“
An die Hauswand gelehnt, sitzt auf einem alten Küchentisch ein etwa fünfzigjähriger langer, ausgemergelter Mann, der wie das leibhaftige Elend aussieht. In seinem Gesicht strebt alles nach unten: dicke Tränensäcke, eine tropfenförmige Nase, schlaffe Wangen und von der Halbglatze herab eine einzelne Haarsträhne. Ein langärmeliges grünes Militärunterhemd hängt über seiner zerrissenen Drillichhose, aus der, als er sich erhebt, buchstäblich sein nackter Hintern hervorleuchtet. Auf dem Rücken der Kommißjacke, der zwei Knöpfe fehlen und deren eine Taschenklappe abgerissen ist, steht mit weißen Buchstaben ,P. G.‘, prisonnier de guerre. Seine bloßen Füße stecken in klobigen Schuhen aus Schweinsleder, die nicht zugeschnürt sind, weil die starre Holzsohle sonst jede Bewegung des Fußes verhindert. Am Hals und an den Hand- und Fußgelenken hat er einen übel aussehenden scharlachroten Ausschlag. Er stellt sich vor: „Ich heiße Petrus Tanne und bin der Prophet des heiligen Kropotkin!“
Mit boshafter Genugtuung belehrt er die Neuen, deutlich akzentuierend: „Ihr seid unter Umgehung der Traufe direkt in die Scheiße gekommen. Dank unserm ‚Gröfaz‘!“
Max weiß mit dem Wort nichts anzufangen: „Was ist denn ‚Gröfaz‘?“
Der Klapprige starrt ihn an wie ein Kalb mit zwei Köpfen: „Wo kommst du denn her? ‚Gröfaz‘ heißt ‚Größter Führer aller Zeiten‘.“
Tanne ist ein Anarchist der liederlichen Sorte. Er versteht unter Anarchismus in erster Linie das Recht zum Bummeln und Faulenzen. Ursprünglich war er Buchhalter in einem jüdischen Kostümverleih und überzeugter Sozialdemokrat, preußisch-korrekt und pedantisch, dann wurde er das Opfer der Nazis sowie einer untreuen Ehefrau und eines schönen, jüdischen Hilfsbuchhalters, die als schottisches Aristokratenpaar verkleidet unter Mitnahme der Monatskasse durchbrannten, was man Tanne anlastete und weshalb man ihn unter Einbehaltung seines fälligen Monatslohns feuerte. Das hat ihn zum Anarchisten gemacht und als solcher trägt er die ideologische Fahne des Fürsten Kropotkin vor sich her. Eigentlich hat er mit dem Fürsten Kropotkin wenig zu tun, aber es hört sich gehobener und gebildet an.
Tünnes schneidet ihm jetzt das Wort ab: „Du kanns’ deine Agitation später fortsetzen!“, und fährt mit seiner Einweisung fort: „Bringt erst emal eure Klamotten rein.“
Mit kurzem Blick wählt er sich aus dem Haufen zwei Neue aus und weist auf Max und einen halbwegs gepflegt wirkenden, etwa fünfunddreißjährigen bulligen Blonden, der Max unterwegs durch eine Art phlegmatisch-gemütlicher Grobheit aufgefallen war: „Du und du, ihr könnt noch zu uns in die ‚Jute Stube‘, rechts herum, die anderen jehn da links herum in den ‚Tanzsaal‘. Sucht euch eene Koje aus, und dann könnt ihr euch Strohsäcke stopfen, Stroh liegt im Schuppen hinterm Haus. Jeder kriegt eine Decke von mir, inne Küch.“ Er wendet sich ab, dann fällt ihm noch etwas ein: „Ach eja! Falls ihr unbedingt auf den Boden klettern müßt“, er weist auf das Dach des Hauses, „dann paßt auf, dat ihr mir nich in die Suppe fallt; die Dielen sind janz morsch! Und ihr müßt den Schlamassel allein wieder aufräumen! Da oben ist aber nix zu holen.“

*

Die ‚Gute Stube‘ ist etwa fünf mal fünf Meter groß, die Wände, grob verputzt und gekalkt, haben Wasserflecken. Der Boden besteht aus breiten rohen Dielen mit faustgroßen Astlöchern, durch die man in einen finsteren Keller blicken kann, wo man Gerümpel und Abfälle vermutet. Die Holzdecke wird von dicken Balken getragen. Es gibt ein Fenster und zwei Türöffnungen, von denen eine ins Freie, die andere in die Küche führt. Hinter einem dritten Durchgang ist scheinbar eine fensterlose Nische.
Im Raum stehen vier Doppelstockbetten, ein alter Küchentisch, zwei Bänke ohne Lehne und drei oder vier Schemel. Über einem Bett ist eine Holzkiste an die Wand genagelt und dient offenbar als Schrank, über einem anderen Bett trägt ein Wandbrett das gerahmte Foto einer hübschen dunkelhaarigen Frau mit Kind, ein Marmeladenglas mit einer Blume, einen Rasierpinsel und eine bunte Keksschachtel.
Eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke und umreißt die Konturen der Gegenstände. Ein Anflug von Gemütlichkeit lädt ein, sich einzurichten.
Max beeilt sich, in die Gute Stube zu kommen, um einen möglichst günstigen Platz zu ergattern. Schließlich ist es nicht gleichgültig, ob ein Bett etwas geschützt in der Ecke steht oder in den Raum hineinragt, so daß jeder seine Klamotten dort ablegen oder sich zum gemütlichen Plausch darauf niederlassen kann, was bei jeder Gelegenheit zu Ärger und Streit führt. Der ‚Tanzsaal‘ beherbergt doppelt so viele Männer und ist entsprechend lauter und ungemütlicher.
Ein Doppelstockbett an der Innenwand ist frei. Max entscheidet sich für das obere Bett. Der Nachteil, nach oben klettern zu müssen, wird von dem Vorteil aufgewogen, daß ihm nichts auf den Kopf fallen kann – außer Wanzen vielleicht. „Ob es hier Wanzen gibt?“ erkundigt sich Max, aber Tünnes, der die Frage gehört hat, schüttelt energisch den Kopf: „Keine Wanzen! Da passen wir höllisch auf.“

Inzwischen ist auch der Blonde hereingekommen, schätzt Max’ Platz und den frei gebliebenen unteren Platz ab und scheint damit einverstanden zu sein. Er schmeißt seinen ‚Affen‘ und einen Beutel auf das Bett und hält Max die Hand hin: „Mein Name ist Hein Skroszny. S-k-r-o-sch-n-y.“
Max schüttelt seine Hand, sie ist hart und schwer: „Max Hanisch!“
„Das ist ja ’ne schöne Bruchbude hier, was?“
„Kann man wohl sagen!“
Von einem gegenüberstehenden Bett hangelt sich, bisher gar nicht wahrgenommen, ein dürrer, fast fünfzigjähriger Butzemann hoch: „Nee, keine Wanzen! Hier isses janz jemütlich. Besser als im Camp. Ich bin der Emil Lehmbäcker, Zimmermann aus Gumbinnen, wo se mich nu nich mehr haben wollen, und ich weiß nich mehr, wo ich hinjehör. Hier krebse ich schon ein halbes Jahrchen rum, aber es macht mir kein Spaß nich mehr! Und wo seid ihr denn so her?“ Seine Stimme schnarrt wie eine Karnevalsrassel.
Skroszny reißt den Mund zu einem breiten Grinsen auf, breitet die Arme aus und fällt Emil in breitestem Ostpreußisch an: „Mannchen! Is mich das eine Freude! Da muß ich nach Frankreich kommen, um einen Nachbarn zu treffen. Ich bin aus Pillkallen!“
„Was du nich sachst! Laß dich umarmen, Nachbar! Is das ein Ding.“ Sie umarmen sich, und Skroszny, fast einen Kopf größer als Emil Lehmbäcker, quetscht den Kleinen an sich, so daß der stöhnt: „Nu mach mich nich janz kaputt! Ich will ja noch bißchen was von dir haben.“
Dann wendet Emil sich an Max: „Na und du, Jungchen?“
„Ich bin aus Berlin.“
„So, aus Berlin. Da warste wohl noch im Kinderjarten?“
Max macht sich groß: „Ich bin Student!“, denn er will ja einmal studieren, obwohl er einstweilen nur das Abschlußzeugnis der elften Klasse hat, ein „Luftwaffenhelferzeugnis“, das später schwerlich als Abiturzeugnis anerkannt werden wird. Aber „Schüler“, wie klingt denn das? (PK)


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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 297  vom 13.04.2011

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