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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2016  

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Sport
Schiedsrichter-Irrtum schlägt Turbine, glücklicher Pokalsieg für 1. FFC Frankfurt
Transferfieber vor Weltmeisterschaft
Von Bernd J.R. Henke

Nach Nominierung der adidas-Fußballerinnen für den 26er Kader und der gnadenlosen Beurlaubung der Duisburger Erfolgstrainerin Martina Voss-Tecklenburg sorgte wenigstens das Endspiel zur Deutschen Frauenpokalmeisterschaft 2010/2011 für einen sportlich angemessenen Highlight im Vorfeld der Frauenfußball Weltmeisterschaft. Die Fans von Turbine Potsdam mussten zwar mit ansehen, wie schnell Meisterschafts-Euphorie und die hinter den Kulissen kursierenden Scharmützel um Vereinswechsel die spielerischen Kreativkräfte der Mannschaft untergraben können, aber eine Vizemeisterschaft im Pokal, ein verdienter Sieg in der Meisterschaft und der Einzug ins Halbfinale der Champions League 2010/2011 stellen weiterhin ein überaus erfolgreiches Jahr der Potsdamerinnen dar.
 
 
Cocktail
 
Die 2:1 (1:1) Niederlage des 1. FFC Turbine Potsdam gegen die Frankfurter Commerzbank Kickerinnen zeigte aber, dass Erfahrung, Kreativität sowie Schiedsrichterinnenfehler die harte Währung für einen Sieg ergeben können. Dies war wohl ein Cocktail, den die begabten, jungen Spielerinnen aus Potsdam an diesem Tag nicht vertragen konnten. Zudem gelang den stabilen Frankfurterinnen eine raffinierte Anfangsoffensive gegen die betont schläfrig startenden Potsdamerinnen. Zwei kräftezehrende englische Wochen taten wohl noch weh. Die Kibitze von FFC-Trainer Sven Kahlert hatten zwei Wochen lang alle drei Tage ein Spiel der Turbinen studieren können samt Analyse der Laufwege von Bajramaj, Mittag und Co. Ein weiterer störender Punkt für die junge Potsdamer Mannschaft war das nicht zufällige Anheizen der Gerüchteküche, das mental für Unruhe sorgte in den Köpfen. Besonders auffällig war dabei, dass gezielte Desinformationen über einen möglichen bevorstehenden Wechsel der Potsdamer Nationalspielerin Fatmire Bajramaj zum 1.FFC Frankfurt oder dem VFL Wolfsburg spekulativ gehandelt wurden. Es bot sich im Transferfieber der Liga an, dass gut vernetzte Berater der Spielerinnen die Öffentlichkeit mit Informationen versorgten, um die Ablösesummen und Gehälter ihrer Klientinnen vorab einzupreisen. 
 
 
 
Aberkennung eines klaren Tores
 
Es war der erste Titel des 1. FFC Frankfurt seit drei Jahren: die Commerzbank-Kickerinnen haben den DFB-Pokal der Frauen gewonnen. Es war bereits der achte Erfolg der Frankfurterinnen in diesem Wettbewerb. Meister Potsdam verpasste hingegen das Double. „Wir haben verdient gewonnen“, sagte Spielführerin Birgit Prinz nach dem Abpfiff. Vor 20.312 Zuschauern sorgten Svenja Huth (15. Minute) und Kerstin Garefrekes (48.) für die Frankfurter Tore. Die Japanerin Yuki Nagasato (42.) hatte zwischenzeitlich für Potsdam ausgeglichen. Nach drei Jahren ohne Titel konnte sich der einstige Primus des Frauenfußballs bei Potsdam für die Finalniederlagen 2004, 2005 und 2006 revanchieren. Beim Führungstor profitierte U-20-Weltmeisterin Huth von einem Abwehrpatzer von Inka Wesely. Auf der Gegenseite hatte die agile Fatmire Bajramaj (21.) eine gute Ausgleichschance, wurde aber von Nationalkeeperin Nadine Angerer in letzter Sekunde gestoppt. Prinz (25.) hätte kurz darauf auf 2:0 erhöhen können. Doch als die Rekordnationalspielerin die Potsdamer Torfrau Anna Felicitas Sarholz schon umkurvt hatte, blockte Josephine Henning den Schuss noch ab. Ein Versuch von Turbine-Abwehrchefin Babett Peter (40.) streifte knapp an Angerers Gehäuse vorbei. Anschließend machte es Nagasato besser: Nach einem Pass von Jennifer Zietz zog die Japanerin ab und ließ Angerer keine Chance. Kurz nach dem Wechsel ging der FFC durch einen Abstauber von Garefrekes erneut in Führung. Den vermeintlichen Ausgleich durch Zietz erkannte Schiedsrichterin Christina Jaworek nicht an, weil Peter Frankfurts Torfrau Angerer behindert haben sollte. „Ich denke, es war ein reguläres Tor. Da haben wir Glück gehabt“, gestand Nadine Angerer. „Das wäre das 2:2 gewesen. Vielleicht wäre es dann anders ausgegangen“, meinte Schröder. „Aber das ist hypothetisch. Frankfurt hatte die besseren Einzelspielerinnen und war um dieses eine Tor besser,“ sagte Trainer Bernd Schröder. Die Potsdamerinnen entpuppten sich als faire Verlierer, auch wenn das angestrebte Triple nicht mehr drin ist.
 
 
 
Imperium
 
In der Vorberichterstattung schrieb FAZ-Reporter Axel Westhoff, nach einer Presseaudienz beim ehemaligen Commerzbank Vorstand Klaus-Peter Müller und dem 1.FFC Frankfurt in Etage 49 der Commerzbank Zentrale, auf der ZDF-Homepage: „Das Imperium will zurückschlagen.“ Ein dem Verein sehr nahe stehender Insider geht davon aus, dass der mit allen Nebenschatullen hoch gerechnete Gesamtetat der Commerzbank-Kickerinnen bei ca. 2,9 Millionen Euro liegt. Nur so ist erklärlich, dass das Vereinsmanagement sich den Luxus erlauben kann, auf Einkaufstour von Nationalspielerinnen zu gehen und sie aneinander zu reihen wie eine Briefmarkensammlung. Und Westhoff weiter: „Der 1. FFC soll auch in Zukunft Vorreiter sein, sagte Dietrich, der in den Frauenfußball investierte, als noch niemand glaubte, dass diese Sportart jemals Rendite abwerfen würde. Als sich noch niemand vorstellen konnte, dass eine Weltmeisterschaft in Deutschland ein Medien trächtiges Großereignis werden kann.“ „Nun diesmal investiert wohl nicht Dietrich persönlich. Aus der Sicht des Testimonial-Beraters Dietrich anlässlich der FIFA Frauen WM sicherlich ein kaufmännisch reales Unterfangen, aber aus der Sicht der übrigen Erstligavereine ist das starke Engagement der Commerzbank und seiner Versicherungstochter Generali eine eklatante Wettbewerbsverzerrung. Denn starke Sponsoren wachsen nicht überall. Dass es im Frauenfußball auch natürliche finanzielle Grenzen gibt, zeigt die derzeitige Situation beim Bundesliga-Transfer-Poker des sportlich erfolgreichsten europäischen Spitzenvereins 1. FFC Turbine Potsdam. Denn eine Kreditaufnahme bei einer Bank, steht für den wirtschaftlich seriös geführten Deutschen Meister 2010/2011 Turbine Potsdam wohl nicht zur Debatte, dort hält man andere Trümpfe in der Hand“, befand Fußballexperte Joe Blaha. 
 

 
Philosophien                                                                                                                                           
 
Besonders amüsant zu diesem Thema war die letzte Pressekonferenz beider Spitzenclubs im Kölner Rhein-Energie-Stadion vor dem großen Endspiel. Ein Kölner Lokaljournalist befragte den Turbine-Cheftrainer, was denn die viel zitierte unterschiedliche Philosophie der beiden rivalisierenden Spitzenvereine ausmachen würde. Schröders Antwort war kurz und sarkastisch: „Für die Beantwortung dieser Frage müsste ich mehr Zeit haben, um mit ihnen hier bis morgen früh reden zu können.“ Über diese überaus zutreffende Aussage Schröders musste selbst der Frankfurter Manager lachen. Auffällig: es war Freitag, fast nur Kölner Journalisten anwesend meist ohne Kenntnisse über Frauenfußball, acht Kollegen, einigen anderen Fachjournalisten waren für das Endspiel die Akkreditierungen verweigert worden wegen Überschreitung der Anmeldetermine. Dienst nach Vorschrift – warum nicht, wohl ein Vorgeschmack für die stressige Medienarbeit im sommerlichen FIFA-WM-Jahr. Der typische WM-Beobachter sitzt wohl doch eher vor dem Großbildmonitor, versorgt mit den zensierten, aber weltweit einheitlich gesendeten TV-Bildern der FIFA, mit vorteilhafter Slow-Motion-Taste. Somit werden wohl die Zuschauer im autoritären Nordkorea zeitgleich die selben Momente erreichen können wie im fernen mondänen kanadischen Ski- und Freizeitort Banff, wo gut situierte Medien- und Filmmanager in den herrlichen Rocky Mountains ihr Wochenende verbringen. Demokratisierung der Bilder weltweit mit nur einem Aufnahmekanal – zentral gelenkt von FIFA-TV. Nur die Einschaltquoten müssen besser werden im Frauenfußball.
 
 
Seniorenprogramm
 
3,04 Mio. Fernsehzuschauer verfolgten am Samstag das hochkarätig besetzte DFB-Pokalfinale. Frauenfußball bleibt kurioserweise vor den Fernsehbildschirmen allerdings eine Domäne des älteren Publikums. Die von den FIFA-Sponsoren angepeilte Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen war nur mit 560.000 Zuschauern dabei. Der Marktanteil von 9,1 Prozent ist damit nicht einmal halb so hoch wie beim gesamten Publikum. Keine exzellente Kennzahl für Konsum-orientierte FIFA-Partner. Die stärkste Zuschauergruppe stellten die Senioren ab 65 mit einem Marktanteil von 30,2 Prozent. Diese Gruppe kauft nicht gerade alle Wochen ein paar Sportschuhe oder modisch taillierte adidas-Trikots. Während für die WM-Stadien das FIFA-OK und der DFB den Frauenfußball als Familien Event verkaufen und vermarkten, erreichte die Botschaft, sich ins Stadion zu bewegen und „happy“ zu sein, nur 20.312 Besucherinnen und Besucher. „Die Kapazität des Kölner Stadions liegt bei 46.000 Plätzen. Immerhin standen elf Spielerinnen vom deutschen adidas-26er Kader, zwei ehemalige (Conny Pohlers, Sandra Smisek) deutsche Weltmeisterinnen sowie zwei schwedische (Sarah Thunebro, Jessica Landström) Nationalspielerinnen, mit Alexandra Krieger eine amerikanische und mit Yuki Nagasato eine japanische Nationalspielerin auf dem Spielfeld. Da hätte ich schon mehr als 35.000 Zuschauer erwartet bei dieser versammelten Leistungsdichte und Weltklasse vor einem Jahrhundertereignis, “ erklärte Fußballexperte Joe Blaha leicht ironisch.
 
 

 
Wechselzirkus
 
Das wirtschaftlich und sportlich sehr gute Jahr für Turbine Potsdam endete zum Glück für den Verein noch nicht. Die Einnahmen können noch wesentlich gesteigert werden. Es folgen im April zwei wichtige Halbfinalspiele in der Königsklasse der europäischen Champions League gegen den FCR 01 Duisburg (7. April 2011 in Duisburg, 17.April 2011 in Potsdam). Bei einem Sieg winkt die Titelverteidigung des UEFA Vereinspokals Champions League beim Endspiel in London. Davor haben Schröder und seine Geschäftsführung eine andere organisatorische und vielleicht auch disziplinarische Herkules-Aufgabe als Arbeitgeber zu bewältigen. Erfolg weckt mittlerweile auch im Frauenfußball Begehrlichkeiten von Geschäftsleuten, die sich Berater nennen, und von Werksvereinen wie dem VfL Wolfsburg, dessen Geldschatulle wohl von VW Vorstandschef Winterkorn frisch aufgefüllt worden ist. Wolfsburg, zu Saisonende sportlich ziemlich abgeschlagen nur Siebter in der Tabelle, meldete in der Woche nach dem Pokalspiel zwei Transfers von zwei DFB-Nationalspielerinnen, Nadine Keßler und Josephine Henning, von Turbine Potsdam zum VfL Wolfsburg. Wolfsburg erhielt auch völlig ablösefrei die Bundesligatorschützenkönigin Conny Pohlers vom 1. FFC Frankfurt, was darauf hindeutet, dass die Frankfurter noch eine neue Stürmerin einkaufen werden. Der Manager von Fatmire Bajramaj, der auch Keßler und Henning betreut, kennt die Begehrlichkeiten des FFC-“Sonnenkönigs“ Dietrich sehr genau. Nike-Testimonial Bajramaj hat öffentlich geäußert, dass sie frühestens kurz vor Beginn der WM eine persönliche Entscheidung treffen kann. „Lira drehte im Auftrage des DFB diese Woche einen Film in Ex-Jugoslawien. Der DFB kürte sie unlängst zur Integrations-Botschafterin. Ihr Marktwert steigt. Vielleicht steigern sich die Werbeeinnahmen von Lira durch Nike, Powerade, Schwarzkopf, World Vision und durch die adidas-WM Mannschaft derart, dass sie in Potsdam bleiben kann – das wäre dann ein richtiger Coup. US-Fußballlegende Mia Hamm verdiente auch viel mehr durch Werbung als durch ihren Fußballclub“, analysierte Fußballexperte Joe Blaha mit seinem verschmitzten Blick für das Wesentliche.
 
 
Signale
 
Die Stellungnahme von Bernd Schröder zu diesen Wechselzirkus folgte auf den Fuß. Die Sätze im O-Ton-Schröder an die Fans und Freunde des Vereins: „Wie in jedem Verein laufen auch bei uns in diesem Jahr insgesamt sieben Verträge unserer Spielerinnen aus. Mit den betroffenen Spielerinnen wurde deshalb rechtzeitig gesprochen und seitens des Vereins signalisiert, dass wir an einer Vertragsverlängerung interessiert sind. Es ist durchaus normal, wenn Spielerinnen auch mit anderen Vereinen über einen Wechsel sprechen. Es ist leider oft so, dass wir erst unmittelbar nach der Vertragsunterschrift vom neuen Verein darüber informiert werden; der aufnehmende Verein kann damit früher in die Öffentlichkeit gehen, was auch durchaus so gewollt ist! Wir können und werden nicht tägliche „Wasserstandmeldungen" über laufende Aktivitäten im Bereich des „Wechselzirkus" abgeben. Gehen Sie bitte davon aus, dass wir auch in der kommenden Saison eine Mannschaft haben werden, auf die sie sich freuen können. Der Philosophie unseres Vereins entsprechend, werden wir die Abgänge mit durchaus talentierten und interessanten Spielerinnen kompensieren, sowohl aus den eigenen Reihen als auch aus anderen Vereinen. Haben Sie Vertrauen in die Seriösität eines Vereins, der in über 40 Jahren Frauenfußball vieles richtig gemacht hat.“ Dem ist nichts hinzufügen – denn Frauenfußball hat andere gesellschaftliche Maßstäbe als die Träumereien, unbedingt im Sommer adidas-Weltmeisterinnen zu küren. Schröder liegt ebenso richtig, wenn er behauptet, dass Turbine Potsdam eine produktive Henne sei, die dem DFB die Eier produziert.
 
 
Bilderwelten
 
Dass Frauenfußball mit Sicherheit auch andere Maßstäbe als den schnellen Transfer-Euro kennt, dass sich Frauenfußball zu einem ein echten Kulturgut entwickeln kann – daran erinnert eine neue vom Medienkontor Potsdam gut gestaltete Ausstellung im Potsdamer Landtag, die anlässlich des diesjährigen Vereinsjubiläums eröffnet wurde. „Einmal Turbine – immer Turbine – 40 Jahre Frauenfußball in Potsdam.“ Wenn elf Frauen einem Ball nachjagen und an der Seitenlinie ein Trainerurgestein die Perfektion predigt, dann steht dies für Fußball in Potsdam – Turbine Potsdam, und das seit 40 Jahren. Wie alles begann und welche Hindernisse es auf dem Weg zu überwinden galt, der mit dem Sieg im Finale der UEFA-Womens Champions League 2010 in Madrid seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Der bekannte Potsdamer Sportfotograf Jan Kuppert lässt seine digitalen Bilderwelten wirken, längst ist der Verein zu einem Wahrzeichen Potsdams und des Landes Brandenburg geworden. Seine Bilderwelten wurden auch exklusiv in Kristallglas Bildelemente gesetzt, die in der „Potsdamer Frauenfußball Edition“ ihre Anerkennung erfahren hat. In der Stadt zu Hause, in Europa unterwegs - und in Bildern und digital bedruckten Kristallglas-Bildelementen nun auch im Landtag des Landes Brandenburg in Potsdam. (PK)
 
Die Potsdamer Frauenfußball Edition ist erhältlich über den FanShop von 1.FFC Turbine Potsdam und über ausgewählte Einzelhandels- und Souvenir-Geschäfte in der Stadt Potsdam und in der Region
 


Online-Flyer Nr. 296  vom 06.04.2011

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