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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Von weniger Öl und Gas profitieren Frieden, Umwelt und Klima, Teil 2/3
Tonnenweise Frieden
Von Joachim H. Spangenberg, mit Beiträgen von Detlef Bimboes

In unserem ersten Teil gingen unsere Autoren auf die Folgen des Verbrauchs fossiler Brennstoffe ein. Ungehemmt dürften Rohstoffvorkommen verplempert werden, deren Ende doch in Sicht ist. Doch nach wie vor würden von der Politik - außer kleinen Schönheitskorrekturen - keine ausreichenden energiepolitischen Maßnahmen kommen. Gleichzeitig steigt das kriegerische Potential um die Ressorcen.

Kurswechsel zur Sonnenenergie
 
Der bereits unvermeidliche, aber noch begrenzbare Klimawandel schränkt die Möglichkeiten ein, auf Kohle als Ersatz zurückzugreifen, und das Schrumpfen der Öl- und Gasvorräte ist – anders als es die ressourcenökonomische Theorie wahrhaben will – unvermeidlich. Es ist eine Rahmenbedingung, auf die sich die Wirtschaften der Welt einstellen müssen: früh und schrittweise, oder spät und schockartig. Bisher scheinen Politik und Wirtschaftsforschung das letztere vorzuziehen, indem sie sich entgegen aller Erfahrung nicht nur der Hoffnung hingeben, sondern sogar blind darauf verlassen, dass neue Explorationen, die Fähigkeiten des Marktes und/oder die Phantasie der Techniker grundsätzlich für alle Probleme und immer rechtzeitig Lösungen bereitstellen.

Aus dieser Situation gibt es nur einen unbequemen, aber verlässlichen Ausweg. Er besteht darin, die Nachfrage nach Öl und Gas dauerhaft unter das (sinkende) Niveau der Förderung und damit langfristig auf einen Wert nahe null zu senken. Die Kohlevorräte dürfen dabei nicht dauerhaft zunehmend genutzt werden, sondern die Kohlenutzung muss mittelfristig ebenfalls zurückgefahren werden, wenn das Weltklima in einem Bereich gehalten werden soll, der das langfristige Fortbestehen unserer Zivilisation ermöglicht. Das kann durch Vermeiden von für die Lebensqualität unnötigem oder gar schädlichem Verbrauch geschehen (z. B. in den Bereichen Transport und Landwirtschaft), durch bessere Nutzung der eingesetzten Energieträger (Steigerung der Energieeffizienz) und durch Substitution durch erneuerbare Energien; zusammen bieten diese drei Optionen die Möglichkeit für eine langfristig verlässliche Energieversorgung durch Vermeidung von Verschwendung und eine „solare Energiewende“. Intensivkonsument/inn/en, also Wohlhabende mit entsprechend hohem Ressourcenkonsum müssen zusätzlich mit Beschränkungen rechnen, fiskalisch (durch Ressourcen- und Konsumsteuern) oder administrativ (z.B. durch individuelle CO2-Budgets).

Eine zukunftsfähige Energieversorgung setzt auf „weniger und besser“, auf Energiesparen und die Energiewende. Langfristig sind Solarenergie, Rest-Biomasse, Geowärme, Wind und Wasser in der Lage, den gesamten Bedarf an Strom, Wärme und Kraftstoffen zu decken, wenn der Energieverschwendung Einhalt geboten wird. Das ist nicht neu – mehrere Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags, die wissenschaftlichen Beiräte der Bundesregierung und viele andere Experten stützen diese Forderungen seit inzwischen zwei Jahrzehnten. Sie haben die Machbarkeit massiver Einsparungen ohne Verlust an Lebensqualität vielfach nachgewiesen. Inzwischen sind Windkraftwerke auch wirtschaftlich wettbewerbsfähig, und der zu ihrem Bau erforderliche Energieaufwand ist nach 5 bis 6 Monaten zurück gewonnen. Bei den ohne die Einspeisevergütung nach EEG noch nicht wirtschaftlichen Solarzellen liegt die energetische Rentabilitätsschwelle noch bei ca. 4 von 20 Betriebsjahren.


Windenergie: Keineswegs genug getan...
Foto: R. B. Schemmi/pixelio

Wird zudem die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung auf breiter Basis gefördert, so führt dies dazu, dass Handwerk und Anlagenbau auch in wirtschaftlich schwachen Regionen belebt werden. Die solare Wende und die zu ihrer Realisierung notwendigen Investitionsprogramme (z. B. für Einsparmaßnahmen wie die Modernisierung von Gebäuden) stärken Handwerk und Mittelstand und schaffen pro investierter Million Euro weit mehr Arbeitsplätze, als wenn diese Mittel für neue Großkraftwerke eingesetzt würden. Die Verarbeitung von Pflanzenresten, aus denen sich Energie gewinnen lässt, schafft neue Arbeitsplätze in Forst- und Landwirtschaft.

Nachteile aus einer Effizienz- und Solarstrategie hätten somit im Wesentlichen diejenigen, die für ihre Gewinnaussichten auf den Massenabsatz fossiler Brennstoffe setzen. Das betrifft insbesondere die deutsche Kohleindustrie, die auch international zu den aktiven Lobbyisten gegen Umweltvorsorge und Klimaschutz gehört (und dabei ihr öffentlich subventioniertes Budget nutzt, um nicht nur die Klimaschutzbemühungen der EU wie auch der Bundesregierung zu konterkarieren, sondern auch die Wahlkämpfe von „Klimaleugnern“ unterstützt, um so internationale Klimaschutzvereinbarungen ein für alle mal zu verhindern).
 
Energieeinsparen – hochwirksam und dennoch immer wieder gern verdrängt

Wäre der politische Wille da gewesen, so hätte z. B. laut Umweltbundesamt der Stromverbrauch von 2000 bis 2020 statt zu wachsen um 12 Prozent sinken können. Mit einer solchen Effizienz- und Einsparpolitik, aber auch nur dann, kann der gesamte Bedarf an neuen Kraftwerken aus erneuerbaren Energien und effizienten Gaskraftwerken mit Kraft-Wärme-Koppelung gedeckt werden – neue Stein- und Braunkohlekraftwerke wären überflüssig. Die stärksten Effekte lassen sich naturgemäß dann erzielen, wenn man dabei an den größten Verursachern ansetzt. Die im Streit über die Emissionszertifikate geäußerte Drohung des RWE, in Falle einer wirksamen Klimapolitik keine Kohlekraftwerke mehr in Deutschland zu planen ist daher ebenso überflüssig wie die Kraftwerke selbst.
 
Bei einer Aufteilung nach Endverbrauchern fällt ein erheblicher Teil des Energiekonsums im Bereich Staatskonsum an (Gesundheits- und Bildungswesen, öffentliche Infrastruktur und Sicherheit), der größere Teil aber im Einflussbereich der Haushalte (Bauen und Wohnen, Mobilität und Ernährung). In beiden Fällen hat die Wirtschaft, die die konsumierten Produkte und Dienstleistungen bereitstellt, entscheidenden Einfluss auf deren Energieintensität. Die Folgen einer konsequenten Energieeinsparung wären durchaus spürbar und teilweise unangenehm, insbesondere für die wohlhabenderen Teile der Bevölkerung: Dazu gehören Effizienzstandards für Autos statt stetig größer werdender „Rennreiselimousinen“, aber auch der Abbau von Pendlerpauschalen als „Zersiedlungssubvention“; gleichzeitig und ergänzend statt Förderung von Eigenheimbau verstärkte Altbausanierung, um qualitativ hochwertigen Wohnraum in den Innenstädten verfügbar zu machen. Ebenfalls zur Begrenzung der Zersiedlung wie einer besseren sozialen Gerechtigkeit dienen wertgerechte Steuern auf Grundbesitz sowie Bodenversiegelungsabgaben.

Steigende Kosten für Energieverbrauch durch Anrechnung der sozialen und ökologischen Schadwirkungen auf den Verbraucherpreis fördern nachweislich das Energiesparen, eine Kerosinsteuer und der Abbau sonstiger Privilegien für den Flugverkehr verbinden Umwelt und Gerechtigkeit (Billigflieger wären dann für die Nutzer nicht mehr so billig wie bisher, aber die von der Allgemeinheit getragenen Kosten würden sinken). Die Flugverkehrsabgabe ist insofern ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Eine bessere Ernährung (mehr Gemüse und Obst, weniger Zucker, Fett und Fleisch, eine „mediterrane Küche“) mit hochwertigen, aber teureren Lebensmitteln - z. B. aus biologischem Anbau -verbessern die Ernährungsqualität und sparen langfristig mehr Gesundheitskosten als die meisten Reformen der Regierung. Solche Veränderungen sind aber nur zumutbar, wenn Arbeits- und die Sozialpolitik dem Rechnung tragen: statt stagnierender Realeinkommen und zunehmender Armut muss mehr und nicht weniger soziale Sicherung geboten werden, damit trotz einer auch sozial positiven Gesamtbilanz nicht die Anpassung für einzelne Gruppen wie Geringverdiener und Arbeitslose zum Problem wird. Die Energiewende ist also kein technisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Projekt.


...für eine energiepolitische Wende, Solarenergie
Foto: Ingo Anstötz/pixelio

Technisch ist eine solche Kombination von Energiesparen und solarer Energiewende ohne weiteres möglich, wie die Ergebnisse der Enquete-Kommission „Nachhaltige Energieversorgung“ untermauern (BT-Drs. 14/5400). Mit Blick auf globale Zusammenhänge hat sie sich dafür ausgesprochen, dass in Deutschland der Ausstoß an Kohlendioxid bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent reduziert wird; die neue Energiestrategie der Bundesregierung verspricht gar 80-95 Prozent. Dabei setzt eines der geprüften und als machbar befundenen Szenarien der Enquetekommission auf einen offensiven Ausbau der erneuerbaren Energien, gekoppelt mit umfangreichen Schritten zur Energieeinsparung, und zeigt, dass auf die Dauer eine solare Vollversorgung auch in der Bundesrepublik möglich ist.
 
Die solare Energiewende ist der Ausweg aus der Falle um Konkurrenz, Gewalt und Kriege um die zur Neige gehenden Vorräte an Öl und Gas. Energieeffizienz, erneuerbare Energien und solarer Umbau sind zudem die angemessene, weil friedliche Antwort Europas auf den Konflikt um den Dollar als Leitwährung auf den Welterdölmärkten. Sie machen Europa unabhängiger vom Dollar, der neben Zinsen und Wechselkursen über das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft mit entscheidet. Der Ölkrieg gegen den Irak wurde nicht zuletzt auch um die Vorherrschaft von Dollar oder Euro geführt. Zudem ist eine solche Energiewende trotz erheblicher Umstellungskosten volkswirtschaftlich attraktiv: Schon Anfang des Jahrhunderts gab die EU jährlich ca. 240 Milliarden € für Öl- und Gasimporte aus, das entspricht 6 Prozent der Gesamtimporte oder 1,2 Prozent des BIP. Die Entlastungspotenziale sind also erheblich.

Konturen einer künftigen Industriegesellschaft

Die mit der solaren Energiewende verbundenen Umbrüche lassen die Konturen einer künftigen Industriegesellschaft sichtbar werden, deren technologische Basis nicht mehr von den Schrittmachern der vergangenen industriellen Revolution bestimmt wird, die Eisen, Kohle und Dampf hießen und zu denen sich später noch Öl und Gas hinzugesellten. Das realistische Etappenziel heißt: bis zur Mitte dieses Jahrhunderts den Weltenergieverbrauch zu stabilisieren und überwiegend auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Fossile Energieträger, also Gas, Öl und Kohle, werden dann nur noch ergänzend und übergangsweise gebraucht.

Auch eine Weltwirtschaft, die auf dezentraler Nutzung der regenerativer Energieträger beruht (einschließlich Wind, Sonne, Geothermik, Gezeiten, Biomasse etc.) wird noch immer einen erheblichen Ressourcenverbrauch aufweisen, von Baumaterialien über Metalle bis zum Flächenbedarf. Sie wird jedoch nicht von einzelnen Quellen abhängig sein, um die militärisch ausgetragene Verteilungskonflikte entbrennen können, sondern eher einen weltweiten Austausch benötigen, der unterschiedliche Rohstoffe vom Produzenten zum Nutzer liefert. Diversifizierung statt Monopolisierung ist das Motto einer global zukunftsfähigen Material- und Energiewirtschaft, und friedlicher Austausch statt Krieg ums Öl. Das ist die zivil(isiert)e Antwort auf die zunehmend militär- und machtpolitisch diskutierte Frage, wie globale Energieversorgungssicherheit garantiert werden kann. Dazu gehört auch eine Gestaltung des Welthandels, der den Rohstoffexporteuren faire Preise sichert und Entwicklungschancen einräumt, insbesondere durch eine Außenhandelspolitik, die nicht verarbeitete Güter gegenüber Rohstoffen diskriminiert, und durch Umwelt- und Sozialstandards für Produkte und Produktionsprozesse, die z. B. im Rahmen einer reformierten Welthandelsorganisation oder gegen sie in multiregionalen Vereinbarungen festgelegt werden.

Die eine friedliche Entwicklung stabilisierende interregionale Vernetzung macht dann auch die Konzentration der Forschungsausgaben auf einen ökologisch und sozial angepassten technischen Fortschritt möglich. Demgegenüber ist heute die Rüstungsforschung ein Ausgabenschwerpunkt in den USA, Frankreich und Spanien  sowie die ihr verwandte Weltraumforschung in Frankreich und Belgien. Eine solare Weltwirtschaft ist eine friedensfähige Grundlage – ob sie eine friedlichere Welt bringen wird, hängt nicht zuletzt von der Lösung der sozialen Fragen ab.

Die Energiekonzerne treten auf die Bremse

Überall wird weiter gebremst und gemauert. So drohen die bislang schon bescheiden genug gebliebenen Ziele der rot-grünen Bundesregierung auf der Strecke zu bleiben, die sich zumindest auf dem Papier verpflichtet hatte, dass erneuerbare Energien bis 2050 die Hälfte des Energieverbrauchs stellen sollten. Sie hatte jedoch zu Gunsten einer freiwilligen Vereinbarung mit der Industrie auf weitergehende Maßnahmen verzichtet – leichtfertig, wie die Ergebnisse zeigen. Es ist zwar seit Jahrzehnten bekannt, dass freiwillige Vereinbarungen nur dann effektiv sind, wenn der „Knüppel im Sack“ zwar nicht gezogen wird, aber vorzeigbar ist. Das passte aber mit der neuen „public-private-partnership“ Ideologie nicht mehr zusammen und fiel daher unter den Tisch. (HDH)

Online-Flyer Nr. 278  vom 01.12.2010

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