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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Sport
Duisburg verliert 0:1 - Frankfurts Manager gesteht Aus in der Meisterschaft
Potsdams Frauen in Meisterform
Von Bernd J.R. Henke

Dieses Spiel im Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion - im neu-preußischen Volksmund auch „Karli“ genannt - hatte es wirklich in sich. Der FCR 2001 Duisburg vergab in der ersten Halbzeit zwei klare Chancen, einmal war es ein Lattenknaller (17.) von Torjägerin Inka Grings, das zweite Mal rettete (20.) die Weltklasse-Torfrau im Gehäuse der Potsdamerinnen, die 18-jährige Anna Felicitas Sarholz, einen fast unhaltbaren Schuss von der wiederum direkt vor ihr frei stehenden Nationalstürmerin Inka Grings.
 
 
Kein Durchkommen
 
Ansonsten gab es für die Löwinnen kein Durchkommen gegen die Abwehr von Turbine Potsdam mit der Chefin Babett Peter, den beiden laufstarken, gut gestaffelt stehenden Verteidigerinnen Inka Wesely und Josephine Henning sowie der agilen und immer im Vorwärtsgang befindlichen Außenverteidigerin Bianca Schmidt. Schmidt empfahl sich nach dem U-20 WM-Vorjahresgewinn auch an diesem Tag für den A-Nationalmannschaft-Kader der diesjährigen Weltmeisterschaft. Fünf Spieltage vor Schluss der Bundesliga verteidigte das Team von Erfolgstrainer Bernd Schröder Platz 1 in der Tabelle durch ein Tor, das die Sturmspitze Anja Mittag kurz vor Ende der Partie (84.) einschob.
 
Eiskalt
 
Der 1.FFC Frankfurt als Nummer 2 hält Kurs auf die kommende Champions League-Nominierung. Frankfurts Traumfabrik schoss an diesem Tage traumhaft viele Tore, aber Potsdam punktete eiskalt gegen Duisburg. Frankfurt dagegen hatte gegen die selben Löwinnen eine Woche zuvor auf hartem Frostboden und seifiger Rasenpiste überhaupt kein Tor zu Stande gebracht, die Vorbereitung im sonnigen Süden ohne jegliche Spielpraxis in kühler heimischer Umgebung war wie so oft im leichtsinnigen und theatralischen Überschwang des Frankfurter Managements in einer türkischen Feriendestination vermasselt worden. „Ein harter Vorbereitungsbesen in einer deutschen Jugendherberge wäre angebrachter gewesen“, bemerkte Fußballexperte Joe Blaha, der die terminträchtige Januarspielpraxis der sportlichen Rivalen aus Duisburg und Potsdam dagegenstellte. „Frankfurt ließ es zu lau angehen und scheiterte deshalb torlos zu Beginn des Jahres“, ergänzte der Fußballexperte, der einmal selbst als Amateur in der Bayern-Liga kickte.
 
                        
Frustabbau
 
Der am Sonntag in Potsdam auf Augenhöhe spielende FCR 2001 Duisburg hingegen steht in der Meisterschaft nun mit vier Punkten hinter den Frankfurterinnen mit leeren Händen da. Waren noch in Frankfurt eine Woche zuvor die beiden Duisburger Nationalspielerinnen Sonja Fuss und Inka Grings Arm in Arm überglücklich vom Platz gelaufen, so entlud sich diesmal die Emotion der beiden in Enttäuschung und in Frust. Beim Herausgehen vom Platz in die Kabine überrannte die enttäuschte Sonja Fuss Fotografen und Ordner. Die sonst gesprächige und temperamentvolle Inka Grings entschwand ohne Kommentar schweigsam in den Duisburger Mannschaftsbus.
 
Nachholen
 
Schon nächsten Mittwoch treten die Löwinnen im DFB-Pokal Nachholspiel Viertelfinale auswärts gegen den FC Bayern München an. „Da bleibt kaum Zeit zur Erholung meiner Spielerinnen. Diese kommenden englischen Wochen mit der Pokalnachholung und mit den Hin- und Rückspielen in der Champions League werden alle Kraft einfordern, die wir haben“, sagte FCR-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg. Sie hatte schon im Vorfeld des Spieles die Spiel- und Saisonplanung für die Liga durch den DFB massiv angegriffen. Anders in Frankfurt: Die vom Frankfurter Sport-Boulevard der Tageszeitungen hoch geschriebene und unterstützte Hochstimmung entlud sich gegenüber dem 1. FC Saarbrücken im heimischen Brentanobad zu einer Torflut mit Endstand 9:0 (5:0).
 
                     
 
Millionenheer
 
Den Torreigen begann die Ex-Saarbrückerin Marozsan (7.), Pohlers (16.) durch Foulelfmeter, Landström (19.) und wiederum Conny Pohlers (45.) und (45.+2) erhöhten zur Halbzeit auf berauschende 5:0. Die verdutzten Saarbrückerinnen überraschte Pohlers kurz danach (47.) zum 6:0, und Garefrekes (61.), Huth (75.) und zum Schluss Landström (77.) erhöhten zum Endstand 9:0. Die Spielerinnen des FFC deklassierten und demontierten nach allen Regeln der Kunst eine total verunsicherte, von zahlreichen Verletzungen heimgesuchte Saarbrücker Mannschaft. „Ein knapp zwei Millionen Euro Commerzbank-Heer verprügelte eine stark ausgeblutete 200.000 Euro Saarland-Kompanie ohne Überziehungskredit bei der deutschen Mittelstandsbank. So eine Wettbewerbsverzerrung schadet der Liga,“ bemerkte ein gut informierter Zuschauer auf der Ehrentribüne. Saarbrückens Trainer Stefan Fröhlich hatte sich Tage zuvor für vier Wochen krank gemeldet, seine etatmäßig gesetzte, erfolgreiche Torfrau Romina Holz tat es kurz vor der Abreise.
 
 
Aderlass
 
„Die dunklen Wolken werden wohl Saarbrücken in den Abstiegstrudel reißen“, fuhr der Fußballfan mit Ehrenkarte weiter fort. „Der Aderlass von exzellenten Saarbrücker Talenten und späteren Nationalspielerinnen der legendären jungen Mannschaft, die im vorletzten Berliner Pokalendspiel gegen Frankfurt spielten, hat dem 1. FC Saarbrücken schon frühzeitig die Substanz für die Zukunft entzogen. Dass Trainer Fröhlich so lange durchhielt, war ein wahres Wunder“, bemerkte Fußballexperte Joe Blaha unter nachdenklichen Kollegen in Frankfurt. Die in der Luft stehende Überraschung für Frankfurt, Tabellenführer zu werden, deutete sich ja an, denn in Potsdam fiel zeitgleich lange Zeit kein Tor. Vorstand und Manager des FFC standen in Siegerpose am Spielfeldrand. Die ersehnte und fast sicher geglaubte Tabellenführung war zum Greifen nah.
 
Phantomschmerz
 
Bis zur 84. Minute des 18. Spieltages führten die Frankfurterinnen rein statistisch im direkten Vergleich. Potsdam wäre mit einem torlosen Unentschieden auf zwei Punkte hinter die Hessinnen zurückgefallen. Manager Dietrich, sonst kein Mann der demutsvollen Untertreibung, war daher ungewohnt gezwungen, sofort nach dem Supersieg seiner Frauen gegenüber dem Hessischen Rundfunk (hr1) kleinlaut einzuräumen, dass die deutsche Meisterkrone nun auch schon im dritten Jahr hintereinander nicht nach Frankfurt gehen würde. Und das schon am fünftletzten Spieltag, das tat weh. Was sagt man in Zukunft den Sponsoren in Frankfurt? Wirkliche sportliche Erfolge sehen anders aus. „Da bleiben wohl noch einige Phantomschmerzen übrig“, sagte nach der Partie ein Edel-Fan mit Vereinsschal, dessen Fan-Herz am Würstchenstand draußen vor dem VIP-Raum mit einem Bier Beruhigung suchte.
 
 
Emotionen
 
In Potsdam dagegen regierte nach dem glücklichen Mittag-Siegestor die totale Begeisterung. Emotion pur, das „Karli“ wackelte vor Freude, die Fans umarmten sich. Die Zitterpartie war zu Ende. „Die erneute deutsche Meisterschaft liegt nun im grünen Bereich, dieses WM-Jahr ist das Jahr von Potsdam“, äußerte zufrieden Turbines Vereinspräsident Günter Baaske, Brandenburgs Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie. Es war der Tag eines denkwürdigen Sieges. Für Cheftrainer Bernd Schröder war das gewonnene Spiel der beste Fight zwischen Duisburg und Potsdam, den er je zuvor gesehen und erlebt habe. Er lobte das hohe Tempo, den enormen Kampfgeist und die Spielfreude zweier gleichwertiger europäischer Spitzenmannschaften, deren Wege sich möglicherweise in der laufenden Champions League-Saison im Halbfinale noch einmal kreuzen könnten.
 
Bescheidenheit
 
„Es war wieder einmal ein ausgeglichenes Spiel gegen Duisburg“, erklärte Mittelstürmerin Anja Mittag, die, bescheiden wie sie nun mal ist, trotzdem mit ihrer eigenen Leistung nicht zufrieden war. „Wir haben etwas glücklich gewonnen.“ Das sah Turbine-Trainer Bernd Schröder in der anschließenden freundschaftlich von Turbine-Presselady Nadine Bieneck charmant geleiteten Pressekonferenz nicht anders: „Beide Teams haben sich wunderbar verkauft. Ein Remis wäre vielleicht gerechter gewesen. Auch mit Blick auf die erste Halbzeit.“ „Wir haben uns nie aufgegeben,“ meinte Anja Mittag. „Wir haben im ersten Durchgang viel investiert und wurden am Ende wieder einmal nicht belohnt“, ärgerte sich Martina Voss-Tecklenburg. Eine Woche zuvor in Frankfurt am Brentanobad hatte sie das Zustandekommen des Löwinnensieges über den Verlierer 1. FFC Frankfurt noch als glückhafte Situation bezeichnet. Glück und Ärger innerhalb einer Woche, das kommt in den besten Familien vor, auch im Frauenfußball zwischen den drei besten deutschen Teams.
 
 
Selbstvertrauen
 
Die FCR Trainerin sah eine ausgeglichene zweite Halbzeit mit wenigen Torraumszenen. Im Potsdamer Mittelfeld führten Viola Odebrecht und Jennifer Zietz klug Regie. „Wir haben alle füreinander gekämpft, dieser Sieg gibt uns Selbstvertrauen“, meinte Odebrecht, die zu einer der besten Spielerinnen in der Turbine-Elf avancierte und die Vorarbeit für den Siegtreffer leistete. Nach einer Eingabe von Kapitänin Jennifer Zietz setzte die Spielerin mit der Trikotnummer 16 energisch nach und legte den Ball sechs Minuten vor dem Abpfiff an der fast unbezwingbar scheinenden Duisburg-Torfrau Christina Bellinghoven vorbei. Ex-Potsdamerin Bellinghoven war schon in Frankfurt mit die beste Spielerin der Löwinnen „Danach wurde ich klar gefoult. Es hätte Elfmeter geben müssen“, erinnert sich die gebürtige Neubrandenburgerin Viola Odebrecht, die am kommenden Freitag ihren achtundzwanzigsten Geburtstag feiern wird. „Als ich am Boden lag, habe ich nur noch mitbekommen, wie alle jubelten.“ Anja Mittag stand goldrichtig und staubte eiskalt zum 1:0 ab (84.).
 
 
Kopfschmerzen
 
Eine Minute nach der Führung wurde es im Potsdamer Strafraum brenzlig. Neuzugang und U-20 Weltmeisterin „Inka“ Wesely klärte mit vollem Risiko gegen die einschussbereite Namensvetterin „Inka“ Grings. „Nach dem Zweikampf fiel ich auf den Hinterkopf, berichtete die sympathische Abwehrspielerin, die diesmal die Chance von Beginn an bekommen hatte und „ein gutes Spiel zeigte“, so Cheftrainer Bernd Schröder in der Pressekonferenz. Inka Wesely bemerkte unter Freunden danach im VIP-Raum: „Bis auf ein bisschen Kopfschmerzen ist alles wieder okay. Der Sieg lässt alle Beschwerden vergessen.“ Die drei wichtigen Punkte wurden am Abend ordentlich gefeiert. Das Team ließ es auf der Geburtstagsparty von Torfrau Desirée Schumann - sie wurde am Sonntag 21 Jahre alt - richtig krachen. Trainer-Fuchs hingegen genoss den Triumph in Ruhe bei einem Glas Rotwein.
 
 
Minibesucherzahlen
 
Die übrigen Spiele gingen wegen der Fokussierung auf beide Fernduelle in Potsdam und Frankfurt in der Wahrnehmung unter. Der Zuschauerzuspruch in diesen Restspielen des Tages war erbärmlich schwach. Es deutet sich langsam an, dass bei aller WM-Euphorie auch über den sich stark abzeichnenden wirtschaftlichen Flurschaden für die Liga nachgedacht werden muss. Die beginnende Vermarktungs- und Verwertungsstrategie von DFB und FIFA schadet den Vereinen. Zuschauerzahlen von 174 in Hamburg, von 258 in München-Aschheim und immerhin noch 430 in Bad Neuenahr sind deutliche Anzeichen einer Auszehrung der Restvereine.
 
Zwergenaufstände
 
Potsdam zum Beispiel mit wenigstens 1500 Zuschauern pro Spiel meistert die Kosten mit vielen Ehrenamtlichen – vom Cheftrainer angefangen bis hin zum Dienst der Sicherheitsleute. Zwergenaufstände sind in nächster Zeit in der Otto-Fleck-Schneise nicht zu erwarten, da den Frauen-Bundesliga-Vereinen geeignete Lobbyisten in den DFB-Gremien fehlen. Dietrich ist kein Lobbyist, er ist Investor und Businessmann. Die Männervereine Wolfsburg, München, Hamburg und Leverkusen nehmen die Liga noch nicht sehr ernst. Sie beobachten, aber der Nachfolger von Uli Hoeness wartet wohl auf bessere Zuschauerzahlen. „FC Traumfabrik“ Frankfurt rüstet für Jahre hinaus auf, die Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben angeekelt aus. Ein in der Breite über ganz Deutschland sichtbares aufkeimendes Fußballmärchen ist das nicht.
 
 
Ehrliches
 
Den fünften Platz festigte der Hamburger SV, der dank eines Tores von Nationalspielerin Kim Kulig (45.) 1:0 gegen die SG Essen-Schönebeck gewann. Der FC Bayern München bezwang Bayer 04 Leverkusen 4:0 (2:0), für die Tore zeichneten Julia Simic (22.), Petra Wimbersky (30./87. Foulelfmeter) und Sylvia Banecki (53.) verantwortlich. Nicht ernst zunehmender Verfolger des Spitzentrios bleibt der VfL Wolfsburg. Die Niedersachsen gewannen beim SC 07 Bad Neuenahr 2:1 (1:0) und verbesserten ihr Punktekonto auf 32. Zsanett Jakabfi (28.) und Selina Wagner (85.) trafen für die Gäste, die sich auch vom zwischenzeitlichen Ausgleich durch Ramona Petzelberger (73.) nicht beirren ließen.
Die Kellerbegegnung zwischen dem Herforder SV und FF USV Jena wurde wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt.
 
Ketzerisches
 
Die Zuschauerzahlen waren so oder so ziemlich grottenschlecht. Die Vereine darben, der DFB muss mindestens auf einem Auge blind geworden sein, diese Bundesliga Saison wird als Skandaljahr einer überheblichen und die Vereine schädigenden Planungsstrategie in die Sportannalen eingehen. Es ist das schlechteste Frauenfußballjahr in Deutschland bisher. Die DFB-Länderspielpleiten in Wolfsburg und Leverkusen vom Vorjahr sind auch noch nicht vergessen. Zuviel Schaulaufen im FIFA Kostüm, viel zu wenig volksnahe Emotion, welche die treuesten Fans wieder auf den Fußballplatz locken könnte. Kartengeschrei und Barbiepuppen-Aufstände sind der Flash der Tage - ein nebulöser Rauschzustand wie noch nie. Volksnahe Fußballkultur, um die Randsportart Frauenfußball mittels eines anständigen ehrlichen Mädchenfußballs gesellschaftlich zu stärken, sieht anders aus. (PK)
 




 


Online-Flyer Nr. 294  vom 23.03.2011

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