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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Sport
Frauenfußball WM-U-20: Deutschland gegen Costa Rica 4:2 (2:1)
Traumstart durch frühes Tor
Von Bernd J.R. Henke

Einhundert Hip-Hop-Tänzer, Ballzauberinnen, Fahnenträger und prominente Gäste sorgten mit den vierundzwanzigtausend Zuschauern für eine festliche Kulisse beim Eröffnungsspiel im Bochumer „Rewirpowerstadion“ zur dritten Weltmeisterschaft der internationalen U-20-Juniorinnen. Nachdem Franz Beckenbauer öffentlich bekannt hatte, dass er seit der Wahl zum FIFA-Exekutivkomiteemitglied sein früheres Bild über den deutschen Frauenfußball revidiert hätte, durfte er auch auf der Prominententribüne die deutsche Hymne mitsingen. Als Beweis für sein erwachtes Interesse am Spiel der Frauen eröffnete er vor ausverkauftem Hause gemeinsam mit FIFA OK-Präsidentin Steffi Jones die Weltmeisterschaft.      


Rotsünderin Bianca Schmidt im Zweikampf mit Carolina Venegas aus Costa Rica
Alle Fotos: Jan Kuppert, Potsdam

Der Autor des Buches: „Frauenfußball: Der lange Weg zur Anerkennung“, Daniel Meuren, der noch im Kinderwagen lag als Beckenbauer und Co. 1974 Weltmeister wurden und 1990 als siebzehnjähriger Jugendlicher eine gewonnene Männer-WM mit voller Freude miterleben konnte, stellte nach diesem Eröffnungsspiel fest, dass alle deutsche Frauen auf dem Spielfeld in Bochum geschlossen die Nationalhymne sangen, im Gegensatz zu den gesanglich leisen männlichen deutschen Fußballmillionären, die jüngst in Südafrika umjubelt wurden. „Ein bemerkenswerter Unterschied“, stellte der kulturell beflissene siebenunddreißigjährige Sportreporter fest.

Unverkrampft              

In der Tat liegt die erstaunliche Gesangesfreude der deutschen U-20-Juniorinnen dem Fußballgefühl ihrer Großeltern näher, als der Welt ihrer Eltern, die in einer geteilten Nation das Sparwasser-Tor oder die Hölzenbein-Schwalbe relativ unpatriotisch erlebten. Die Helden von Bern 1954 sangen die Hymne mit dem Stolz, wieder in die internationale Wertegemeinschaft gelangt zu sein. Und im Jahr 2010 äußerte eine ehrliche sympathische zwanzigjährige Kim Kulig über das Singen der deutschen Hymne unverkrampft: „Ich glaube, dass wir alle das Gefühl haben, dass uns das Kraft gibt.“ „Ja, diese selbstbewußte Mädchen- Generation steht für Integration, Gleichberechtigung der Frauen und für den Kampf gegen Gewalt und Rassismus. Patriotismus hat engstirnigen Nationalismus abgelöst. Manch kritischer Leser mag es noch anders sehen, aber hier hat sich etwas getan“, befand  Fußballexperte „Joe“ Blaha, der selbst einmal gegen den heutigen Großvater Franz Beckenbauer eine Halbzeit auf dem Spielfeld stand und Zeitzeuge vom Wunder von Bern war.


U-20-Nationalelf beim Eröffnungsspiel Deutschland vs. Costa Rica in Bochum

„Wir haben heute gegen einen sehr starken Gegner gespielt. Nicht nur stark im fußballerischen Sinne, sondern auch im physischen. Die Tore zum 1:0 und 3:1 haben weh getan, da sie sehr schnell herausgespielt wurden. Wir haben uns sehr gut auf unseren Gegner vorbereitet. Wir wussten, dass Deutschland starkes Pressing spielt, die Lufthoheit hat und über starke Flügelspielerinnen verfügt. Wir haben versucht, gut in der Defensive zu stehen - man hat gesehen, wie das geklappt hat. Und ich bin sehr zufrieden mit der Leistung meiner Mannschaft“, bemerkte der Trainer von Costa Rica, Randall Chacón, kurz nach dem Spiel.
Entschlossenheit                                                                                                                     
Die deutsche Mannschaft war mit einem Paukenschlag gestartet. Nach knapp einhundert Sekunden hatte die vorgerückte Verteidigerin Bianca Schmidt den Ball nach einem abgefälschtem Freistoß von Martina Hegering in Richtung Alexandra Popp und Kim Kulig im gegnerischen Strafraum auf Elfmeterhöhe unter Kontrolle gebracht, ließ knapp einen harten Schuss ab, der von Torhüterin Priscilla Tapia nur reflexartig abgewehrt werden konnte. Den zur Seite springenden  Abpraller erwischte die wendige Svenja Huth, die entschlossen, bedrängt durch mehrere Gegnerinnen, den Ball kompromisslos zur 1:0 Führung in das Tor (2.) einschoss. Die offensiv spielende Potsdamerin Bianca Schmidt harmonierte auf der rechten Seite zur Überraschung vieler Fans sehr gut mit der trickreichen Frankfurterin Svenja Huth. Diese Spielvariante wäre in der Bundesliga undenkbar, denn dort liefern sich bekannterweise beide Spielerinnen erbitterte Duelle. Wir haben uns ein frühes Tor gewünscht, das dann ja auch so gekommen ist.“, sagte nicht ohne Stolz Bundestrainerin Maren Meinert.


Spielführerin Marina Hegering

Deutschland war nach der Führung deutlich überlegen, folgerichtig fiel nur eine Viertelstunde später schon das 2:0 durch Alexandra Popp. Die sonst in Duisburg als linke Außenverteidigerin Eingesetzte spielte die Sturmspitze. Als die agile Svenja Huth nach Flankenlauf auf Rechtsaußen die in den freien Raum laufende Bianca Schmidt anspielte, die wiederum nach trickreichem Sturmlauf das runde Leder auf die auf Höhe des Elfmeterpunktes stehende Alexandra Popp zurückpasste, war nach dieser Ballstafette Costa Rica zum zweiten Mal geschlagen. Die aufmerksame Alexandra Popp vollendete (16.) mit einem beherzten Schuss unhaltbar für Tapia zum 2:0. Costa Rica schaffte es nicht, nachhaltig in die gegnerische Hälfte zu kommen. Nachdem die Duisburgerin Tabea Kemme wegen muskulärer Probleme gegen die Münchnerin Stefanie Mirbach ausgewechselt worden war, bekam die Jenaerin Sylvia Arnold (24.) die Chance zum 3:0, verfehlte aber knapp das Tor.
Anschlusstreffer                                                                                                                        
Die in blauen Hosen und roten Hemden mit blauen Ärmelteilen  spielenden  Mittelamerikanerinnen unterlagen vor allem in den Zweikämpfen im Mittelfeld gegen die deutsche Doppelsechs, die Hamburgerin Kim Kulig und die Duisburgerin Martina Hegering. Deutschland kontrollierte in der ersten Halbzeit fast mit hundert Prozent den gesamten Spielverlauf. Aber wie es im Fußball und im richtigen Leben passiert, ein kleiner Fehler kommt selten alleine. Costa Rica hatte sich in der  Nachspielzeit (45.+1.) dank Raquel Rodriguez Vasquez auf der linken Seite nach vorne gekämpft, wurde aber von Verteidigerin Bianca Schmidt gefoult. Aus einer perfekten Standardsituation und bestem Schusswinkel hob Vasquez den fälligen Freistoß platziert in den Strafraum. Die herauseilende deutsche Torfrau, die Magdeburgerin Almut Schult, verfehlte beim Herauslaufen den hohen Ball, den aber Costa Ricas flinke Sturmspitze Carolina Venegas erwischte und mit Effet in das Gehäuse zum 2:1 Anschlusstreffer einköpfte.

Reife mit Überblick                

Nach der Halbzeit spielte das deutsche Team weiterhin beherzt nach vorne. Die Spielerinnen mit schwarz-rot-goldenem Streifensymbol auf dem Trikot waren den grazilen Mittelamerikanerinnen körperlich überlegen. Der in der UEFA Womens Champions League und der letzten Bundesligasaison sehr gereiften Duisburgerin und deutschen Pokalsiegerin Martina Hegering gelang es in der 52. Minute nach starkem Dribbling im Strafraum Costa Ricas von der Torlinie aus in die Mitte zurück auf Alexandra Popp zu flanken, die sehr konzentriert und spritzig das runde Leder in vollem Lauf aufnahm und zu ihrem zweiten Tor zum 3:1 einschoss. Costa Rica versammelte sich jetzt komplett im eigenen Strafraum, um weiteres Unheil zu verhindern. Martina Hegering bewies in dieser Situation Überblick und Kämpferherz. Sie nahm aus einem Rückball das Heft in die Hand und schoss mit einem platzierten brillanten Weitschuss über das Spielerinnenknäuel hinweg und überwand Torhüterin  Priscilla Tapia zum 4:1 für Deutschland.

Rote Karte
                                                                                                                             
Die Zuschauer im Bochumer „Rewirpowerstadion“ kamen wirklich auf ihre Kosten und sahen ein torreiches Spiel. Sicher war auch Franz Beckenbauer an eigene Glanzzeiten erinnert, als er Steffi Jones emphatisch auf die Schulter klopfte. Danach versuchte sich auch die Hamburgerin Kim Kulig mit einem Schuss in die linke Ecke, der aber nur als Lattenknaller (65.) in die Statistik eingehen kann. Costa Ricas Frauen steckten nicht auf und fanden ihren Weg zurück ins Spiel. Jedes Tor zählt in einer WM-Vorrunde. Als Raquel Rodriguez Vasquez freistehend vor der großgewachsenen Magdeburger Torhüterin Almut Schult im deutschen Strafraum auftauchte, zog Champions League Gewinnerin Bianca Schmidt regelwidrig am Trikot von Vasquez, die wiederum zu Fall kam. Die aufmerksame und konsequente südkoreanerische Schiedsrichterin Hong Eun Ah entschied auf Elfmeter. Die ertappte Potsdamerin Bianca Schmidt erhielt die Rote Karte, Platzverweis und somit eine Sperre für das Spiel gegen Kolumbien. Fußballexperte „Joe“ Blaha bemerkte dazu spontan: „Einmal aussetzen ist sicher kein Beinbruch für die Potsdamerin bei diesen Hitzegraden, für die überragend spielende Bianca kann es einmal gut sein, sich zu schonen, im wichtigen Spiel gegen Frankreich wird Bianca um so fitter sein, die Saison war sehr lang für sie. Wenn man bedenkt, dass am 15. August schon wieder die Bundesliga beginnt, frage ich mich wirklich, wie Bianca sich regenerieren kann. “

Hart gearbeitet                               

Den anschließenden Elfmeter verwandelte Katherine Alvarado mit einem unhaltbaren Schuss zum 4:2. In der Nachspielzeit (90+1) war es der eingewechselten Potsdamer Stürmerin Jessica Wich nicht vergönnt den Spielstand zu erhöhen, ihr toller Kopfball landete leider nur am Pfosten. „Das Spiel ist, wenn man den Spielverlauf sieht, jedoch nicht hoch genug ausgefallen. Aber wir haben drei Punkte und das ist wichtig. Wir sind immer dran geblieben und haben hart gearbeitet. Dass beim Sommermärchen 2006 das Eröffnungsspiel ebenfalls 4:2 endete, daraus kann man positive Schlüsse ziehen. Von unserem nächsten Gegner Kolumbien erwarte ich, dass er offensiven Fußball spielt. Ich denke, es wird ein ähnliches Spiel wie gegen Costa Rica“, meinte Bundestrainerin Maren Meinert bestens gelaunt und zufrieden in der abschließenden Pressekonferenz. (PK)

Online-Flyer Nr. 259  vom 21.07.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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