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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 2
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Seit Briesen bemüht sich Malich um Max. Er hält ihn für seinen Lebensretter. Max selber kommt sich seit der Zeit wie ein Totschläger vor.
Sie waren nach dem 9. Mai bei Moss interniert worden. Das Lager Briesen, in einer wunderschönen Hügellandschaft, bestand aus grauen Militärbaracken, war von einem niedergetretenen Zaun umgeben und wurde von eigenen Posten bewacht. Die Internierten konnten sich frei außerhalb des Lagers bewegen, nur gab es dort außer Wald und Berg nichts zu entdecken.
Niemand wußte, wie lange der Aufenthalt dauern würde. Die Verpflegung war mager, man versuchte, sie irgendwie aufzubessern. Drei Mitgefangene hatten bei einem Bauern Kartoffeln ergattert und wollten sich Bratkartoffeln machen. Die Pfanne wackelte auf ein par Steinen, ein Bratrost wäre gut.
In der Hoffnung auf eine Beteiligung an den Bratkartoffeln erinnerte Max sich an ein halbzölliges Wasserrohr in einem unbenutzten Schuppen. Als er das Rohr unter allerlei Gerümpel hervorzerrte, war plötzlich Malich da und wollte es ebenfalls haben. Max sah das nicht ein, und Malich kehrte den Vorgesetzten heraus: „Lassen Sie gefälligst das Rohr los, Kadett Hanisch!“
Nun wollte Wochen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und der Kapitulation der Kriegsmarine keiner mehr den alten Vorgesetzten gehorchen, und außerdem fühlte Max sich im Recht: „Wieso? Ich hab’s gefunden!“ Malich griff dennoch nach dem Rohr, sie zerrten es hin und her, und als Max nicht losließ, boxte Malich ihn vor die Brust.
In der Deutschen Wehrmacht war mancherlei Schikane und Schinderei möglich, aber nicht die Anwendung körperlicher Gewalt. Selbst wenn ein Offizier oder Unteroffizier beim Appell nur etwas an der Uniform zurechtrücken wollte, mußte er vorher fragen: „Darf ich Sie anfassen?“ Und Max hatte selbst im Zivilleben sich niemals von jemandem schlagen lassen, ohne zurückzulangen, auf die Gefahr hin, Keile zu kriegen. Da Malich sozusagen entthront war, galt für Max diese Regel nun auch beim Kommiß.
Außerdem hatte er seit der Sache mit Inge eine Wut auf Malich. Im Lager Briesen waren auch Zivilisten interniert. Darunter war Inge, ein schmales blondes, mit Max etwa gleichaltriges Mädchen, in das sich Max verguckte. Verklemmt, wie er war, und voll preziöser Vorstellungen von Ritterlichkeit und Galanterie, machte er ihr formvollendet den Hof. Das hieß, er führte sie spazieren und machte Konversation. Anderes fiel ihm nicht ein. Dabei sahen sie beide des öfteren andere Pärchen mit einer Decke unter dem Arm in den Wald wandern, Max kam nicht auf den Gedanken, Inge im Wald weich zu betten. Er hielt selig ihre Hand, betrachtete ihr Ohr und ihr blondes Profil, ihren etwas zu sachlichen Mund und, besonders wenn sie vor ihm herging, ihre noch unausgeprägte weibliche Gestalt. Max durfte sich eigentlich nicht wundern, daß er eines Tages Inge an Malichs Hand erblickte.
Der trug eine zusammengerollte Decke unter dem Arm und strebte dem Wald zu, wobei er Max verschwörerisch zuwinkte. Der schwor Malich Rache. Er hatte mit sechzig Kilo gerade die Obergrenze eines Leichtgewichts, Malich war nur wenig größer, aber deutlich schwerer als Max. Max aber trainierte mit Bully, dem Leichtgewichtsprofi in der Boxriege des Lagers, und wandte nun erstmals an, was er dabei gelernt hatte.
Er ließ das Rohr los, aber nur, um Malich eine gerade Rechte aufs Kinn und anschließend einen linken Leberhaken nachzusetzen, eine schulmäßige Doublette. Der Erfolg verblüffte ihn selber: Malich knickte zusammen und legte sich flach auf den Boden. Max ließ ihn liegen, machte sich mit dem Rohr davon und verschob die weitere Auseinandersetzung.
Gemeinsam mit den Kartoffelbesitzern zersägte er das Rohr in der Kfz-Werkstatt in Halbmeterstücke, die einen schönen Bratrost abgaben, und wurde erwartungsgemäß zu den Bratkartoffeln eingeladen.
Das Feuer knisterte schon unter der Pfanne, als ihm einfiel, daß er noch eine Zwiebel hatte. Er rannte los, sie zu holen.
Er war vielleicht dreißig Meter entfernt, als ihn eine gewaltige Faust in den Rücken hieb und in einen Holunderstrauch warf. Noch im Fluge hörte er die Detonation, schützte reflexartig sein Gesicht vor dem Aufprall und krallte sich in die Erde, sobald er sie spürte. Fünf oder zehn lange Sekunden lag er so. Stille. Dann brandete wie aus einem schalltoten Raum Geschrei auf. Er sah vorsichtig über die Schulter zurück. Weder Bratrost noch Soldaten waren zu sehen. Er sprang auf und rannte zurück. Von allen Seiten kamen jetzt Kameraden gelaufen. Anstelle von Feuer und Bratrost war nur noch ein flacher Trichter vorhanden.
Einige Meter entfernt lag einer der Kartoffelbrater. Max sah zuerst nur die Hand, die im Sand lag. Aus dem Handteller ragten spitz die zersplitterten Fingerknochen. Wie Geflügelknochen.
Geflügelknochen sind nichts für Hunde, dachte es in Max. Dann erst begriff er, daß das da im Sand eine menschliche Hand war. Ihr Besitzer hob sie ein paar Zentimeter an und ließ sie wieder fallen. Man darf doch eine offene Wunde nicht so in den Dreck legen, dachte es in Max weiter. Die Gedanken liefen selbständig, ohne Sinn. Max sah auf den Körper des Mannes und suchte den anderen Unterarm. Der endete kurz über der Stelle, wo einmal der Ellenbogen gewesen sein mußte. Aus verklebten Stoffetzen sickerte eine dunkle Flüssigkeit und mischte sich mehr und mehr mit Gras und Sand. Der Liegende hob den Kopf und sah auf seinen Körper hinab. Er zeigte keine Gefühlsregung, nicht einmal Schmerz. Für Max herrsche Totenstille, obwohl sich jetzt viele Gefangene um die Verunglückten drängten.
Max sah den zweiten. Sein Gesicht war wie von schwarzen Pocken zerfressen. Er stöhnte und rieb mit beiden Händen in diesem zerstörten Gesicht herum. Sie versuchten, ihn daran zu hindern, doch er begann immer von neuem. Der dritte lag einige Meter entfernt, umringt von Kameraden, die aufgeregt und widersprüchlich beredeten, was zu tun sei, bedrängt von immer mehr Hilfsbereiten und Neugierigen.
Max begriff: Das Lagerfeuer war explodiert. Weshalb? Immer wieder stieß man im Umkreis des Lagers auf weggeworfene Munition, Patronen, Handgranaten, Blindgänger. Aber in der jüngsten Vergangenheit hatte man sich an Explosionen gewöhnt. Sie waren zu Naturereignissen geworden, die man kaum noch zur Kenntnis nahm.
Max wandte sich hilflos ab. Er fühlte sich wieder einem unbekannten Schicksal ausgeliefert. Der Krieg war zu Ende. Wann würde das Sterben aufhören?
Die Ursache der Explosion störte das Lager auf wie einen Ameisenhaufen. Gegen Ende des Krieges hatten hier Pioniere gestreckte Ladungen hergestellt, mit denen Drahtverhaue und ähnliche Hindernisse gesprengt werden konnten. Dazu stopften sie Gummidynamit in lange Gas- und Wasserrohre. Das Dynamit wurde mit einer Sprengkapsel gezündet und war gegen Schläge und Stöße weitgehend unempfindlich, nicht aber gegen Hitze. Max sollte es noch näher kennenlernen.
Ein solches Rohr hatte er gefunden, zersägt und einen Bratrost daraus gebaut! Noch nachträglich bekam er Schüttelfrost und wurde mit Mühe einer aufsteigenden Übelkeit Herr. Ein Wunder, daß ihm der Bratrost nicht um die Ohren geflogen war? Aber er hatte das Unglücksrohr angeschleppt!
Er versuchte, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, daß sie schließlich das Rohr gemeinsam zersägt hätten, daß also die anderen drei in gleichem Maße Schuld hätten wie er selber. Aber sie waren zerfetzt worden, er war heil geblieben. Er kam sich wie ein Mörder vor. War das nicht so mit dem ganzen Krieg?
Eine Zeitlang hatte er den Krieg aufregend und abenteuerlich gefunden. Eine Fortsetzung des Indianerspiels. Aber er hatte den Krieg nicht gemacht, hatte ihn nicht angefangen, hatte niemanden überfallen, niemanden töten müssen. Irgendwann hatte man ihm erlaubt, mit einer Kanone auf Flugzeuge zu schießen, die seine Heimatstadt bombardierten. Und später war er auf einen Zerstörer gekommen, der Konvois von Frachtschiffen zwischen Oslo und Kopenhagen begleitete, um sie gegen U-Boote und Flugzeuge zu schützen. Er wußte, daß Deutschland den Krieg begonnen hatte, und er entrüstete sich nicht über die Angriffe der Gegner. Aber als der Krieg begonnen wurde, war er elf Jahre alt, und man konnte ihm höchstens vorwerfen, daß ihm vorher das Indianerspiel Spaß gemacht hätte.
Dennoch: War er nicht irgendwie mitschuldig an all dem Unheil?
Plötzlich überfiel ihn jemand, umarmte und küßte ihn: Obermaat Malich hielt ihn für seinen Lebensretter, weil er ihm das verderbenbringende Wasserrohr entrissen hatte. Überall suchte man nun nach herumliegenden Bomben. Auch der Schornstein der Feldküche war an ein zwei Meter langes zweizölliges Wasserrohr gebunden, das voll Dynamit gestopft war: Der Küchenbulle mußte sich noch zwei Stunden später vor Schreck übergeben.
 
*
 
Am nächsten Tag läßt eine goldene Septembersonne die Pfützen dampfen und bäckt aus dem zertrampelten Lehm eine bizarre Kraterlandschaft.
Die Zelte sind aufgeschlagen, die Bewohner aus ihrer Apathie erwacht. An den Zeltleinen flattern Fußlappen, die Männer rasieren sich, mit baumelnden Hosenträgern in langen grauen Unterhemden oder mit nacktem Oberkörper, kratzen Lehm von verkrusteten Stiefeln, sortieren nasse Klamotten, hängen Fußlappen, Jacken, Hemden, Socken, Decken an den Zeltleinen zum Trocknen auf.
Vor dem Sanitätszelt bohrt ein einstmals polierter Eßtisch mit abblätterndem Furnier seine Beine in den Lehm. Dahinter sitzt ein dickärschiger Sanitätsfeldwebel mit schütterem Blondhaar, neben ihm ein spinniger Schreiber. Die Neuangekommenen warten in langer Schlange, mit nacktem Oberkörper vor dem Zelt. Solchen Hammelsprung sind sie von vielen Gelegenheiten her gewohnt: Waffenappell, Klamottenempfang, Läuse- oder Tripperkontrolle, Impfungen ...
Hinter dem Zelt sperrt ein Stacheldrahtzaun die weitläufige Landschaft aus. Vor dem Zelt ein Arzt, den weißen Kittel über einer französischen Uniform, der sie visitiert. Ein fast schwarzer französischer Posten hinter dem Zaun hat in der kräftigen Sonne seinen Stahlhelm abgesetzt und neben sich auf die Erde gelegt. Er beobachtet teilnahmsvoll die Musterung. Wenn er den Blick eines Gefangenen auffängt, zeigt er freundlich zwei Reihen weißer Zähne.
Einer der Wartenden frotzelt: „He, Sarottimohr! Sieh zu, daß du wieder nach Hause kommst. Hier bleichst du bloß aus.“ Er erntet albernes Gelächter, Max findet den Witz blöde. Er mag es nicht, wenn man sich über körperliche Eigenarten lustig macht, und schwarz sein heißt für ihn irgendwie benachteiligt, irgendwie schutzbedürftig sein. Er denkt darüber nicht weiter nach, er hat keine Erfahrungen in der Sache. Sein Gefühl ist nur die Folge eines Schulunterrichts, in dem die deutschen ‚Herrenmenschen‘ im Mittelpunkt der Geschichte standen. In der Familie waren solche Fragen kaum besprochen worden. Jedenfalls war Rassismus kein Thema für seine Eltern gewesen. Aber als Junge hatte er einen Leberfleck über der Nasenwurzel, der ihm den nicht ganz zutreffenden, aber desto ärgerlicheren Spitznamen ,Warze‘ eintrug und Anlaß für Hänseleien war. Hier stellte er sich nun automatisch auf die Seite des, wie er meint, Schwächeren, obwohl der sein Bewacher ist.
Der Schwarze versteht nichts und grinst gutmütig: „Oui, oui! Nak Ause, huiitt!“ Er schwingt den Arm weit ausholend in die Ferne: „Krieg kaputt! Huiitt!“ Dann schüttelt er den Kopf und zählt an den Fingern ab: „Ick nix Ause deux, trois, quatre Jahr. Mais vous y irez bientôt ... Ause. Tsche, tsche, tsche ...“ Er imitiert eine Dampflokomotive, wie es die Kinder tun. „Chemin de fer, Frau, et puis ... Rrrrr!“ Er schüttelt den Unterarm mit der Faust, eine Machogeste, über die er selber am lautesten lacht.
In der Reihe der Gefangenen erregt sich ein zappeliger Dürrer: „Kerle! Wenn sie uns net bald heimlasse, werde die Amis und die Schwarze unsere Weiber vögele!“ Ein gemütlicher Dicker reizt ihn: „Wenn ich dich so sehe, tun sie damit ein gutes Werk.“ Ein anderer mimt den Besorgten: „Vielleicht hat er schon deine Alte gebügelt? Woher kommst du denn?“ Der Zappelige empört: „Waas? Dir habe se wohl ins Gehirn geschisse!“ Ein Dritter feixt: „Die Schwarzen sollen einen ganz gewaltigen Schwengel haben ...“ Der Schwarze versteht nichts, aber weil die Gefangenen brüllend lachen, zeigt er nochmals den gespannten Unterarm, macht „Rrrrr!“ und stimmt in das Lachen ein.
Max versucht sich vorzustellen, wie dick und lang die Dinger anderer Männer sein mögen. Mit sich selbst ist er da nur mäßig zufrieden, aber er hat auch zu wenig Vergleiche.
 
Sein Unteroffizier bei der Flak hatte ein starkes Glied gehabt. So schien es ihm jedenfalls seinerzeit. Aber die Perspektiven verändern sich, und das war schließlich kurz nachdem es ihm, erschreckend und schön, überhaupt zum ersten Mal richtig gekommen war. Sie hatten auch als Luftwaffenhelfer einen ‚Klub der langen Schwänze‘ gegründet und in der Badewanne vergleichende Messungen vorgenommen. ‚Lügenmüller‘ war angeblich auf siebzehn Zentimeter gekommen, bei neun Komma fünf Zentimeter Umfang, Max nur auf fünfzehn, bei einem Umfang von acht. (Aber er war ja noch im Wachsen.) Die in absoluten Zahlen diskutierten Größen erwiesen sich als höchst interpretier- und wandelbar, und die unterschiedliche Wertigkeit fand in blumigen Begriffen ihren Ausdruck: Schrumpfrübe, Genusswurzel, Morgenlatte oder Zauberflöte ...
 
Max versucht, sich das Gefühl einer Frau vorzustellen, der ein Penis reingesteckt wird. Es gelingt ihm nicht. Er weiß ja nicht einmal, wie es wäre, wenn er ihn selber reinsteckte. Seither hatte er kaum Gelegenheit gehabt, Erfahrungen in der Liebe zu sammeln.
Seine anregenden Vorstellungen werden durch Malich unterbrochen, der ihn anstößt und mit dem Kopf nach vorn weist: „Guck mal!“
Vor dem Arzt steht der Obergefreite aus dem Zelt, ein knochiger Enddreißiger. Der Sani fragt ab: „Name, Dienstgrad, letzte Einheit ...?“, und der Obergefreite gibt routiniert und trocken Auskunft: „Obergefreiter Karl-Heinz Frömmich, 263. Infanteriedivision, Grenadierregiment ‚Heinrich von Zieten‘, 2. Bataillon, 1. Kompanie. Mein Soldbuch ist mit den Klamotten verbrannt, als die Amerikaner bei Metz unseren Zug zur Sau gemacht haben.“ Er reicht einen mehrfach gefalteten Zettel über den Tisch: „Personalbescheinigung aus dem Auffanglager Saarlouis.“
Während der Sani abfragt und Frömmich Auskunft gibt, schaut sich der Arzt flüchtig den Oberkörper an und befiehlt: „Arm hoch!“ Frömmich hebt den linken Arm. Der Arzt betrachtet genau seine Achselhöhle und winkt dann ab: „Hosen runter!“ Er schaut auf die Genitalien, „Kehrt, bücken!“, und auf den After, ob Hämorrhoiden zu sehen sind. Er wendet sich ab: „Anziehen“, und sagt zum Sanitätsfeldwebel: „Gutt.“ Der winkt Frömmich weiter: „Kv, ab!“, und dem nächsten zu: „Der nächste! Name, Dienstgrad, letzte Einheit ...?“
Die Wartenden kommentieren und tauschen Vermutungen aus: „Kv für die Heimat!“ – „Glaubst du?“ – „An was soll ich sonst glauben?“ – „Daß wir wie immer beschissen werden ...“ – „Mensch, der Krieg is ’n halbes Jahr vorbei!, wir werden doch zu Hause gebraucht!“ – „Glaubst du! Wozu dann die Untersuchung?“ – „Du sollst deinen Tripper nicht mit nach Hause schleppen.“ – „Der Hundertschaftsälteste hat schon seit Bremerhaven unsere Entlassungspapiere.“ – „Hast du sie gesehen?“ – „Hör endlich mit deinem Gemecker auf! Hätten wir uns sonst drei Tage lang im offenen Güterwagen quer durch Deutschland kutschen lassen, ohne abzuhauen?“ – „Klar! Weil wir dußlig sind! Geduldige Schafe gehn viele in einen Stall.“ – „Und die Amis mit ihren MPis?“ – „Denen wäre doch scheißegal gewesen, ob wir uns in die Büsche schlagen!“ – „Dann hätten sie uns nicht mehr die Uhren klauen können.“ – „Ich hab’ die immer für fair gehalten.“ – „Wo warst ’n du die letzten fünf Jahre?“ – „Meine haben sie nicht gekriegt. Ich hatte sie in der Unterhose!“
Max will wissen, was los war: „Was hat denn der Arzt unterm Arm gesucht?“
Malich staunt, daß Max nicht Bescheid weiß: „Die Tätowierung mit der Blutgruppe. Hatten alle von der Waffen-SS. Die aus’m KZ, die Häftlinge meine ich, hatten ihre Gefangenennummer auf dem Unterarm eintätowiert.“
Das will Max nicht in den Kopf: „Wie ein Stück Vieh?“
Malich nickt: „Wie ein Stück Vieh. Heute bist du mit so ’ner Nummer dicke da. Und die Blutgruppe unterm Arm ist ’ne Eintrittskarte in ’n Knast. Hatten alle von der Waffen-SS.“ Als Frömmich vorbeikommt, quatscht Malich ihn an und macht scheinbar einen Witz: „Sieg Heil, Herr Major! Kehrt marsch, heim ins Reich! Hoffentlich werden Sie zu Hause erwartet.“
Frömmich stapft gelassen vorbei: „Leck mich am Arsch!“
Malich schaut ihm nach und denkt laut: „Hast du das mitgekriegt? Er hat kein Soldbuch! Ich fress ’nen Besen, wenn ich den nicht in Memel gesehen habe. Als Raupenträger, mit allerhand Lametta.“
Die Nahestehenden geben ihren Senf dazu: „Mancher von diesen Scheißern hat jetzt ’n neuen Namen!“ – „Und andere Papiere ...“ – „Und Kacke am Hacken!“ – „Macht nicht gleich ’n Krimi daraus. Vielleicht will er bloß seine drei unehelichen Kinder loswerden.“ – „Ist das kein Krimi?“
Inzwischen ist Max an der Reihe, der Sani blafft ihn an: „Name, Dienstgrad, letzte Einheit?“ Max meldet sich gewohnt militärisch: „Kadett Ing. Max Hanisch, 4. Norwegengeschwader, Zerstörer ‚Hans Lody‘, zuletzt Internierungslager Dröback, Norwegen.“
Der Arzt betrachtet ihn flüchtig und befiehlt: „Arm hoch!“, und danach: „Hosen runter!“
Die Scham der Pubertät überfällt Max wieder, als er auf „Umdrehen!“ und „Bücken!“ hin dem Arzt seinen Hintern zeigen muß.
Der Arzt sagt zum Sanifeldwebel sein „Gutt!“, und der winkt Max weiter: „Kv ...“
Max macht einen Versuch, den Arzt zu gewinnen: „Herr Stabsarzt!“ – er wählt lieber einen zu hohen als einen zu niedrigen Dienstgrad – „Ich bin erst siebzehn.“ (Hier schwindelt er ein bisschen, er ist vor einer Woche, auf der Fahrt von Norwegen nach Bremen, achtzehn geworden.) „Ich bin noch nicht mal volljährig! Können Sie mich nicht nach Hause schicken?“ Der Arzt sagt trocken, in gutem Deutsch, wenn auch mit französischem Akzent: „Sie waren alt genug, um für Hitler zu kämpfen, Sie sind alt genug, um für Frankreich zu arbeiten!“
Da war es heraus! Das erste Mal unverblümt ausgesprochen: zur Arbeit nach Frankreich! Sie sind doch keine Kriegsgefangenen! Man hat sie nach dem Krieg eingesammelt, eingesperrt und will sie nun so einfach irgendwohin zur Zwangsarbeit schaffen. Zur Sklavenarbeit!
Für den Arzt ist der Fall erledigt, er wendet sich dem nächsten zu.
Aber Malich mischt sich jetzt ein: „Wir haben nie gegen die Franzosen gekämpft. Der Junge war nie in Frankreich! Wir sind Seeleute vom Norwegengeschwader.“
Die Stimme des Arztes wird eine Spur schärfer: „Viele Franzosen sind nach Deutschland gekommen nur wegen Zwangsarbeit – oder Konzentrationslager!“
Malich gibt nicht so schnell klein bei: „Also das Ganze mal umgekehrt?“
„Kinder als Zwangsarbeiter nach Frankreich?“
Der Arzt antwortet bitter: „Wir werden Sie nicht verhungern lassen und nicht totschlagen!“
Unmut und Wut wird unter den Gefangenen laut: „Sie leben doch!“ – „Nu’ mach ma’ halblang, die Franzosen sind anständig behandelt worden!“ – „Der Krieg ist zu Ende!“
Der Arzt erhebt seine Stimme über den Schwall des Protestes: „In Ihren Gaskammern sind 250000 Franzosen ermordet worden, und eine halbe Million kamen als Krüppel zurück.“
Malich ist auch wütend: „Wir hier haben keinen vergast! Bestrafen Sie doch die Schuldigen!“
Der Arzt nimmt sich jetzt offensichtlich sehr zusammen und schaut Malich durchdringend, aber ruhig an: „Die einen hätten das nicht tun können, wenn die anderen nicht die Augen geschlossen hätten.“ Dann winkt er Max nochmals und sagt, und seine Stimme klingt etwas erschöpft: „Geh weiter.“
Dem Sanitätsfeldwebel ist die Auseinandersetzung nicht geheuer, er tut sehr unbeteiligt und fragt Malich so sachlich er kann: „Name, Dienstgrad, letzte Einheit ...?“
Max ist durcheinander. Ein latentes Schuldgefühl bedrückt ihn. ‚Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen!‘ Wütende oder enttäuschte halblaute Kommentare hört er wie durch Watte: „Der spinnt ja! Die üblichen Greuelmärchen.“ – „Hast du nie ein KZ gesehen?“ – „Laßt euch bloß kein Kind in den Bauch reden!“ – „Wenn wir sehen können, was wirklich los war, werden wir zehn Jahre lang kotzen.“
Wie weit bin ich mitschuldig an diesem Krieg? denkt Max. Beim Einmarsch der Wehrmacht in Polen war er elf. Er erinnert sich, wie England und Frankreich Deutschland den Krieg erklärten, am 1. September neununddreißig, einem sonnigen Spätsommertag. Sie standen bei Ottos am Gartenzaun, und Mutter sagte spontan: „Jetzt sind wir verloren!“
Mit fünfzehn dann wurde er Luftwaffenhelfer, mit siebzehn, Oktober vierundvierzig, zur Kriegsmarine einberufen. Bei Kriegsende, Mai fünfundvierzig, wurde er in Norwegen interniert, im September nach Bretzenheim verfrachtet, und jetzt steht ihm der Weg nach Frankreich bevor, das er gar nicht kennt, noch nie betreten hat.
Erinnerungsfetzen, Geräusche, Bilder, Worte. Das Heulen der Kreiselpumpen im Maschinenraum des Zerstörers. Das Schlingern des Schiffes, wenn es versucht, Torpedofliegern auszuweichen, das Hämmern der Zwillingsflak und das Krachen der 13-Zentimeter-Kanonen.
In Kopenhagen zwölf Windbeutel auf einmal. Eine mütterliche Passantin will ihm Brotmarken zustecken. Jahrzehnte später versteht er, warum, als er sein Soldbuch findet, das den Krieg überdauert hat, und darin sein schmales, siebzehnjähriges Kindergesicht unter der Feldmütze sieht.
An der Langen Linie liegt ein deutsches Lazarettschiff. Leichen werden ausgeladen, mit Fleischerhaken hinter der Achillessehne gekrallt, auf Lkw geschmissen! Er kann die letzten drei Windbeutel nicht mehr essen.
In Fagerstrand und Oslo, in den wenigen, sonnigen Tagen zwischen dem unerwarteten Auslaufen seines Schiffes und dem Kriegsende am 9. Mai, gibt es ein paar schwerelose Stunden auf dem glasklaren Fjord, ein Bad im eiskalten Wasser, einen Besuch in der Nationalgalerie und tiefes Betroffensein vor Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“. Ein stummer Schrei? Ein Schrei aus dem letzten Atem?
Ein Gefühl des Allein- und Verlassenseins liegt über alledem.
Vorher war das brennende Berlin, war die Sonne verdunkelt vom Rauch, das röhrende Brüllen der schweren Flak und das Dröhnen der Bomben machen eine Verständigung unmöglich. Sechshundert Bomber hat er bei einem Angriff auf Berlin gezählt. Hunderte von Brandbomben fielen auf Nachbarhäuser und Gärten. Das Haus seiner Eltern bleibt verschont. Sie rannten zwischen explodierenden Brandbomben hindurch, um andere Brände zu löschen.
Zu Anfang des Krieges gab es noch einen Ferienaufenthalt auf einem Bauernhof bei Torgau, auf den Elbwiesen, im Obstgarten. Gänsehüten und dabei Dreigroschenschmöker über Krieg, Sieg und Heldentum verschlingen. Auf dem Hof lebte auch ein Fremdarbeiter, ein Franzose, Jean. Er saß mit ihnen am Tisch, wie jeder deutsche Knecht.
Als Vierzehnjähriger muß Max mit seiner Schulklasse in Linum-Horst Kartoffeln buddeln und Hanf aufsetzen. Der Luchboden ist schwarz, schwer und naß, die Kartoffeln müssen im Knien einzeln mit der Hacke herausgepolkt werden. Sie schützen sich mit Knieschonern aus alten Latschen und Autoreifen, aber die Knie werden trotzdem sofort dreckig und naß. Die Hanfbündel sind zwei Meter lang und zentnerschwer, die Stengel hart und rauh. Die Handschuhe und die Fingerkuppen sind bald durch.
Die Verpflegung ist jämmerlich. Sie beschweren sich über das schlechte Essen und kippen dem Verwalter einen Kübel voll Mohrrübenbrühe vor die Tür. Das gibt Stunk. Mit Rausschmiß aus der Schule wird gedroht, große Worte fallen von ‚Sabotage‘, ‚Opferbereitschaft‘ und ‚Endsieg‘, aber Verwalter und Gutsherr essen nicht die gleiche Mohrrübensuppe.
Auf dem Nachbarfeld buddeln russische Gefangene Kartoffeln. Die sind dort größer, aber naß. Sie bekommen als Verpflegung pro Kiepe eine Kartoffel. Wenn man gut ist, schaffe man im schweren Luchboden acht Kiepen am Tag. Acht Kartoffeln täglich! Ab und zu stecken die Jungen ihnen einen Kanten Brot zu, nicht aus Solidarität, sondern weil sie so arme Schweine sind. Nur nicht erwischen lassen! Darauf steht Zuchthaus oder KZ. Die Wochenschauen zeigen Rußlands verbrannte Erde. Aber das Gerede von den Untermenschen verfängt nicht mehr.
In der Friedrichstraße muß ein Mann mit dem gelben Stern den Rinnstein fegen. Ein Posten fordert die Passanten auf, ihn anzuspucken. Max sah niemanden dieser Aufforderung folgen und machte einen weiten Bogen um die Szene.
Und die Gaskammern? Nie von ihnen gehört. Einmal auf einem ihrer langen Spaziergänge führte ihn sein Vater bei Oranienburg durch den Wald, bis zum KZ Sachsenhausen, bis an die Warnschilder mit dem Totenkopf.
„Die da drinnen müssen immer rennen“, sagte er, „auch beim Arbeiten.“ Man konnte sie aus der Ferne nicht sehen. Max selber konnte gut rennen. Er fand es nicht allzu schlimm, immer zu rennen. Beim Arbeitsdienst mußte er immer um den Exerzierplatz rennen, weil er den Zugführer ständig angrinste. „Der ewig Lächelnde“, sagte der. Max’ stumme Devise: „Ich kann länger rennen, als du schreien kannst ...“
Worin also besteht seine Schuld? (PK)
 

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen
„Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden
szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die
letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad
Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 295  vom 30.03.2011

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