NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Eine sehenswerte Tanz-Performance in der Alten Feuerwache in Köln
"… y además" von Susanne Helmes
Von Carola Willbrand

Am 18. und 19. März fand die Deutschlandpremiere "...y     además – und übrigens“ von und mit Susanne Helmes statt - eine Tanz-Performance in der Alten Feuerwache im Agnesviertel in Köln-Nord. Alles, was für das Stück notwendig war, hatte Susanne Helmes selbst entwickelt: Choreografie, Bühne, Video, Tanz und Aktion. Die Künstlerin verwendete sowohl eigene Texte, als auch von Jean de La Fontaine und Linda Mussmann.
 
Mit Linda Mussmann ist Susanne Helmes seit den 80iger Jahren, aus ihrer New Yorker Zeit verbunden. Linda Mussmann und Claudia Bruce betreiben seit dieser Zeit das "Time and Space Limited“ (1), einen Tanzort, der auch Platz für unterschiedlichste Künste und auch (soziale) Aktionen bietet. Die beiden Frauen hatten das Glück, am Anfang ihrer Karriere Mitstreiter wie Merce Cunningham und John Cage gefunden zu haben.
 
Susanne Helmes ist seit den späten 80iger Jahren ein fester Bestandteil der Kölner Tanz- und Performance-Szene. 1990 gründete sie "SusaHee Performance" als eigenständige, selbst produzierende, kompromisslose Eine-Person-und-Mehr Gruppe. Stücke wie "China“ (1989/99, über den Keim des Widerstands. Im chinesischen Kleid erinnerte Susanne Helmes an den Juni 1989, als auf dem Tiananmen Platz in Peking Menschen von Panzern überrollt wurden - ein Aufschrei für Freiheit und gegen politische Unterdrückung), "RisikoHorizont“ (1992, eine Fahrt mit der U-Bahn in New York, London, Paris, Berlin zeigt den Alltag unterschiedlicher Kulturen miteinander auf engem Raum. "Something New“ (1993, ein märchenhaftes Stück über den Vogelfisch, das Krokodil, die grünen Hüte, auf die man sich setzen kann um davon zu fliegen, und die Blume, die weint), "Vogel-frei zum Abschuss“ (1994. In diesem Stück spielte Susanne Helmes Wortkunst eine besondere Rolle: „Hello! Welcome im Kreis der – here we are – kunstfreunde! …Kunst – Künstler – Kunstwerk – jeder Mensch ist. Haha. yes, its great ist beautiful ist brillant – sophisticated – international…la sculpture la peinture    l´architecture l´ecriture le teatre la danse et la musique oh lala performance art – que es?....Künstler – Kunstwerk – Arbeit – Leben – Kunst – Überlebenskunst …nobody needs to ...Let me explain: porca miseria…rien ne va plus…don't worry be happy…solucione – was tun? May be television! Big – Quick – muchas colores…after all – doing art is a lot of work – and if you have an idea – es una cosa – verkopen op de idea es otra cosa…so…the one thing of life is doing – and the other side of life is waiting.") – Der dauernde Wechsel ihrer Sprachen dokumentiert ihr wechselndes Leben von den USA nach Deutschland nach Spanien.
 
Dieser kleine Ausschnitt aus ca. 30 verschiedenen Programmen zeigt deutlich ihr Interesse an Themen, die dem Leben zugewandt sind. Susanne Helmes geht es nicht allein um die schönen Bilder auf der Bühne, sondern sie transportiert mit ihrer BewegungsKunst die heutigen Probleme unserer Welt zwischen Arm und Reich, Widerstand und Hilflosigkeit. Sie ist eine politisch denkende Künstlerin. Das hat sicher auch mit ihrem Hintergrund zu tun; als Ethnologin und Kunsthistorikerin kam sie über Umwege zur Bühne, machte eine Ausbildung in klassischer Pantomime und modernem Tanz.
 
Seit 2003 gibt es das Projekt AZUL DanzaTeatro auf Mallorca (wo sie heute überwiegend lebt) – ein TanzTheater für Kinder und Jugendliche.
 
In ihrem aktuellen Stück „…y además ... und übrigens“ kommen die tragenden Elemente ihrer Kunst zum Ausdruck ein unglaublich vielfältiges, facettenreiches Spiel mit Bewegung, Worten, Musik. Ausgangspunkt ist die Fabel "Die Grille und die Ameise“ von La Fontaine. Der französische Schriftsteller Jean de La Fontaine (1621 bis 1695) ist noch heute jedem französischen Schulkind bekannt. Mit bissigem Humor zeigte er die menschlichen Schwächen mithilfe der Tierwelt.
 
Die Grille und die Ameise von Jean de la Fontaine:
 
Grillchen, das den Sommer lang
Zirpt und sang,
Litt, da nun der Winter droht’,
Harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
Und von Fliegen keine Spur!
Und vor Hunger weinend leise
Schlich’s zur Nachbarin Ameise;
Fleht’ sie an, in ihrer Not,
Ihr zu leihn ein Körnlein Brot,
Bis der Sommer wiederkehre.
„Glaub mir“, sprach’s, „auf Grillen-Ehre,
Vor dem Erntemond noch zahl
Zins ich dir und Kapital.“
Ämchen, die, wie manche lieben
Leute, das Verleihen hasst,
Fragt die Borgerin: „Was hast
Du im Sommer denn getrieben?“
„Tag und Nacht hab ich ergötzt
Durch mein Singen alle Leut.“
„Durch dein Singen? – Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann – tanze jetzt!“
 
Ja „…so tanze jetzt!“ – und so beginnt die "Grille" Suzy ihren turbulenten Auftritt in einer Art InsektenKostüm, mit einem HalbkugelKopf mit großen Fühlern, der einen aber sofort an unsere Weltkugel erinnert.


Alle Fotos von Carola Willbrand

Eifrig mit den Flügeln wedelnd besteht sie kindlich kichernd und zwitschernd auf der Sonnenseite des Lebens – plötzlich ins Strauchelnd kommend: "Has mirando a la luna hoy? Keep your seatbelt closed until we reach our final position What final position? Splash - Wir sitzen auf diesem kosmischen Klecks, zwei drittel Wasser ein drittel Erde….eine perfekte Schalttafel…wunderschön…"









Sie bedient mit ungeheurer Geschwindigkeit die Schalttafel, verlässt ihre fröhliche GrillenIdentität und mutiert zur Ameise. – Die Schalttafel? Von oder für was? Das wird schnell deutlich. Das große Geschäft wartet in Angriff genommen zu werden. Das was alle Frauen lieben. Ein Schuhgeschäft. Ein Schuhgeschäft gilt als Beispiel für the big business; die globalen Schuhe – alle in China produziert. Flip flopps alle weiß unisex – das ist Demokratie. Die Demokratie wird mit kleinen ausgelegten Spiegeln gegen den bösen Blick gesichert.





Susanne Helmes sagt selber zu ihrer Arbeit: „Performancekunst gibt die Möglichkeit, Fragmente der kulturellen Vielfalt auszudrücken...es sind die sozialen Gegensätze – und, gefiltert durch Emotion und Phantasie, die Welt der Träume und Vorstellungen.“





„…y ademas…“ Una obra en progresso  "Has mirando la luna hoy – did you wish upon a star.....Keep your seatbelt closed until we reach our final position. Tenemos la liberdad para hacerlo a la inversa."
 
Ihr beständig wechselnder Spracheinsatz, temporeich, gehetzt, allerliebst säuselnd, hart und unerbittlich, immer gut verständlich, fasst die einzelnen Bilder zu der Geschichte zwischen dem süßen Leben der Grille in tänzerischer Glücksseligkeit vor dem Verhungern und der gehetzten Raffgier der Geschäftsfrau im Stress der Arbeitswelt zusammen. Ihr lautmalerischer Einsatz hält das Stück in Spannung. Es ist geradezu ein OhrenTheater mit Bewegung!










Die gelebten ertanzten Erinnerungen, Erfahrungen, Themen ihrer Stücke münden in dieses aktuelle Stück z.B. das Bild der Schuhe. Die Schuhe, die für Wohlstand und (überflüssigen) Luxus stehen. Die von Susanne Helmes zitierten Flip-flops sind gar nicht zu sehen, aber in einem Stück von 2004, "Candides Garten" waren reale Schuhe, unglaublich viele Schuhe zu sehen. Die Schuhe der Frau Ba’o, die in ihrem Pappkarton lebt, ihrer kleinen übersichtlichen Welt und von dem Überfluss der großen Welt lebt. Der Überfluss besteht aus einem Sack voller Schuhe. Die Schuhe der großen Frauen der großen Welt: Marie Antoinette, Mary Lincoln, Tsching Tschiang (Maos Frau). Frau Ba’o findet, dass alles in Ordnung ist…mehr oder weniger. Trägt sie die richtigen Schuhe? Sie springt vom Tisch – "Ataca! All we need are quality shoes!"









Diese Performance ist ein Blick durch das Kaleidoskop absurder Wirklichkeit.
Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich in dieser Farce über Macht, Eitelkeit und Zukunft der Demokratie.









Die Texte, Toncollagen seit 1984, sind das Material der Gegenwart in den Videos, die die Produktion „…y ademas…“ begleiten. "…yes, its great ist beautiful ist brillant – sophisticated – international… …solucione – was tun? May be television! Big – Quick – muchas colores….everything goes, political correctness …und was war das nun mit der Rede um die Revolution – did anybody know – did anybody care – did anything change? NO – all she really wants is a coke, yes, a coca-cola. And a photo – a photo opportunity." Das sind Zitate aus „Es trotzdem Tun“ (1998) und…….
"….zriss….zriss….zriss….bombix mori – die seidenraupe….vor 4000 Jahren entdeckt von Kaiserin Si-Li-Shi…..sie rollt den Faden auf….Karavanen entlang der Seidenstrasse….weben ein Netz…www…welcome China" aus "Fragile 2000“.



"…y además..." – ein wunderbares Stück über die beiden Seiten des Lebens, die angebliche Glückseligkeit der Armut, die den Tag vertrödelt (HarzIV) und aufopferungsvolle Verantwortung des Geldes, die "uns" angeblich ernährt. (siehe nur die aktuellen Börsenkurse nach den Katastrophen in Japan und im Libanon!)
 
 
(1) http://timeandspace.org, www.susahee.de
 
liebe Workshop-Teilnehmer, liebe Interessierte,
 
inzwischen hat sich hoffentlich rumgesprochen, daß der Termin für den 1. Workshop zu 'metanoia - größer denken, weiter denken' in St. Kilian Lechenich nicht morgen am 25. sondern Samstag, den 26.03. von 10.00 bis 16.00 Uhr im Pfarrzentrum St. Kilian ist! 
Das Thema des Workshops ist 'Wunderkammer der Erinnerung: Künstlerisch meditieren - nachdenken mit den Händen zur Passionszeit".
Aus getragenen Kleidungsstücken der 'Kilianer' entwickelte Carola Willbrand das Hungertuch für St. Kilian. Unsere Kleidungsstücke begleiten uns ein Leben lang - vom Taufkleid bis zum Totenkleid - unsere zweite Haut! Die TeilnehmerInnen werden gebeten ein eigenes Kleidungsstück zur Bearbeitung mitzubringen. Mit Farbe, Leim, eingenähten Fotos können wir malend, nähend, formend der (Lebens)Zeit, die mit dem Kleidungsstück verbunden ist, erinnernd nachspüren. Keinerlei Vorkenntnisse sind erforderlich; für Malmittel, Leim, Pinsel, Farben und Nadeln wird gesorgt (Teilnahmegebühr 15 €).


Carola Willbrand – Performance bei ihrem Projekt "Kölsch köylü" im Praxiteles-Stipendium auf der türkischen Datca-Halbinsel.

Carola Willbrand, geboren 1952 in Köln, lebt und arbeitet in Köln. Fotos der von ihr hier beschriebenen BaumWesen BaumGeister im Schloßpark Stammheim stellten wir ab der NRhZ-Ausgabe 282 in einer Serie vor.

(1) Weitere Informationen über die Parkgeschichte und die KünstlerInnen unter www.rheinblicke-einblicke.de.

Mehr über die Künstlerin erfahren Sie auf ihrer Webseite http://www.carolawillbrand.de

Online-Flyer Nr. 294  vom 23.03.2011

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE