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Aktueller Online-Flyer vom 08. Dezember 2016  

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Inland
„Seit 1967/1973 ein Prozess der Dämonisierung und Delegitimierung Israels“
Henryk M. Broders „Nacht der Schande“
Von Sabine Schiffer

Natürlich echauffierte sich SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder anlässlich der Rede von Alfred Grosser (1) am 72. Jahrestag der Reichspogromnacht in der Frankfurter Paulskirche, die Vertreter des Zentralrats der Juden vergeblich zu verhindern versucht hatten. Sie hätten vermutlich wie zwei Jahre zuvor beim Gedenktag in Nürnberg auch jetzt lieber Herrn Broder als Redner gesehen. Zitat aus seinem Text dazu, dass Grosser dann doch ungestört reden durfte, in „DIE JÜDISCHE“: „mit feigheit hat das nix zu tun, wenn sich paar juden von einem anderen juden anpinkeln lassen.“ (2) In den Kontext dieser aktuellen Grosser-Schelte hätte nach Ansicht von Sabine Schiffer auch eine Rede von Broder am 9.11.2008 im historischen Rathaussaal von Nürnberg gepasst, zu der sie kurz danach einen Kommentar geschrieben hatte, den wir hier wiedergeben. (3) – Die Redaktion.



Henryk M.Broder in Nürnberg - im Gespräch mit Günter Gloser (SPD) – bis 2009 Staatsminister für Europa (rechts) | Foto: Sabine Schiffer
 
Gedanken zu den Gedenkritualen der „Nacht der Schande“ des 9. November 1938: „Ach, toll, dass Du da bist! Schön! So viele Leute. Gestern in Dachau war auch gut – aber hätten schon ein paar Leute mehr sein können. Aber immerhin – cool!“ In dieser Begrüßungsformel der Teilnehmer hinter mir wird gleich zu Beginn der Veranstaltung im Nürnberger Rathaussaal die Funktion deutlich, die das Gedenken an die sog. Reichspogromnacht inzwischen für viele erfüllt und sich vielleicht mit dem Satz „Wir sind ja so gut, heute!“ ausdrücken lässt. Zwar warnt in seiner Begrüßungsrede Europastaatsminister Günter Gloser genau vor dieser „fatalen Gewissenshygiene“, die solche Veranstaltungen haben können – das Erinnern zum eigenen Wohlbefinden lässt sich so jedoch offensichtlich nicht verhindern. Was ist zu tun angesichts dieser Entwicklung, die wohl weniger die Ausnahme bilden dürfte? Wie verschafft man dem echten, ehrlichen Anliegen Raum? Und auf welchen Zweck will man derlei Veranstaltungen ausrichten?
 
Offensichtlich bietet der ausschließliche Blick in die Vergangenheit zu unumwunden die Möglichkeit, diese für überwunden und sich selber für immun gegen Rassismus, Antisemitismus oder allgemein gegen die Diskriminierung von Minderheiten zu halten. Wenn der Brückenschlag zur Gegenwart nicht gelingt, dann erstarrt das Erinnerungsritual zu einer meditativen Befreiungsübung – und wie der Brückenschlag zur Gegenwart nicht gelingt, konnte man in Nürnberg direkt erfahren.
 
Ein echtes Anliegen war bei Oberbürgermeister Ulrich Maly zu spüren, auch wenn er zunächst mit einer rein quantitativen Bemerkung über die Anzahl von Teilnehmern an den Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Pogrome begann: ca. doppelt so viele im Vergleich zu den üblichen 9. Novembern. Und obwohl die Worte alle wohlfeil gewählt waren, vermissten meine Sitznachbarin und ich ein echtes Gefühl für das Anliegen bei Markus Söder, dem neuen Staatsminister für Umwelt- und Gesundheit. Hingegen gingen die authentischen Schilderungen Arno Hamburgers unter die Haut, der „die Nacht der Schande“ – wie er sie zu Recht nennt – als 15-jähriger Nürnberger miterlebt hat. Seine Betroffenheit ist auch 70 Jahre danach noch direkt zu spüren: „In jener Nacht brachen Dämme von Hass und Vorurteilen, es brachen Freundschaften und viele Herzen.“ Seiner Enttäuschung über seine Nachbarn gab er mit folgendem Satz Raum: „Jeder wusste es, alle sahen zu, keiner konnte oder wollte etwas tun.“
 
Viel war insgesamt von SA und Nazis die Rede, aber es kam immer wieder durch, dass die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit in dieser Nacht „ihre Unschuld verloren hatte“. Ob Bezeichnungen wie „der Mob wütete“, die Söder verwendete, es erreichen, dass sich alle im Saal Anwesenden als potenzielle Ausschreiter in einer entsprechend aufgeheizten Stimmung begreifen konnten, darf in Frage gestellt werden. Dass aber die Forderung nach einem NPD-Verbot, das Hamburger erneuerte, die Gefahr eines Zukurzgreifens bergen konnte, ließ sich an einigen Stellungnahmen ermessen.
 
Nach weiteren Musikeinlagen des Vokalensembles St. Lorenz kam der Hauptredner Henryk Broder ans Pult und bedachte die versammelte Gemeinde mit einer ca. 45-minütigen Rede, obwohl er nach eigener Aussage sonst eher „das geschriebene Wort pflege“. An Eloquenz war er jedoch nicht zu überbieten und in mitreißenden und mitunter schmunzelnden Tönen ergoss er seine Kritik über derlei Veranstaltungen in den Saal. Verächtlich sprach er von „Berufsbetroffenen“ und traf damit durchaus den Kern der Problematik. Mit dem Anspruch, den „Bogen zur Wirklichkeit“ zu schlagen trat er an, während die „Erinnerung als Allheilmittel“ versage. Ja, die exzessive Beschäftigung mit der Vergangenheit verneble gar den Blick für die Zukunft. Die sehr kritischen Töne prangerten in der Tat Relevantes an und erhielten meine volle Zustimmung. Schließlich machte er allerdings die Neo-Nazis als vernachlässigbare Gefahr aus, die allenfalls ein „ästhetisches Problem“ darstellten und im Osten vor allem auf Versagen der Polizei als einen Systemfehler zurückzuführen seien – diese Verharmlosung ausgerechnet im traditionell brauen und antisemitischen Franken kann man so nicht stehen lassen. Der Verweis auf den Osten passt wohl auch eher ins übliche Broder-Repertoire der kleinen bis größeren Seitenhiebe gegen DDR und Linke.
 
Dann schlägt er einige noch kühnere Bögen, um in einer Gegenwarts- und Zukunftsdeutung anzukommen, der eine selbstkritischere Prüfung durchaus gut getan hätte. Eine direkte Linie vom Attentat in Sarajewo 1914 auf die Situation auf dem Balkan heute bzw. die Kriege der 90er Jahre zu ziehen, entbehrt grundlegendem historischem Wissen. Eine solche Geschichtsklitterung ist lediglich dazu geeignet die Verantwortung etwa der USA und Deutschlands sowie der NATO an der Entwicklung auf dem Balkan auszublenden. Und dann kommt das Unfassbare: während Nazi-Vergleiche als Verharmlosung des Nazi-Regimes und des Holocaust allerorten abqualifiziert werden, spricht Broder ganz offen von einem möglichen „atomaren Holocaust“, der Israel vom Iran her drohe. Ob das die „Zeichen“ sind, die Broder an der Wand sieht und die richtig zu deuten seien, „statt hinterher Krokodilstränen zu vergießen“? Eine Rechtfertigung für diese Behauptung bleibt der dem Publikum schuldig, das aber auch nicht danach verlangt. Präventiv geht er gegen die „alt-linke Arbeiterfotografie“ in Stellung, der er vorwirft, dpa und ZDF manipuliert zu haben mit deren Aufklärungskampagne über das falsche kolportierte Ahmadinejad-Zitat in Bezug auf eine mögliche Vernichtung Israels – und nicht nur einer Abschaffung des derzeitigen Regimes.
 
Zustimmen muss man Broder an dem Punkt, als er den Terminus „Existenzrecht“ und dessen Verwendung in Bezug auf Israel kritisiert: in der Tat wird bei keinem anderen Staat ein solches diskutiert und bei allen Umständen der Gründung Israels bedeutet doch ein Infragestellen des „Existenzrechts“ – zu ende gedacht – auch die Vernichtung von Menschen. Ob seine Deutung stimmt, dass insgesamt die Existenz der Juden, die überlebt haben, sowie stellvertretend als Metapher die Existenz Israels den Deutschen ein Dorn im Auge sei, darf hinterfragt werden. Broder spricht hier von einer „offenen Rechnung von Antisemiten aller Couleur mit den Juden gerade wegen Auschwitz“. Das Ende Israels sagt er mit Verweis auf einen neuen Buchtitel Leon de Winters voraus, „Das Recht auf Rückkehr“, das eine „demografische“ Vernichtung Israels um 2024 festlegt. Wie sehr auch für ihn, der Israel wieder verlassen hat und von dort durchaus skeptisch betrachtet, wenn überhaupt wahrgenommen wird, Israel zur Metapher einer Rückversicherung als Existenzgarant für Juden überhaupt sieht, wird an dieser Stelle deutlich. Wieder mit einem Nazi-Vergleich und unter Inkaufnahme einer gehörigen Portion Vagheit warnt er: „Die von den Nazis anvisierte ,Endlösung‘ der Judenfrage könnte im Nebel der ,Endlösung‘ der Palästinafrage untergehen.“
 
Was meint er damit genau? Niemand im Saal protestierte. Broder fuhr fort, dass er seit 1973 bzw. 1967 einen „Prozess der Dämonisierung und Delegitimierung Israels“ beobachte. Dies hänge seiner Meinung nach damit zusammen, dass „Juden als Opfer gern gesehener Gast in der guten Stube des schlechten Gewissens“ seien. Juden als Täter hingegen würden nicht toleriert. Mal abgesehen davon, dass hieran einiges mehr als überlegenswert ist – hierfür würde unter anderem die Framing-Theorie sprechen – spricht er damit natürlich en passant die israelischen Verantwortlichen von jeglicher Verantwortung für ihr Tun frei.
 
Interessant ist im Folgenden, dass er diesen Weg bei den anvisierten Muslimen nicht geht. Diese sind verantwortlich für das Bild, das man von ihnen hat – und zwar einzelne für das ganze Kollektiv. Insofern stimmt die Bildunterschrift in den Nürnberger Nachrichten vom 11.11.2008: „Setzt eigene Maßstäbe“. Das tut er – aber diese sind nicht für alle die gleichen. Etwa das Herauspicken von „guten Worten“, die Angela Merkel & Co. für Israel hätte, während sie „iranischen Mullahs Ersatzteile“ liefere, entbehrt doch etwas der faktischen Grundlage, wenn man die Lieferungen an die beiden Länder miteinander vergleicht. Eine gewisse Obsession des Redners in Bezug auf Iran und Islam ist nicht zu übersehen: Nachdem er Khatamis Besuch in Freiburg verurteilt hat, prangert er eine Auswahl von Menschenrechtsverletzungen an, die ausschließlich von muslimischen Akteuren ausgehen – er evoziert die Lage der Armenier in der Türkei, die der Kopten in Ägypten, der Bahai im Iran, den Völkermord in Darfur, die Situation von Frauen, die nach der Scharia zu Unrecht bestraft werden, die der Homosexuellen, die es im Iran gar nicht geben dürfe, die der Menschen in Sderot und Askelon, die im Zielgebiet von Hamas-Raketen leben, sowie die Situation der Christen in moslemischen Ländern, womit er vermutlich auf die eskalierende Lage im Irak anspielt. Auch hier wird in das legitime Anprangern von Missständen so manche Windung eingeflochten, die die jeweiligen Kontexte ausblendet. Die Tatsache, dass Christen im Irak in den letzten Jahrhunderten nicht verfolgt waren, wird zur Stützung der eigenen Sicht einfach ignoriert. Dass er bei seiner verkürzten Deutung der aktuellen Lage soweit geht, die deutschen Medien des Verschweigens bzw. Schönredens zu bezichtigen, kann nur erstaunen angesichts seiner eigenen Publikationsmöglichkeiten im SPIEGEL, der ja nun nicht gerade ein Randmedium darstellt. Dass er die gesamte Friedensbewegung desavouiert, verwundert da schon nicht mehr: Manche würden sich so für den Frieden engagieren, dass sie gar bereit seien dafür ihre Freiheit zu opfern und sich mit Despoten wie Saddam Hussein oder Ahmadinejad zu arrangieren.
 
Mit diesem Abgleiten ins Polemische – wiederum unabhängig von einer sachlichen Deutung der Weltmachtstrukturen und der längst entlarvten Kriegspropaganda – nimmt Broder eine weitere Wende und dies zeichnet seine gesamte Rede aus: Nach dem vielen Richtigen, das er moniert, kann man sich der plötzlichen Windung ins Unsachliche und Propagandistische kaum entziehen. Was bedeuten diese Behauptungen, wenn man sie zu ende denkt? Wie geht man mit einer Absage einer selbstkritischen und konstruktiven Auseinandersetzung um bei jemandem, der kurz zuvor noch mit dem Begriff „Endlösung“ erschreckte? Aber Selbstkritik ist nicht Broders Stärke – und die seines Publikums auch nicht, wie die stehenden Ovationen am Ende der Veranstaltung zeigen.
 
Zum Rundumschlag gegen jede Selbstkritik – bei gleichzeitiger Aufforderung an alle anderen, diese zu üben – gehört noch ein Verweis auf den sog. „jüdischen Selbsthass“, der immer dann bemüht wird, wenn von jüdischer Seite Kritik an der Politik Israels bzw. der Rolle eines Henryk Broder laut wird. So setzt er seine Fehde mit Evelyn Hecht-Galinski auch in Nürnberg fort, bezeichnet die Tochter Heinz Galinskis verächtlich als „Tochter von Berufs wegen“ und wirft ihr vor, „alles was sie spricht oder schreibt, finden Sie in den Protokollen der Weisen von Zion“. Damit entzieht er sich der Notwendigkeit, inhaltlich zu dem, was sie sagt und was hier im Dunklen bleibt, Stellung beziehen zu müssen. Ob es sich hier um eine bewusste oder unbewusste Strategie handelt, inhaltliche Auseinandersetzungen zu meiden, indem man auf die Person als solches losgeht, wäre einer psychologischen Prüfung wert. An dieser Stelle unterscheidet Broder sich jedenfalls nicht vom Mainstream, der nicht Willkommenes gerne pauschal verurteilt – sehr oft übrigens mit dem Verweis auf die Nichtlegitimität von Nazi-Vergleichen – statt die relevanten Argumente zu entkräften.
 
Was Broder in Bezug auf die Rolle sagt, die Hecht-Galinski im Nürnberger evangelischen Forum für den Frieden zugeteilt wurde, ist jedoch sehr ernst zu nehmen – und zwar in mehrfacher Hinsicht: Man hatte durchaus das Gefühl, dass sie für die Mehrzahl der bei der Veranstaltung im Haus Eckstein Anwesenden eine Art Katalysator-Funktion einnahm. Dies ist nicht nur unwürdig für sie und ihr Anliegen, sondern auch für diejenigen, die sich und ihre Ansichten hinter einer „Jüdin, die das sagen darf…“ verstecken. Von politischer Mündigkeit ist da wenig zu spüren. Allerdings stellt sich dann auch zwangsläufig die Frage: Welche Rolle erfüllt Broder mit seinem Auftritt in ebenso diesem Nürnberg, „der Stadt der Menschenrechte“, wie er betont? Auch hier musste ich nach der Veranstaltung den vielsagenden Satz hören: „Endlich sagt’s einmal einer – der darf das!“ Aber was? Dass das ritualisierte Gedenken ein Holzweg ist? Oder dass es keinen Ausgleich mit Palästinensern, Arabern, Iranern geben kann und es sozusagen im Wesen des Muslims liege (die christlichen Palästinenser werden ja tunlichst ignoriert), Juden vernichten zu wollen – oder uns alle?
Genau von einer solchen kollektiven Diffamierung und ihrem Potenzial bis hin zur angestrebten physischen Vernichtung war zum Ausgang des Abends die Rede – als noch das „Wehret den Anfängen“ im Raum schwebte. Mit Broder‘schem Witz sind wir also am Schluss zu einem Stück Hasserlaubnis gegen Islam und Muslime gelangt, die nicht weit von Kriegspropaganda entfernt ist. Entweder die oder wir – nicht wir alle Menschen gemeinsam. Ist das vielleicht die Rolle, die ein Henryk Broder heute erfüllt? Hurra, wir dürfen wieder jemanden verteufeln? Nicht die Juden. Die Muslime. Dann ist die Welt ja wieder in Ordnung! Wie eh und je, bipolar und unaufgeklärt. (PK)

 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15864
(2) http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_Kat=3&Param_RB=4&Param_Red=13441
(3) Einen Teil der Broder‘schen Rede hat am 11. November 2008 der Berliner Tagesspiegel abgedruckt: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Henry-M-Broder-Darfur;art141,2658086


Dr. Sabine Schiffer ist Gründerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen.  


Online-Flyer Nr. 277  vom 24.11.2010

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