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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Sport
Turbine-Ausstellungseröffnung mit Brandenburgs Vizepräsidentin Gerrit Große
Kulturgut Frauenfußball
Von Joe Blaha und Bernd J.R. Henke

Wenn elf Frauen einem Ball nachjagen und an der Seitenlinie ein Trainerurgestein die Perfektion predigt, dann steht dies für Fußball in Potsdam – Turbine Potsdam, und das seit 40 Jahren. Davon 20 Jahre in Ost und 20 Jahre in West. Anlässlich des diesjährigen Vereinsjubiläums zeigt eine Ausstellung im Landtag mit den digitalen Bildwelten von Jan Kuppert, wie alles begann und welche Hindernisse es auf dem Weg zu überwinden galt, der mit dem Sieg im Finale der UEFA-Womens Champions League 2010 in Madrid seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Die Ausstellung eröffnete die Vizepräsidentin des Landtages von Brandenburg Gerrit Große (DIE LINKE) im Beisein des Cheftrainers Bernd Schröder und der Mannschaftsführerin Jennifer Zietz. Der Frauenfußballexperte Joe Blaha und der Sportjournalist Bernd J.R. Henke waren dabei und führten ein Interview mit Gerrit Große.


Champions League Gewinn 2010
Foto: Jan Kuppert
 
 
Frage: Die Spielerinnen der Turbine Potsdam sind mittlerweile ein Markenzeichen der Stadt. Kennen sie die Spielerinnen persönlich?
 
Gerrit Große: Nicht nur bei offiziellen Anlässen treffe ich die Turbine-Mädchen – ich sehe sie oft im Stadtleben. Oft begegnen sie mir auf meinem Weg zum Landtag, in der Nähe des Parks von Sanssouci beim Laufen - bei jedem Wetter.
 
Sie eröffneten gestern anlässlich des 40-jährigen Jubiläums die Ausstellung „Einmal Turbine – immer Turbine 40 Jahre Frauenfußball in Potsdam“ im Landtag. Liegt die Ursache des Erfolges am sprichwörtlich preußischen Pflichtbewusstsein des 68-jährigen Erfolgstrainers Bernd Schröder oder steckt mehr dahinter?
 
Ich glaube gar nicht, dass es das „Preußische“ in ihm ist, welches zu diesen Erfolgen führt. Ich denke eher, es ist die große Leidenschaft für diesen Sport, für den natürlich auch manche preußischen Tugenden hilfreich sind. Überliefert ist sein Ausspruch aus der Gründerzeit 1971: „Wenn wir so etwas machen, muss das einen hohen Grad von Ernsthaftigkeit haben ...“.


Deutscher Meister 2010/2011
Foto: Jan Kuppert
 
Wenn elf Frauen einem Ball nachjagen und an der Seitenlinie ein Trainerurgestein die Perfektion predigt, dann steht das bei dem 1.FFC Turbine Potsdam für Erfolg. Warum hat eine so geschnitzte heitere und gleichzeitig fordernde Vaterfigur so viel Glück mit den Frauen?
 
Ich denke, genauso wünschen wir uns die Väter: heiter und fordernd. Nur können Kinder nicht ausgetauscht werden - bei Fußballerinnen gehört es schon dazu. Schließlich war auch nicht jede Sportlerin dieser Art von Forderung gewachsen. Richtig ist schon: Bernd Schröder vermag offensichtlich, Potenziale von Frauen zu stärken, auch Frauenteams zusammenzuhalten. Das ist keine einfache Aufgabe und hat wohl eher mit psychologischer Kompetenz als mit Glück zu tun.
 
Turbine Potsdam startete als Betriebssportgruppe im Alltag der DDR. Gelang Schröder, neben den von ihm und seinen engsten Weggefährten aufgebauten Strukturen und seinen großen internationalen Erfolgen, den Menschen im Osten Deutschlands ein Stück Identität zu geben und sogar auf europäischer Ebene das Image einer Stadt und Region weiterzuentwickeln?
 
Es begann ja alles mit einem kleinen Zettel an einer der üblichen Wandzeitungen einer Betriebssportgemeinschaft. Dort war zu lesen:
 
Gründen Frauenfußballmannschaft. Bitte melden.3.März 1971 18.00 Uhr Klubhaus Walter Junker. BSG Turbine Potsdam, Sektion Fußball.
 
So einfach und unspektakulär war das. Und inzwischen hat die Mannschaft des 1.FFC Turbine wirklich Potsdam, die Region, nach Europa getragen. Fünfmal Deutscher Meister und seit 2002 immer wieder die Wahl zur Mannschaft des Jahres in Brandenburg zeugt von einer stattlichen treuen Fangemeinde, die weit über die Fußballanhänger hinausgeht. Natürlich tut Turbine auch der viel zitierten „Ostseele“ gut, denn noch viele ältere Fans fühlen in Ost, auch wenn die Spielerinnen inzwischen von überall kommen und sich aufgrund ihres Alters wohl eher nicht mehr mit dem Osten identifizieren.


Emotionen
Foto: Jan Kuppert
 
Alle Fotografien dieser Ausstellung stammen vom Potsdamer Sportfotografen Jan Kuppert. Man merkt seine freundschaftliche Nähe zu den Frauen. Wirken die Spielerinnen auf den Fotografien doch femininer, als manch männliches Vorurteil noch immer dagegen behauptet?
 
Ich bin Jan Kuppert vor allem dafür dankbar, dass er genau die femininen Züge „zeichnet“, die ich als Frau sowieso sehe und die wirklich eher dem Männerblick verborgen bleiben. Zudem ist es sein professionell liebevoller Blick, der manchem sicher neue Zugänge öffnet.
 
Schröder selbst bezeichnete die Früchte seiner Teamarbeit mit den Spielerinnen und seinem gesamten Umfeld als „Kulturgut“? Was bedeutet für Sie als Bildungspolitikerin, die auch im Sportausschuss des Landtages sitzt, dieses Wort von ihm?
 
Wenn Schröder sagt: „Wir sind gewissermaßen zu einem „Kulturgut“ des Landes und der Stadt Potsdam geworden, mit einem enorm gewachsenen Bekanntheitsgrad, zu einem Sympathieträger, der einen hohen Leistungsanspruch demonstriert und ihm mit einem hohen Niveau auch entsprechen will“ , dann spricht das für sich. Es zeugt auch von einem weiten Kulturbegriff. Den teile ich. Es gibt nicht hier Kultur und da Sport, sondern Fußball ist durchaus auch eine Kulturform. Es geht doch immer auch um Ästhetisches, um Kreatives, um Spielerisches, um Kommunikation, um Anerkennungskultur. Und ich finde, dass gerade der Frauenfußball hier einiges zu bieten hat. 


Yuki Nagasato, Frisur für Auswärtsspiele
Foto: Jan Kuppert
 
Wenn Frauen in Männerdomänen wie zum Beispiel Fußball einbrechen, reagiert die Gesellschaft meist etwas verunsichert und aufgebracht, vielleicht auch etwas hämisch. Gibt es ihrer Meinung überhaupt ein Patentrezept für Frauen, sich in der Männerwelt durchzusetzen?
 
Es gibt keine Patentrezepte, nirgends. Turbine Potsdam hat dennoch gezeigt, dass es funktionieren kann, in Männerdomänen einzubrechen. Ich glaube, vor allem wegen einer hohen Authentizität. Das ist bis heute nicht selbstverständlich. Die meisten großen Fußballvereine leisten sich ja kaum Frauenfußball. Das ist doch immer noch die Ausnahme. Und das hat nach wie vor mit Vorurteilen und einem gewissen Männlichkeitskult zu tun, der dieser Sportart anhaftet.
 
Frauenquote fordern ist die eine Seite einer Medaille. Manche Frauen kopieren männliche Verhaltensweisen, wie Auftrumpfen im penetranten Rudel und aggressive Körpersprache, um erfolgreich zu sein. Das ist im theatralischen Profi-Männerfußball Gang und Gebe, im aufstrebenden Frauenfußball seltsamerweise oder glücklicherweise nicht. Ist der Frauenfußball deshalb als eine andere Sportart anzusehen, die mit Männerfußball so viel zu tun hat, wie Äpfel mit Tomaten?
 
Die Frauen zeigen, dass kämpferisch nicht gleich aggressiv ist. Frauen spielen leichter Fußball, nicht so verbissen, finde ich. Frauenfußball ist für mich keine andere Sportart, sondern entspricht eher den Wurzeln dieses Sportes, ist ehrlicher und auch schöner.
 
Das Team der jungen Frauenfußballerinnen aus Potsdam im Alter zwischen 18 und 30 Jahren verkörpert Erfolg und Leistung. Können diese jungen Frauen, die ihren Kinderwunsch meist erst nach der sportlichen Karriere ausleben, somit ein Vorbild für andere Frauen in der Gesellschaft sein?
 
Das Schicksal, erst nach dem 30. Lebensjahr Kinder bekommen zu können, um die Karriere nicht zu gefährden, teilen die Fußballerinnen ja bedauerlicherweise mit den meisten Frauen in unserem Land. Im Unterschied aber zu den meisten Frauen ist es wohl eher eine individuelle Entscheidung. Eine Vorbildwirkung kann ich nicht erkennen. Ich wünschte, auch Fußballerinnen könnten beides miteinander verbinden, aber…....


Potsdamer Frauenfußball Edition
Foto: Diana Koppelt
 
Beim entscheidenden letzten Spiel gegen die SGS Essen-Schönebeck zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2010/2011 standen mehr als 7000 Zuschauerinnen und Zuschauer im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion. Eine Art „public mood“ - das Überschwappen der Begeisterung in der Wahrnehmung auf die gesamte Bevölkerung - konnte in den letzten Wochen in Potsdam erlebt werden. Begünstigt diese positive Energie des gemeinsamen Erfolges der Fußballerinnen den Entscheidungswillen der Menschen in der Region, und wie kann diese noch weiter genutzt werden?
 
Natürlich geht von den Turbine-Frauen eine positive Energie aus. Die kann man wieder am 17. April um 14.15 Uhr im Karl Liebknecht-Stadion Potsdam-Babelsberg aufnehmen. Dort gibt es in der Königsklasse des europäischen Frauenfußballs das Rückspiel im Champions League-Halbfinale gegen den FCR 01 Duisburg. Für die, die dabei sein werden, ist das sicher ein Impuls, für alle, die es anderweitig verfolgen, auch. Die Ergebnisse der Spiele der Turbine- Frauen sind immer am nächsten Arbeitstag Gesprächsstoff in unserer Region - und vielleicht ja auch motivierend.
 
Anja Hädrich und Janine Ganser (Lok Leipzig)auf Messe für
Souvenirs und Pokale WORLD of TROPHIES
Foto: Diana Koppelt

Die Turbine Frauenmannschaft ist zum Mittelpunkt einer Stadt und Region geworden. Anlässlich der WORLD of TROPHIES in Leipzig wurden die herrlichen digitalen Bildwelten des Fotografen Jan Kuppert in einer vierteiligen Edition farbig transparenter Kristallglas-Bildelemente die Potsdamer Frauenfußball Edition vorgestellt, u.a. mit Spielszenen des Triumphs im Finale der UEFA Champions League 2010 gegen Olympique Lyon in Getafe bei Madrid mit Einzelmotiven der Nationalspielerinnen Babett Peter, Anja Mittag, Fatmire Bajramaj sowie dem legendären Jubel im Halbkreis mit Torfrau Anna Felicitas Sarholz mit allen Spielerinnen im Estadio Coliseum Alfonso Pérez. Frau Landtagsvizepräsidentin Große, herzlichen Dank für ihre interessanten Antworten, sie erhalten zum Dank für ihre Ausstellung die ersten Exemplare der limitierten Auflage der Potsdamer Frauenfußball Edition.
 
Interessenten, die selbst mehr über die Edition erfahren oder sie käuflich erwerben wollen, sendet der Vertrieb der Energo East Sport (CH) auf Anforderung gerne weitere Informationen und Adressen der Bezugsquellen zu: edition@energoeastsport.ch (PK)


Online-Flyer Nr. 297  vom 13.04.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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