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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
"Aeskulap´s zerbrochener Stab“ – Ein "Roman" auch für Herrn Dr. Rösler
Krankenhaus – von ganz unten
Von Bernd J.R. Henke und Peter Kleinert

Das Gesundheitssystem und die ärztliche Versorgung in Deutschland sind in einer Krise. Überlastet, überteuert und sich von sozialen Prinzipien immer weiter entfernend, hat sich vor allem im stationären Sektor eine kommerziell ausgerichtete, industrialisierte Medizin entwickelt. Durch den Arbeitsdruck - verursacht durch die Jagd von Krankenhausträgern nach wirtschaftlichem Gewinn - verlieren viele Mitarbeiter ihre ursprünglichen Ideale. Groteske Beispiele für fatale administrative, organisatorische und medizinische Fehler häufen sich. Warum das so ist, kann man von einer promovierten Chirurgin erfahren, die schon einige Jahre Berufserfahrung als diplomierte Krankenschwester im Krankenhaus hinter sich hatte, als sie mit Anfang 30 das lang ersehnte Medizinstudium aufnahm und nun diesen "Roman" über ihre Erfahrungen geschrieben hat.
 

Der größte Ärztestreik in Deutschland
begann am 16. März 2006
 Arbeitsbedingungen für Ärzte in der Ausbildung haben in den vergangenen Jahren erheblich an Härte zugenommen und sind trotz zahlreicher Bemühungen zur Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes immer unerträglicher geworden. Der Bettenabbau und das DRG (Diagnosis Related Groups) -Vergütungssystem mit diagnosebezogenen Fallgruppen für die stationären Leistungen verkürzen die verfügbare Zeit für die Ausbildung. Nur wenige chirurgische Assistenzärzte erhalten heute ein gutes handwerkliches Training. Die praktische Ausbildung hängt vielerorts auch von Lust und Laune der Ober- und Chefärzte ab und wird von diesen als Belastung empfunden. „Selbst operieren ist das Gebot!“ heißt es hierzu in einem kritischen Artikel des chirurgischen Verbandsblattes.
 
Tatsachenroman – spannend wie ein Krimi
 
Dr. med. Klara Ostmüller zeigt am Beispiel ihrer eigenen Erfahrungen in diesem hervorragend geschriebenen "Roman", der manchmal so spannend wird wie ein Krimi, die Misere in den Krankenhäusern auf. Natürlich schreibt sie unter Pseudonym, denn nur so kann sie untragbare Zustände enthüllen. Sie schildert ungeschönt ihr Studium, das sie zunächst durch Nachtarbeit im Krankenhaus finanziert, ihre praktische Ausbildung und den Arbeitsalltag in Krankenhäusern quer durch die Republik.
 
Schon als Ärztin in der Ausbildung lernt sie sehr schnell, dass Idealismus im Krankenhausalltag nur schwer aufrecht zu erhalten ist. Zu wenig Personal und weit reichende Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem verschlechtern zusehends das Arbeitsklima, gehen zu Lasten nicht nur ihrer Ausbildung, sondern gefährden zunehmend die Patientensicherheit. Durch unzumutbare Bedingungen und Mobbing wegen ihrer Kritik an diesen Zuständen gelangt sie schließlich als Ärztin an die Grenze ihrer Kräfte, ist bereits kurz davor aufzugeben, beißt die Zähne zusammen und kann so mit dem Buch "Aeskulap´s zerbrochener Stab – Weg zur Chirurgin“ einen Beitrag zur Versachlichung der Gesundheitsdiskussion liefern, der ihren Lesern die Augen öffnet. Das Buch bginnt mit dem Kapitel „Who´s who im deutschen Krankenhaus – von ganz unten.“ Wir bringen es als Leseprobe im Wortlaut und gleichzeitig als Glossar für die realen Verhältnisse und Personen im Krankenhausbetrieb.
 
Medizinstudenten:
Junge Lebewesen, die mindestens 5 Jahre rein theoretisch am Studiertisch verbringen, gelegentlich den Lernvorgang unterbrechen, um eine Zeit im Krankenhaus zu absolvieren, sich dort unterwerfen und wieder in die Studierstube zurückkehren. Während dieser Zeit konkurrieren sie mit den Arbeitskräften im Niedriglohnsektor (z.B. als Kellner, Taxifahrer etc.).
 
Putzfrau/-mann:
 Lebewesen, die meist outgesourct für Billiglohn ohne Rechte arbeiten. Oft Ausländer und Ausländerinnen, die sich nicht wehren können. Die Vorarbeiterin spricht deutsch.
 
Pförtner/-in:
 Niedriglohnarbeiter, die an der Rezeption sitzen und die Telefonzentrale bedienen, direkte Auskünfte an Patienten geben, Statistiken erstellen und die Patientenaufnahme verwalten, wenn die ausgebildeten Fachkräfte nach Hause gegangen sind. In vielen Krankenhäusern nur bis 23 Uhr anwesend, danach wird die Arbeit vom diensthabenden Arzt erledigt.
 
Krankenpflegeschüler/-in:
 Junge ungelernte Leute, die in letzter Zeit zunehmend das examinierte Personal in den Krankenhäusern ersetzen. Während ihrer Ausbildung bekommen sie wenig Lohn und können wegen der Knappheit der Ausbildungsstellen ungehindert ausgebeutet werden. Vielseitig einsetzbar von Popo wischen bis zum sterilen Verbandswechsel. Leider haben die examinierten Kräfte keine Zeit, ihnen etwas beizubringen.
 
Examinierte Krankenschwester/ Krankenpfleger:
 Im Krankenhaus langsam aussterbende, gut ausgebildete Facharbeiter, die leider dem genetischen Kloning bislang noch nicht zugänglich sind; eine neue Spezies mit mindestens 4 Augen, 6 Armen und 8 Händen wäre vorteilhaft. In Deutschland gibt es viele arbeitslose „Examinierte“, während die angestellten Kollegen täglich dem Nervenzusammenbruch nahe sind.
 
MTA:
 Medizinisch technische Assistenten, die abseits der Stationen leben, für professionelle Untersuchungsabläufe in Labor und Röntgen sorgen, aus Kostengründen zusehends ärztliche Tätigkeiten übernehmen und Überstunden schieben wie alle anderen.
 
PJ-ler:
 Medizinstudent, der im letzten Studienjahr, dem praktischen Jahr (PJ), angeblich zu Ausbildungszwecken unentgeltlich im Krankenhaus arbeitet; wird zu allen Arbeiten abkommandiert, von allen und zu jeder Zeit - oft gleichzeitig. Die Zeit soll der Vorbereitung auf die ärztliche Aufgabe dienen, doch dafür gibt es wenig Zeit – und wenig Ausbilder.
 
AiP-ler:
Der „Arzt in Praktikum“ wurde eingeführt, weil die Zeit als PJ-ler (siehe oben) für die ärztliche Ausbildung angeblich zu kurz war. Die Arbeitstätigkeit entsprach der eines „normalen“ Assistenzarztes, wurde aber nur mit 50% des Arztgehalts vergütet. Wegen zunehmender Proteste und Abwanderung junger Ärzte ins Ausland wurde dieses Modell im Jahr 2004 abgeschafft.
 
Assistenzarzt:
Die Bezeichnung wird meistens für den nicht-fachärztlichen Weiterbildungsassistenten verwendet, also für junge Mediziner, die eine 5- bis 8-jährige Facharztausbildung durchlaufen. In der Chirurgie beschränkt die Ausbildung sich zunehmend auf Stationsarbeiten und Dokumentationstätigkeiten, im Operationssaal aufs Hakenhalten. Die praktische Ausbildung und das Erlernen von Operationstechniken treten in den Hintergrund; die Operationen werden aus Zeitmangel von den Chef- oder Oberärzten durchgeführt. Auf den Stationen erstellt der Assistenzarzt u.a. zahlreiche Arztbriefe zu Patienten, die er nie gesehen hat und an deren Behandlung und Operation er nicht beteiligt war. Wer nach einem Jahr noch immer nicht operieren kann, wird schnell als ungeschickt abgestempelt.
 
Facharzt:
Der Assistenzarzt absolviert am Ende seiner Ausbildung eine Prüfung zum Facharzt. Hierfür muss der Landesärztekammer ein Operationskatalog vorgelegt werden, den der Chefarzt unterzeichnet hat. Viele Eingriffe, die bescheinigt werden, hat der Assistenzarzt oft nicht selbst und auch nicht unter Supervision durchgeführt. Nach Erhalt der Facharzterkennung sollte der Chirurg routiniert operieren können.
 
Notarzt:
 Ein Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, der für die akute Krankenversorgung außerhalb des Krankenhauses im Einsatz ist. Zum Erwerb der Zusatzbezeichnung müssen u.a. ein einwöchiger Kurs (Kosten ca. 600 Euro plus Reise- und Übernachtungskosten) sowie 50 Einsätze in Begleitung eines bereits zugelassenen Notarztes absolviert werden. Der Kurs wird von vielen Kollegen während der Urlaubszeit und auf eigene Kosten besucht. Viele Krankenhäuser erwarten von den Bewerbern, dass die Zusatzbezeichnung vorliegt. Nach 12 Stunden Arbeit als Chirurg kann man dann 12 Stunden als Notarzt weiterarbeiten.
 
Oberarzt:
 Facharzt für Chirurgie in leicht gehobener Position, der ununterbrochen Tag und Nacht operiert; er verbraucht Assistenzärzte und lässt seine schlechte Laune an ihnen aus. Braucht keine Entlassungsbriefe mehr zu schreiben, sondern muss Märchengeschichten korrigieren und unterschreiben. Da jeder Satz mit Extraarbeit verbunden ist, ist er (und sehr selten auch sie) während dieser Zeit nicht ansprechbar.
 
Chefarzt:
Meistverdienender Arzt im Krankenhaus; geschätztes Jahreseinkommen abhängig von Krankenhausgröße und -standort, Verhandlungsgeschick, Zeitpunkt des Vertragsabschlusses und anderem etwa zwischen 150.000 Euro und 850.000 Euro vor Steuer. Früher König, heutzutage Angestellter. Ein Professorentitel wird vielerorts verlangt. Operiert nur Privatpatienten oder organisiert, dass diese von Oberärzten gut operiert werden; er ist verantwortlich dafür, dass alles gut läuft und kommuniziert mit der Verwaltung je nach Bedarf bis 23.00 Uhr oder darüber hinaus. Eigentlich auch für die Ausbildung zuständig, aber hierzu wenig Zeit.
 
Verwaltung:
Erlesener Personenkreis, der die Verwaltungsarbeit zwischen 8.00 Uhr und 16.30 Uhr erledigt, die regulären Mittagspausen streng einhält, keine Wochenend- und Nachtdienste hat, aber durch die neuen Vergütungsregeln für die Krankenhausleistungen zusehends gefordert ist. Die Verwaltung versteht das Getöse der Ärzte wegen zunehmender Arbeitsbelastung und schlechter Bezahlung grundsätzlich nicht und arbeitet an Personal sparenden Lösungen.
 
Personalchef:
Abteilungsleiter innerhalb der Verwaltung, der gern billige Arbeitskräfte einstellt, um eigene Zielvereinbarungen mit dem Verwaltungschef einzuhalten und sein Gehalt zu sichern. Seine größte Sorge sind „zu viel und zu teures Personal“. Versteht die Klagen der Ärzte über hohe Dienstbelastungen nicht, weil sie während eines 24-Stunden-Dienstes doch ein bis zwei Stunden schlafen können und in dieser Zeit nur Telefonate beantworten müssen. Seiner Ansicht nach ist in den Nachtdiensten alles möglich, wenn der Arzt es nur will. Achtet aus Gesundheitsgründen ebenfalls auf seine pünktlich eingenommenen Mahlzeiten (siehe Verwaltung).
 
Geschäftsführer:
Sie sind die Gewinner unserer Zeit. Geschätztes Jahreseinkommen in der Regel höher als das des bestverdienenden neuen angestellten Chefarztes. Ihr Gehalt wird querfinanziert durch Personalabbau, unbezahlte Überstunden, Outsourcing, Einkommensreduktion bei Neueinstellungen etc. Mit Blick auf die Deutsche Bank sehen sie sich gerne als Ackermänner des Krankenhauses, halten als studierte Betriebswirtschaftler das Krankenhaus für einen unwirtschaftlich und schlecht organisierten „Haufen“, und leisten nur Gutes. Gelegentlich finden sich in diesen Positionen auch ehemalige Pflegekräfte und Selfmade-Männer, denen die Ärzte, besonders die Chefärzte, schon immer ein Dorn im Auge waren. Der Geschäftsführer zeigt allen, wie Arbeitsprozesse gestrafft werden, alberne Gespräche mit den Patienten durch Prospekte ersetzbar sind und die Häufigkeit des Pamperwechsels bei bettlägerigen Patienten auf 3 pro Tag reduziert werden kann. Notfälle, die er nicht einkalkuliert hat, überraschen ihn. Er versteht solche Ärzte nicht, deren Humanismus angesichts hoher Arbeitsbelastung und schlechter Bezahlung schwindet, hat er deren Helfermentalität doch fest in seine Bilanzplanung einkalkuliert.
 
Krankenhausträger:
Besitzer eines Krankenhauses oder einer Krankenhauskette; je nach Rechtsform des Krankenhauses handelt es sich um kommunale, kirchliche oder private Trägerschaften. In letzter Zeit geht der Trend zur Privatisierung von Krankenhäusern und Übereignung an Konzerne (Rhön-Kliniken, Helios, Asklepios etc.) in deren Folge Gewinne erwirtschaftet und Dividenden an die Anteilseigner ausgeschüttet werden müssen.
 
Progrebin:
Eine erstmals von J.K. Rowling beschriebene Erscheinung, die mittlerweile auch in deutschen Krankenhäusern zu beobachten ist, hier die dort arbeitenden Menschen befällt und sich rasch vermehrt. Der Progrebin ist ursprünglich ein russischer Dämon, kaum dreißig Zentimeter groß, mit einem haarigen Leib, doch einem kahlen, übergroßen grauen Kopf. Progrebins fühlen sich von Menschen angezogen und heften sich mit Vorliebe an ihre Fersen. Sie bleiben stundenlang im Schatten des Verfolgten und kauern sich blitzschnell zusammen, wenn er sich umdreht. Wenn es dem Progrebin gelingt, einem Menschen viele Stunden lang nachzulaufen, wird sein Opfer von einem drückenden Gefühl der Sinnlosigkeit überwältigt und ertrinkt schließlich in einem Zustand der Teilnahmslosigkeit und Verzweiflung. Wenn das Opfer dann stehen bleibt und auf die Knie sinkt, um über die Sinnlosigkeit von allem und jedem zu weinen, springt der Progrebin ihm auf den Rücken und versucht es zu verschlingen. Im Krankenhaus werden immer häufiger multiresistente Progrebins gesichtet, die die Mitarbeiter anfallen und nicht mehr loslassen.
 
Ärztestreik im Juni 2010
 
Einer von uns beiden (Bernd J.R.Henke) traf Klara Ostmüller am Rande des Ärztestreiks am 7. Juni 2010, als über 5.000 Krankenhausärzte auf dem Frankfurter Römerberg demonstrierten. Sie erzählte mir, dass sie als examinierte Krankenschwester 1990 das Medizinstudium aufgenommen habe und nach der Approbation und anschließender Ausbildung an mehreren Krankenhäusern seit 2006 als Fachärztin für Chirurgie tätig sei. Ihr Buch, das ich nach unserem Gespräch auf dem Römerberg las, ist das genaue Gegenteil dessen, was uns Schwarzwaldklinik & Co. als Realität vorgaukeln. Von ihr als Chirurgin erfuhr ich - im Gegensatz zu den üblichen Medien - welches Ausmaß der wirtschaftliche Druck und die Kommerzialisierung der Medizin in den Krankenhäusern bereits angenommen haben. Eigentlich eine Pflichtlektüre für Gesundheitsminister Dr. Philipp Rösler, der uns auf der Webseite seines Ministeriums unter http://www.bmg.bund.de/ mitteilt: "Die Reform des Gesundheitssystems darf keine Glaubensfrage sein."
 
Der letzte Absatz in Klara Ostmüllers Buch liest sich, als habe sie Dr. Rösler auf diesen Spruch eine Antwort aus der Praxis geben wollen: „So wird sich trotz aller Reformbemühungen der junge Chirurg nach zwei Jahren Ausbildung auch künftig in die Hose machen, wenn er einen Pickel allein herausschneiden muss. Würden die Klempner in Deutschland so ausgebildet, stünde das Land schon längst unter Wasser.“ (PK)
 
Klara Ostmüller, „Aeskulap´s zerbrochener Stab. Weg zur Chirurgin“, Araki-Verlag, Leipzig, 433 S., kartoniert, ISBN: 978-3936149135, 17,50 Euro


Online-Flyer Nr. 255  vom 23.06.2010

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