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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Aktuelles
Über freies und unfreies Denken bei deutschen Musliminnen
Lamya Kaddor und Necla Kelek
Von Dr. Maryam Dagmar Schatz

Im Frühjahr 2010 hat sich der liberal-islamische Bund gegründet, der seit dem 27. Mai ins Vereinsregister eingetragen ist. Muslim_Innen um die Vereinsvorsitzende Lamya Kaddor wollen der „sich als liberal verstehenden Mehrheit der Muslime in Europa“ eine Stimme geben und an den aktuellen gesellschaftlichen Debatten aktiv teilnehmen. Zur jetzigen Verleihung des Friedenspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung hat der LIB mit einer Pressemitteilung unmißverständlich Stellung bezogen. Das gibt die Gelegenheit, sich zwei profilierte deutsche Musliminnen mit Migrationshintergrund näher anzusehen.
 
Kaddor vs. Kelek – ein Vergleich

Seit Mai 2010 gibt es den Liberal-islamischen Bund (LIB), einen

Muslimisch, weiblich,
deutsch: Lamya Kaddor
Quelle: C.H.Beck
Zusammenschluss, der sich zum Ziel gemacht hat, jene muslimischen Bürger_innen zu vereinen und zu repräsentieren, die „sich mit ihrer liberalen Auffassung des Islam in den bisherigen Debatten und politischen Prozessen in Deutschland/Europa nicht angemessen vertreten sehen. “Die Vorsitzende Lamya Kaddor, eine junge Islam- und Erziehungswissenschaftlerin, Mutter einer kleinen Tochter, ist unter anderem als Lehrerin für Islamkunde  an einer Hauptschule tätig und schon jetzt gefragte Ansprechpartnerin der unterschiedlichsten Institutionen und Medien.
 
Dazu ist sie Autorin eines Buches, das mittlerweile auf dem Weg zum Bestseller ist und bereits jetzt ein Standardwerk für all jene darstellt, die wissen möchten, wie es denn um den zeitgemäßen Islam in Europa bestellt ist, sowie Mitherausgeberin von „Saphir“, einem Religionsbuch für den Schulunterricht. Zusammen mit der Pädagogin Rabeya Müller hat sie, eine kommentierte Übersetzung ausgewählter Koranverse, „für Kinder und Erwachsene“ herausgegeben und weist auch sonst eine beeindruckende Veröffentlichungsliste auf. Darüberhinaus hat die syrischstämmige multitalentierte Powerfrau noch während der Auseinandersetzungen um ihren damaligen Chef Sven (vormals Muhammad) Kalisch die Vertretung der Professur für islamische Religionspäadagogik an der Uni Münster übernommen und das Forum am Freitag mit ins Leben gerufen, das jetzt Necla Kelek zur Verbreitung ihrer kruden Thesen dient.
Aktuell hat der von ihr mitinitiierte und -gegründete Liberal-islamische Bund zur Verleihung des Freiheitspreises 2010 der Friedrich-Naumann-Stiftung Stellung genommen.


Kelek: Himmelsreisen und Entleerungen
 

"Der Mann ist ständig herausgefordert. Er muß sich entleeren.“
Quelle: screenshot/Forum am Freitag
 
Necla Kelek muß man nicht mehr vorstellen. Medial omnipräsent, ist ihre Botschaft vor allem eines: Necla Kelek. Sie war als Einzelperson Mitglied der Islamkonferenz, „berät“ den Innenminister und ist in jeder Talkshow ein gern gesehener Gast, in der es darum geht, Muslimen, speziell den türkischen, mal wieder zu zeigen, wo der Hammer hängt. Ansonsten schreibt sie Bücher, in denen sie erklärt, daß es im Islam und in der Türkei ganz schrecklich ist und türkische Mädchen dringend schwimmen müssen (wobei sie es irgendwie übersehen haben muss, daß in z.B. in Deutschland und in der Schweiz mehrheitlich Christ_Innen die Extrawürste einfordern).
Dass gerade eine Stiftung der FDP Kelek jetzt einen Preis verliehen hat, ist mehr als verständlich. Nachdem Quotenfrau Silvana Koch-Mehrin den Anfang machte mit dem Fischen von Stimmen am rechten, islamkritischen Rand, bleibt die FDP konsequent auf dieser Linie. Da wäre es doch nur konsequent, wenn als nächstes an den ehemaligen CDU-Abgeodneten und Wilders-Fan René Stadtkiewicz zumindest ein Gesprächsangebot zwecks Parteieintritt erginge.

Am 16. 7. war Kelek wieder im ZDF zu Gast, um ihr neues Buch zu promoten: „Himmelsreise“. Ja, sie sprach auch über Integration, die allgemeine Verpflichtung für MigrantInnen, deutsch zu sprechen, „Apartheid“ zwischen Männern und Frauen, daß die Wonnen des Paradieses nur den Männern versprochen seien, und ließ uns dann an den Sexualpraktiken muslimischer Männer teilhaben – so, wie sie das verstanden hat:
„Der Mann ist ständig herausgefordert. Er muß sich entleeren, heisst es, und wenn er keine Frau findet, dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Es hat sich im Volk so durchgesetzt, es ist ein Konsens.“ 
Die Tierbeschuldigung und ihre Funktion

„72 Ziegen?“ – „Ja, wir haben Deinen Mörder auch schon erwartet…“
Quelle: joscollignon/Volkskrant
 
Schrieb ich, Kelek hat was verstanden? Ja, allerdings, das hat sie: wenn Klischees ihre Tauglichkeit bereits bewiesen haben, werden sie durch weitere Benutzung immer tauglicher. Grundlegende Arbeiten zur Sexualisierung des Feindes legten Claudio Lange und Solange Leibovici vor. Leibovici schrieb diesen von mir mit ihrer Erlaubnis übersetzten Text anläßlich einer Debatte, die sich 1995 im niederländischen „grachtengordel“, der Amsterdamer Intellektuellenszene am Antisemitismus des später zu Ehren der islamkritischen Altäre erhobenen Theo van Gogh entzündete.
 
Im ersten Teil zitiert sie: „Frauen und Juden kennen zwei Leidenschaften, die alle beide unrein sind: Geld und Sexualität. Beide können ihre Triebe nicht beherrschen.“ Beide können ihre Triebe nicht beherrschen. Genau wie der Muslim, der sich entleeren muss. Wie der Muslim sich bei der Wahl der Sexualpartner an keine Grenze hält, was ihn eben in die Nähe des beschlafenen Tieres rückt, so ist auch der Jude entgrenzt und somit tierähnlich: „Der antisemitische Diskurs entdeckte eine interessante Variante dieser Angst vor der Verseuchung: Der Jude, der Kosmopolit, der sich, genau wie das Bakterium sich aus Grenzen nichts macht, hat die gesunde Nation angetastet mit der unheilbaren Krankheit, die „Dekadenz“ heisst.“
 
Theo van Gogh bewirkte, daß zumindest ein niederländisches Wort über die niederländischen Sprachgrenzen bekannt wurde: geiteneuker, Ziegenficker. Nicht um Ziegen, sondern um Schafe ging es dem Sohn der in diesem Kontext einschlägig bekannten FPÖ-Abgeordneten Susanne Winter, Michael Winter, und für diesen „Sager“ wurde er auch verurteilt. Seiner Mutter wurde im Rahmen ihres „Verhetzungs“-Prozesses – letztendlich wurde sie auch verurteilt – vorgeworfen, die Einrichtung von „Tierbordellen“ für muslimische Männer gefordert zu haben: „Wir sollten im Stadtpark ein Tierbordell errichten, damit die muslimischen Männer dorthin gehen können und sich nicht an den Mädchen im Stadtpark vergreifen.“ Insgesamt stieß die Tierbeschuldigung in „islamkritischen“ Kreisen auf helles Entzücken und wurde begeistert wiedergekäut. Somit hat Kelek auf bereits Bewährtes zurückgegriffen. 
 
Wie sich das wirklich mit Frauen(rechten) – auch sexuellen – im Islam verhält, will dann niemand mehr hören. So schrieb zum Beispiel der berühmte Ibn al-Arabi: „Die Anschauung Allahs in der Frau ist aber vollkommener und vollständiger (als die im Manne). Aus diesem Grunde liebte der Gesandte Allahs die Frauen, weil nämlich seine Gottesanschauung in ihnen am vollständigsten war. Denn niemals kann man Allah losgelöst von jeder sinnlichen Materie erschauen... Der (göttliche) Geist ist für den unerkennbar, der seiner Frau oder einem anderen Weibe nur insofern beiwohnt, als es sich um die bloße Sinnenlust handelt, ohne zu wissen, an was für einem Wesen (der vollkommensten irdischen Manifestation Allahs) er sich ergötzt. Wüßte er, an wem er sich ergötzt, er wäre denn ein vollkommener Mensch…“ Die muslimische Feministin Mernissi, wie Kelek als Soziologin ausgebildet, zitiert einen bekannten Hadith (Prophetentradition): „Der Mann soll kosende Worte und Küsse vorausschicken gemäß dem Ausspruch des Hochgebenedeiten: Keiner komme mit seiner Frau zusammen, um sich an ihr zu vergreifen, vielmehr soll zwischen ihnen ein Bote sein.' Als man ihn fragte, was für einen Boten er meine, antwortete er: „Küsse und Worte." Diesem geistigen Erbe sind Lamya Kaddor und der LIB entschieden näher:
 
Die Pressemitteilung des Liberal-islamischen Bundes
 
„Mit Erstaunen haben wir die Entscheidung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zur Kenntnis genommen, ihren diesjährigen Freiheitspreis der Soziologin Necla Kelek zuzusprechen. Impulse für die liberale Bürgergesellschaft vermögen wir in diesem Schritt nicht zu erkennen. Selbstverständlich hat Frau Kelek mit ihren Arbeiten zu Recht auf Probleme (auch) muslimischer Frauen in Deutschland hingewiesen und damit Aufklärungsarbeit geleistet.
 
Dies gilt es hier nicht in Abrede zu stellen. Doch mit dem Hinweis auf ihre Errungenschaften ist es nicht getan. Zumal Frau Kelek durch ihre – in mehreren wissenschaftlichen Analysen hervorgehobenen – einseitigen und pauschalisierenden Äußerungen vielen unschuldigen Frauen und Männern muslimischen Glaubens in diesem Land geschadet hat. Mit ihren fragwürdigen Argumentationen hat sie mit dazu beigetragen, die gesamte muslimische Bevölkerung in diesem Land in ein schlechtes Licht zu rücken.
 
Als eins von vielen Beispielen für ihre oft entwürdigende Art, über muslimische Frauen und Männer zu sprechen, sei nur eine Äußerung aus einem Interview mit dem ZDF genannt: „Der muslimische Mann muss ständig der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier… Das hat sich im Volk durchgesetzt, das ist Konsens.“ – Solche Bemerkungen entspringen sicher keiner Haltung des Pluralismus, der Toleranz oder auch nur des verantwortungsvollen Publizismus‘. Mit einer Würdigung der Sprecherin trägt auch die Friedrich-Naumann-Stiftung nicht zur Verständigung bei, sondern treibt den Keil, der leider bereits zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen besteht, weiter in die deutsche Gesellschaft hinein. Wir halten daher die Entscheidung, Kelek auszuzeichnen, für einen Fehler und für ein falsches Signal.
 
Unverständlich ist uns des weiteren, warum ausgerechnet die Friedrich-Naumann-Stiftung eine Person auszeichnen möchte, die in ihrer Beratungstätigkeit für den früheren Innenminister und auch in ihren publizistischen Arbeiten eben nicht die selbstverantwortliche Freiheit aller Bürger und Bürgerinnen, sondern eine eher repressive Politik befürwortet. Verbote und zusätzliche Reglementierungen für muslimische Männer und insbesondere Frauen, wie in der Kopftuchgesetzgebung, sind eben kein geeigneter innenpolitischer Weg, Gleichberechtigung und ein Leben in Freiheit für alle zu fördern.
 
Es scheint, als sei Frau Kelek nicht im Sinne freiheitlicher Ideale, sondern lediglich deshalb gewählt worden, um die Stimme der so genannten Islamkritiker in diesem Land zu stärken. Diesen so genannten Islamkritikern geht es insbesondere um die Ausgrenzung der muslimischen Bevölkerung in diesem Land. Ausgleich und Dialog ist nicht ihr Ziel. Für unglücklich halten wir daher auch den in der Begründung der Jury unternommenen Versuch, Frau Kelek zu einer Art Prototyp eines Muslims in Deutschland zu machen. Wenn Necla Kelek Vorbild für eine Integration in die europäische Wertegemeinschaft sein soll, dann heißt das nichts weiter, als dass die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung Muslime nur unter den Bedingungen äußerster Assimilation als Gleichberechtigte Bürger zu würdigen bereit ist. Mit einer Fortentwicklung freiheitlicher Ziele und Werte hat dies nichts zu tun.“
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. (PK)
 


Online-Flyer Nr. 259  vom 23.07.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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