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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Medien
Verschwörungstheoretische Meisterleistungen eines Abiturabbrechers
Der Kölner Stadt-Anzeiger und seine "Panikachse"
Von Peter Kleinert

Da wir den Kölner Stadt-Anzeiger und die Familie DuMont so lieben und uns über die "Achse des Guten“ so gerne amüsieren, nehmen wir die regelmäßigen Diffamierungsversuche gegenüber unserer Gastautorin Sabine Schiffer einmal zum Anlass, über die "Qualität“ von gedrucktem Boulevard und online-Boulevard aufzuklären.
 

Sabine Schiffer
NRhZ-Archiv
Im Gegensatz zu unserem Selbst-Verteidigungsminister hat Dr. Sabine Schiffer ihre Doktorarbeit selbst geschrieben – in fast 10 Jahren und über weite Strecken als Alleinerziehende teilweise neben dem Broterwerb. Ihre Doktorarbeit lohnt die Lektüre, legt sie doch neben wichtigen Definitionen auch ein methodisches Instrument vor, wie Medienprodukte zu untersuchen und somit messbar und nicht willkürlich zu bewerten sind. Dies hat sich über die Beschäftigung mit der "Darstellung des Islams in der deutschen Presse“ hinaus etabliert und wird in der Wissenschaft weiter verarbeitet und verfeinert, wie man beispielweise an den Untersuchungen von "Sinn-Induktions“-Phänomenen sehen kann. Wer die Dissertation liest und das kann man in jeder seriösen Bibliothek tun, denn die Buchausgabe im ERGON-Verlag ist nicht ganz billig, erkennt sofort, dass die Polemiken von KStA, Achse & Co. mit der Arbeit von Sabine Schiffer nicht das Geringste zu tun haben.
 
Schiffer hat weder die zu kritisierenden Fakten unter Muslimen verschwiegen, noch beschönigt, noch verleugnet – sie warnt ausschließlich vor deren Verallgemeinerung. Und mit ihrem neuen Buch über den Vergleich von "Antisemitismus und Islamophobie" (1), das sie zusammen mit Constantin Wagner verfasst hat, wird mehr als deutlich, warum davor zu warnen ist. Das Buch ist noch dringender zu empfehlen, als die für viele sicher schwer lesbare Doktorarbeit "Die Darstellung des Islams in der Presse"; aber Ungeduldige können sich dem Thema auch in einer Edutainment-Variante in Form eines Vortragsmitschnitts nähern: http://www.publicsolidarity.de/2011/2/17/sabine-schiffer-am-16-februar-2011-in-berlin.

Dieser Vergleich stört natürlich die Hetzer gegen den Islam, die sich gerne judeophil geben, und dazu gehört offensichtlich auch Tobias Kaufmann vom Kölner Stadt-Anzeiger. Sein Verriss von Patrick Bahners Buch "Die Panikmacher“ unter dem ominösen Titel "Die Wetzlar Verschwörung“ vom 24. Februar 2011 deutet auf ein "sich ertappt Fühlen“ hin. Neben der Kritik an Bahners hat Kaufmann auch ein Sätzchen für unsere Kollegin Schiffer übrig: "Bahners verschweigt, dass dieselben Medien Wirren der Gegenseite ein Forum bieten - etwa der "Medienexpertin“ Sabine Schiffer, die jeden Leitartikel über islamischen Terrorismus als islamophobe Hetze entlarvt.“
 
Das wäre natürlich übel, wenn Bahners das verschwiegen hätte, dass "dieselben Medien“ Sabine Schiffer ein Forum bieten würden. Welche meint er bloß? Uns? In der Zeit, der Süddeutschen, der FAZ und dem Kölner Stadt-Anzeiger suchen wir jedoch Artikel von ihr vergeblich, wir finden allenfalls etwas über sie – und oft in der Qualität eines Tobias Kaufmann, der offensichtlich noch nichts von Sabine Schiffer selbst gelesen hat. Zwar kann man in den letzten Jahren immer mehr islamophobe Leitartikel finden, aber Terrorismus wurde noch nie unter Islamophobie gefasst, wie Kaufmann das glauben machen will – und schon gar nicht von der Wissenschaftlerin, die sich seit fast 20 Jahren mit der Thematik auseinandersetzt und wie wenige alle Nuancen der Debatten genau kennt.
 
Kaufmann steht da freilich in einer gewissen Tradition, die im Kölner Stadt-Anzeiger bereits vor einem Jahr begründet wurde – und zum Beispiel die wissenschaftlichen Verdienste mitsamt dem Doktortitel von Sabine Schiffer systematisch verschweigt. Damals war es Jan Philipp Hein, der meinte, die Gunst der Stunde einer Strafanzeige gegen Schiffer nutzen zu müssen, um seine Verdächtigungen loszuwerden. Wie der Strafbefehl (im Zusammenhang mit dem Mord an Marwa El-Sherbini), so löste sich auch sein Konstrukt in heißer Luft auf – für das renommierte Blatt jedoch kein Grund, dem widerlegten Text eine Gegendarstellung folgen zu lassen oder zumindest einen redlichen Beitrag zur konstruktiven Diskussion.
 
Das ist schön für uns, denn so kann jeder nochmal nachlesen, welche verschwörungstheoretischen Meisterleistungen die Redaktion des KStA passieren dürfen: Unter dem Titel "Das seltsame Institut der Sabine S.“ (2) heißt es am 12. Januar 2010 etwa, dass Schiffer eine Assistentin in ihrem Institut für Medienverantwortung habe und mit zwei weiteren Kollegen einen Artikel für hintergrund.de geschrieben habe. Der offensichtlich unter Dyskalkulie leidende Hein schreibt dann weiter von einem "Ein-Frau-Institut“ und die Redaktion übernimmts. Alle weiteren Behauptungen in dem Text brauchen demnach folgerichtig auch nicht belegt zu werden: Und es fällt auch niemandem dort folgender Trick des Abiturversuchers Hein auf. Er zitiert in einer Passage Textstücke aus dem sehr empfehlenswerten Artikel von Schiffer, Schmidl und Heurig zur sog. 9/11-Wahrheitsbewegung – hier das ganze Hein-Zitat: „Sie sieht sich selbst als Teil einer „Aufklärungs- und Widerstandsbewegung“, die das Ziel verfolge, „die Bevölkerung über die fatalen, zum Teil verdeckt in Politik und Gesellschaft ablaufenden Prozesse aufzuklären, um gegen diese ankämpfen zu können“.
 
Das ist in mehrfacher Hinsicht gelogen: 1. Nicht Sabine Schiffer sieht sich so, sondern mit den Textstücken in Anführungszeichen wird das Selbstbild der genannten Bewegung in dem Artikel auf hintergrund.de beschrieben. 2. Da es sich um drei Autoren handelt, kann man sowieso nicht behaupten „Sie sieht sich als…“. Der Rest ist genauso erstunken und spekuliert, nein manipuliert. Denn die sehr lesenswerte Analyse unter dem Titel "Konspiration auf dem Kunstrasen“ (www.hintergrund.de, die wir nachgedruckt haben) besagt genau das Gegenteil von dem, was Hein zu suggerieren versucht. Seine verzweifelte Suche nach Hinweisen auf Antisemitismus lässt ihn bis an den Rand der Verleumdung irren – und der Kölner Stadt-Anzeiger schluckts, dabei hätte nur mal jemand den Originaltext von Heurig, Schmidl und Schiffer lesen müssen, um das Gegenteil zu erfahren.
 
Dies alles qualifiziert die journalistischen Schmankerl, um auf der "Achse des Guten“ (www.achgut.com) verlinkt zu werden. Da sind sie an der richtigen Stelle: Zwischen ähnlich gearteten und noch menschenverachtenderen Verschwörungstheorien, die entweder kommunistisch oder islamistisch sind, finden sich auch immer wieder Beiträge zur sog. Klimalüge, die den Eindruck vermitteln, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Dass Reaktionen in der Natur nach einer e-Funktion verlaufen, hat man auf der Achse noch nicht vernommen.
 
Achsenliebling Henryk Broder hat sich auch schon immer wieder einmal in Schiffer-Bashing versucht – allerdings mit peinlichen Nebenwirkungen: Seine Denunziationsversuche zu Schiffers Interview beim deutschsprachigen Radio des Iran (http://german.irib.ir) brachten ans Licht, dass er 2005 selbst dort in einem Interview Rede und Antwort stand. Ist online und sehr lesenswert, vor allem für die, die ihn für einen "Israelverteidiger“ halten. Nach der Affäre Guttenberg und Broders Belästigungen des Universitätssekretariats in Erlangen sollte er vielleicht darüber nachdenken, seine durchsichtigen Attacken auf Sabine Schiffer, wie zum Beispiel den Beitrag "Kröver Nachtarsch mit Doktortitel“, mal zu "überarbeiten“ – er verrät zu sehr seine innersten Sehnsüchte. Und Kaufmann und Hein scheinen hier auch noch dringenden Nachholbedarf zu haben. Wie man an der Auseinandersetzung Rohe-Kelek in der FAZ sehen kann, scheint es normal, dass das Thema Islamophobie irrationale Diffamierungsrituale auslöst.
 
Dass Sabine Schiffer dabei bisher – entgegen aller verschworener Behauptungen – eher als Randfigur in den großen Medien auftaucht, mag damit zusammen hängen, dass sie genau da den Finger in die Wunde legt: Sie weist nach, dass in den unbeobachteten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem im Mediendiskurs das antiislamische Ressentiment verbreitet wurde. Das kann niemandem schmecken und warum sollen sich gerade Journalisten besser in Selbstkritik üben können als andere Otto-Normalbürger? Zum redlichen Journalismus würde freilich gehören, dass auch gegensätzliche Meinungen, Quellen und Fakten in die Diskussion eingebracht werden oder aber mindestens zu benennen sind. Wir werden das weiter beobachten! (PK)
 
(1) http://www.amazon.de/Antisemitismus-Islamophobie-Vergleich-Sabine-Schiffer/dp/3937245057
 
(2) http://www.ksta.de/html/artikel/1262688277997.shtml
Das seltsame Institut der Sabine S.
Von Jan-Philipp Hein, 12.01.10, 17:18h


Online-Flyer Nr. 291  vom 02.03.2011

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