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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
Wegen Zementierung von Armut und Profit für Lebensmittel-Industrie und Handel
Kritik am „Tafel“-System
Von Brigitte Vallenthin und Peter Kleinert

Hartz4-Plattform fordert Ministerin von der Leyen auf, die Umwandlung der „Tafeln“ in Selbstverantwortung ihrer „Kunden“ und Schaffung von Arbeitsplätzen zu unterstützen. „Was wäre, wenn das scheinbare Gutmenschen-System der „Tafeln“ nicht Bilanzgewinnen und Image-Werbung von Lebensmittel-Konzernen diente, sondern Arbeitsplätze für seine „Kunden“ schaffen würden?“ fragte Hartz4-Plattform Sprecherin Brigitte Vallenthin im Gespräch mit dem Sozialticker.


Tafel-Werbung für REWE
Quelle: www.rewe-group.com/presse
 
„Wenn es die Politik mit ihrer Ankündigung des „Förderns“ tatsächlich ernst meinte, so würde Sozialministerin von der Leyen mit allen finanziellen und logistischen Mitteln „fördern“, um die Tafeln von Werbe-Plattformen für die Wirtschaft in eigenverantwortlich bewirtschaftete Unternehmen mit Arbeitsplätzen für ihre „Kunden“ umzuwandeln. Was spräche eigentlich dagegen,“ fragte die Arbeitslosen-Sprecherin weiter, „wie beim „Grünen Punkt“ - wo Wiederverwertbares aus dem Hausmüll wirtschaftlich genutzt wird - auch den Grundgedanken der Tafeln - die Nutzbarmachung von Lebensmitteln aus dem Überproduktions-Müll der Lebensmittel-Industrie - mit
existenzsichernden Arbeitsplätzen für Arbeitslose zu betreiben? Wenn schon gute Taten, dann könnte die Wirtschaft doch einen Beitrag dazu leisten, dass sie nicht nur in ihren eigenen Bilanz-Gewinnen ankommen sondern vor allem bei denen, für die sie vorgeben, Gutes tun zu wollen.“

Jahresbericht wie eine Werbebroschüre

Der Jahresbericht der Tafeln - unter dem Motto „Geben und Nehmen“ - für
2009 (1) strotzt von derselben Realitätsferne und demselben Mangel an
Einfühlungsvermögen der damaligen Schirmherrin, Bundesfamilienministerin
Ursula von der Leyen, wie sie sie jetzt in ihrem neuen Amt als
Bundesarbeitsministerin bei der Ermittlung der Regelsätze zu erkennen gibt. Seitenweise Hochglanz-Fotos von „glücklichen“ Tafel-Besuchern und -Mitarbeitern, deren schwere, tatsächliche Lebenssituationen keine einzige Zeile wert sind. Das Ganze stellt sich dar als eine einzige Werbebroschüre für METRO, Mercedes-Benz, Viessmann & Co. Die Tafel präsentiert sich als „Premium-Marke“, wie Rainer Witt, Werbefachmann aus Freiburg, am 11.11. beim interdisziplinären Fachsymposium „Tafeln @ Co.“ feststellte, zu dem der Soziologe Prof. Dr. Stefan Selke an die Hochschule Furtwangen eingeladen hatte (2). Für Witt stellt sich daraus die Frage, „ob damit die soziale Realität
adäquat dargestellt wird?“ Und er kommt zu dem Schluss: das Ziel der
Tafel-Marken-Strategie seien nicht die „Kunden“ - Arbeitslose,
Alleinerziehende, Obdachlose, Rentner und mehr - das seien ausschließlich die Spender. Die Spenderliste auf der Internetseite des Tafel-Bundesverbandes liest sich dann auch wie das Who-is-Who der marktdominierenden Lebensmittel-Wirtschaft von A wie Aldi bis U wie
Unilever.
 
Folgerichtig beginnt der Jahresbericht auch nicht mit Bekenntnissen zu
Solidarität sondern mit Wachtums-Erfolgsmeldungen:
- „Beitritt der 800. Tafel, 500. Mercedes-Benz Transporter, sechs
Bundesverdienstkreuze … Auch 2009 war ein Jahr voller Ereignisse ...“

Und weiter: „Einer der finanziellen Hauptsponsoren, die METRO Group, übernimmt seit 2006 einen Großteil der Kosten für die Geschäftsstelle: Gehälter, Miete, Büroausstattung etc“

Auch die Sozialverbände hat die Premium-Marke Tafel in ihrem
Kommunikations-Konzept: „Der Bundesverband Deutsche Tafel e. V. …  ist Mitglied verschiedener anderer Verbände … Zum jetzigen Zeitpunkt existieren Mitgliedschaften im Gesamtverband Der Paritätische, in der Nationalen Armutskonferenz und im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement.“

Und obendrein: „Die Spender und Sponsoren werden mit ihren Leistungen vorgestellt, Pressevertreter finden Hintergrundinformationen ... Dadurch konnte die Anzahl der Fördermitglieder und der Privatspenden deutlich gesteigert werden.“

Da gelangt man dann per Klick auf die Firmen-Logos zu deren „selbstlosen“ Gutmenschen-Taten.

- Bei Lidl beispielsweise ist es nicht das Unternehmen, das dies tut,
sondern es sind die Kunden am Pfandrückgabe-Automaten, wo sie per
Knopfdruck ihr Pfandgeld an die Tafeln schicken können.


Tafel-Freunde bei Lidl: Ministerin von der Leyen und Daimler-Chef Dieter Zetsche (rechts). Für dieses Werbefoto reiste sogar ein ddp-Fotograf an: Michael Gottschalk (3)
 
- REWE ist u.a. Sponsor der Caterings für Mitglieder-Versammlungen des
Tafel-Bundesverbandes sowie der PR-Aktion „lange Tafel“, bei der sich
alljährlich Politiker bis hin zum Bundespräsidenten als Gutmenschen
darstellen können. Darüber hinaus lassen Sie sich neuerdings auch an der
Kasse bezahlen, was an Eigenmarken-Lebensmittelspende an die Tafeln
gehen soll - unter dem Motto „Kauf eins mehr für die Tafeln.“ Dazu
gibt’s im Internet denn auch gleich einen aufdringlichen
Rewe-Eigenmarken-Werbefilm (4)
- Und zahlreiche andere Branchen sind bereits in das Tafel-System integriert – beispielsweise TNT, die gerade ein bundesweites Verteiler-Netz aufbauen.
 

Brigitte Vallenthin
NRhZ-Archiv
„Für die Menschen, die der Hunger in die Tafeln treibt“, stellt Brigitte Vallenthin gegenüber dem Sozialticker fest, „braucht es keine Hochglanz-Werbebroschüren. Denen wäre mehr geholfen, wenn die Gutmenschen-„Spender“ wenigstens einen Teil der eingesparten Bio-Müll-Entsorgungs-Kosten, Image-Werbe-Gelder sowie Steuerersparnisse für die Umwandlung der Tafeln in die Selbst-Verantwortung der Betroffenen mit sozialversicherungs-pflichtigen Arbeitsplätzen „spenden“ würden. Bei weit über 800 Tafeln mit mindestens einer Million Kunden wäre dies auch ein politisches Signal, das Arbeitslosen-Statistiken nicht wie gehabt schönt, sondern tatsächlich verbessert.“ (PK)
 
(1) http://www.tafel.de/fileadmin/pdf/Publikationen/BDT_JB09.pdf
(2) http://www.tafelforum.de
(3) http://www.technobase.fm/news/11316-spendable-lidl-kunden-1-mio-euro-fuer-die-deutsche-tafel
(4) http://www.rewe.de/index.php?id=rewe-deutsche-tafeln
Diesen Beitrag von der www.hartz4-plattform.de haben wir etwas ergänzt und mit den Fotos versehen.
 
Vor kurzem erschienen: „Ich bin dann mal Hartz IV“ von Brigitte Vallenthin, Vorwort von Helga Spindler, 128 Seiten, 9,80 €, ISBN 978-3-89965-433-2
Eine Rezension finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15480


Online-Flyer Nr. 278  vom 01.12.2010

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