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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2021  

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Kultur und Wissen
Offener Brief an Professor Achim Bühl zu seinem neu erschienenen Buch
"Islamfeindlichkeit in Deutschland"
Von Sabine Schiffer

Die Islamfeindlichkeit ist nicht erst mit dem 11. September 2001 entstanden, sie ist mehr als 1000 Jahre alt. Der Berliner Islamwissenschaftler und Rassismusforscher Prof. Achim Bühl legt ihre Ursprünge offen und analysiert Akteure und Stereotype des aktuellen Diskurses. Die Sarrazin-Debatte des Spätsommers 2010 zeigt: Islamfeindlichkeit ist Teil der politischen Mitte Deutschlands. – Sabine Schiffer, Gründerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, hat das gerade zum Thema erschienene Buch von Prof. Achim Brühl angelesen und ihm einen offenen Brief geschrieben." – Die Redaktion
 

Professor Achim Bühl
Sehr geehrter Prof. Bühl, bitte erlauben Sie mir, dass ich statt der gewünschten Rezension Ihres soeben erschienenen Buches zur "Islamfeindlichkeit in Deutschland" diesen offenen Brief verfasse. Zum ersten finde ich mich so oft zitiert, dass es sich verbietet, dass ausgerechnet ich das Buch rezensiere - dies mögen andere übernehmen. Zum zweiten befällt mich inzwischen so etwas wie eine Allergie bei dem Thema.
 
Ich befasse mich seit fast 20 Jahren damit, bin ja zunächst durch Zufall über den Umweg eines anderen Themas und die französische Presse darauf gestoßen, und empfinde die aktuellen Debattenteile nur noch als eine Art rhetorische Figuren eines längst geklärten Phänomens, bei dem man sich nur noch die Übersetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Mainstream-Diskurs wünscht. Aber genau an dieser Stelle hat mich Ihr letztes Kapitel, das ich bisher ausschließlich las - die Neugierde war schließlich wieder stärker - eines Besseren belehrt, und das möchte ich hier kurz skizzieren.
 
Durch die Begriffsklärung zwischen Islamophobie, Islamfeindlichkeit, antimuslimischem Rassismus und Antimohammedanismus, die ich zu 95 Prozent teile, ist mir eine wichtige Komponente meiner bisherigen Sicht als kritikwürdig aufgefallen: Ich war zu milde mit den Rassisten. Durch die Erkenntnis an mir selber, als ich meine Magisterarbeit 1993 einreichte, wie man durch die zufällig erfahrenen Elemente in Familie, Schule, Nachbarschaft und Medien in eine kohärente Vorstellung über einen Sachverhalt und auch eine Gruppe von Menschen geraten kann, werbe ich stets für Verständnis für das Missverständnis, das ein Rassismus seither für mich im Wesentlichen darstellte. Meine Prämisse war, dass ja niemand rassistisch sein wolle und allenfalls ein falsch verstandenes oder indoktriniertes Ideologem reproduziert - sozusagen eher aus Versehen, denn aus böser Absicht. Dazu lässt sich ja eine jahrzehntelange Konstruktion antimuslimischer Stereotypen nachweisen. Das muss ich nach der Lektüre Ihres klärenden Schlusskapitels korrigieren und damit lösen sich auch einige Widersprüche auf, die mir immer wieder begegneten.
 
Rassismus hat eine Funktion und dieser wie auch der antijüdische Rassismus etwa des späten 19. Jahrhunderts (ohne die Spezifika des Antisemitismus einebnen zu wollen, wie Sie es ja auch nicht tun!) sind eine Antwort auf eine gelingende Integration und die neue Konkurrenz - die Funktion ist ganz klar: Ausgrenzung und vermeintlicher Privilegienerhalt. Dazu wird ein kohärentes Konstrukt geschaffen, mit dem man die angestrebte Exklusion der Abgelehnten rechtfertigt.
 
Besonders wichtig an Ihren Ausführungen erscheint mir die pointierte Zusammenfassung der Erkenntnisse in den Sätzen: „Der Fremdenfeind sowie der Rassist bleiben [...] das, was sie sind: politische wie soziale Täter, die sich keineswegs überzeugen lassen wollen, weil sie in der Regel sehr wohl wissen, warum sie etwas wie artikulieren und öffentlich äußern. [...] Der spanische vormoderne Rassismus belegt, dass der Rassist auf die Existenz des Anderen zielt und sich von besseren und sachadäquateren Argumenten kaum überzeugen lässt." (S. 291) Und zuvor noch: „[...], dass Fremdenfeindlichkeit wie Rassismus durchaus sozialpsycho-logische wie psychologische Seiten haben, ein Verständnis von Fremden-feindlichkeit als Phobie liefe jedoch darauf hinaus, den Täter und die mit ihm verbundenen sozialen Kräfte nicht primär politisch zu isolieren, sondern sie individuell wie kollektiv zu therapieren." (S. 290)
 
Am Beispiel Ihrer kritischen Zurückweisung des Ansatzes von Tahar Ben Jelloun, Xenophobie als „Angst vor dem Fremden“ zu deuten, wird die Gefahr einer Vereinnahmung des Opferstatus durch die Täter mehr als deutlich.
 
Das isses - und es bedarf weder Aufklärung über den ausgegrenzten Gegenstand, noch Therapie der Rassisten. Es bedarf ihrer Ächtung und genau das lässt das offizielle Deutschland spätestens seit der Ermordung Marwa El-Sherbinis vermissen (http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15369 - die Redaktion). Rassismus ist keine Meinung, sondern der Beginn von Verbrechen, weil er diese rechtfertigt und ermöglicht. Man wünschte, der Autor der Zeilen auf dradio.de hätte ihr Buch schon gelesen und erkennen können, was Wolffsohn und Schoeps entgangen zu sein scheint...
(http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ausderjuedischenwelt/1307052/)
 
All denen, die erkennen wollen, werde ich Ihr Buch also wärmstens empfehlen! Ihrem Plädoyer für eine ernsthaftere Aufarbeitung des Antisemitismus schließe ich mich unumwunden an, um die beobachtbare Übertragung auf Muslime wie auch die Fortführung in Bezug auf Juden endlich wirksam zu bekämpfen - Philosemitismus bietet da keinen Ausweg, sondern verbleibt in der Verallgemeinerung und damit im rassistischen Denkmuster.
 
Mit Dank für die erhellenden Klarstellungen und weiteren Denkaufgaben, verbleibt mit notorisch optimistischen Grüßen,
Sabine Schiffer
 
 
Achim Bühl: “Islamfeindlichkeit in Deutschland Ursprünge | Akteure | Stereotype“
320 Seiten, Oktober 2010
EUR 22.80   sFr 39.40
ISBN 978-3-89965-444-8 (PK)


Online-Flyer Nr. 274  vom 03.11.2010

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