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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Sport
Saisonstart: Die Frauen des VFL Wolfsburg schlagen den 1.FFC Frankfurt 4 : 3
Intelligent, aufmüpfig und siegreich
Von Bernd J.R. Henke

Als nach einem Fußballkrimi die 3.150 Zuschauer den verdienten Sieg ihrer Mannschaft VFL Wolfsburg gegen den Rekordmeister Frankfurt feierten, wurde klar, dass die neue Spielzeit 2010/2011 eine Saison der Überraschungen und Paradigmenwechsel sein wird. Die gesetzten drei Favoriten Frankfurt, Duisburg und Potsdam werden zunehmend durch weitere Mannschaften Konkurrenz erhalten und Fehltritte des Spitzentrios werden eher die Regel sein. Zu eng ist die Leistungsdichte im deutschen Frauenfußball geworden.


Rebecca Smith, Nationalspielerin aus Neuseeland, schoß den wichtigen Ausgleich zum 1:1
Foto: VFL
 
Zu zahlreich, die kommenden Mehrbelastungen durch die Champions League, zu stark und aufwendig die Erwartungen und Investitionen der Spitzenvereine zum Sprung in die Vollprofessionalität nach der WM 2011. Zeitgleich dazu wird der enge Terminrahmen des Ligabetriebes, bedingt durch das frühe Saisonende im heimischen Weltmeisterschaftsjahr, die erfreuliche Entwicklung zum Jeder-gegen-Jeden-Schlagen noch forcieren. Bei der sehr gut besuchten Pressekonferenz des 1.FFC Frankfurt zum Saisonbeginn beschwor Manager Siegfried Dietrich im Stakkato seiner langen Ausführungen den absoluten Siegeswilllen seiner Mannschaft. Dass dem so ist, zeigte die Truppe Prinz, Angerer und Co. im Auswärtsspiel beim VFL Wolfsburg. Die Hessinnen gingen in für sie gewohnter Weise in der 30. Minute in Führung. Rekordnationalspielerin Birgit Prinz legte vor, die kampfstarke immer torgefährliche Mittelstürmerin Conny Pohlers fackelte nicht lange und schob zum 1:0 ein. Strahlende zufriedene Mienen beim Vorstand, Freude auf der Bank und beim Trainer Sven Kahlert, der sehr selbstbewusst noch Tage zuvor die Homogenität seiner Mannschaft sowie die intensive Vorbereitungszeit seiner Spielerinnen hervorhob.
 
Blitzgescheit
 
120 Sekunden danach war aber aller Zauber vorbei, als nach einem langem Pass von Stephanie Bunte auf Rebecca Smith der Frankfurter Nationalspielerin Ariane Hingst der schon sicher geglaubte abgewehrte Ball abrutschte und der unglückliche Ballverlust der gebürtigen Neuseeländerin, Offensiv-Verteidigerin und Ex-Frankfurterin Rebecca Smith (32.) doch die Chance eröffnete, blitzgescheit zum 1:1 Ausgleich einzulochen. Dieser erfolgreiche Wolfsburger Konter bewegte nun vieles. Die Wölfinnen legten jeglichen Respekt ab und steigerten ihre Spielanteile. Die überragende Verteidigerin, die zwanzigjährige Ungarin Zsanett Jakabfi, flankte kurz danach in die Mitte zu Neuzugang Martina Moser, die in guter Schussposition (34.) knapp verfehlte. Die Schweizerin Martina Moser, die in der Sommerpause den Mut fand, vom Absteiger SC Freiburg in die ambitionierte Autostadt zu wechseln, entwickelte sich im Verlauf der Begegnung zur kongenialen Partnerin von Nationalspielerin Martina Müller, die ebenso pfeilschnell wie die nur 159 cm kleine agile Schweizerin mit präzisem Passspiel die Hintermannschaft der Hessinnen ins Schwitzen brachte. Schon jetzt hätten die Wölfinnen in Führung gehen können, aber Frankfurts Siegeswille überstand die kurze Enttäuschung.
 
Unermüdlich
 
Die unermüdliche immer topfit spielende Frankfurter Nationalspielerin Kirstin Garefekes, von allen Mitspielerinnen und Fans nur "KG" genannt, überwand von rechts die Wolfsburger Abwehr, und ihre Maßflanke erreichte die bis dahin recht unauffällig agierende schwedische Nationalspielerin Jessica Landström, die gut positioniert auf den Wolfsburger Kasten abzog. Die letzte Instanz aber in diesem zunehmend verbissenen Kampf beider Teams war Torhüterin Alisa Vetterlein, die auch diesen Ball bravourös hielt und ab dieser Spielszene (37.) für die Wölfinnen immer mehr die sichere Bank des Selbstvertrauens wurde. Die einundzwanzigjährige Alisa Vetterlein, die die vorletzte Saison noch Torhüterin Nummer 2 beim FFC hinter Nadine Angerer gewesen war, hat sich unter VFL-Torwarttrainer Fabian Lucas sehr gut weiterentwickeln können. Die Partie ging ziemlich ausgeglichen in die Halbzeit.
 
Schlagkräftig
 
Auf meine Frage hin, welche "Medizin" er denn seinen Spielerinnen in der Kabine verabreicht hätte, antwortete VFL-Trainer Ralf Kellermann etwas verwundert, dass er doch selbst wenig dazu beitragen hätte, er meinte, dass von Anfang an der absolute Siegeswille seiner Truppe die Moral erzeugte, die in der Tat notwendig war, um an diesem Tag gegen eine ebenso hoch motivierte schlagkräftige Mannschaft des Rekordmeisters vom Main mit drei Zählern zu punkten. „Gegen die intelligente aufmüpfige Art der Wolfsburgerinnen hätten an diesem Tag auch die Potsdamerinnen und Duisburgerinnen zu knabbern gehabt,“ meinte der telefonisch mit mir verbundende Fußballexperte „Joe“ Blaha, der an diesem Tag wie die meisten deutschen Fußballjournalisten zu Hause geblieben war, um die Begegnung im DFB-TV live mit zu erleben.
 
Digital und fern der Heimat
 
Nach der „Hosianna Berichterstattung“ der fast eintönig fabulierenden deutschen Fußballpresse anlässlich des Endspieles bei der U 20-Juniorinnen-WM in Bielefeld stellt dieser „Heimkinotrend“ einen arger Rückfall in das "Nirwana digitaler Grundversorgung“ mittels Online-Redaktionen dar. Redaktionelle Verarmung ohne originäre Quellen vor Ort, indirekt gefördert durch gut gemeinte TV-Investitionen des DFB und seiner Sponsoren. Dieses absolute Spitzenspiel in der Autostadt Wolfsburg hätte eine bessere redaktionelle Zuwendung verdient gehabt, als überhaupt nur zwei Fragen stellende Fachjournalisten in der Pressekonferenz. Die Serienschreiber der Sportinformationsdienste sowie der diversen Blogs hatten zu diesem Zeitpunkt schon gemeldet, was sie nicht vor Ort gesehen, aber mit niedlich kleinen Videobildern im Internet verfolgt hatten. Ein bekannter Blogger teilte seinen Lesern mit, dass er kaum Zuschauer im VFL-Stadion am Elsterweg sehen würde. Ein optischer Trugschluß, denn die Zuschauer auf der Gegentribüne saßen auf den höheren Rängen und das vom DFB "gecharterte Zweikamera-Unternehmen" ließ seine Kameraaugen nicht so hoch schweifen.
 
Frischer Wind
 
Danach kamen die Wölfinnen mit frischem Wind aus der Kabine. In der 48. Minute marschierte Martina Müller über die rechte Seite und verfehlte das Tor aus spitzem Winkel nur knapp. In der 51. Minute wurde Conny Pohlers zu Unrecht gestoppt. Die in dieser Situation übereifrige Schiedsrichter-Assistentin winkte auf Abseits, dabei war der Ball eindeutig nach einem Fehlpass von einer Wolfsburgerin gespielt worden. Die Nationalspielerin hätte frei mit dem Ball in Richtung Tor laufen können. Im Gegenzug erzielte die laufstarke Martina Müller (55.) nach einer Unaufmerksamkeit auf der linken Abwehrseite von Frankfurt und der folgenden Flanke der gut aufgelegten ungarischen Mittelfeldspielerin Zsanett Jakabfi per Kopfball die 2:1-Führung. Und Wolfsburg spielte auch weiterhin über rechts. Sara Thunebro kam mit dem Kopf nicht an den Ball, Martina Müller lief sich frei, passte überlegt nach hinten, wo Leni Larsen Kaurin in den Strafraum eilte und den Ball geschickt mit rechts annahm, um ihn mit links über Nadine Angerer zu schlenzen (65.). „Auf den Außenpositionen wurden wir überlaufen. Es gelang uns nicht, die gute Defensivarbeit aus der Vorbereitung im ersten Punktspiel zu wiederholen“, kommentierte Cheftrainer Sven Kahlert die Gegentore nach dem Spiel.


Alisa Vetterlein - neue Nummer 1 im Tor des VFL Wolfsburg
Fotoagentur A2 Hartenfelser
 
Wer geglaubt hätte, die Frankfurterinnen ständen nun nach diesem Wolfsburger Doppelpack ohne Moral auf dem Spielfeld und fügten sich ihrem Schicksal, wurde eines besseren belehrt. Frankfurt resignierte keineswegs. Mit einer Abgezocktheit erster Güte sah Conny Pohlers die in der Mitte nach vorne stürmende Birgit Prinz, die den Ball im vollen Lauf annahm, sich gegen die Wolfsburger Nationalspielerin Navina Omilade behauptete und an Vetterlein vorbei auf 2:3 verkürzte (67.). Leichte Entspannung auf Frankfurts Trainerbank, Manager Dietrich mit gefalteten Händen und einem kämpferischen Räuspern, voll motiviert wie die gesamte
Gästemannschaft. Die Wolfsburgerinnen waren nun gefordert und versuchten die knappe Führung bis zum Ende zu retten. Und dann fasste sich Melanie Behringer ein Herz, zog aus 30 Metern ab, Rebecca Smith fälschte den Flachschuss noch leicht zum 3:3 ab und ließ somit Torfrau Alisa Vetterlein keine Chance an den Ball zu kommen (70.). Die Neu-Frankfurterin Melanie Behrlinger - ehrfurchtsvoll von vielen Natio-Fans "Melle" genannt, war an diesem Tag jederzeit für die neuen Mannschaftskolleginnen anspielbar. Ihre Schußgewalt rettete schon so manches Spiel. Die 24-jährige Nationalspielerin gilt in Frankfurt zusammen mit der 18-jährigen frischgebackenen U 20-Weltmeisterin Dzenifer Marozsán als das Spielzentrum der Zukunft, falls Birgit Prinz nach der Weltmeisterschaft ihren Rücktritt nehmen sollte.
 
Nervenstark
 
Eigentlich hätte man annehmen können, dass jetzt die Abgezocktheit der Frankfurterinnen die Spielerinnen Wolfsburgs beeindrucken würde. Aber die Moral der Werksmannschaft war nicht zu knacken, sie spielten intelligent und aufmüpfig weiter. Frankfurt drückte nun, wollte es wissen, Kerstin Garefrekes, in Höchstform spielend, behauptete sich auf der linken Seite, doch Sandra Smiseks Kopfball wurde zur Ecke abgelenkt. In der 80. Minute fiel dann die Entscheidung zugunsten der Heimmannschaft: Frankfurts Verteidigerin, die US-Nationalspielerin Alexandra "Ally" Krieger, wurde in einen Zweikampf mit Martina Müller verwickelt und die VfL-Stürmerin drehte sich im Strafraum geschickt in ihre Gegenspielerin. Den fälligen Elfmeter verwandelte die nervenstarke Navina Omilade souverän und platziert ins linke untere Eck. Nadine Angerer ahnte zwar die Ecke, kam aber nicht an den Ball heran.


Navina Omilade, schoß das Siegestor
gegen den 1.FFC Frankfurt
Fotoagentur A2 Hartenfelser

Die überglückliche Wolfsburgerin Anna Blässe, die in der Nachspielzeit von Trainer Kellermann listig aus Verzögerungstaktik eingewechselt wurde, und wohl den Bundesligarekord von 60 Sekunden Spielzeit erzielen konnte, resümierte kurz danach: "Für uns zählte der Sieg. Das Spiel gegen den 1. FFC Frankfurt war richtig geil. Es war einfach alles dabei, was ein spannendes Spiel braucht: Rückstand aufholen, Führung verlieren, einen Strafstoß verwandeln und am Ende gingen wir als Sieger vom Platz.“ Nach einem spannenden Spiel, in dem Frankfurt zunächst in Führung ging, konnte der VfL den Platz als Sieger verlassen. Das Spiel wurde mit 4:3 gewonnen. Nicht zuletzt auch, weil Alisa Vetterlein im VfL-Tor so manche Chance der Gäste parierte. „Das war schon etwas Besonderes, gegen Frankfurt erstmals mit der neuen Nummer zu spielen. Gegen die ehemaligen Kolleginnen macht es immer doppelt und dreifach Spaß. Wir waren im Vorfeld gut vorbereitet und so fit wie nie zuvor. Deshalb waren wir überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen werden und haben uns in der Halbzeit auch nochmals darauf eingeschworen. Am Ende gingen wir als Sieger vom Platz“, resümiert Alisa Vetterlein.
 
Ebenbürtig
 
Die Gründe für die Niederlage: Schlechte Chancenauswertung und schwache linke Abwehrseite. Die schwedische Nationalspielerin Sara Thunebro wurde von der schnellen Ungarin Zsanett Jakabfi sowie von Martina Müller mehrfach überlaufen. Alle vier Gegentore aus Frankfurter Sicht resultierten aus Abwehrfehlern. Konditionell waren die Wolfsburgerinnen 90 Minuten ebenbürtig. An einem guten Tag schlagen die Wolfsburger Frauen auch die Abgezockten der Liga. Der innere Wandel der 1. Frauenbundesliga hat begonnen. Das Duell in Babelsberg am 29. August zwischen Turbine Potsdam und dem 1.FFC Frankfurt wird zeigen, welchen Grad von Abgezocktheit Frankfurt im "Karli" aufbringen kann. In einer Trainerumfrage bei DFB-Online benannte Potsdams Cheftrainer Bernd Schröder den 1.FFC Frankfurt als Meisterschaftsfavoriten. Seine Mannschaft besiegte den Hamburger SV zu Hause mit 4:1 (1:1). Das dritte Team im vermeintlichen Favoritenbunde, der FCR 01 Duisburg, übte sich derweil beim Aufsteiger Bayer 04 Leverkusen im Toreschiessen und siegte auswärts mit 9:0 (4:0). Frankfurts Abwehr gilt es neu zu formieren. Frankfurts U 20-Weltmeisterin Valerie Kleiner, die noch in Wolfsburg auf der Bank saß, hätte eine Chance verdient. Frankfurts Abwehrspielerinnenkader sollte mit einer weiteren U 20-Weltmeisterin verstärkt werden, sofern es die Transferliste des DFB zuläßt. Frankfurts Kader ist insgesamt zahlenmäßig zu klein, um diese sehr kurze Saison durchzustehen. (PK)


Online-Flyer Nr. 263  vom 18.08.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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