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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Nach den erfolgreichen Atombombenexplosionen über Hiroshima und Nagasaki
Hoffnung der USA auf leichten Sieg über die UdSSR
Von Wolfgang Effenberger

Vom 17. Juli bis 2. August 1945 trafen sich im Potsdamer Cäcilienhof die "Großen Drei" ein letztes Mal. Nach der Abwahl von Churchill wurde Großbritannien vom blassen Attlee vertreten. Damit waren die angelsächsischen Vertreter ohne Verhandlungserfahrung mit Stalin. Dafür konnte Truman Stalin mit der am Tag zuvor geglückten Zündung der ersten Atombombe der Welt überraschen. Der Kremlchef registrierte dies zurückhaltend höflich, war er doch über die Entwicklung informiert. Die Arbeitsgruppe des Manhattan Projects hatte auf dem Trinity-Testgelände in New Mexico ganze Arbeit geleistet. Die Sprengkraft der Bombe konnte mit 20.000 Tonnen herkömmlichen Sprengstoffes (TNT) verglichen werden und hinterließ einen Krater von 400 Metern Durchmesser. Man brauchte Stalin nicht mehr!


Die "Großen Drei" – Stalin, Truman, Attlee
- auf der Potsdamer Konferenz
Juli/August 1945
Quelle: KAOS-Archiv
Die japanische Regierung hatte sich am 13. Juli an die Sowjetregierung mit der Bitte um Friedensvermittlung gewandt.(1) Moskau verzögerte angesichts eigener Pläne in Asien. Der japanische Botschafter in der Schweiz, Shunichi Kase, und sein Militärattaché General Seigo Okamoto boten Allan Dulles im Namen des kaiserlichen Generalstabes in Tokio einen sofortigen Waffenstillstand an. Als einzige Bedingung sollte die Person des Tenno, des japanischen Kaisers nicht angetastet werden. Dulles präsentierte das japanische Angebot am 20. Juli in Potsdam der amerikanischen Delegation. Die Würfel waren bereits gefallen. General Okamoto beging in Bern Harakiri. Am zehnten Tag nach dem erfolgreichen Test der Atombombe, dem 26. Juli, ließ Truman Japan die bedingungslose Kapitulationsaufforderung zugehen. Die „gottähnliche“ Stellung des japanischen Kaisers wurde einfach ignoriert. Ohne die wichtige Zusage, dass ihr Kaiser, der Tenno, unbehelligt im Amt bleiben konnte, musste Tokio das amerikanische Ansinnen ablehnen. Für die USA wäre diese Zusage ohne jegliche machtpolitische Bedeutung gewesen, Japan hingegen hätte es die Möglichkeit geboten, trotz der Kapitulation das Gesicht zu wahren.

Nachdem die Behandlung des niedergeworfenen Nazi-Deutschlands in Potsdam bis in das letzte Detail geregelt werden konnte, galt es nun Japan, den letzten Verbündeten des Dritten Reiches, zu besiegen. Dazu hatte die Sowjetunion ihre Unterstützung angekündigt. Die Serie von Niederlagen im Frühjahr, die Landung der Amerikaner auf Okinawa, die fast vollständige Vernichtung der japanischen Kriegsflotte und die Kündigung des Neutralitätsvertrags durch die Sowjetunion hatten in Japan zu einer inneren Krise geführt. Von den eroberten Inselgruppen in unmittelbarer Nähe zur japanischen Hauptinsel wurden Luftangriffe auf das japanische Kernland geflogen und vor allem japanische Industriezentren bombardiert. In den ersten Augusttagen 1945 war die Lage Japans hoffnungslos. Trotzdem befahl Truman am 6. August 1945 den Einsatz der ersten Atombombe. Japan wurde nicht vorgewarnt.

Vor der Atombombe ein Morgengebet

Nach einem Morgengebet mit dem Feldgeistlichen startete am 6. August um 2 Uhr 45 Oberst Tibbets mit seiner „Enola Gay“ und deren tödlichen Fracht. Nach erfolgtem Zielanflug auf die große Brücke über dem Fluss Ota wurde der Bombenschacht um 8 Uhr 45 geöffnet. An drei Fallschirmen trieb die Bombe für 45 lange Sekunden dem Ziel entgegen. In einem grellend gleißenden Lichtblitz detonierte sie 66 Meter über dem Shima-Krankenhaus mit einer Hitzeentwicklung von 55 Millionen Grad. Diese Hitzewelle dauerte nur einen Augenblick. Sie war aber so intensiv, dass auf den Dächern die Ziegel schmolzen. Menschen in der Nähe des Zielpunktes wurden als Schatten in die Gehwege oder Mauern gebrannt. Noch in vier Kilometern Entfernung erlitten die Opfer schwerste Brandverletzungen. Nach der Hitzewelle raste sternförmig vom Detonationspunkt eine ungeheure Druckwelle mit 800 Stundenkilometern und unvorstellbarer zerstörerischer Kraft über die Stadt hinweg, um dann die Richtung zu ändern und als sogenannte „Sogwelle“ in das Vakuum des Zielpunktes zurückzukehren. Als eine weitere Komponente trat nach Minutenfrist die radioaktive Verstrahlung ein. Alle mitgerissenen und verstrahlten Partikel stiegen im Zentrum der Detonation binnen drei Minuten in einer riesigen weißen Rauchsäule bis auf 10.000 Meter Höhe. Je nach Abkühlung und Windrichtung regneten die verstrahlten Partikel über größere Entfernungen und einen längeren Zeitraum über die Menschen der Stadt und ihrer Umgebung. Die Bombe von Hiroshima tötete unmittelbar 92.000 Einwohner und verstümmelte weitere 37.000 Verbrannte, Verstrahlte und von den Trümmern Erschlagene. Am Abend waren 170.000 obdachlos und eine ganze Stadt hatte sich in Nichts aufgelöst. Die Anzahl der Langzeitopfer ist bis heute nicht abschätzbar. Noch immer werden Kinder mit Missbildungen geboren.

Der US-Präsident befand sich auf der Rückreise nach Amerika an Bord des Kreuzers Augusta, als ihm der diensttuende Offizier die Nachricht vom Schicksal Hiroshimas meldete. Truman, der belesene Kenner historischer Romane, konnte die Meldung sofort richtig als „das größte Ereignis der Geschichte“ einordnen. Das Fatalste ist es bisher allemal.

Drei Tage später durfte der Korrespondent der New York Times, William L. Lawrence, als anerkannter und hochqualifizierter Spezialist für Berichte über wissenschaftliche Forschungen, als Augenzeuge den Angriff auf das vorgesehene Hauptziel Kokura begleiten. Diesmal wurde die Führermaschine mit dem herrlichen Namen The Great Artiste von zwei B-29 Bombern eskortiert. Nach dreimaligem überfliegen war Kokura immer noch von Nebel eingehüllt, sodass Kurs auf Nagasaki, dem Ersatzziel, genommen werden musste. Da auch Nagasaki im Nebel lag, wurde mit Radar navigiert. Im letzten Moment wurde die Stadt sichtbar, aber da war das Ziel schon um fünf Kilometer verfehlt.

Gespannt beobachtete Mr. Laurence die eine halbe Meile voraus fliegende Führermaschine und konnte beobachten, wie sich aus dem Rumpf der Great Artiste ein schwarzer Gegenstand löste und dem Zielpunkt zustrebte. Fasziniert sieht Mr. Lauwrence „den Meteor, der aus der Erde zu steigen schien, anstatt vom Himmel zu fallen, und ein eigenes, unheimliche Leben annahm, je höher er durch die weißen Wolkenberge emporkletterte [...] Es war ein Lebewesen, ein neues Geschöpf.... “

Und dieses urgewaltige Geschöpf stieg dank verbesserter Technik bis auf die Höhe von 20.000 Metern. Noch im Rückflug konnte sich Mr. Laurence nicht von dem Anblick lösen und versuchte für die Form des Pilzes noch aus einer Entfernung von 200 Meilen Worte zu finden „wie ein ungeheures, prähistorisches Geschöpf mit einer riesigen weißen Halskrause, die sich endlos ausbreitete, so weit das Auge reichte...“(2) Reif für den Pulitzer-Preis! Die von der Atom-Bombe geschundenen Menschen konnten sich derlei feinnervige Beobachtungen kaum leisten. Sumiteru Taniguchi erlebte als sechzehnjähriger den weißen Blitz über Nagasaki:
„In diesem Moment traf mich etwas Schmerzhaftes, mein Körper und das Fahrrad wurden durch einen heftigen Druck umgeworfen.[...] Ich sah Kinder wie Papierfetzen durch die Luft fliegen. Auf dem Boden spürte ich die Erde beben [...] Einige Minuten nach dem Beben versuchte ich aufzustehen [...] Die Haut meines linken Armes war von den Schultern bis zu den Fingern schwer verbrannt, so dass sie herabhing wie eine geschälte Banane.“(3) Während die zweite A-Bombe in Nagasaki 40.000 Menschenleben forderte und 60.000 Verletzte, erklärte die Sowjetunion Japan unter Bruch des Neutralitätspaktes den Krieg und marschierte in die Mandschurei ein. Am nächsten Tag kapitulierte Japan. Auf dem Broadway tanzten die Amerikaner. Der Zweite Weltkrieg war beendet.

Einige wenige machten das Geschäft ihres Lebens

Viele hatten alles verloren. Nur einige Wenige der Hochfinanz und der Großindustrie machten in den Kriegsjahren das Geschäft ihres Lebens. Wie bereits im Ersten Weltkrieg hatten diese Kreise die blutige Ernte der Schlachtfelder in schäbiges Gold verwandelt. Die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde auf dem Schlachtschiff Missouri am 2. September war dann nur noch Formsache. Deutschland und Japan waren mit ihrer imperialistischen Zielsetzung gescheitert. Beide mussten sich in die totale militärische Niederlage fügen. Nur in ihren Schicksalen sollten sich beide Völker unterscheiden. Während Deutschland durch die Potsdamer Konferenz ohne jegliche Mitgestaltungsmöglichkeit in vier Besatzungszonen aufgeteilt war, behielt Japan in einem ungeteilten Kernterritorium mit eigener Regierung unter Kaiser Hirohito trotz vorrübergehender Besatzung durch die USA seine Staatlichkeit. Auch blieb den japanischen Soldaten die Kriegsgefangenschaft erspart. Die Opfer der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki lösten beim US-Präsidenten keine Schlafstörungen aus, wie er selbst bekannte. Und die japanischen Toten, so der gottesfürchtige Präsident, seien eben nur „savages“ gewesen, Wilde also, mit denen die Amerikaner schon immer kurzen Prozess gemacht hätten. In seinen Memoiren »Memoirs: Year of Decisions« versucht Truman die Verantwortung auf General Marshall abzuwälzen: „General Marshall sagte mir, dass eine Invasion mit Marine, Luft- und Bodentruppen eine halbe Million Tote unter den amerikanischen Soldaten fordern würde.“

Zweifel am Einsatz hegten dagegen der Kriegsminister Henry L. Stimson und sein Stellvertreter John McCloy, und der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, General Dwight D. Eisenhower äußerte Kriegsminister Stimson gegenüber seine schwerwiegenden Bedenken. „Erstens glaubte ich, Japan wäre bereits besiegt, so dass der Atomwaffeneinsatz völlig unnötig wäre, und zweitens, weil ich der Meinung war, unser Land sollte es vermeiden, die Weltöffentlichkeit dadurch zu schockieren. Das Argument, der Atombombenabwurf würde vielen amerikanischen Soldaten das Leben retten, halte ich nicht für legitim.“(4) Der Kampf im pazifischen Raum hatte in den dreieinhalb Kriegsjahren 120.000 amerikanischen Soldaten das Leben gekostet. Mit welcher Begründung konnte General Marshall für den Angriff auf das waidwunde, geschlagene und von allen Versorgungsmöglichkeiten abgeschnittene japanische Kernland angesichts der drückenden Materialüberlegenheit der US-Streitkräfte den Verlust von 500.000 amerikanischen Soldaten veranschlagen?

Der zweite Angriff auf Nagasaki war militärisch  in jedem Fall nicht nur überflüssig, sondern darüber hinaus ein eindeutiges Kriegsverbrechen. Das wurde anscheinend billigend in Kauf genommen, um unterschiedliche Atombomben zu testen. War "Little Boy" eine Atombombe aus Uran-235, so bestand die Nagasaki-Bombe aus Plutonium-239.

Weltmachtanspruch der USA untermauert

Was waren die weiteren, tieferen Gründe für den Atomwaffeneinsatz auf Japan? Befürchtete US-Präsident Truman , dass die Sowjetunion die Früchte des Sieges in Japan hätte noch streitig machen können? Wollte er damit die Gefahr einer russischen Expansion in Ostasien minimieren? Vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Ost-West-Konflikts verschaffte die Demonstration des A-Bombeneinsatzes der USA einen wichtigen machtpolitischen Vorsprung, der auch genutzt werden sollte. Die zwei Atompilze untermauerten sichtbar den Weltmachtanspruch der USA.

Mit der Atomwaffe im Kriegsarsenal konnten die Amerikaner an den Abbau ihrer auf inzwischen 12 Millionen Soldaten angewachsenen Armee denken. Wichtige Lieferanten des Weltmarktes waren ausgefallen. Um dieses Vakuum zu füllen, musste die Kriegsindustrie auf Friedenswirtschaft umgestellt werden. Eine neue Herausforderung! Produzierte die amerikanische Rüstungsindustrie innerhalb von fünf Jahren doch die unglaubliche Anzahl von 297.000 Flugzeugen, 86.338 Panzern, 24.000 Landungsfahrzeugen und 776 Kriegsschiffen. Dazu noch die Atombomben. Am Ende des Krieges befanden sich 50% der geschaffenen Produktionskapazität bei Werkzeugmaschinen, 70% bei Aluminium sowie 90% bei Magnesium und im Schiff- und Flugzeugbau im Besitz des Staates. Und dieses ganze Vermögen wechselte nun in private Hände. So konzentrierten sich 45% aller Industrieanlagen der USA auf 135 Unternehmen, die fast ein Viertel der Fertigwaren der ganzen Welt produzierten. Die fünf Jahre Krieg in Europa und Asien hatten den USA neben vollen Büchern auch die Vollbeschäftigung gebracht. Das, was dem „New Deal“ versagt blieb, schaffte der Krieg. Das jährliche Volkseinkommen, welches 1939 rund 72,5 Milliarden Dollar betragen hatte, war auf 182,8 Milliarden Dollar gestiegen. Dreiviertel des gesamten Weltkapitals befanden sich in den USA. Der Krieg als das ganz große Geschäft. Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg konnten die schon damals immensen Gewinne noch verdoppelt werden. Ganz anders die Situation in der Sowjetunion, dem Land, das die Hauptlast im Kampf gegen Hitler zu tragen hatte und die meisten Verluste verzeichnen musste, die größten der bisherigen Weltgeschichte. Die deutschen Truppen hinterließen ein verwüstetes Land mit 22 bis 25 Millionen Kriegstoten. Insgesamt waren 6 Millionen Gebäude verbrannt oder zerstört und 25 Millionen Menschen obdachlos. Und dieses geschundene Land sollte nun atomar verwüstet werden.

"Operation Totality" – Atombomben auf die Sowjetunion (geplant)

Im Oktober 1945 - keine drei Monate nachdem die Atomexplosionen über Hiroshima und Nagasaki das Zeitalter der nuklearen Apokalypse eingeläutet hatten - gab US-Präsident  Harry Truman die Order für die  "Operation Totality".  Für den darin vorgesehenen atomaren Angriff auf die damalige Sowjetunion hatte General Dwight D. Eisenhower den Plan auszuarbeiten. Noch im gleichen Monat  begann die US-Air-Force die Abwürfe von 20 bis 30 Atombomben auf sowjetische Städte einzuüben.(5)
 

Diese Einsatzkarte erschien am 30. Januar
1948 in den US-News und wurde sicherlich
auch in der sowjetischen Botschaft in
Washington mit Erstaunen zur Kenntnis
genommen.
Collage: Wolfgang Effenberger
Im ersten Radius sollten Abfangjäger den Mittelmeerraum von Gibraltar bis Suez sichern. Für denzweiten waren B-29 Bomber vorgesehen, um Luftschläge gegen Moskau, die Krim, Griechenland, die Türkei und den Nahen Osten zu führen. Im dritten konnten Langstrecken-Abfangjäger die mit Atombomben bestückten B-36-Bomber bis in die Tiefe Russland eskortieren.

Während diese Karte mit der strategischen Position der "Neuen U.S. Air Base in Libyen" veröffentlicht wurde, verhandelten die 12 Gründungsmitglieder den Vertragstext des Nordatlantik-Bündnisses (NATO), der dann am 4. April 1949 unterzeichnet wurde und am 24. August desselben Jahres in Kraft trat. Das Gegenstück, der Warschauer Vertrag, wurde am 14. Mai 1955 in Warschau von acht Staaten unterzeichnet.

Anmerkungen

(1)  nach Sanakojew, Sch. P./ Zybulewski, B.L. (Hg): Teheran – Jalta – Potsdam. Dokumentensammlung. Moskau 1978,  S. 217 ff
(2) zitiert aus der Buchbesprechung  der Gesellschaft für Allgemeine und Integrative Psychotherapie – Deutschland: Karlheinz Deschner: Der Moloch. Eine Kritische Geschichte der USA unter http://www.sgipt.org/politpsy/usa/moloch.htm [7.August 2010]
(3) Spragens, John: People were not like humans, Daily Sun/ Corsicana (Texas) vom 27. 1979
 www.enigmaterial.com/dateline/hn_34/hn_34_02.html
(4) Diwald, Hellmut: Die Großen Ereignisse, Lachen am Zürichsee 1991, Bd. 6, S. 438 – 461
(5) Der Befehl für die US-Air-Force lautete "Strategic Vulnerability of the U.S.S.R. to a Limited Air Attack"

Online-Flyer Nr. 262  vom 11.08.2010

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