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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Von weniger Öl und Gas profitieren Frieden, Umwelt und Klima, Teil 1/3
Tonnenweise Frieden
Von Joachim H. Spangenberg, mit Beiträgen von Detlef Bimboes

Die durch den Menschen ausgelöste Klimaänderung schreitet unerbittlich voran. Die extremen Wetterlagen der letzten Jahre – Dürren, Fluten, Hitzewellen – sind unübersehbare Warnsignale. Die mittlere globale Erwärmung darf nicht mehr als zwei Grad Celsius über den Werten vor dem Industriezeitalter liegen, wenn dramatische und teilweise irreversible Folgen für Mensch und Natur verhindert werden sollen. Ein erheblicher Teil des technisch-sozial noch zu bewältigenden Toleranzbereichs ist bereits ausgeschöpft, und mehr ist fest programmiert. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren.

Die Energieversorgung der Zukunft gehört allein der Sonne und den erneuerbaren Energien. Die Energieträger Kohle und Öl sind fossile Auslaufmodelle. Erdgasnutzung stellt nur eine Übergangsstrategie dar. Ein langfristig hoher Einsatz von Kohle ist – selbst wenn das Treibhausgas CO2 teilweise entfernt werden kann – kein akzeptabler Ausweg.


Ölhafen Karlsruhe: Demnächst Energie... | Foto: © V. Zintgraf/PIXELIO

Der hohe Verbrauch von schrumpfenden Erdöl- und Erdgasvorräten erhöht zugleich die weltweite Abhängigkeit von ihnen bedroht dadurch den Weltfrieden. Schon seit Jahrzehnten werden wegen des Erdöls Kriege geführt und Bürgerkriege geschürt. Ein wesentlicher Grund für die wachsende Militarisierung der Außen- und Sicherheitspolitik der EU und damit auch Deutschlands liegt in der hohen Abhängigkeit von Energieimporten. Erstmals 1992 war in den Verteidigungspolitischen Richtlinien das „vitale Sicherheitsinteresse Deutschlands“ als das eines „ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen“ formuliert worden. Weniger Öl und Gas und stattdessen Sonnenenergie und erneuerbare Energien stiften Frieden, fördern Umweltschutz und Versorgungssicherheit und sorgen für nachhaltigen Klimaschutz.
 
Das Denken in den geopolitischen Machtkategorien des 19. Jahrhunderts ist der falsche Weg in die Zukunft. Präsident Köhler musste zwar wegen solcher Formulierungen zurücktreten, aber Minister von ´Gutenberg kann sie unwidersprochen wiederholen. Statt der Wiederbelebung von Konzepten der vor-Bismarck Ära (wie in der Sozial- so in der Außenpolitik: wahrhaft traditionsbewusster Konservativis­mus!) ist im 21. Jahrhundert eine Strategie des friedlichen Übergangs in das solare Zeitalter notwendig. Auch die künstliche Lebensverlängerung für eine Technologie, die sich in den 100 Jahren seit der Entdeckung der Kernspaltung trotz massiver staatlicher Hilfen nicht durchsetzen konnte, ist nicht zukunftsfähig. Zögerliche Sterbehilfe a la rot-grün war da keine gute, aber immerhin eine bessere Lösung.
 
Energieversorgungssicherheit heißt nicht auf fragwürdige Technologiehoffnungen setzen oder zu versuchen, Lieferanten gegeneinander auszuspielen (so das Ziel der Nabuco-Ölpipeline, vertreten von Joschka Fischer), sondern erfordert die vertrauensvolle Zusammenarbeit möglichst vieler Staaten, wobei der Zusammenarbeit der EU mit Russland (so das Ziel der North Stream Ölpipeline unter Vorsitz von Gerhard Schröder) und dessen Nachbarn besondere Bedeutung zukommt.

Die globale Energieversorgung: verplempern und bekriegen


Der globale Verbrauch an Erdöl und Erdgas ist gewaltig und steigt ständig, nahezu exponentiell seit den frühen 1970er Jahren und nur leicht gedämpft durch die globalen Wirtschaftskrisen (Asienkrise, dot.com Blase, Immobilienblase, Weltfinanzkrise). Rund um den Globus wurden 2008, auf dem Höchststand der Förderung, 85,8 Millionen Fass (barrel á 159,1 l) Öl gefördert, ca. 3,8 Milliarden Tonnen. Zwischen 2004 und 2007 war die Weltproduktion allerdings trotz steigender Nachfrage um ca. 200.000 Fass pro Jahr gesunken (vermutlich durch Investitionsrückstände insbesondere bei den Raffineriekapazitäten, und durch zunehmende Schwierigkeit der Erschließung neuer Quellen), was zu der Preisexplosion und der Weltnahrungskrise 2008 führte (verstärkt durch die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Benzinersatz und massive Börsenspekulation mit Getreide); 2009 sank die Produktion (z.T. krisenbedingt) erneut.

Europa ist inzwischen der weltweit größte Importeur von Öl und Gas, gefolgt von den USA und Japan. Hohe und immer stärkere Nachfrage besteht in Süd- und Ostasien. Allein Indien und China haben einen dramatisch wachsenden Bedarf an Öleinfuhren. Er steigt jährlich um 20 – 30 Prozent. In 12 Jahren werden die dynamisch wachsenden Volkswirtschaften Ostasiens soviel Rohöl auf dem Weltmarkt einkaufen wie derzeit in der Golfregion gefördert wird. Insgesamt wird nach einer Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA), einem Sprachrohr der Energiewirtschaft, die weltweite Ölnachfrage schon bis zum Jahr 2015 auf 92 Milliarden Fass ansteigen (gegenüber der höchsten jemals erreichten Förderung von 86 Milliarden im Jahre 2008).

Die Verdoppelung der Preise für viele Metalle und Mineralien, aber auch für Öl seit dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise 2009, vor allem durch die Nachfrage Chinas zeigt, was den Weltenergiemärkten bevorsteht, denn eine derart steigende Nachfrage kann nicht dauerhaft befriedigt werden wenn die Vorräte zur Neige gehen. Trotz aller Bemühungen zur Energieeinsparung und zum Ausbau der regenerativen Energiequellen (die alle Aktivitäten in der EU in den Schatten stellen) wächst die Wirtschaft in China so schnell, dass der Konsum von Gas, Öl und Kohle weiter ansteigt.

Gleichzeitig wird der Konsum des schon bisher größten Energieverschwenders, der USA, weiter ansteigen: die Maßnahmen der Obama-Regierung sind unzureichend, und der von den Republikanern dominierte Kongress wird jede wirksame Einspar- und Klimapolitik verhindern – nicht zuletzt weil vielen „Klimaskeptikern“ (richtiger wäre „Klimaleugner“ oder „Klimaignoranten“) mit massiven Spenden der Industrie, einschließlich deutscher Firmen wie RWE, e.on, BMW u.a., der Weg ins Amt geebnet wurde.

Das Ende der Öl- und Gasvorräte ist in Sichtweite


Gleichzeitig mit der steigenden Nachfrage schrumpfen die globalen Vorräte an leicht zu förderndem Öl und Gas. Ihr Ende kündigt sich an. Die Schere zwischen Verbrauch und Vorräten klafft immer weiter auseinander. Beim Erdöl steht die Zeit des billig produzierbaren „schwarzen Goldes“ kurz vor dem Aus. Seit 30 Jahren wird jährlich nur halb so viel Öl neu entdeckt wie im selben Jahr verbraucht wird; die 20 Jahre davor war das Verhältnis umgekehrt. Neu gefunden werden jährlich gerade noch ca. 10 Mrd. Barrel Erdöl. Das Maximum der weltweiten Gasförderung könnte um das Jahr 2030 oder sogar schon früher erreicht sein (je nachdem wie sehr Gas als Ölersatz in Anspruch genommen wird). Reserven (nachgewiesen förderbare Vorräte) und Ressourcen (vermutete und/oder nachgewiesene, aber noch nicht rentabel förderbare Vorräte) schwinden.

Heute dürfte die Hälfte der leicht förderbaren Erdölvorräte – bezogen auf die Ausgangsmenge seit Beginn des Ölzeitalters – verbraucht sein. Damit ist der Höhepunkt („peak oil“) erreicht oder anders gesagt, ist „das Glas nur noch halb voll“. Die Weltförderung an Öl dürfte ab 2015 (± 5 Jahre) sinken. Die IEA erwartet den Peak für ca. 2020, und warnt seit 2009 vor den in der Folge massiv steigenden Rohölpreisen.

Fast alle großen Ölfelder haben ihren Förderhöhepunkt überschritten, so das zweitgrößte Ölfeld der Welt, „Burgan“ in Kuwait, nach Angaben der Kuwait Oil Co. Ende 2005, „Cantarell“ vor der Küste Mexicos, das Feld mit der zweithöchsten Produktionsmenge weltweit, nach Aussage der Petroleos Mexicanos seit 2006, sowie sämtlich älteren Ölfelder der saudischen Aramco, deren Förderrate jetzt um 8 Prozent p.a. fällt. Das ist relevant, da Saudi-Arabien mehr als 10 Prozent der gesamten Weltölproduktion fördert und in der Vergangenheit aufgrund seiner großen Reserven und Kapazitäten in der Lage war, jeden Preissprung durch erhöhte Förderung zu dämpfen. Da aber über 90 Prozent der saudischen Förderung aus nur sieben Feldern stammen, die alle schon ihren Höhepunkt hinter sich haben, ist die erwartete massive Ausweitung der Produktion nicht sehr realistisch.

2006 wurde Saudi-Arabien von Russland als größter Erdölförderer der Welt abgelöst, aber auch dort sinkt die Förderung (2007 erstmalig um 1 Prozent), vor allem infolge mangelnder Investitionen in die Fördertechnologie. Aber auch bessere Technik bedeutet immer nur Zeitgewinn, bevor der (technikabhängige) Förderhöhepunkt erreicht und dann überschritten ist. In den OECD Ländern sinkt die Ölförderung um etwa 5 Prozent jährlich. Die Unsicherheit der Reserven und die Schwierigkeit ihrer Erschließung wachsen. Multinationale Ölkonzerne wie Royal-Dutch/Shell oder BP sind außer Stande, die laufende Förderung durch entsprechende Ergänzungen der Reserven wett zu machen.


...von Gestern | AKW-Collage: © Sergej23/PIXELIO
 
Zudem sind die Zahlen über die nutzbaren Reserven mit großen Unsicherheiten behaftet. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür, wie fragwürdig die Angaben über nachgewiesene Reserven sind, boten Royal-Dutch/Shell, der zweitgrößte Erdölkonzern der Welt, und BP, der zeitweise größte. Ersterer musste nach einer externen Überprüfung die Einstufung eines Fünftels seiner „nachgewiesenen Reserven“ in „wahrscheinliche Reserven“ korrigieren; der letzere, aber auch kleinere Ölfirmen wie El Paso und andere folgten diesem Beispiel (nachgewiesen sind Reserven, wenn sie durch Bohrungen erhärtet sind und eine Abnahme der Produkte zu gegenwärtigen Marktpreisen gesichert ist). Wie willkürlich die „Tatsachen-Aussagen“ der Ölkonzerne nach eigenem Gusto zurechtgefeilt werden illustriert das Ölfeld „Ormen Lange“ in Norwegen, von dessen vermuteten Reserven Shell über 60 Prozent als „nachgewiesen“ deklariert hatte. Diese Angabe wurde 2004 auf 20 Prozent reduziert. Die übrigen, am selben Ölfeld beteiligten Ölfirmen betrachteten ca. 25 Prozent (Statoil), 30 Prozent (Exxon Mobil), 80 Prozent (Norsk Hydro) oder gar 85 Prozent (BP) der vermuteten als „nachgewiesene“, d. h. sichere Reserven.

Auf das Klima kommt es an!

Im Übrigen darf im Zusammenhang mit Öl- und Gasfunden nicht vergessen werden, dass insbesondere in Erdgasfeldern, in geringem Umfang auch in Erdölfeldern, erhebliche Mengen an Kohlendioxid mitgespeichert sein können und bei einer Förderung freigesetzt werden. Es ist noch keine 10 Jahre her dass deshalb der Energiekonzern Exxon beschloss, ein riesiges Gasfeld in China mit einem Anteil von 40 Prozent CO2 nicht auszubeuten.

Dem Argument, dass die sicheren Reserven an leicht förderbarem Öl und Gas recht begrenzt und in absehbarer Zeit erschöpft sind, wird seitens der Energiewirtschaft entgegen gehalten, dass es darüber hinaus große Vorräte an so genannten nicht konventionellen Öl- und Gasvorräten gibt, die noch auf lange Zeit eine Nutzung von Öl und Gas ermöglichen würden. Dabei handelt es sich um Schweröle, Teersand, Ölschiefer, Öl- und Gasvorkommen in Tiefseegewässern und Polarregionen. Ölsande (genauer Teersande und Bitumen, z.B. in der Provinz Alberta in Kanada) müssen erhitzt, gereinigt und raffiniert werden, Ölschiefer wird zusätzlich gebrochen – alles nicht nur unter erheblichem Energieaufwand, der den Gesamtertrag deutlich mindert und massiv CO2 freisetzt, sondern auch unter Verbrauch mehrerer Tonnen Wasser je Tonne so produzierten Öls, von der Zerstörung der Landschaften und dem Verlust an biologischer Vielfalt ganz zu schweigen.

Ähnlich hohe Energieaufwände erfordert die Ölförderung in russischen, kanadischen oder US (Alaska) Permafrostböden, die zusätzlich über die langen Transportwege zu den Zentren des Verbauchs erhebliche Umweltrisiken generiert. Beispiele sind nicht nur die nahezu irreversible Verseuchung weiter Strecken entlang der Ölpipelines in Alaska und Sibirien, sondern auch Tankerunfälle wie der der Exxon Valdez, mit bis heute nachweisbaren Schädigungen des arktischen Ökosystems.

Über die ökologischen Gefahren von Tiefseebohrungen muss an dieser Stelle nicht mehr viel gesagt werden, außer dass sie – wie anlässlich des russischen „Flagge zeigen“ unter dem Nordpol deutlich wurde – zu neuen Spannungen führen können, wenn es nicht zu einer rechtsverbindlichen und respektierten Regelung kommt, die konfliktprovozierende ökonomische und machtpolitische Konkurrenzen zivilisieren. Hier stellt seit Jahren die USA das Hauptproblem dar, da sie sich als einziges Anrainerland des Polarmeeres weigert, den internationalen Meeresgerichtshof und seine Entscheidungen anzuerkennen.

Kohle ist aus mehreren Gründen keine Lösung: zum einen sind die spezifischen CO2-Emissionen je Kilowattstunde Strom doppelt so hoch wie bei Gas (was zur Klimastabilisierung bedeutet, die Nutzung fossiler Energie entsprechend zu halbieren). Sie steigen noch erheblich, wenn die Kohle als Ölersatz verflüssigt werden soll (ein altes Verfahren mit dem Nazideutschland seine Armeen mobil hielt und das heute in den USA und in China en vogue ist). Zweitens gehen alle Prognosen langfristiger Kohleverfügbarkeit vom heutigen Verbrauchsniveau aus.

Soll Kohle jedoch Öl und Gas ersetzen muss sich der jährliche Verbrauch kurzfristig mehr als verdoppeln und dann weiter steil ansteigen. Dann reichen die Reserven nur noch bis zum Ende des Jahrhunderts (wie auch die Reserven vieler Mineralien und Metalle, immer exponentielles Wachstum der Wirtschaft angenommen). Maximal 80 Jahre Verlängerung des fossilen Zeitalters, eines Spiels das erst seit 250 Jahren läuft, und der Preis dafür ist der Klimakollaps. Eine Renaissance der Kohlenutzung bietet also keinen Ausweg aus den Problemen des Mangels an fossilen Brennstoffen, besonders nur wegen ihrer Klima- und Umweltauswirkungen bei der Förderung und Nutzung.


Tritt für starke Klimaziele ein: Campact
Quelle: Campact

Auch die Technik hilft nur begrenzt. Zwar wurde in den USA (und wird demnächst in Europa) zusätzliches Erdgas durch neue Bohrtechniken verfügbar gemacht (shale gas), aber das ermöglicht nur die vollständigere Ausbeutung bekannter Lagerstätten und schafft keine neuen Ressourcen. Technik verschiebt bestenfalls den Peak um mehrere Jahre nach hinten – ein wertvoller Zeitgewinn, aber keine Lösung (ebenso wie in den Medien gefeierte „riesige Ölfunde“ z.B.in Brasilien, die aber nur das 2-3fache des Weltjahresverbrauchs beinhalten).

Ähnlich begrenzt sind die Möglichkeiten von CCS, Clean Coal, Sauberer Kohle – alles Begriffe für Methoden, Kohlendioxid aus den Kraftwerksabgasen abzuscheiden und dann dauerhaft sicher endzulagern. Das soll in Deutschland unterirdisch erfolgen, in salinen Gesteinsschichten oder unter Druck in ehemaligen Gaskavernen– Japan wollte das CO2 einfach im Meer versenken, das heute schon aufgrund der erhöhten Kohlendioxid-Aufnahme aus der Luft zunehmend versauert (CO2 und Wasser ergibt Kohlensäure) und so die Versorgung der Menschen mit Eiweiß aus Fischerei weiter gefährdet.

In der Tat sind alle Einzelkomponenten dieser Verfahren in kleinem Maßstab und/oder in anderen Anwendungsbereichen entwickelt und erprobt, aber jede/r Ingenieur/in weiß dass gerade in der Übertragung und im „Scaling up“ die Tücke des Objekts liegt. Die Möglichkeiten chemischer oder physikalischer Bindung (Adsorption) sind begrenzt, und die Verpressung von flüssigem Kohlendioxid in tiefe Gesteinsschichten kann das dort vorhandene mineralreiche Salzwasser nach oben drücken und die (knappen) Grundwasservorräte beeinträchtigen. Bei der Speicherung in ehemaligen Gaslagerstätten zu glauben, im von Bohrungen durchlöcherten Gestein Kavernen unter Druck für Jahrhunderte dicht halten zu können erfordert einen Überschuss an Glauben über den technischen Sachverstand: das Endlagerproblem ist – mal wieder – ungelöst und wird mit viel Aplomb für die Zukunft versprochen.
 
Bei all diesen Diskussionen fällt eines gar nicht auf: die mangelnde Wirksamkeit der verfahren zur Problemlösung: je nach Technik werden 80 bis 90 Prozent des CO2 aus den Abgasen abgeschieden, wobei der höhere Wirkungsgrad deutlich höhere Kosten impliziert. Geht man deshalb davon aus, dass in der Praxis 80 Prozent Abscheidung erreicht werden, und berücksichtigt man, dass der Primärenergiebedarf durch Abscheidung, Komprimierung, Transport und Verpressung des Kohlendioxid um knapp 1/3 steigt, dann beträgt die maximale Reduzierung rund ¾ - auch ohne Wirtschaftswachstum zu wenig um die Stabilisierung des Klimas zu erreichen. Wird die teurere Technik eingesetzt, so kann das Klimaziel knapp erreicht werden – wenn alle Kraftwerke so ausgerüstet sind und der Gesamteinsatz an Kohle nicht wächst, also insbesondere weder Öl noch Gas durch Kohle ersetzt werden. Unter diesen Umständen wäre es jedoch kostengünstiger und sicherer (siehe die neuen Endlagerprobleme) direkt den Umstieg in die solare Energieversorgung anzugehen, anstatt ihn durch Bindung finanzieller Mittel in nicht langfristig nutzbaren Übergangstechnologien weiter zu behindern.

Kohle und nicht konventionelle Gas- und Ölvorräte haben gemeinsam, dass ihre massive Nutzung mit dem Ziel unvereinbar ist, den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. All diesen „Alternativen“ ist gemeinsam, dass ihre Förderung nicht nur teuer und energieaufwändig ist, sondern auch in Konkurrenz zum Umstieg auf erneuerbare Energiequellen steht, das Klima durch Fortführung der CO2-Emissionen belastet und – statt zur aus Klimagründen notwenigen Reduktion der Emissionen um 80 bis 95 Prozent (so die Bundesregierung!) beizutragen – sogar noch zusätzliches Kohlendioxid erzeugen. Auf diese Weise kann Öl so klimaschädlich wie Stein- oder gar Braunkohle werden (gemessen in t CO2/MWh). Bei wachsendem Verbrauch sind technische Maßnahmen überfordert: sie lösen das Problem nicht. Technisch ermöglichtes, klimaverträgliches Wachstum ist eine Fata Morgana, ein Wunschbild das uns in die Irre führt, mit fatalen Folgen.

Zur angeblichen Brückentechnologie Atomkraft hier nur ein paar kurze Hinweise: es gibt bis heute weltweit kein Endlager für hochradioaktiven Müll, Sicherheitsprobleme bestehen weiterhin, Uran wird ebenfalls knapp und wer Atomkraft weltweit fordert muss auf schnelle Brüter setzten, Reaktoren die aus nicht spaltbarem Uran 238 spaltbares Material, insbesondere Plutonium erzeugen. Damit wäre aber auch der Verbreitung von Atomwaffen jede Schranke genommen, eine erschreckende Vorstellung. Zum Glück sind neue Atomkraftwerke so unwirtschaftlich, dass trotz staatlicher Förderung nur wenige außerhalb Chinas und Indiens in Bau sind, eines in Europa (in Finnland) und keines in den USA.

Ölquellen sind Kriegsquellen oder „The eagle has crash-landed“

70 Prozent der Weltrohölreserven und 40 Prozent der Welterdgasreserven befinden sich in einem politischen Krisenbogen, der vom Persischen Golf über das Kaspische Becken bis nach Zentralasien reicht. Bereits in den nächsten Jahren wird der Anteil des Persischen Golfes (inklusive Irak und Iran) an der globalen Rohölproduktion kontinuierlich wachsen und der Anteil des Atlantischen Beckens (Nordamerika und Europa) abnehmen. Der Kampf um die Verteilung des „Kuchens“ hat längst begonnen. Die Konkurrenz wird immer schärfer.

Die abnehmende Kurve der Verfügbarkeit von Energieressourcen und die ansteigende der Nachfrage nähern sich ihrem Kreuzungspunkt. Ist die Nachfrage auf dem gegenwärtigen Preisniveau nicht mehr zu befriedigen, werden hohe Energiepreise mit allseits durchschlagender Wirkung unausweichlich, warnte der kürzlich verstorbene alternative Nobelpreisträger Herman Scheer schon vor zehn Jahren. Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist tief in die Strukturen aller Wirtschaftssysteme der „fossilen Moderne“ eingegraben. Deshalb ist  die Preiselastizität der Nachfrage vergleichsweise gering (d. h. es kann bei steigenden Preisen nicht beliebig mit Verringerungen des Verbrauchs reagiert werden). Vor diesem Hintergrund sind kurz- und mittelfristig keine flexiblen Anpassungen an die Preissignale der Märkte zu erwarten, sondern eher eine ausgedehnte Phase wirtschaftlicher Krisen und sozialer Härten.
 
Ölquellen sind Kriegsquellen. Wer über diese Quellen herrscht, Förderung und Transport kontrolliert, übt entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf die Volkswirtschaften der Welt aus. Auch deshalb stehen US-Truppen an den Energiequellen im gesamten Krisenbogen, von Saudi-Arabien und Irak (dem Land mit den zweitgrößten Öllagerstätten der Erde) über Kuwait, die Emirate und Jordanien bis Usbekistan und andere zentralasiatische Republiken, sowie in der Nähe der Pipelines (Afghanistan, Türkei, Georgien). Das  ist auch eine Vorbereitung auf die absehbaren Verteilungskonflikte mit den auf das Öl des vorderen Orients weit stärker angewiesenen Wirtschaftskonkurrenten EU, Japan und China.

Die Installierung von Marionettenregimes in Afghanistan und Irak (und die Unterstützung für die Putschversuche in Venezuela), die verstärkte militärische Präsenz in den afrikanischen Ölförderländern und der Ausbau der wirtschaftlichen und militärischen US-Präsenz in der kaspischen Region und in Mittelasien dienen demselben Zweck. Dabei versuchen die USA zugleich, im „weichen Unterleib“ der ehemaligen Sowjetunion jegliche Rückkehr Russlands zu Macht und Einfluss zu unterbinden, bisher mit begrenztem Erfolg, wie nicht zuletzt der Angriff der von den USA ausgerüsteten und ausgebildeten Armee auf Russland, und die nachfolgende militärische Niederlage gezeigt haben. Auch über das Einzelbeispiel hinaus kann bezweifelt werden ob diese Konzentration auf militärische Mittel – die einzigen, bei denen die USA eine klare Überlegenheit aufweisen – letztlich Erfolg versprechend ist.

Die USA sind jedoch keineswegs alleine, wenn es darum geht, den Zugriff auf die Rohstoffe der Welt mit Waffengewalt zu sichern, denn bereits seit 1991 wird die Militärstrategie der NATO mit der Sicherung des weltweiten Zugangs zu strategischen Ressourcen wie Erdöl begründet. Die sich immer klarer abzeichnende Militarisierung und Aufrüstung der EU- Außen und Sicherheitspolitik mit schneller Eingreiftruppe und eigenen Kommandostrukturen hat ebenfalls diesen Krisenbogen im Blick, auch um dort langfristig angelegte Energieinteressen zu sichern. Inzwischen wird in der deutschen Bundesregierung ebenfalls in diese Richtung argumentiert. (HDH)

Online-Flyer Nr. 277  vom 24.11.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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