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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Noch kein Friede seiner Asche
Von Harald Schauff




Inzwischen ist es über 8 Wochen her, dass Klaus Bergmayr, Gründer und Herausgeber der Kölner Straßenzeitung ‘Querkopf’, bekannt als ‘der Graue’ oder der ‘Klaus von der Sülzburgstraße’ sich von dieser Welt verabschiedete. Andere ruhen zu dieser Zeit längst in der Friedhofserde, manche haben bereits das 6-Wochen-Amt hinter sich und, je nach Jahreszeit, die ersten Grashalme auf dem Grab. Bei Querköpfen läuft die Sache anders, vor allem nicht reibungslos. Zwar wurde der Leichnam von Klaus bereits vor Wochen eingeäschert, doch der Termin für die Urnenbeisetzung steht immer noch aus.

Grund: Die lieben Ämter (hier: der Stadt Köln), um welche in Deutschland die Toten so wenig herumkommen wie die Neugeborenen. Kurt Tucholsky traf es auf den Punkt: „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare”. Zu einer rechtsnormgerechten Bestattung bedarf es einer Sterbeurkunde. Diese darf wiederum nur ausgestellt werden, wenn eine Geburtsurkunde vorliegt. Ersatzes halber tut es auch eine Heirats- bzw. Scheidungsurkunde. Nun besaß Klaus keine gültigen Papiere, er war ein ‘sans papier’ (frz. ‘ohne Papiere) wie er im Buche steht, was die Angelegenheit nicht gerade erleichterte und erst recht nicht beschleunigte. Bei ihren Nachforschungen fanden die Ämter dann heraus, dass die Eltern von Klaus noch leben. Irgendwo in oder bei München, zweifellos hoch betagt, mind. Ende 80, wenn nicht gar über 90 (Klaus war 64).

 
So oder so war es eine der faustdicken Überraschungen, vor denen man bei Klaus nie gefeit war. Er selbst meinte einmal, er wäre in der Nachkriegszeit aus einem Flüchtlingslager adoptiert worden. Dies ist einer der wenigen Fetzen, die Klaus über seine Vergangenheit nach außen dringen ließ. Ein weiterer ist der Umstand, dass er einmal verheiratet war und eine Tochter hatte. Die Verbindung hielt nicht, es kam zur Scheidung. Später starben (Ex-)Frau und Tochter bei einem Verkehrsunfall.
 
Nun bleibt gespannt abzuwarten was und wen die Ämter bei ihrer behäbigen, doch gleichwohl akribischen Suche noch zutage fördern.
 
Die Mühlen der Behörden mahlen bekanntlich langsam. Erst recht, wenn ihnen solche harten Nüsse wie Klaus serviert werden. Er wusste, warum er zeit seines Querkopf-Daseins nichts mit ihnen zu tun haben wollte.
 
Ein nicht unbedeutender Grund für die Verzögerung dürfte die Frage sein, wer die Kosten der Bestattung trägt. Versuchen die Behörden diese auf die Eltern abzuwälzen? Findet sich noch weitere Verwandtschaft, die man von Rechts wegen belangen könnte?
 
Zum Leben gehört das Sterben. Beides ist in Deutschland teuer. Es wollen ja auch einige mitverdienen: Bestattungsunternehmen, Friedhofsgärtnereien und nicht zuletzt die klammen Kommunen, die für jede noch so kleine Einnahme und Einsparung dankbar sind, um größere Ausgaben für Sportarenen, Opernhäuser und Protz-Bahnhöfe tätigen zu können. Getreu dem Motto: Beim zahlreichen Kleinvieh sparen, um es wenigen Großen hinterher zu werfen. Da zählt auch nicht, dass Klaus rigoros auf jegliche staatliche Unterstützung verzichtete und jenem Staat durch sein Zeitungsprojekt hundert Tausende von Euro ersparte (u.a. im eigenen Fall, wovon hätte er sonst leben sollen?).
 
Vorschrift ist Vorschrift, Weisung ist Weisung. Die letzte lautete bis dato :’Die Urne ist aufzubewahren.’ Nun steht sie beim Bestatter. Vermutlich steht sie da gut, sie nimmt ja nicht viel Platz weg. Lange kann sie so stehen. In der Zeit, die seit dem Todesdatum verging, hätte sie bereits eine Ehrenrunde durch den Freundeskreis von Klaus drehen können. Jeder von uns hätte sie vorübergehend auf dem Schrank, dem Regal oder der Fensterbank beherbergt und etwas später weiter gereicht.
 
Anderswo wäre das möglich, nur nicht im Herrschaftsbereich des teutonischen Amtsschimmels. Wer sich wie Klaus zu seinen Lebzeiten dessen Gängelband entzog, über den will er wenigstens nach dem Ableben entscheiden. Irgendwann, vielleicht bei tiefstem Winterfrost, wird der Bestattungstermin angesetzt. Denkbar, dass es dann Spitzhacken braucht, um den gefrorenen Boden für das Urnengrab auszuheben. Auch das würde zu Klaus passen: Der Querkopf, an dem sie sich nicht nur die Zähne ausgebissen haben.
Er wird uns unvergessen bleiben. Als Gründer des Querkopfs hat sein Name seinen festen Platz im Impressum. Das ist mehr wert als jeder Grabstein. (PK)
 
 
                                  Die Lücke
 
Die Gewissheit drückt so schwer:
Der gute Freund ist nicht mehr
Nun bleibt sein Raum verlassen
Vom Eindruck kaum zu fassen
Umher schweift trauriger Blick
Kehrt er wirklich nicht zurück?
 
Der Stuhl, wo er gesessen
Der Tisch, wo er gegessen
Die Rätsel, die er gelöst
Das Kissen, wo er gedöst
Das Bett, wo er gelegen
All die Mittel zum Pflegen
bleiben unbenutzt, verwaist
Für ewig ist er verreist
Endgültig abgebogen
Ganz unbekannt verzogen
 
Erinnerungen schweifen
Drehen durchs Gestern Schleifen
Im Gehörgang hallt manch Wort
tiefer nach innen hinfort
Auf die Schläfen drückt Wehmut
Egal, was der Mensch auch tut
und wozu er sonst bereit
Sein Sein zeichnet Endlichkeit
 
Das soll ihn nicht verdrießen
Genug hat’s zum Genießen
Der Kaffee, so auch bitter
 schmeckt wohl dem traurig Ritter
 
  Für Klaus

Einen Film mit Klaus Bergmayr, Gründer und Herausgeber der Kölner Straßenzeitung ‘Querkopf’, finden Sie in diese NRhZ-Ausgabe.
Harald Schauff ist Redakteur beim "Querkopf"

Nach Redaktionsschluß erfuhren die NRhZ-Redaktion, dass Klaus Bergmayr nun endlich am kommenden Montag, 13. Dezember, auf dem Südfriedhof beigesetzt werden soll. Nähere Infos unter kontakt@querkopf-koeln.de



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Online-Flyer Nr. 279  vom 13. Dezember 2017



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