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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Sport
Frankfurt verliert Anschluss zur Spitze
Mit Zehn besser als mit Elf
Von Bernd J.R. Henke

Wer da sagt, dass Frauenfußball ein emotionloser Abklatsch der althergebrachten Männerdomäne Fußball sei, wurde am dritten Spieltag eines Besseren belehrt. Das Gesicht des Frauenfußballs verändert sich. Die Spiele werden attraktiver. Emotionen pur.



Eklat in Potsdam, Platzverweis von Tabea Kemme in der Mitte im Gespräch
mit der Schiedsrichterin Miriam Dietz und Linienrichterin Marina Wozniak, am Boden liegend Kerstin Garefrekes, re.: Cheftrainer Sven
Kahlert, li.: Jennifer Zietz im Gespräch mit Birgit Prinz

Als die Potsdamerin Tabea Kemme am Sonntag wegen bewiesener Tätlichkeit schon frühzeitig in der 24. Minute den Platz verlassen musste, bekam das Spiel eine ungeahnte Brisanz und Emotionalität. Frankfurts hoch motivierter Trainer Sven Kahlert stand sehr nahe dabei, als die Potsdamerin Kemme der Frankfurter Stürmerin Kerstin Garefrekes beim Einwurf den Ball regelwidrig aus Halbmeterdistanz ins Gesicht warf, die wiederum sehr perplex und ebenso emotional zu Fall kam.
 
Eine(r) spinnt immer
 
Die unüberlegte Tat der sonst sehr ausgeglichen wirkenden und sympathischen U-20-Weltmeisterin Tabea Kemme provozierte den Frankfurter Trainer, dem dann wohl der „Gaul durchging“ und die Potsdamerin nicht gerade freundlich wegschubste. Alle Blicke richteten sich nun auf die Schiedsrichterin Miriam Dietz, die schon die beiden letzten Spitzenduellen der Turbine gegen die Hessinnen pfeifen durfte. Sie verwies ebenfalls den Cheftrainer Frankfurts regelrecht vom Felde, der begleitet von den Pfiffen der Zuschauer auf der Tribüne Platz nehmen musste. Wer die Stimmung in Babelsberg kennt, erwartete nun nicht gerade eine ruhige Veranstaltung. Die Partie wurde hektischer, die Frankfurterin Garefrekes bei jedem Ballkontakt von den Zuschauern mit Pfiffen und Buhrufen bedacht.

 
Torjubel zur Führung vom 1.FFC Frankfurt

„Die Seele des Fußballs ist unergründlich, Sieg und Niederlage, David und Goliath sind längst nicht immer vorhersehbar,“ meinte mit Recht die bekannte ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann, die wie schon so oft bei Spitzenspielen der Frauen am Ort des Geschehens, diesmal in Potsdams Stadtteil Babelsberg, zur Stelle war. Jedenfalls vom fußballerischen Vermögen waren Potsdam und Frankfurt gleichwertig, nominell von der Anzahl der Nationalspielerinnen her sind die Hessinnen auch nach Meinung des brandenburgischen Fußballlehrers Bernd Schröder im Einzelvergleich stärker besetzt. Trotzdem verlor der 1.FFC Frankfurt sogar in Überzahl einer kompletten Mannschaft gegen einen Gegner in Unterzahl.
 
Führung
 
Die durch Schiedsrichterin Miriam Dietz mit Rot „beschenkte“ Tabea Kemme stand schon in der Pause in der VIP-Lounge des „Karli“, als kurz nach Wiederanpfiff die bis dahin Feld überlegende Frankfurter Mannschaft in der der 47. Minute durch ein Tor von Kerstin Garefrekes 1:0 in Führung ging. Schon in der Pause frohlockte Frankfurts umtriebiger Manager Siegfried Dietrich, dass die Frankfurterinnen endlich und erstmals ein herausragendes Spiel in dieser Saison hingelegt hätten, sei es in der Anzahl der Torchancen, sei in der Überlegenheit an Spielanteilen oder sogar in den Zweikämpfen.


Siegtor, Jubel von Yuki Nagasato und Anja Mittag

Frankfurts Team begann nach der Halbzeit unverändert, Potsdam wechselte zwei Mal. Nach der Halbzeit musste Verteidigerin und Mittelfeldtreiberin „Coco“ Schröder ran (46.). Die an diesem Tag farblose Nadine Keßler musste für sie weichen. Neuverpflichtung Daniela Löwenberg, eine defensive laufstarke Mittelfeldspielerin, kam für offensive Jessica Wich ins Spiel (25.). Es sah so aus, als ob die überlegenen Frankfurterinnen nach der Führung den berühmten Sack zumachen und durch eine schnelle Konter in die freien Räume zum zweiten Tor kommen könnten. Nichts dergeichen.
 
Diagnose
 
Zehn Potsdamerinnen ließen sich von elf Frankfurterinnen nicht die Butter vom Brot nehmen. Die Psyche, die Schwester von Fußballfortuna, bestimmte von nun an die brisante und schnelle Auseinandersetzung. Die zuerst ziemlich geschockten Spielerinnen Potsdams zeigten nun im Aufbäumen wie rund der Ball sein kann. Fußballexperte „Joe“ Blaha stellte seine Diagnose: „Die vermeintliche Unterzahl der Heimmanschaft beförderte die grandiose Umsetzung einer zusätzlichen Willensleistung. Jede Potsdamerin spielte nun für die fehlende Spielerin mit. Immer ein Quäntchen mehr Willen als irgendeine Frankfurts Spielerinnen, die natürlich eine glänzende faire und starke Partie lieferten.“


Sturmstar Lira Bajramaj im Zweikampf mit Ariane Hingst

Turbinenschub
 
Potsdams emotionaler Schub war der Grund, dass die „Turbienen“ nun ungeahnte Räume besetzten, wo keine Frankfurterin stand. Die Frankfurterinnen dagegen fühlten sich überlegen, aber merkten nicht, wie sie eigentlich schwächer wurden, weil der Wille und vielleicht die Physis nicht mehr ausreichten. Potsdam tickte anders in diesen dramatischen Minuten und glich die Unterzahl aus. Faktisch scheiterte der enorm stark aufspielende 1.FFC Frankfurt an sich selbst . Die Analyse besagt also, dass nominell stärker besetzte Mannschaften auch in Überzahl scheitern können und immer wieder werden. „Denn Fußball ist eben nichts mathematisch vorhersehbar, besondere Umstände, persönliche Befindlichkeiten, manchmal sogar Zufälle bestimmen den Ausgang einer Partie,“ bekannte die ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann.


Enttäuschung mit Emotion: Ariane Hingst

Der 1.FFC Frankfurt trat mit einer stark veränderten Mannschaft an. Trainer Sven Kahlert zog wichtige Erkenntnisse aus der Niederlage in Wolfsburg und ließ diesmal im zentralen Mittelfeld mit Ariane Hingst und Meike Weber zwei defensivstarke Spielerinnen agieren. Ariane Hingst tat dabei auch sehr viel für den Spielaufbau. Ihren etatmäßigen Posten in der Innenverteidigung nahm Gina Lewandowski ein. Als linke Verteidigerin war die von der WM-Qualifikation zurück gekehrte Schwedin Sara Thunebro wieder dabei und Nationalspielerin Melanie Behringer rückte auf die linke Mittelfeldposition wie in der Nationalmannschaft. Vorne bekam Dzsenifer Marozsán den Vorzug vor Conny Pohlers. Turbine Potsdam trat hingegen unverändert mit der Erfolgself der letzten Wochen an.


Melanie Behringer bedrä¤ngt durch Yuki Nagasako, Babett Peter und
Josephine Henning
 
Joker
 
In der 67. Minute beförderte Anja Mittag den Ball mit einem sehenswerten 16 Meter Distanzschuss ins Frankfurter Gehäuse zum 1:1 Ausgleich..Vorausgegangen war ein 30-Meter-Sprint und ein Dribbling von Lira Bajramaj, die nach innen gezogen war und schließlich auf Mittag quer gelegt hatte. Knapp sechs Minuten später war es die als Joker eingewechselte Yuki Nagasato (64.), die nach einer Flanke von Corinna „Coco“ Schröder ihre Mannschaft per Kopfball (73.) in Führung brachte. Turbine konnte zum ersten Mal überschwänglich jubeln. Corina Schröder flankte eigentlich zu weit und neben das Tor, doch die Japanerin Yuki Nagasato setzte nach, während Sara Thunebro den Ball wohl schon ins Aus gehen sah, und köpfte ihn beinahe von der Grundlinie über Nadine Angerer hinweg ins lange Eck zum 2:1. Frankfurts energische Torfrau und Kapitänin sah dabei nicht gut aus. Die japanische Nationalspielerin Yuki Nagasato sprang konzentriert hoch, erwartete den Ball trickreich in der Luft schwebend und nickte mit der Stirn ins Tor. Ein unglaublich raffiniertes Tor, welches in die Lehrbücher und Videoanalysen eingehen sollte.
 
Bissiger
 
Es war ein tempo- und abwechslungsreiches Spiel zweier starker Mannschaften, in dem Potsdam jedoch in der entscheidenden Phase den Tick bissiger wirkte und zwei halbe Chancen eiskalt nutzte, deshalb am Ende auch glücklich triumphierte. „Unsere Willenstärke und Athletik zahlten sich aus. Besser kann man mit 10 Spielerinnen nicht agieren“, jubelte Turbine-Trainer Bernd Schröder, der die starke Abwehrleistung um Torfrau Anna Felicitas Sarholz und die individuelle Klasse von Stürmerin Lira Bajramaj besonders lobte.


Kampfstark und athletisch: Ariane Hingst
Alle Fotos: Jan Kuppert

Traineranalyse
 
„Es war eine starke Vorstellung, die mir bestätigte, dass wir an unseren Zielen festhalten können. Wir haben 70 Minuten lang den besseren Fußball gespielt. Müssen eine solche Leistung aber 90 Minuten lang bringen. Unser Verhängnis war, dass wir nach dem Führungstreffer das Ergebnis nur verwalteten, nichts für den Ausbau des Vorsprungs taten. Erst 20 Minuten später ist das Team aufgewacht und hat wieder aggressiv gespielt“, kommentierte FFC-Trainer Sven Kahlert die Spitzenbegegnung. Zu seiner Rot-Karte bemerkte der Frankfurter Coach: „Tut mir leid. Ich habe mich bei Tabea Kemme entschuldigt. Das war zu emotional. Aber wenn Kerstin den Ball aus 30 Zentimetern direkt ins Gesicht bekommt, kann man schon ausrasten.“
 
Aufbäumen
 
Der nach Sven Kahlerts Verweis nun auf der Bank allein mit Manager Siegfried Dietrich agierende Co-Trainer Kai Rennich reagierte mit zwei Wechseln. Für Dzsenifer Marozsán kam die Schwedin Jessica Landström, für Melanie Behringer ging Svenja Huth auf die linke Außenbahn. Birgit Prinz versuchte es mit einem Eckball direkt, doch Torhüterin Sarholz war aufmerksam und boxte die Kugel zur erneuten Ecke. Birgit Prinz und die fünf Minuten vor Ende eingewechselte Connie Pohlers konnten sich in der letzten Minute im Gewühl nicht mehr durchsetzen. Es blieb beim 2:1 für Potsdam. „Mit Frankfurt sind es immer ganz besonders brisante Duelle. Wir waren in der Defensive wie Offensive sehr stark“, kommentierte Potsdams Stürmerin Anja Mittag den knappen Erfolg des Meisters.
 
Der Deutsche Meister und Champions-League-Sieger 1.FFC Turbine Potsdam setzte sich mit dem 2:1 (0:0) Heimsieg an die Tabellenspitze. Die Ambitionen zur Meisterschaft kann sich der 1.FFC Frankfurt derzeit mit sechs Punkten Rückstand zu Potsdam sicher abschminken. Es bleibt abzuwarten, ob Turbine Potsdam in den nächsten Monaten gegen Duisburg, Bad Neuenahr, Hamburg, Wolfsburg oder vielleicht sogar Saarbrücken ein paar Punkte abgeben wird. Realistischer ist wohl für Frankfurt der Platz 2, der zum Mitmachen bei der UEFA Champions League berechtigt. Der direkte Mitfavorit Duisburg hatte auch seine Mühe.
 
Überraschung

Die dritte Favoritenmannschaft um die ersten beiden vorderen Plätze in der Liga, der FCR 01 Duisburg hatte auswärts seine Mühe mit dem Hamburger SV. Die Hanseatinnen trotzten dem Titelanwärter ein 2:2 (2:1) ab und fügten somit dem Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg den ersten Punktverlust zu. Simone Laudehr (32.) brachte die Duisburgerinnen in Führung, Kim Kulig (34.) und Ana Maria Crnogorcevic (45.) drehten die Partie zunächst. Inka Grings sorgte mit einem Foulelfmeter kurz vor dem Abpfiff (89.) für den Ausgleich.
 
Hattrick

Tabellenzweiter wurde der VFL Wolfsburg, der mit 6:3 (4:1) den dritten Saisonsieg gegen Aufsteiger Herforder SV verbuchte. Das Spiel wurde zu einem Torfestival von Martina Müller, die allein fünf mal ins gegnerische Gehäuse traf. Sie erzielte in nur neun Minuten einen lupenreinen Hattrick (7., 11., 16.). Herford kämpfte sich bemerkenswerterweise nach einem 3:0 Rückstand durch ein Eigentor von Verena Faißt, Martina Müller hatte inzwischen vor Halbzeit auf 4:1 erhöht, sowie nach einem Doppelpack von Laura Feiersinger (46./47.) kurz nach der Pause auf ein zwischenzeitliches 4:3 heran. Der Herforder SV kassierte aber in der Schlussphase des Spiels die Spiel entscheidenden zwei weiteren Gegentore. Die Ungarin Zsanett Jakabfi machte in der 87. Minute alles klar, abermals Müller schoss den sechsten Treffer für die torhungrigen Wölfe (90.). Damit feierten die Wolfsburgerinnen bereits den dritten Sieg im dritten Spiel. Der Aufsteiger hingegen wartet weiter auf die ersten Punkte und rangiert auf dem vorletzten Platz.
Bayern München feierte den zweiten Saisonsieg. Nach einer torlosen ersten Hälfte siegte der FCB dank U 20-Weltmeisterin Stefanie Mirlach (47.) 1:0 (0:0) gegen den SC 07 Bad Neuenahr. Das Spiel zwischen dem FF USV Jena und der SG Essen-Schönebeck endete 0:0.
 
Klassenziel
 
Der erste Schritt in Richtung Saisonziel Klassenverbleib in der Bundesliga erreichte die Frauenmannschaft des 1.FC Saarbrücken. : Die Fußball-Frauen besiegten Neuling Bayer Leverkusen mit 2:0 (0:0). Vor 300 Zuschauern im Stadion am Saarbrücker Kieselhumes trafen Nina Rauch (61. Minute) und Cynthia Uwak (92.). Schlusslicht der Tabelle wurde die Werkself Bayer 04 Leverkusen mit null Toren und null Punkten. (HDH)
 
 


Online-Flyer Nr. 265  vom 01.09.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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