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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2016  

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Medien
Der Realitätsverlust der Antideutschen
Verirrt und verwirrt
Von Hans-Dieter Hey

„Und wehe, sie macht einen juristisch greifbaren Fehler, zum Beispiel nicht autorisiertes Zitieren oder nennen von Namen“. Und sie habe sich mit ihren Äußerungen schon viel zu weit aus dem Fenster gehängt, waren noch die geringsten Drohungen, die sich Irena Wachendorfff anhören musste. Eigentlich sollte es bei ihrer Lesung nur um den ersten israelisch-arabischen Waldorf-Kindergarten, den sie gegründet hatte und um ihre Gedichte gehen. Unversehens fand sie sich wirren Angriffen sogenannter „Antideutscher“ ausgesetzt.


Am 28. August hatte Irena Wachendorfff eigentlich vor, in der Künstler-Buchhandlung Böttger in Bonn von dem ersten – ihrem – israelisch-arabischen Waldorf-Kindergarten zu erzählen und Gedichte vorzulesen. Im politischen Metier hatte sie sich bisher kaum bewegt. Kein Profi in der politischen Landschaft, wie sie sagt. Vielleicht ein bisschen Tendenz zu den Grünen, allerdings würde sie viel Friedensarbeit machen. Vor zwei Jahren dann hatte sie sich in das Medium facebook gewagt, um den Kindergarten dort vorzustellen, für den sie die Webseite macht oder Übersetzungen für ihn. Gelegentlich organisiert sie auch Benefiz-Veranstaltungen, um Geld einzusammeln.
 
Da sprechen Hass und rassistische Ausgrenzung
 
Am 31. Mai diesen Jahres änderte sich die Welt für Irena Wachendorff mit einem Schlag. Anlass war das Entern der Mavi Marmara und das Aufbringen der Flotille, die Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen wollten, „auf derart

Irena Wachendorff, politisch
geworden | Foto: Hans-Dieter Hey
brutale Art und „Weise, dass von der israelischen Armee neun Leute erschossen wurden“. Als sie ihrer Erschütterung auf ihrer facebook-Seite Ausdruck verlieh, bekam sie einen Text von einer Internetseite „Standpunkte - Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ eines gewissen Thomas E. Eppinger mit folgendem Inhalt (Auszug): „Eine Hilfsflotte für Gaza ist naturgemäß nur ein PR-Coup. So erfreulich manche Güter für die Einwohner von Gaza sein mögen, wirklich nötig sind sie nicht. In den letzten eineinhalb Jahren sind über Israel mehr als eine Million Tonnen Hilfsgüter nach Gaza geliefert worden, das ist fast eine Tonne pro Einwohner. Jede Woche rollen hunderte Trucks mit mehr als 15.000 Tonnen Ladung über die israelischen Grenzübergänge. In Gaza gibt es ein Schwimmbad mit olympischen Ausmaßen und ein Luxusrestaurant. Die Märkte sind reich bestückt, die Bewohner gut genährt, niemand muss hungern. Es gibt Schokolade aus der Türkei, deutsche Bonbons, italienische Pralinen. Das meistverkaufte Medikament ist Viagra. Was es nicht durch die israelischen Grenzkontrollen schafft, wird durch die Tunnels von Rafah aus Ägypten geschmuggelt. Autos, Treibstoff, Süßigkeiten, Drogen, Prostituierte. Und natürlich Waffen. Die Einwohner von Gaza leben unter widrigen Umständen, aber von einer humanitären Katastrophe kann keine Rede sein.“
 
„Von da an ging eine ganze Kommentarwelle auf mich runter, von mir völlig Unbekannten, die mich anschrieben“. Inzwischen machten ihr die Reaktionen Angst. Einer meinte, alles sei noch viel zu harmlos gewesen. Leider hätte man nur neun Leute erschossen, eigentlich hätte das ganze Schiff weg bombardiert werden müssen, die beste Lösung wäre allerdings, den ganzen Gaza Streifen wegzubombardieren. Die Post nahm weiter zu, von den Internetportalen „Standpunkte“, „Lisas World“, „Spirit of Entebbe“, die „Achse des Guten“, „Konkret“ und „Jungle-World“. Ein Martin Blumentritt, der sich als Philosoph bezeichnet hätte, hätte sich beispielsweise so im Internet geäußert: „Die Hamas kennt Israel überhaupt nicht an, das ist ihr Programm. Ihr Programm ist, Israel zu vernichten. Verhandlungen kommen gar nicht in Frage. Bei der Hamas ist die Bezeichnung faschistisch schon eine Beschönigung. Das sind Nazis. Eine ziemlich dreckige Lüge ist es, dass Menschen verhungern oder Medikamente nicht bekämen. Da müssen die Islamisten einem schon ziemlich ins Gehirn geschissen haben, wenn man so was glaubt“.
 
Verirrt und verwirrt: die Antideutschen
 
Immer wieder traf sie im Internet auf die Antwort „antideutsch“. Unter anderem stieß sie auf einen Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahre 2006, der sich zu den Antideutschen so äußerte: „Antideutsche Thesen kranken oft daran, dass sie alle politischen Zusammenhänge anhand eines imaginären antisemitistischen Gradmessers zu analysieren versuchen, wobei der unterstellte Bezug zu einem wie auch immer gearteten Antisemitismus herbeigeredet wird, statt ihn wirkungsvoll zu belegen. Das Verständnis für den Dreiklang: Deutschland und Islamfeindlichkeit, strikte Befürwortung israelischer und US-amerikanischer Politik, unbestimmter und disparater Kommunismusbegriff ist sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch der traditionellen Linken entsprechend gering. Autonome werfen den Antideutschen häufig ihre mangelnde Fähigkeit zur Differenzierung (…) vor. (...) Nicht ganz zu Unrecht wird ihnen auch eine gefährliche Verwandtschaft zu den Thesen der neuen Rechten vorgeworfen, die – selbstverständlich aus anderen Gründen – ebenfalls eine multikulturelle Entwicklung in der Gesellschaft unter Einbeziehung der muslimischen Glaubensrichtung ablehnen.“ Und um den Irrsinn komplett zu machen, verorten Antideutsche den Kapitalismus allen Ernstes im Antisemitismus. Bei der Analyse muss man sagen, dass der Verfassungsschutz hier offenbar ordentlich gearbeitet hat, auch wenn er die Antideutschen zum linksradikalen Spektrum nur deshalb zählt, weil sie sich aus dem linken Lager abgespalten hätten. Die „Verfassungsschützer“ hätten einfach nicht recht gewusst, wohin mit ihnen.
 
Wie eine Friedensaktivistin zur Verräterin gestempelt wird

Innerhalb der Auseinandersetzung im Internet wurde Irena Wachdorff als jüdische Verräterin bezeichnet, als schlimme Antisemitin. Man legte ihr sogar nahe, wegen ihres „jüdischen Selbsthasses“ und ihrer „BDM-Sozialisierung“ einen Strick zu nehmen, um sich aufzuhängen. Damit gäbe sie ein gutes Vorbild ab. Kübel von Unrat habe man über ihr ausgeschüttet und sie bedroht. Mit der Zeit habe ihr das Angst gemacht und sie hätte sich dem Staatschutz anvertraut.
 
Nicht immer war Irena Wachendorfff klar, wer wirklich hinter den abstrusen Äußerungen steht. Bei „Lisas „World“ vermutet sie, dass diese Seite von jemandem gemacht wird, „der auch gleichzeitig bei Herrn Broder schreibt, über Herrn Broder schreibt und Herrn Broder (Siehe auch unseren Artikel vom 10. März) gegen jede Anfeindungen auch immer wieder in Schutz nimmt.“ Da sie freilich nur vermuten, nicht jedoch auch beweisen könne, wer für „Lisas World“ verantwortlich sei, könne sie den Namen nicht nennen. Aber er „wohnt in Bonn, und er arbeitet in der Bundes-Zentrale für Politische Bildung.“ Dazu, was Henryk M. Broder mit den Antideutschen zu tun habe, dürfe sie nichts sagen, dass wäre ihr von ihrem Anwalt geraten worden. Einen Satz von ihm dürfe sie zitieren: „Es gibt keine Kritik an Israel. Alles ist antizionistisch. Und Antizionismus ist das Gleiche wie Antisemitismus.“ Die Begriffe Antizionismus und Antisemitismus würden von Herrn Broder und seinem Kreis so inflationär gehandhabt, „dass auch jeder Jude, der nur mit einem Wort wagt, die Politik in Israel zu kritisieren, auch gleich ein Antisemit ist“, meint Irena Wachendorfff.
 
Auf ihrer eigenen Webseite scheint Irene Wachendorff ganz andere Erfahrungen zu machen. „Ich kann sagen, dass auf meiner Internetseite ungefähr gleichrangig an Zahl jüdische und muslimische Freunde sind. Und alle die dort sind, sind entsetzt sind über diese Thesen und die Dinge, die die Antideutschen dort verteilen und verbreiten, über diese Indoktrinierung.“ Irena Wachendorfff ist vor allem darüber entsetzt, weil Keile zwischen Menschen getrieben werden, die sich eigentlich sehr nahe stehen. Die Art und Weise des Vorgehens hält sie für eine Schürung des Antisemitismus. Die Erlebnisse, die sie politisch gemacht haben, waren ihr wichtig mitzuteilen. Das gab im Anschluss weniger Raum für ihre Gedichte. (HDH)

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Irena Wachendorff
Eurydike dreht sich um - Gedichte
Kovar-Verlag
Engl. Broschur, Fadenheftung, Format 220 x 138,
Preis Euro 14,80
ISBN 13-978-386577-113-1



Online-Flyer Nr. 265  vom 01.09.2010

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