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Aktueller Online-Flyer vom 08. Dezember 2022  

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Inland
Lobbyarbeit und Werbung der Deutsche Bank zum "Zukunftsthema Kernkraft"
Todsichere Geschäfte
Von Hans Georg

Deutsche Großbanken finanzieren die Betreibergesellschaft des havarierten japanischen Kernkraftwerks Fukushima. Dies berichten Umweltschutzorganisationen. Ihren Angaben zufolge haben Deutsche Bank und West LB Anleihen im Wert von 60 Millionen Euro für das Unternehmen Tepco ausgegeben, das für die mutmaßlich größte Reaktorkatastrophe der Geschichte verantwortlich ist. Die Kooperation fand statt, obwohl bekannt war, dass Tepco jahrzehntelang gravierende Störfälle vertuscht und Sicherheitsberichte für die japanischen Behörden systematisch gefälscht hat.
 

Deutsche Bank-Chef Ackermann
NRhZ-Archiv
Zudem verfolgen deutsche Banken und Konzerne weiterhin Kernener-gieprojekte in Gebieten, die als ähnlich erdbebengefährdet gelten wie die Region um Fukushima. Auch an Uranminen, deren Be- trieb zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden bei der lokalen Bevölkerung und großflächigen Umweltzerstörun- gen führt, sind deutsche Kreditin-stitute und Unternehmen beteiligt. Die extrem gefährlichen Geschäftspraktiken gehen einher mit gezielter Lobbyarbeit für die Nutzung der Atomenergie und mit aggressiver Anlegerwerbung. So vertreibt die Deutsche Bank ein Wertpapier, dessen Käufern versprochen wird, das "Zukunftsthema Kernkraft über die gesamte Wertschöpfungskette" abzudecken.
 
Störfälle vertuscht
 
Wie der Verein "Urgewald" und andere Umweltschutzorganisationen mitteilen, haben Deutsche Bank und West LB jeweils Anleihen im Wert von 30 Millionen Euro für die Betreibergesellschaft des havarierten japanischen Kernkraftwerks Fukushima ausgegeben.[1] Neben den Unglücksreaktoren unterhält die Tokyo Electric Power Company (Tepco) noch weitere Kernkraftwerkskomplexe in Japan und zählt zu den vier größten Energiekonzernen der Welt. Der Deal mit der Deutschen Bank und West LB kam zustande, obwohl seit 2002 bekannt ist, dass Tepco jahrzehntelang gravierende Störfälle vertuscht und Sicherheitsberichte für die japanischen Behörden systematisch gefälscht hat. Nach einem Seebeben an der Westküste Japans im Juli 2007 musste das Unternehmen zudem den Austritt radioaktiven Wassers aus einem seiner Kernkraftwerke einräumen. Schon damals hatten Sicherheitsfachleute wiederholt darauf hingewiesen, dass die Notstromgeneratoren der Tepco-Atomanlagen an der Küste nicht durch Dieselmotoren angetrieben werden sollten, da diese bei einer Flutwelle leicht versagen könnten. Genau dieser Fall ist jetzt in Fukushima eingetreten.
 
Erdbebengefährdet
 
Trotz der Reaktorkatastrophe verfolgen deutsche Banken und Konzerne weiterhin Kernenergieprojekte in Gebieten, die als ähnlich erdbebengefährdet gelten wie die Region um Fukushima. So plante etwa RWE seit 2010 den Bau eines Atomkraftwerks im rumänischen Cernavodă - ein Standort, der laut Umweltschutzorganisationen "regelmäßig von starken Erdbeben von über 7,5 auf der europäischen MSK-Skala heimgesucht wird". Aus diesem Projekt stieg RWE erst jetzt aus, als die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation "urgewald" Aktionen dagegen ankündigte.[2] Auch im westindischen Jaitapur im Bundesstaat Maharashtra soll mit deutscher Unterstützung ein Kernkraftwerk entstehen - in einer Region, die ebenfalls als seismisches Risikogebiet gilt. Als Bauherr firmiert der französische Konzern Areva, an dessen Kernenergiesparte Siemens maßgeblich beteiligt ist.[3] Die Deutsche Bank zählt Areva zu ihren wichtigsten Kunden: Allein in den letzten drei Jahren erhielt das Unternehmen einen Firmenkredit in Höhe von 44,9 Millionen Euro und wurde durch die Ausgabe von Anleihen im Wert von 268,8 Millionen Euro unterstützt. Im selben Zeitraum erwarb die Deutsche Bank Areva-Anteile im Wert von 3,9 Millionen Euro.[4]
 
Ein sehr willkommener Kunde
 
Ein Teil der Finanzmittel, die die Deutsche Bank Areva zur Verfügung stellte, flossen 2007 in den Erwerb des südafrikanischen Bergbau-Unternehmens UraMin, das auf die Förderung von Uran spezialisiert ist. Obwohl der Uranabbau mit schwerwiegenden Gesundheitsrisiken für die lokale Bevölkerung und gravierenden Umweltzerstörungen einhergeht, war die Deutsche Bank nicht bereit, von dem Deal zurückzutreten. Auf entsprechende Kritik seitens Umweltschutzverbänden ließ man lediglich verlauten, dass Areva ein "sehr willkommener Kunde" sei und "kein Handlungsbedarf" bestehe.[5] Der Einstieg Arevas in die südafrikanische Uranförderung wurde auch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) unterstützt - mit einem Firmenkredit in Höhe von 44,9 Millionen Euro.
 
Zukunftsthema Kernkraft
 
Parallel zu ihrem finanziellen Engagement betreibt insbesondere die Deutsche Bank massive Lobbyarbeit für die Atomwirtschaft. So unterzeichnete das Kreditinstitut im August 2010 einen von den Energiekonzernen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall lancierten "Energiepolitischen Appell" an die Bundesregierung. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen wurde erklärt, dass die Verminderung von Kohlendioxidemissionen "deutlich schneller und vor allem preiswerter" zu erreichen sei, würde auf das "vorzeitige Abschalten" von Kernkraftwerken verzichtet.[6] Gleichzeitig vertreibt die Deutsche Bank ein Wertpapier, dessen Aktienkorb zwanzig Konzerne umfasst, die auf allen Gebieten der Kernenergieproduktion tätig sind - vom Uranabbau bis zum Betrieb von Atomkraftwerken. Den Käufern des "S-Box Nuclear Power Index-Zertifikats" wird versprochen, bei dieser Geldanlage das "Zukunftsthema Kernkraft über die gesamte Wertschöpfungskette" abzudecken.[7] (PK)
 
 
[1] Deutsche Bank und West-LB finanzieren Betreiber des Katastrophen-Reaktors in Japan mit; Urgewald e.V. Pressemitteilung 14.03.2011
[2] Urgewald e.V. (Hg.): Wie radioaktiv ist meine Bank? Sassenberg 2010
[3] Presseberichten zufolge waren in dem havarierten japanischen Kernkraftwerk Fukushima I zuletzt zehn deutsche Mitarbeiter der gemeinsam mit Siemens gegründeten Tochtergesellschaft Areva NP im Einsatz. Wie es heißt, hätten die Techniker "Wartungsarbeiten" und "Materialprüfungen" durchgeführt und sich "bestimmte Technologien durch den Kunden zertifizieren (...) lassen"; Nürnberger Zeitung (Onlineausgabe) 13.03.2011
[4] Sowohl Deutsche Bank als auch Commerzbank dementieren offiziell, mit dem Kernkraftwerksbau in Jaitapur befasst zu sein. Greenpeace: Commerzbank zieht sich aus indischem AKW-Projekt zurück; dpa 15.03.2011
[5], [6], [7] Urgewald e.V. (Hg.): Wie radioaktiv ist meine Bank? Sassenberg 2010

Dieser Beitrag erschien zuerst bei 
http://www.german-foreign-policy.com/


Online-Flyer Nr. 294  vom 23.03.2011

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