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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Sport
Austria Nachwuchs erfolgreich im Herforder Trikot
Favorit noch ohne Glanz
Von Bernd R. Henke

Wer am zweiten Spieltag ein erstklassiges Spiel im Stadion am Brentanobad in Frankfurt erwartet hatte, wurde sicher enttäuscht. Die Spielweise des 1. FFC Frankfurt war nicht meisterlich, aber die ambitionierten Hessinnen waren mit 6:0 (2:0) siegreich.

Ohne die beiden schwedischen Nationalspielerinnen Sarah Thunebro und Jessica Landström, die mit der schwedischen Nationalelf in der WM-Qualifikation Tags zuvor in Prag gegen die defensiven Tschechinnen mit 1:0 gewannen – nach einem 0:0 Remis im Hinspiel. Aber dafür spielte der FFC mit der zuverlässigen US-Amerikanerin Gina Lewandrowski in der Außenverteidigung und der U-20-Weltmeisterin Svenja Huth in der Sturmspitze. Dem Frankfurter Spiel fehlte ein wenig die ordnende Kraft im Mittelfeld, letztendlich entschied die individuelle Klasse der Frankfurterinnen die Partie.

Erzrivale wartet

„Das beste am Spiel war das Ergebnis“, sagte Trainer Sven Kahlert, der ansonsten über das Spiel am liebsten den „Mantel des Schweigens“ gehüllt hätte. „Ich war zu keiner Phase des Spiels richtig zufrieden – die Mannschaft auch nicht“, urteilte der Fußballlehrer in der anschließenden Pressekonferenz. Alle Kritik dieses Tages war bestimmt vom nächsten Spieltermin des FFC auswärts bei Turbine Potsdam in knapp einer Woche. Der Erzrivale Potsdam siegte dann auch mit einem klaren 3:0 (1:0)-Sieg in München Aschheim. Bei sommerlichen Verhältnissen war das auch nicht gerade super heraus gespielt gegen den FC Bayern München in der Anfangsphase. Potsdam gewann aber zur Freude des Cheftrainers Bernd Schröder seit fünf Jahren zum ersten Mal gegen die Münchnerinnen.

Glücksfee Lingor

Herford kam nach Frankfurt mit anderen Vorgaben und Erwartungen. Die charismatische Trainerin Tanja Schulte bewies, dass sie die derzeitige Situation des Herforder SV vor den nächsten Spielen humorvoll und psychologisch souverän begleiten kann. Sie wüsste nicht so recht, ob Renate Lingor für ihren Verein wirklich eine Glücksfee darstelle, denn die ersten sechs Spiele der Vorrunde  hätte die Rekordnationalspielerin und WM 2011 Botschafterin die sechs stärksten Teams des Vorjahres ausgelost, meinte sie. Ihre Mannschaft wäre aber bereit gegen die starken Gegner nicht zu resignieren und würde sich auf Grund des neu formierten Spielkaders auf allen Spielpositionen mehrfach besetzen lassen.



Melanie Behringer mit Marie Pollmann, dahinter Laura Feiersinger

Mit Anna Laue, Kerstin Nolte, Marie Pollmann und Christina Schulte standen vier Spielerinnen im Herforder Aufgebot, die den damaligen Saisonabstieg 2008/2009 mit einer 8:0 Schlappe gegen den damaligen Meisterschaftsvierten 1.FFC Frankfurt miterlebt hatten. Die erste Chance hatten die Aufsteigerinnen. Marie Pollmann setzte sich in der 3. Minute rechts durch, passte zurück genau auf den Fuß von Anna Laue, doch ihr Schuss aus 13 Metern wurde abgeblockt. Bei den Gastgeberinnen dauerte es ein wenig, bis sie ins Spiel gefunden hatten. Herfords Torfrau Tessa Rinkes musste erstmals nach 13 Minuten eingreifen, als sie einen allerdings harmlosen Kopfball von Svenja Huth hielt. Die erste große Torgelegenheit hatte eine Minute später Conny Pohlers, doch ihr Flachschuss verfehlte das Tor um Zentimeter.

Lex Angerer

Dann hatte der 1. FFC Frankfurt zweimal Glück. Trainerin Tanja Schulte hatte entgegengesetzt zur vorher öffentlich bekundeten Taktik nicht von Anfang an auf Defensive gesetzt, sondern überraschte mit ihrem Team mit einer druckvollen halben Anfangsstunde. Kerstin Nolte wäre nach einem langen Pass allein aufs Tor zugelaufen, doch bei der Ballannahme sprang ihr der Ball gegen die Hand (28.).  Anschließend traf Anna Laue, nach einer Unachtsamkeit in der Frankfurter Hintermannschaft – bedrängt von Nadine Angerer – nur das Außennetz. Angerer hatte Laue zuvor regelwidrig und Elfmeter reif mit den Füßen an den Beinen getroffen. Fußballexperte „Joe“ Blaha bemerkte kennerhaft und mancher Tricks vertraut: „Die Aktion von Angerer gegen Laue war ein klarer Elfmeter. Frau Angerer hat bei der Schiedsrichterin Mirka Derlin wohl von ihrem psychologisch deutschen Natio-Bonus profitiert,  wäre es Ally Krieger wie in Wolfsburg gewesen, hätte die Unparteiische wohl auf den Elfmeterpunkt gezeigt.“

Torfrau Tessa

Neu in der Herforder Mannschaft in dieser Saison war die Sportstudentin und Torfrau Tessa Rinke, die laut Trainerin Tanja Schulte eine sicherere Bank darstellt als die bisherige Nummer 1 Sonja Speckmann. Tessa Rinke, die im Vorjahr bei der Universiade in Belgrad das Tor der deutschen Studentennationalmannschaft hütete, war vom Universitätssportclub und Bundesliga Kader des FF USV Jena nach Herford gewechselt. Als Birgit Prinz Torfrau Tessa Rinke nach Zuspiel von Svenja Huth umspielt hatte, erreichte die Flanke von Prinz Mittelstürmerin Conny Pohlers, deren Schuss aber katzenartig von der zurückgeeilten Tessa Rinke zur Seite abgelenkt wurde. Im Nachschuss verfehlte Nationalspielerin Kerstin Garefrekes.

Erlösung

Das erlösende 1:0 fiel in der 33. Minute. Die steil geschickte Conny Pohlers war schneller als die Belgierin Heleen Jaques. Die Stürmerin sah Tessa Rinke heraus laufen und erzielte mit einem cleveren Heber den Führungstreffer. Das 2:0 ließ nicht lange auf sich warten. Birgit Prinz und Kerstin Garefrekes durften sich den Ball ungestört hin und her schieben. Nach diesem doppelten Doppelpass war es letztlich Garefrekes, die aus acht Metern ins Tor (37.) einschob. Wiederum nur 100 Sekunden später versuchte es das „Schlitzohr“ Pohlers noch einmal mit einem Heber, doch dieses Mal ging der Ball ganz knapp am Pfosten vorbei. Im Gegenzug streifte ein Schuss der Herforderin Jennifer Ninaus die Latte von oben und kurz darauf scheiterte Birgit Prinz bei einem Alleingang an der gut herausgekommenen Tessa Rinkes. Den Nachschuss von Sandra Smisek köpfte Jessy Torreele auf der Linie weg. „Kein einziger Spielzug wurde zu Ende gespielt. Das lag an den vielen Fehlpässen“, sagte FFC-Trainer Sven Kahlert zur Pause.

Torreigen

Die Jüngste auf dem Platz war die 16-jährige Neu-HSV Spielerin, die Verteidigerin Verena Aschauer. Trainerin Tanja Schulte entdeckte sie im April während des U-17 Qualifikationsturniers für die Europameisterschaft in Wien. Die gebürtige Wienerin und Verteidigerin Aschauer spielte von Anfang an und mit Kerstin Garefrekes stand ihr die beste Frankfurterin gegenüber. Die Herforder Abwehr widerstand dem 1.FFC Frankfurt und bis zur 73. Minute sah es nicht nach einem großen Torreigen aus. Erst als Meike Weber mit einem beherzten Schuss – nach unglücklicher Vorgabe durch HSV-Abwehrspielerin Sabrina Schlottmann -  zum 3:0 erhöhte,  ließ die Kraft der jungen Herforder Mannschaft nach. In der Folgezeit ergaben sich natürlich mehr Räume, die von den abgezockten Nationalspielerinnen Kerstin Garefrekes (79./89.) und Melanie Behringer (86.) genutzt wurden und zum 6:0 Endergebnis führten.



Verena Aschauer, links, mit 16 die Jüngste bei Herford
gegen US-Nationalspielerin Alexandra Krieger

Nachwuchs

Nicht ganz überraschend verzichtete Trainerin Tanja Schulte in der Startformation auf die junge Österreicherin Laura Feiersinger. Die Spielerin  hatte noch tags zuvor gemeinsam mit Marion Gröbner, der dritten Österreicherin in Herford, in Krems ein WM 2011 Play-off Spiel gegen England absolviert, welches 4:0 verloren wurde. Obwohl Laura Feiersinger erst 17 Jahre alt ist, absolvierte sie  schon kürzlich gegen Malta ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft Österreichs. Die Mittelfeldspielerin kam vom ASK Hof/Salzburg nach Herford, die beiden Wienerinnen die 16-jährige Verena Aschauer und die 24-jährige Marion Gröbner kamen beide vom USC Landhaus Wien. In der 55. Minute wechselte Herfords Trainerin Schulte Laura Feiersinger ein. Sie gilt in Österreich als das sportliche  Supertalent schlechthin. Laura, die Tochter der Salzburger Fußballlegende Wolfgang Feiersinger, versuchte sich seit ihrer Kindheit in verschiedenen Sportarten: Biathlon, Leichtathletik, Crosslauf und eben Fußball. Sie zeigte sich in allen Bereichen talentiert. Sie entschied sich erst vor zwei Jahren 15-jährig von der Leichtathletik und dem Biathlon erst endgültig für das runde Leder. Ehrgeizig und unerschrocken stellte sie sich im Mittelfeld dem Zweikampf mit Melanie Behringer.



Europameisterin Melanie Behringer im Zweikampf mit Laura Feiersinger
Alle Fotos: A2 Bildagentur Hartenfelser


Gastfamilien

Verena Aschauer, die nach Spiel zu einem U-17-Freundschaftsspiel gegen Ungarn in der Grenzstadt  Sopron nach Wien flog, sowie Laura Feiersinger sind noch nicht volljährig und leben in Herford bei Gastfamilien. "Wir werden an den beiden unseren Spaß haben. Sie sollen sich bei uns in Ruhe sportlich, aber auch menschlich entwickeln. Sie sind Rohdiamanten. Unsere Aufgabe wird es sein, sie weiter zu entwickeln", erklärte Trainerin Tanja Schulte, die mit der Vereinsvorsitzenden Birgit Schmidt die betuchten Bundesligavereine im Werben um Verena, Laura und deren Eltern mit pädagogischen und menschlichen Aspekten übertrumpfen konnte.

Schlagabtausch

Der 1.FFC Frankfurt steht nun im nächsten Spiel gegen den 1.FFC Turbine Potsdam vor der wohl größten Herausforderung seiner Vereinsgeschichte. Neuzugang Nationalspielerin Melanie Behringer gilt in Frankfurt als Nachfolgerin von Birgit Prinz. Von ihr wird behauptet, dass sie in wichtigen Spielen entscheidende Tore erzielen kann. Ob die frisch gebackenen  U-20-Weltmeisterinnen Dzennifer Marozsán, Svenja Huth und Valerie Kleiner sich gegen den besten Kader der Frauenbundesliga - Turbine Potsdam - spielerisch behaupten und als Siegerinnen vom Platz gehen können, liegt auch daran, welche taktische Rolle Birgit Prinz übernehmen wird. Jedenfalls sollte überlegt werden, ob Conny Pohlers als Joker gesetzt wird. Frankfurts Cheftrainer Sven Kahlert wird mit Sicherheit die Aufstellung der letzten beiden Spiele verändern. Defensiv, offensiv oder einfach nur disziplinierter in der Abwehr. Es wird ein Schlagabtausch, der die Liga verändern wird. (HDH)

Online-Flyer Nr. 264  vom 25.08.2010

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