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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Warum Arbeitslose immer seltener wählen gehen
Hartz-IV-Chemie in unseren Köpfen
Von Holdger Platta

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat ihren Koalitionären am Sonntag ihre Empfehlungen für den künftigen Hartz IV-Regelsatz vorgelegt. An den Tagen davor war in den Medien die Rede davon, dass die Erhöhung von derzeit 359 Euro unter 20 liegen werde. BILD sagte am Samstag eine Anhebung von „grob in Richtung 10 Euro“ voraus. Im folgenden Text finden Sie einen Beitrag unseres Autors Holdger Platta über die gesundheitlichen Folgen von Hartz IV für die davon Betroffenen.
  

Hartz IV-Ministerin von der Leyen:
10 Euro reichen doch
Gerade die neueste Shell-Studie hat es wieder gezeigt: Jugendliche aus den sogenannten ‚Unterschichten’ sind weniger an Politik interessiert als ihre bessergestellten Altersgenossen. Und die Wahlforschung zeigt schon seit längerem: die wachsende Anzahl jener Menschen, die nicht mehr wählen gehen, nimmt insbesondere unter den Armen und Arbeitslosen zu. Beides – Zunahme des Nichtinteresses an Politik wie steigende Nichtwählerzahlen – wird von Sozialforschern nahezu einhellig als Ausbreitung der politischen Apathie bezeichnet. Und gut verstehen kann man deshalb, daß vor allem aktive MitbürgerInnern aus den sozialen Bewegungen sehr oft zutiefst enttäuscht sind, derartig erfolglos zu bleiben bei ihren Aktivierungsversuchen der Betroffenen (von ähnlicher Enttäuschung hört man auch aus der LINKS-Partei). Ja, zuweilen steigert sich diese Enttäuschung sogar und wird zum moralisierenden Vorwurf an die Adresse der Hilfebedürftigen: „Ihr seid ja selber schuld, daß sich nichts ändert zu Euren Gunsten! Ihr kriegt ja nichtmal den Arsch mehr hoch, um wählen zu gehen!“ Nun, verstehen kann man auch diese Enttäuschung von Menschen, von MitbürgerInnen, die sich oft bis zum Umfallen abrackern, um die Verhältnisse für die Armen und Arbeitslosen wieder zu verbessern in der Bundesrepublik. Zustimmen kann ich diesen Kritikern aber nicht, wenn sie sich auf diese Weise die Apathisch-Gewordenen und NichtwählerInnen vorknöpfen. Sie greifen damit Opfer, nicht die eigentlichen Täter, an. Das will ich erläutern.
 
Erkranken an Depression oder Schizophrenie
 
Wie Experten mittlerweile wissen, ist die Entwürdigung der ALG-II-BezieherInnen bei vielen längst schon so weit fortgeschritten, dass sie ernsthaft und ernstzunehmend aufs schwerste erkrankt sind. Erkrankt nicht unbedingt im körperlichen Sinne – das oft allerdings auch: die sogenannte ‚Morbiditätsrate’, der Anteil körperlich Erkrankter, liegt bei den Armen in Deutschland durchschnittlich doppelt so hoch wie bei den anderen Bevölkerungsschichten; und bei der sogenannten ‚Mortalitätsrate’, der Sterblichkeit, ist von Wissenschaftlern festgestellt worden, daß Arme im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre früher sterben als die Menschen aus den höheren Einkommensgruppen (fünf Jahre früher die Frauen, zehn Jahre früher die Männer).Aber selbst wenn körperliche Erkrankungen bei Arbeitslosen noch nicht zu registrieren sind, so haben einige Sozialmediziner und Sozialpsychologen doch mittlerweile etwas ganz anderes nachweisen können: die Tatsache nämlich, daß Armut und Arbeitslosigkeit seelisch erkranken lassen. Und zwar vor allem an Depressionen. So hat der US-amerikanische Forscher Christopher Hudson in einer Langzeitstudie aus den Jahren 1994 bis 2000 ermittelt, dass bei von ihm mit ihren Daten erfaßten 34.000 PatientInnen vier Siebtel wegen Armut oder des Absturzes in Arbeitslosigkeit an Depression oder Schizophrenie erkrankten. Und der deutsche Medizinsoziologe Johannes Siegrist von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf ist zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, bestätigt darin von dem Diplom-Psychologen Frank Meiners, der für die DAK entsprechende Krankendaten ausgewertet hat. Depression aber, das ist nicht nur einfach ‚ein bißchen’ Lustlosigkeit und ‚ein bißchen’ Verstimmung, ‚ein bißchen’ Niedergeschlagenheit und ‚ein bißchen’ Antriebslosigkeit – was übrigens schon Erklärung genug dafür wäre, dass Arbeitslose nicht einmal mehr wählen gehen. Nein, Depression ist auch Körperveränderung, vereinfacht gesagt: veränderte Gehirnchemie.
 
Die biologischen Folgewirkungen der Depression
 
Hier ist nicht der Platz, das medizinisch-detailliert zu erläutern. Aber wenn man in dem Standardwerk zur Bestimmung seelischer Erkrankungen, dem Handbuch „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-III“, zu lesen hat: ein Hauptmerkmal depressiv erkrankter Menschen sei, „daß ihnen alles egal ist“: dann sollte das auch in unserem Zusammenhang aufhorchen lassen. Und wenn sich an gleicher Stelle die Information findet, dass Depressionserkrankte nicht einmal mehr imstande sind, sich selber Hilfe zu suchen, und nicht selten sogar Hilfe von außen ablehnen, dann haben diese Diagnosen der Wissenschaftler eben auch eine politische Dimension! Sie bedeuten: Hartz-IV bestimmt nicht mehr nur den äußeren Alltag der betroffenen Menschen, Hartz-IV vergiftet auch das Innere der Arbeitslosen. Kurz: Die sogenannte „Agenda 2010“ stürzt mehr und mehr Menschen auch in politische Apathie. Hartz-IV, das ist nicht ‚nur’ Elend als materielles Außenphänomen, Hartz-IV ist auch ein inneres – seelisch-materielles – Mangelsyndrom, mit politischer Lethargie im Gefolge. Der Grund, der hier zugleich ein Abgrund ist:
 
Menschen, die nicht mehr können
 
Bei einsetzender und andauernder Depression sinkt im Gehirn der betroffenen Menschen die Menge der sogenannten Neurotransmitter oder Endorphine ab – oft populär auch „Glückshormone“ genannt. Serotonin, Dopamin, Noradrenalin – um nur diese drei Stoffe zu nennen, die zentral für unsere Stimmung, für unsere Aktionsbereitschaft, für unsere innere Kraft verantwortlich sind – werden nicht mehr im hinreichenden Ausmaß von unserem Körper produziert oder existieren gar nicht mehr. Das bedeutet: die oben erwähnten Symptome – Antriebslosigkeit, Desinteresse, Niedergeschlagenheit und übrigens auch: sozialer Rückzug! – haben nicht mehr ‚nur’ eine Grundlage in der realen äußeren Lebenssituation der betreffenden Menschen, sie haben nun auch in unserem Kopf ihre ganz reale materielle Basis. Kurz: Depressionserkrankte sind nicht Menschen, „die nicht mehr wollen“, Depressionserkrankte sind Menschen, „die nicht mehr können“. Und ihnen das nun auch noch vorzuwerfen – wie begreifbar die eigene Enttäuschung auch sein mag, als Kandidatin oder Kanditat –, das hiesse, gleich zwei Fehler auf einmal zu begehen: Erstens, eine furchtbare Krankheit nun auch noch mit moralischen Vorhaltungen zu überziehen (kämen wir bei der Grippeerkrankung anderer ebenfalls auf diese Idee?), und zweitens, ausgerechnet jenen Menschen Vorwürfe zu machen, die Opfer, nicht aber Urheber, ihrer Erkrankung sind. Was drittens zur Folge hätte: Ausgerechnet wir, die engagierten Gegner von Hartz-IV, schonten damit die eigentlichen Verursacher dieser Erkrankung, die verantwortlichen – und ergo unverantwortlich handelnden – Politiker und gäben stattdessen den Opfern dieser Politik Schuld an ihrer furchtbaren Verfassung. Wollen wir das?
 
Das Schweigen der Expertenverbände
 
Die Seele ist kein Kasernenhof, wo man auf Befehlsempfang gesundet. Oder ganz drastisch gesagt: noch niemals bislang hat „Zusammenscheißen“ einen Menschen wieder aufgerichtet. Wer an solche „Pädagogik“ glaubt, reflektiert nicht mehr, sondern zeigt nur noch Reflexe. Und er agiert mit solcher Wählerbeschimpfung oder mit ausschließlich kopfbezogener Wählerbelehrung weit, weit an der seelischen Realität dieser Menschen vorbei. Mein Zorn richtet sich deswegen auch im wachsenden Maße gegen eine ganz andere Gruppe von Menschen in der Bundesrepublik (sieht man von den oben erwähnten Ausnahmen ab): gegen die Psychotherapeuten- und Medizinerzunft. Wo ist deren gemeinsames Manifest gegen die Inhumanitäten von Hartz-IV? Wo sind die großen Kongresse ihrer Wissenschaftlervereini-gungen dazu? Wo die Studien, die den hier benannten Zusammenhang zwischen sogenannten ‚soziogenetischen Faktoren’ und Depressionsverbreitung nunmehr auch am Beispiel Hartz-IV überprüfen und darlegen? Meine Enttäuschung gilt nicht den Opfern, sondern deren potentiellen Helferinnen und Helfern. Sollte den Medizinern und Psychotherapeuten ihr objektiver Zynismus entgehen? Hinter verschlossener Tür, in ihren Behandlungszimmern, den Patientinnen und Patienten mit all ihrer Kompetenz zu helfen und helfen zu wollen. Dort also ihren Mund aufzumachen! Und draußen –  in der Welt, die seit längerem aus politischen Gründen auch eine Welt der Krankheitsverursachungen ist – den Mund zu halten und auf den eigenen Kongressen stattdessen lieber über neue Psychopharmaka zu diskutieren und neue Formen der Kurzzeittherapien! – Fast könnte man meinen, die Ärzte und Psychotherapeuten schwiegen deshalb so beharrlich in der Gesellschaft, weil ihnen sonst die verheerende Hartz-IV-Politik nicht so viele neue Patientinnen und Patienten zutriebe und damit lukratives ‚Krankenmaterial’!
 
Hartz-IV ist auch seelische Zwangspathologisierung!
 
Meine Warnung deshalb: Verrennen wir uns nicht aus verstehbarem Ärger in völliges Unverständnis den Hartz-IV-Betroffenen gegenüber – ausgerechnet nun auch von unserer Seite aus! Die Opfer der bundesdeutschen Sozialpolitik würden damit auch zu unseren Opfern! Begreifen wir stattdessen, und begreifen wir bitteschön dieses ganz: Hartz-IV ist nicht nur materielle Zwangsverelendung, Hartz-IV ist auch seelische Zwangspathologisierung! – Nehmen wir diese Erkenntnis nicht ernst, nehmen wir auch die betroffenen Menschen nicht ernst! (PK)


Online-Flyer Nr. 269  vom 29.09.2010

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