NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 26. Juni 2016  

zurück  
Druckversion

Inland
Neonazi veranstaltet Parties mit Gaskammer-Ambiente in der Wetterau
Kammerparty beim "Schlitzer"
Von Joel P.

Am kommenden Sonntag, 28.8., veranstaltet ein antifaschistisches Bündnis in Echzell/Wetterau ein Festival gegen Rechtsaußen, das jede Unterstützung verdient. AktivistInnen der ANK werden sich daran beteiligen. Zum Hintergrund veröffentlichen wir hier die Ergebnisse einer Recherche über die dortige Naziszene rund um Patrick "Schlitzer" Wolf und die von ihm dominierte Gruppierung "Old Brothers".

Echzell, November 2009 - wieder einmal wird auf der Hofreite des Neonazis Patrick Wolf gefeiert. Mittelpunkt des Geschehens ist die sogenannte "Brausekammer", hinten im Hof des Anwesens gelegen. Hinter einer unscheinbaren Tür mit einem kleinen Drahtglasfenster ein Raum von etwa 45 qm, schmucklos, einige Tische, gemauerte Bänke mit hölzerner Sitzfläche, eine vertikale „Table Dance“-Stange. Menschen an einer L-förmigen Theke, es wird viel getrunken, leere Schnapsflaschen stehen herum. Über der Bar ist eine dünne Rohrleitung montiert, daran befestigt einige Brauseköpfe, die Leitung ist an eine Nebelmaschine aus dem Disco-Zubehör-Handel angeschlossen. Zur Erbauung der Gäste legt der Hausherr selbst Hand an: Wolf schaltet die Maschine ein, Nebel strömt aus den Brauseköpfen, Gaskammer-Atmosphäre macht sich breit. Das zentrale Angstszenario des industriellen Judenmords, die "Vergasung", wird zum Partygag.
 
Der "Schlitzer".
 
Patrick Wolf, der Mann an der Nebelmaschine, ist seit 2007 Eigentümer des Anwesens in der Wiesengasse 6 in Echzell, Ortsteil Gettenau. Sein Spitzname ist „Schlitzer“, Wolf brüstet sich gerne damit, als Jugendlicher einen Migranten mit dem Messer niedergestochen zu haben. Seit vielen Jahren ist er Beobachtern der Neonazi-Szene als Aktivist bekannt. Fotos zeigen ihn als Teilnehmer eines neonazistischen Aufmarsches in Frankfurt am Main im Juli 2007, dann wieder als Gast bei „ganz normalen“ Partys im östlichen Wetteraukreis, jedoch mit Parolen auf seinem T-Shirt, mit denen er die Freilassung des bis vor kurzem inhaftierten Nazis und Auschwitzleugners Ernst Zündel fordert, dann mit dem Schriftzug „Sonnenstudio 88“ (8 für den achten Buchstaben im Alphabet, HH, „Heil Hitler“), oder mit der Parole „Schöner leben mit Naziläden. Wolf gefällt sich in der Pose des Neonazis.
 
Old Brothers
 
Die Gruppe, die sich um ihn gebildet hat, tritt unter dem Namen „Old Brothers“ auf. Beobachter gehen davon aus, daß es sich um einen harten Kern von etwa 15 Personen handelt, die durchweg der Neonazi-Szene zuzurechnen sind. Das Umfeld der Gruppe wird auf etwa 30 weitere Menschen geschätzt: Einfache Dorfjugendliche, junge Menschen aus der Auto- und Tuningszene, Männer und Frauen.
 
Nach eigenen Angaben hoch verschuldet, ist Wolf in einer Reihe von Geschäften mehr oder weniger erfolgreich aktiv:
- Wolf betrieb ein Tattoo-Studio in Wölfersheim, dieses zog 2008 ebenfalls in die Wiesengasse nach Echzell, die Einweihungsparty fiel beinahe auf den „Führergeburtstag“ am 20. April.
- An das Tattoo-Studio angegliedert war ein Versandhandel für Kleidung, das Angebot richtet sich speziell an Neonazis, angeboten werden T-Shirts mit Aufdrucken wie „C 18 (Combat 18, Kampf Adolf Hitler, der bewaffnete Arm des in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“), „Arische Kämpfer“ oder „Hunting Season“ (Jagdsaison, mit Aufdruck einer Grafik, in der schwarze Menschen von weißen Menschen gejagt und niedergeschossen werden).
- Unter dem Namen „Old Brothers“ tritt die Gruppe um Wolf hin und wieder als Security-Dienst, z.B. bei Konzerten, auf. Hier werden auch schon mal die Personalausweise von KonzertbesucherInnen kontrolliert.
- Ein lokales Taxiunternehmen wird ebenfalls dem Milieu um Wolf zugerechnet. Regelmäßig werden Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld und auch er selber als Fahrer zweier Mercedes-Taxis gesehen, die Fahrzeuge stehen immer dann, wenn sie nicht genutzt werden, an Wolfs Anwesen. Häufig wird der Taxi-Service wohl für einträgliche Dialyse-Fahrten gebucht, bei denen Patienten teilweise bis nach Frankfurt am Main zu ihrer medizinischen Maßnahme und wieder zurück gefahren werden.
- Wolf ist wohl auch als Hundezüchter tätig geworden: Am 17. Juli 2010 werden auf seinem Anwesen sieben Tiere sichergestellt, die von den Behörden als "mutmaßlich gefährlich" eingestuft werden und die nicht angemeldet waren. Zudem hatte Wolf wohl nur für ein Tier Steuern entrichtet. Außerdem mangelt es ihm nach Darstellung der Behörden auch an der zur Haltung dieser Tiere notwendigen Zuverlässigkeit, da er wegen Körperverletzung vorbestraft sei. Er selber versucht, die Wegnahme der Tiere zu verhindern, indem er "körperlich gegen einen Behördenmitarbeiter" vorgeht. Hier droht ihm eine Anzeige, zudem muß er ein Ordnungsgeld wegen der illegalen Tierhaltung bezahlen.
 
Jugendarbeit
 
Besonders am Herzen scheinen Wolf und den "Old Brothers" vor allem die Jugendlichen der Gemeinde und des Umlandes zu liegen. Immer wieder wird berichtet, daß junge Menschen von Wolf und seinen Gefährten zu „Kammerpartys“ (siehe oben), „Sex- und Gang-Bang-Partys“ oder anderen Events eingeladen werden. Dafür werden auch verschiedene Old Brothers-Gruppen aus dem Social Network „Wer kennt wen“ genutzt, wortreich wird beschrieben, daß man sich umeinander kümmert, aufeinander aufpaßt und auch sonst am Wohlergehen der jungen Menschen interessiert sei. Die Old Brothers präsentieren sich hier als SozialarbeiterInnen, tatsächlich jedoch sollen Jugendliche und junge Erwachsene gezielt für einen Neonazi-Lifestyle gewonnen und an die Szene gebunden werden. Eine wichtige Rolle spielt bestimmt auch, daß Wolfs anfängliche Großzügigkeit schnell erschöpft ist, zunehmend werden seine "Gäste" für die Getränke und die Teilnahme an den Partys zur Kasse gebeten.
 
Übergriffe
 
In der Nacht vom 30. auf den 31.11.2009 werden die AnwohnerInnen der Wiesengasse gegen 01:15 Uhr aus dem Schlaf gerissen, eine Personengruppe zieht von Wolfs Anwesen ausgehend pöbelnd und Parolen schreiend durch die schmale Straße. Eine Anwohnerin öffnet ihr Fenster, bittet um Ruhe. Der Mob beschimpft die Frau, randaliert an ihrem Hoftor. Es ist zu hören, wie eine Person aus der Gruppe in ein Handy spricht und den vermeintlichen Gesprächspartner auffordert, Benzin zu besorgen, man müsse jetzt ein Haus anzünden.
Anwohner rufen die Polizei, es dauert beeindruckende 45 Minuten, bis ein Streifenwagen mit zwei BeamtInnen eintrifft. Diese werden sofort von der randalierenden Neonazi-Meute angepöbelt und beschimpft. AnwohnerInnen werden von den PolizistInnen aufgefordert, sich von den Fenstern zu entfernen und nicht weiter zu provozieren, die PolizistInnen verlassen dann die Straße, sie hielten ihre Mission wohl für erfüllt. Kaum ist der Streifenwagen verschwunden, eskaliert die Situation. Der Mob dringt in den Hof der Frau ein, die anfangs um Ruhe gebeten hatte. Ihr Mann tritt auf seinen Hof, dort wird er von vier Personen, darunter Patrick Wolf, festgehalten und zusammengeschlagen.
 
Polizisten schreiten nicht ein
 
Während einer weiteren Party auf dem Anwesen von Wolf im Jahr 2010, pikanterweise am 8. Mai, kommt es zum vorläufigen Höhepunkt der Gewalt in der Wiesengasse. Ein Anwohner stellt fest, daß eine Überwachungskamera an seinem Haus von einem Besucher der Party in der Wiesengasse 6 verstellt wurde, er holt eine Leiter, geht zu Wolfs Haus und beginnt, sich an dessen Video-Überwachungsapparatur zu schaffen zu machen. Das war nicht klug und unbesonnen, die Reaktion ist jedoch unerwartet heftig: Die Gäste aus der Hofreite bemerken den Mann sofort, zerren ihn von der Leiter, schlagen ihn zu Boden und reißen ihm Schuhe, Hose und Unterhose herunter. Polizisten, die mit ihrem Fahrzeug wenige Meter entfernt stehen, schreiten nicht ein. Wenig später ist das Videomaterial aus Wolfs Überwachungskamera im Internet verfügbar, in Kommentaren dazu wird das Opfer des Übergriffes verhöhnt.
 
Gangland? National befreite Zone?
 
In Echzell hat sich eine Gruppe gewaltbereiter Neonazis häuslich eingerichtet, kann ungestört ihren Geschäften nachgehen, obskure Partys feiern, Jugendliche für Nazi-Lifestyle ködern und willkürlich auf NachbarInnen herumzuprügeln. Lange wurden die AnwohnerInnen, jedeR von ihnen ein mögliches Opfer, alleingelassen. Sie haben sich mittlerweile selbst zu einer Bürgerinitiative “Grätsche gegen Rechtaußen“ (http://www.graetsche-gegen-rechtsaussen.de) zusammengeschlossen und wehren sich gegen die Nazis. Mittlerweile hat es eine Reihe von Artikeln, auch in überregionalen Zeitungen, gegeben, die die Zustände in der Wiesengasse in Echzell und die Bedrohung der Menschen thematisieren, auch der Hessische Rundfunk hat berichtet.
 
Weg aus der Ohnmacht gefunden

Echzeller, die sich in der "Grätsche gegen Rechtsaußen" zusammengeschlossen haben, informieren regelmäßig über die Situation in ihrem Ort, es gibt einen regen Austausch mit anderen Initiativen, mit Medien und mit Entscheidungsträgern in der Gemeinde und im Landkreis. Die Echzeller haben einen Weg aus ihrer Ohnmacht gefunden. (PK)
 
 
Der Text Kammerparty beim "Schlitzer".erschien bei http://antinazi.wordpress.com/2010/08/23/echzell-und-seine-nazis-patrick-schlitzer-wolf-die-old-brothers-und-eine-gaskammer-als-partygag/


Online-Flyer Nr. 264  vom 25.08.2010

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE