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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Sport
Zum Saisonende kehrt die amerikanische Fußballspielerin zurück in die USA
Alexandra Krieger verlässt Frankfurt
Von Bernd J.R. Henke

Die amerikanische Fußballerin Alexandra „Ally“ Krieger hat sich während ihrer Frankfurter Zeit zu einer international geachteten Persönlichkeit entwickelt. Ihre Spielweise wurde immer dynamischer sowie schneller im Umschalten von der Defensive auf Angriff und in der im modernen Fußball sehr wichtigen Rückwärts-Bewegung. Der Bundesligaclub 1. FFC Frankfurt hat nun der Bitte seiner US-Nationalspielerin entsprochen und wird den bis noch 2012 laufenden Vertrag mit SIDI-Sportmanagement und dem DFB-lizenzierten Verein in beiderseitigem Einverständnis nach dem DFB-Pokalfinale zum 31. März 2011 auflösen.
 

                                                                                                                                                              Direkt im Anschluss an das Spitzenspiel gegen den neuen deutschen Meister 1.FFC Turbine Potsdam wird sich „Ally“ dem WM-Kader der US-Nationalmannschaft anschließen, um sich intensiv auf die bevorstehende FIFA WM 2011 vorzubereiten. Nach der WM wird die Defensivspielerin dann einen Vertrag mit dem US-Verband unterschreiben und in der US-amerikanischen Profiliga spielen.
 
Sprache
 
Wir erinnern uns, es begann im Jahr 2007. Alexandra Krieger sprach am Anfang ihrer Karriere beim 1.FFC Frankfurt kaum ein Wort Deutsch - die Muttersprache ihrer einst in Berlin lebenden deutschen Vorfahren, die ihrer jüdischer Herkunft wegen emigrierten. Als die junge Amerikanerin vor vier Jahren am Airport Frankfurt/Rhein/Main gelandet war, kam sie in die internationalste, urbanste Region Deutschlands – hier sah sie Hochhäuser wie in New York City, eine multikulturelle tolerante Szene und eine herrliche „landscape“ rund um Rhein, Main und den „mountains“ des Taunus. Die weltoffene Stadt Frankfurt war ein guter Platz, etwas von den Wurzeln - von den „roots“ - der Vorväter zu spüren. Wenn sie nach dem letzten Spiel am 31. März 2011 in Köln internationalen Sportagenturen Interviews geben wird, wird sie fast wie eine Einheimische in Wort und Schrift die deutsche Sprache einsetzen können. Das neue Deutschland hat sie geprägt. Sie fühlte sich wohl in Frankfurt. Das war ihr in all den gemeinsamen Jahren mit der Mannschaft anzumerken.
 
 
Geschichte
 
Sicherlich wäre auch der 1.FFC Turbine Potsdam in der Nähe von Berlin ein interessantes Umfeld für die lernbeflissene, sportbegeisterte Weltfußballerin gewesen - denn dort im ehemaligen Groß-Berlin lebte ihr Großvater bis 1938. Als im Januar dieses Jahres die große deutsche Fechterin Helene Mayer, die als Emigrantin hoch verehrt in den USA 1953 verstarb, in Offenbach am Main zum 100. Geburtstag von der Stadtgesellschaft in zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen posthum geehrt wurde, vermissten sportpolitisch Interessierte die Anwesenheit der US-Bürgerin mit den jüdischen Vorfahren aus der nachbarlichen Sportstadt Frankfurt am Main. Ihrem Frankfurter Umfeld war diese einmalige Gelegenheit der Begegnung internationaler Sportgeschichte und eines neuartigen Diskurses über eine mental erfolgreiche Rückkehr einer Familie namens Krieger durch die internationale Sportgemeinschaft mangels historischer Feinfühligkeit wohl nicht aufgefallen. Nun ja, der DFB kann mit Recht darauf verweisen, dass „Ally“ Krieger im Team von Washington Freedom spielte, in dem Verein, wo auch FIFA-OK-Präsidentin Steffi Jones vormals gespielt hatte. Für „Ally“ ist nach eigenem Bekunden die hessische Metropolregion Rhein-Main mit dem Zentrum Frankfurt, also das fußballerische Gegenstück zu Groß-Berlin und Potsdam, ihre zweite Heimat geworden.
 
                                                             
 
Flugstrapazen
 
„Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber es fiel mir zunehmend schwer, ständig zwischen den USA und meiner zweiten Heimat Deutschland zu wechseln. Die Reisestrapazen waren anstrengend und letztlich verpasst man Spiele auf beiden Seiten. Mein Ziel war immer, mein Heimatland bei großen Turnieren wie einer Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen zu vertreten und darauf fokussiere ich mich jetzt voll und ganz. Es ist nicht leicht, das Leben in Deutschland und meine Freunde zu verlassen, aber ich werde bis zuletzt alles dafür geben, um mich mit einem Titel – quasi auf dem Höhepunkt – zu verabschieden!“„Ally“ Krieger wird sich für die WM 2011 einen Stammplatz im USA-Team erkämpft haben – deshalb wir werden sie auch nächstes Jahr bei Olympia 2012 in London auf europäischen Boden bewundern können.
 
                                                              
 
Luftschiffhäfen
 
In Frankfurt trainierte sie u.a. auf den Sportplätzen des Rebstock-Parks - ganz in der Nähe des ehemaligen Standortes des ersten Frankfurter Flughafens, wo 1937 der Zeppelin Hindenburg zur letzten Reise in die USA startete. Das Rebstockgelände war die Heimat der Flugpioniere, und schon 1912 eröffnete die Deutsche Luftschifffahrts AG den Luftschiffhafen am Rebstock. Dieser diente zunächst als Luftschiffhafen, auf dem beispielsweise der Zeppelin LZ 11 „Viktoria Luise“ stationiert war, später aber auch als Flugzeughafen. Nach dem ersten Weltkrieg begann ab 1924 vom Flughafen Frankfurt-Rebstock aus ein planmäßiger Luftverkehrsdienst. Im Jahre 1925 starteten und landeten bereits 2.357 Flugzeuge; insgesamt wurden rund 5.500 Passagiere befördert. Die Linie des Zeppelins Hindenburg verband den ersten freien Passagierverkehr über den Nordatlantik zwischen Frankfurt am Main und Lakehurst, New Jersey. Der Flug in die USA dauerte 60 Stunden und der Rückflug schnellere 50 Stunden. Die Potsdamer Nationalspielerinnen trainieren in Potsdam, ebenso wie die Frankfurter Nationalspielerinnen zuhause in der Mainmetropole in der Nähe vom einstigen Rebstock Flughafen, direkt auf dem Rasen des heutigen Stadions am Luftschiffhafen. Zeppeline und Frauenfußballerinnen – ein ungewöhnlicher Hinweis auf die bewegte Historie in Technik und Sport zwischen den USA, Deutschland sowie den Städten Potsdam und Frankfurt.
 
 
Gleichstellung
 
Der Weggang von „Ally“ Krieger wurde von ihrem amerikanischen Berater Brian Eylert und ihrem Vater konsequent geplant und sichert durch ihre ihre sportliche Karriere als Profispielerin für die Zukunft. Das bedeutet nämlich in den USA im Gegensatz zu Deutschland eine Gleichstellung des Frauenfußballs mit den Männern in staatlicher Förderung und Finanzierung. Die DFB-Zentrale in Frankfurt hingegen wird nach der WM 2011 im Bereich Frauenfußball mit dem Gerede über mehr Professionalität wohl aufhören müssen, denn die realen Strukturen der beiden Frauen-Bundesligen hinken dem Wunschdenken mancher Funktionäre und Vereinsmanager doch sehr weit hinterher. Potsdams Trainer Bernd Schröder brachte es auf den Punkt, als er die derzeitigen Rahmenbedingungen im deutschen DFB-Vereinsfrauenfußball in einem kicker-Exklusiv-Interview unlängst „ungeschminkt“ skizzierte: „Der Frauenfußball hat sich eingerichtet. Wir haben viel erreicht, aber wir sollten nicht in Sphären schweben, die illusorisch sind." Erfolgstrainer Bernd Schröder vom deutschen Meister Turbine Potsdam hält den Frauenfußball in Deutschland für "ausgereizt" und glaubt auch "nicht an einen großen Boom" durch die WM im Sommer im eigenen Land.
 
 
Nationalstolz
 
Für Amerika und seine WPS-US-Frauen-Profiliga sowie die Fundamente jener College-Strukturen, die „Ally“ nun wieder in Anspruch nehmen kann, gilt: „Soccer is a kick in the grass and girls play, too.“ Bei einem Top-Gewinn bei der WM 2011 würde „Ally“ sicher bei einer Finalbeteiligung eine höhere Dotierung erreichen als die DFB-Spielerinnen. Im Gegensatz zu Deutschland werden auch im lukrativen Werbemarkt der USA weibliche Testimonials aus dem Sport finanziell höher gewichtet als Schauspielerinnen. „Ally“ Krieger selbst ist eine hoch motivierte Sportlerin mit exzellentem Sportgeist, die mit sprichwörtlichem Nationalstolz für ihr Land um die sportliche Ehre
kämpfen wird. Die DFB-Strukturen in Deutschland sind komplett anders, was aber nicht bedeuten sollte, dass unsere Nationalspielerinnen grundsätzlich nicht gleichwertig in ihren Verbandsdotierungen gegenüber den in der Tat international weniger erfolgreichen Männern anzusiedeln wären. Tatsache ist aber, dass ein Sieg im Finale einer Frauen-WM den Frauen eine Siegprämie von 60.000 Euro pro Spielerin eröffnet, die Prämie der männlichen Kollegen liegt mit 250.000 Euro weit höher.
 

Modelle
 
Alexandra Kriegers Marktwert als PUMA-Testimonial wird sich natürlich erhöhen, denn die Marketing Agentur der Women´s Professional Soccer (WPS) arbeitet sowohl mit dem Sportartikelhersteller PUMA als auch mit der US- Männer Liga, der Major League Soccer (MLS) zusammen. Diese Agentur plant auch WPS-Teams in den Stadien der Männer-Profiliga spielen zu lassen, um die Profitabilität zu erhöhen. Die Spielerinnen der WPS schließen wie in der MLS die Verträge mit der Liga ab und nicht direkt mit den Teams. Der lang vorbereitete Weggang von Alexandra Krieger aus Deutschland ist Anlass genug, darüber öffentlich nachzudenken, ob nicht der deutsche Frauenfußball gegenüber anderen erfolgreichen Sportsystemen ein reformiertes Konzept benötigt, welches ohne Wettbewerbsverzerrungen und ohne Träumereien den Vereinsfußball in seiner Substanz weiterentwickelt werden kann. Insbesondere bietet der stark wachsende Mädchenfußball sicherlich neue Impulse. Spielerinnen wie Bianca Schmidt und Babett Peter sind hervorragende Beweise gründlicher Jugendarbeit. Noch heute ist man beim 1. FC Lokomotive Leipzig stolz auf die Entwicklung der Nationalspielerin Babett Peter. Turbine Potsdam schnappte sich im Jahr 2005 natürlich die frischgebackene Junioren-Nationalspielerin aus Leipzig
 

 
Werte
 
Die Realität spricht derzeit für das Modell Potsdam mit gutem Mannschaftsunterbau, hervorragenden Trainingsmöglichkeiten und beruflicher Förderung der Spielerinnen. Idealismus gepaart mit Förderung durch Staat, Land und Militär sowie eines gut ausgestatteten Olympiazentrums und dem rührigem Netzwerk einer Sponsorenfamilie aus der Wirtschaft ist die Basis in Potsdam. Man denke hier nur stellvertretend für alle an den Unternehmer Reiner Rabe aus Luckenwalde. Nicht zu unterschätzen ist die enge Bindung der Fans und ehrenamtlichen Helfer durch ein familiäres Vereinsleben in der Havelstadt. Man legt Wert auf menschliche Werte. In den DFB-Gremien der Frauenbundesliga werden vielleicht demnächst drei Erstligavereine aus dem deutschen Osten sitzen – Potsdam, Leipzig und Jena. Oder wird auch über andere innovative Wege in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise nachgedacht? Bei genauem Hinsehen könnte man überrascht sein, wenn dem so wäre. Sollten noch in zehn Jahren Potsdam und Frankfurt die Endspiele und Meisterschaften unter sich ausmachen, besteht die Gefahr, dass die Spannung und das Interesse für den Frauenfußball in Deutschland nachlassen würde und der 68-jährige Erfolgstrainer Bernd Schröder mit seinem Gespür für Realität Recht bekäme. Schröder betont des Öfteren, dass Frauenfußball ein Kulturgut sei. Ein Grund darauf stolz zu sein.
 

 
Neue Impulse
 
Aber neue Impulse werden sicher nach der Schröder-Ära ins Gespräch gebracht werden und auch notwendiger sein denn je. Zum Beispiel könnte der Frauenfußball an den deutschen Hochschulen und Sporthochschulen akademisch innovativer und leistungsorientierter gestaltet werden. Warum nicht eigene Ligen wie in den USA an den Colleges? Ausgewähltere, besser ausgebildete Sportlehrer heben das Niveau im Jugendbereich. In den USA gibt es anscheinend mehr Chancengleichheit gegenüber den Männern und mehr Mut zur Innovation im Ligabetrieb.„Soccer is a kick in the grass and girls play, too.“ (PK)
 
 


Online-Flyer Nr. 294  vom 23.03.2011

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