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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Kultur und Wissen
Ausstellung zum Dichter, Revolutionär und NRhZ-Autor Ferdinand Freiligrath
"Trotz alledem und alledem"
Von Thomas Giese

"Im Herzen trag ich Welten" ist der Titel einer Ausstellung zum 200. Geburtstag des Dichters Ferdinand Freiligrath, der in den 1840er Jahren "Der Trompeter der Revolution" und Mitglied im "Bund der Kommunisten" wurde. Im Februar 1845 lernte er in Brüssel Karl Marx persönlich kennen, wurde im Oktober 1848 Mitarbeiter der in Köln von Marx und Friedrich Engels herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung" (NRhZ) und wegen "Aufreizung zum Umsturz" verhaftet, kurz danach aber freigesprochen. Bis zum 27. März ist die Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf zu sehen.


Ferdinand Freiligrath – 1851 gemalt von Johann Peter Hasenclever
Quelle: wikipedia
 
Am 19. Mai 1849 erschien nach 301 Ausgaben die letzte Ausgabe der "Neuen Rheinischen Zeitung" komplett in Rot gedruckt - auf dem Titelblatt Verse von Ferdinand Freiligrath als „Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung“:
 
"Kein offener Hieb in offener Schlacht
Es fällen die Nücken und Tücken,
Es fällt mich die schleichende Niedertracht
Der schmutzigen Westkalmücken! (...)“
 
Die NRhZ-Herausgeber Marx und Engels hatten ihr Erscheinen einstellen müssen, nachdem die letzten Aufstände der Märzrevolution im Rheinland niedergeschlagen worden waren. Marx, Ernst Dronke und Georg Weerth wurden als Nichtpreußen des Landes verwiesen. Gegen die restlichen Redaktionsmitglieder wurden gerichtliche Verfahren eingeleitet.
 
"Der Trompeter der Revolution“
 
Um 1900 gehörte Freiligrath zu den meist gelesenen Autoren, noch Ende des 20. Jahrhunderts war sein "Trotz alledem“ auf jeder zweiten Demo zu hören – ob von Hannes Wader geklampft oder zu Schallmeien im Chor gesungen. "Der Trompeter der Revolution“, wie Freiligrath sich selbst nannte, war 1848 nach Ausbruch der Revolution aus dem Londoner Exil zurück gekehrt und hatte sich im Mai in Düsseldorf niedergelassen. Dort schrieb er neue, radikalere Strophen für „Trotz alledem“, die am 6. Juni 1848 in der "Neuen Rheinischen Zeitung" erschienen. "Trotz alledem" war das ins Deutsche übertragene "A Man’s a Man For a' That" des schottischen Schriftstellers und Poeten Robert Burns.
 
Ende Juni 1848 kam eine Schreckensnachricht aus Paris: Die bürgerlich-demokratische Regierung der Februarrevolution von 1848 lässt auf Arbeiter schießen. Mit dem Argument "leere Kassen“ waren die Nationalwerkstätten der Seine-Metropole geschlossen worden, die den Erwerbslosen Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben hatten. Tausende gingen auf die Strasse. Einen solchen Arbeiteraufstand hatte Paris noch nicht erlebt. Er wurde nach heftigen Kämpfen von der französischen Armee und der Nationalgarde blutig niedergeschlagen. Am Ende waren 3.000 Arbeiter tot, etwa 15.000 wurden in die Straflager der überseeischen Kolonien verbannt.
 
Die Kölner hatten indessen einen Narren, den Präsidenten der von ihm gegründeten "Allgemeinen Carnevalsgesellschaft" Franz Raveaux, ins Frankfurter Paulskirchenparlament gewählt. Der entwarf eine Grußadresse, ein uneingeschränktes Lob für die Pariser Regierung, da sie „kräftig dem Arbeiterhaufen entgegen tritt“. Die Parlamentarier stimmten zu.
 

Kölner Karnevalist und Paulskirchen-
Abgeordneter Franz Raveaux
Freiligrath war entsetzt. Er schrieb das Gedicht „Die Todten an die Lebenden“. In den Versen liess er die bei den Berliner Märzunruhen drei Monate zuvor Erschossenen im Grabe rotieren. Alles sei "verlottert und verloren“, wofür sie auf die Barrikaden gegangen waren. Die Toten an die Lebenden:
 
"O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten?
Sag' an, birgt es nicht auch den Krieg? den Krieg herausgeschüttelt!
Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit allem, was dich büttelt!"
 
"Zu viel des Hohns, zu viel der Schmach wird täglich euch geboten.“
Die Toten fordern schließlich, ihre Leichen wieder auszugraben – diesmal jedoch nicht, um sie wie noch im März dem König zu zeigen. Sie verlangen vielmehr eine analoge "parlamentarische Aktion“. Ihre Gebeine in Berlin und in Frankfurt in den Parlamenten aufzubahren:
 
"O ernste Schau! Da lägen wir, im Haupthaar Erd' und Gräser,
Das Antlitz fleckig, halbverwest – die rechten Reichsverweser!
Da lägen wir und sagten aus: Eh' wir verfaulen konnten,
Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten!“
 
Allein schon die Vorstellung, dass ihr Modergeruch den Narren Raveaux & Co in der Paulskirche in die Nase steigt, ist genug, damit die Toten wieder zur Vernunft kommen. Sie zeigen sogar Verständnis für die "Totenstarre“ der Lebenden: "Zu viel schon hattet ihr erreicht, zu viel ward euch genommen!“ Von allem zu viel: "Zu viel des Hohns, zu viel der Schmach wird täglich euch geboten.“ Trotz alledem sind die Erschossenen sich am Ende sicher: "Euch muß der Grimm geblieben sein – o, glaubt es uns, den Toten!“ Dereinst werde der "rote Grimm“ die "halbe Revolution zur ganzen“ machen.
 
Auf 9.000 Flugblättern gedruckt
 
Das Gedicht ist ein Geniestreich. Um Totenkult, um das Liegen in "vaterländischer Erde“, inszenieren Nationalisten stets ihre Rituale. Die Toten in Freiligraths Versen verweigern sich jedoch genau dem, sie solidarisieren sich vielmehr mit den aufständischen Arbeitern in Frankreich. Die werden in den Versen direkt angesprochen: "Ihr von des Zukunftdranges Sturm am weitesten Getragnen!/ Ihr – Juni-Kämpfer von Paris! Ihr siegenden Geschlagnen!“ Die auf den Barrikaden von Berlin Erschossenen fordern am Ende nicht den Opfertod der Lebenden, sondern politische Strategie, Hartnäckigkeit, Konsequenz:
 
"O, steht gerüstet! seid bereit! o, schaffet, daß die Erde,
Darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde!
Daß fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen:
Sie waren frei: doch wieder jetzt – und ewig! – sind sie Sklaven!"
 
Das Gedicht, im Auftrag des radikalen Düsseldorfer Volksclub verfasst, wurde auf 9.000 Flugblättern gedruckt und in ganz Deutschland verbreitet. Freiligrath wurde inhaftiert. Der Vorwurf: durch öffentliches Vortragen und durch Verbreitung des Gedichts als Flugschrift, "die Bürger direct aufgereizt zu haben, sich gegen die landesherrliche Macht zu bewaffnen, auch die bestehende Staatsverfassung umzustürzen" (O-Ton Anklageschrift).
 
Solidarität in der Kölner Reitbahn
 
Die "Neue Rheinische Zeitung" berichtet am 10. September 1848 über eine Solidaritätskundgebung in der Kölner Reitbahn. Bartholomäus Joseph Weylls, der im Kölner Arbeiterverein Freiligraths Gedicht vorgetragen hatte, drohte ebenfalls die Verhaftung. Weyll las das Gedicht bei der Kundgebung erneut vor, und die 2000 Anwesenden sprachen es nach, um sich "des gleichen Verbrechens schuldig zu machen.“


Triumphzug nach Ferdinand Freiligraths Freispruch - Scherenschnitt von Wilhelm Müller, Düsseldorf
Quelle: http://www.duesseldorf.de/
 
Der Freispruch Freiligraths am 3. Oktober wurde in Düsseldorf bejubelt, der Dichter in einem Triumphzug durch die Stadt getragen. Er kam nach Köln um hier an der "Neuen Rheinischen Zeitung" mitzuarbeiten. Er schrieb nicht nur Verse, sondern übernahm auch die Englandberichterstattung. Mit Marx und Georg Weerth stemmte er über Monate die ganze Redaktionsarbeit, da Engels und Dronke steckbrieflich gesucht wurden und hatten abtauchen müssen. Doch Freiligraths Weste war keinesfalls fleckenlos. Er besang die schwarz-rot-goldene Flagge nicht weniger pathetisch wie die rote. Richtig gruselig sind seine "Fottenträume“ von 1843. Da träumt eine Tanne Kriegsmast zu werden, um "stolz die junge Flagge" zu tragen: "Dann wär' ich Fähnrich, ha! wo Mann an Manne/Blutrünst'ge Krieger deutsche Seeschlacht schlagen …"
 
Freiligrath – eine schillernde Persönlichkeit
 
Marx lobte den Dichter 1852 gegenüber dem Genossen Weydemeyer in New York ein "wirklicher Revolutionär“ und "durch und durch ehrlicher Mann“ zu sein. Zugleich tauchen im Briefwechsel zwischen Marx und Engels aber auch Titulierungen auf wie “der fette Reimeschmied“, "der alte Philister“ "Der Cherusker“. Letzteres eine hämische Anspielung auf dessen Geburtsort Detmold, wo grade das Fundament für das Hermanndenkmal errichtet wurde. Doch Freiligrath war populär. Die Safariliebhaber verehrten seine "Wüsten- und Löwenpoesie“, Vaterländische Gesangsvereine bejubelten sein "Hurrah Germania!“ und die "Flottenträume“.
 

Heinrich Heine – Titel der Zeitschrift
"Jugend" zu seinem 50. Todestag 1906
Die Ausstellung "Im Herzen trag ich Welten“ analysiert nicht, sondern breitet das Leben Freiligraths anhand von dessen Briefen aus. Bernd Füllner, Kurator der Düsseldorfer Ausstellung, lobt deren hohe literarische Qualität. Der Produzent von Pathos konnte durchaus selbstkritisch sein: "Ich bin ein garstiger Kerl (...) Mein ganzes Gesicht aufgedunsen, wie meine Verse - ich möchte mich anspeien!" heißt es in seinem seiner Briefe. In einer Vitrine finden sich Heine-Äußerungen zu Freiligrath: In der Fabel von dem tumben Tanz- und Politbären "Atta Troll“, in "Deutschland. Ein Wintermährchen“, in "Unsere Marine“. Während in Freiligraths "Flottenträume" die Fregatten nach deutschen Geistesgrößen - Humboldt, Goethe, Schiller - benannt sind, lässt Heine in "Unsere Marine“ die Politpoeten zu Wasser. Ein "Kutter Freiligrath" schaukelt da auf den Wellen. Auch ein "Hoffmann von Fallersleben". Heine bedichtet das Matrosenidyll:
 
"Gar mancher, der früher nur Tee genoß
Als wohlerzogner Ehmann,
Der soff jetzt Rum und kaute Tabak,
Und fluchte wie ein Seemann.
Seekrank ist mancher geworden sogar,
Und auf dem Fallersleben,
Dem alten Brander, hat mancher sich
Gemütlich übergeben."
 
"Im Herzen trag ich Welten"
Ausstellung über den Dichter, zeitweiligen Revolutionär und vorübergehenden Bankier Ferdinand Freiligrath
noch bis 27. März im Heinrich-Heine-Institut,
Düsseldorf, Bilker Str. 14
Di.-Fr. 11-17h / Sa. 13-17h / So. 11-17h
"Es ist zwar nur ein Guerillakrieg ..."
Die Dichter Ferdinand Freiligrath, Heinrich Heine - Demokraten und Sozialisten
Freitag, 11. März 2010, 19.30 h
Eintritt 4 €, erm.2 €
Lesung mit Bernd Füllner und Thomas Giese
Cello: Friederike Lisken
BUCHHANDLUNG BiBaBuZe,
Düsseldorf, Aachener Str.1
 
Fast unter den Tisch gefallen vor Lachen war Freiligrath beim Lesen von Heines bissigem "Deutschland. Ein Wintermährchen". Demokraten und Sozialisten kämpften einst unter "schirmender Narrenkappe" für die soziale Revolution. Sie proklamierten: "Es ist zwar nur ein Guerillakrieg, doch der Sieg wird uns nicht fehlen." (PK)

Thomas Giese ist Kulturpädagoge, Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf, Mitbegründer der Wandmalgruppe Düsseldorf (1978-1991). Seitdem künstlerische Interventionen im Öffentlichen Raum. Er schreibt über politische und kulturelle Themen. Essay über Heine und die Frühstunkerszene im Vormärz in: "Die Jahre kommen und vergehn. 10 Jahre Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf" (Grupello Verlag 1998). Mit den Unorganisierten Pappnasen Düsseldorf n.e.V. spukte er Ende des vergangenen Jahrhunderts regelmäßig in Köln auf Geisterzügen rum.


Online-Flyer Nr. 289  vom 16.02.2011

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