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Aktueller Online-Flyer vom 25. August 2019  

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Krieg und Frieden
Bremen soll Deserteuren aus Kriegsgebieten Asyl geben
„Das Deserteurs-Ding muß weg!“
Von Wieland von Hodenberg

Bremer Friedensgruppen fordern seit Jahren Schutz für Deserteure aus Kriegsgebieten, stoßen aber damit bei den politischen Entscheidungsträgern bisher auf taube Ohren. Wieland von Hodenberg vom Bremer Friedensforum erinnert mit diesem Beitrag daran und an die Geschichte der Bremer Deserteursdenkmäler bis zurück ins Jahr 1864. Anfeindungen von Denkmals-Befürwortern fanden bis in die jüngere Vergangenheit statt. Ein Bundesminister ließ sich sogar zu einer dumm-dreisten Erpressung hinreißen. – Die Redaktion


Antikriegstag 2008 – Der Autor und der Aktionskünstler Joachim "Bommel" Fischer mit seinem mobilen Gegendenkmal "Dem unbekannten Deserteur".
Foto: Wieland von Hodenberg
 
Deserteurs-Denkmale stehen meist als Einzelexemplare, oft erst nach heftigen Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Ortsgewaltigen, in verschiedenen Städten dieser Republik. So zum Beispiel in München, wo die DFG-VK das Denkmal „Den Deserteuren aller Kriege“ im Jahre 1987 aufstellte. Oder in Potsdam das „Denkmal für den unbekannten Deserteur“, das seit 1989 den „Platz der Einheit“ ziert. Am 1. September 1994 wurde in Braunschweig ebenfalls ein Deserteursdenkmal enthüllt, seit 1998 gibt es ein Denkmal in Bernau bei Berlin, das an die pazifistische Haltung vieler Deserteure erinnert. Die Kölner Friedensfreunde konnten ihr Denkmal erst im vergangenen Jahr einweihen.(1)
 
Bremen hat sein Denkmal „Dem unbekannten Deserteur“ seit 1986, das in jenem Jahre von der Gruppe „Reservisten verweigern sich“ im Foyer des Gustav-Heinemann-Bürgerhauses aufgestellt wurde. Kurz danach kam es in der Bürgerschaft zu heftigen Kontroversen mit der CDU, die das Denkmal wieder entfernt sehen wollte. Mit den Stimmen von SPD und Grünen wurde der Antrag jedoch abgeschmettert. Die Wogen schlugen hoch und schwappten bis in die damalige Bundeshauptstadt Bonn. Es gab sogar eine handfeste Erpressung aus dem Bonner Hardthöhen-Ministerium. So wusste der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann zu berichten, daß der damalige Kriegsminister Manfred Wörner (CDU) vom seinerzeit amtierenden Bremer Bürgermeister Klaus Wedemeier (SPD) die Entfernung mit den Worten forderte: „Das Deserteurs-Ding muß weg, sonst bekommt Bremen keine Rüstungsaufträge mehr!“(2) Doch die Bremer „Denkmalschützer“ ließen sich weder einschüchtern noch entmutigen. Das Mahnmal steht nach wie vor am selben Ort, und die Rüstungsbetriebe bestehen und verdienen munter weiter.
 

„Sonst kriegt Bremen keine
Rüstungsaufträge mehr“ –
Kriegsminister Manfred Wörner
Quelle: de.wikipedia.org
Dann bekam „Der unbekannte Deserteur“ von einem zweiten Denkmal Besuch: Seit dem 17. Mai steht im Foyer auch das vom Bremer Aktionskünstler Joachim „Bommel“ Fischer geschaffene mobile Deser-teursmahnmal, das bereits am Antikriegstag 2008 während einer Kundgebung mit Ludwig Baumann auf dem Marktplatz, und anschließend während einer weiteren Kundgebung neben dem monströsen Kriegerdenkmal auf der Altmannshöhe gestanden hatte. Im Rahmen der Aufstellung im Bürgerhaus veranstaltete die DFG-VK Bremen zusammen mit der Internationalen Friedensschule Bremen eine Feierstunde mit anschließender Diskussion. Beide Denkmale stehen jetzt für einige Zeit einträchtig nebeneinander.
 
Etwas geheimnisvoll ist die Geschichte des Johann-Gottfried-Seume-Denkmals am Ufer der „Kleinen Weser“ mitten in der Stadt. Der Schriftsteller und Dichter Seume (1763-1810) desertierte 1783 in Bremen vor dem hessischen Militär, in das er hineingezwungen worden war. Bürger der Hansestadt halfen damals in vorbildlicher Weise dem Flüchtenden, sich in Sicherheit zu bringen. Damals schien es im Bremer Bürgertum bis hinein in die Stadtregierung deutlich mehr Toleranz gegenüber Deserteuren gegeben zu haben als heutzutage. Jedenfalls hat damals niemand gefordert, das Denkmal müsse wieder weg. Ganz im Gegenteil: Die Bürger waren sogar stolz auf ihren Fahnenflüchtigen! Johann-Günther König, Bremer Schriftsteller und Publizist, beschreibt dies in seinem Hand- und Lesebuch ,Bremen im Spiegel der Literatur’ und urteilt über den desertierten Dichter: „Johann Gottfried Seume, an dessen 1783 in Bremen erfolgte Fahnenflucht das Denkmal hinter dem Katasteramt erinnert, zählt zu den politischen Schriftstellern der deutschen Spätaufklärung, die zeit ihres Lebens zu einer Außenseiterrolle verurteilt waren.“  
 

Seume-Denkmal am Ufer
der „Kleinen Weser“
Das Denkmal hat die Form eines Obelisken und steht auf einer von hohen Bäumen umstandenen Lichtung unmittelbar am Fluß, auf der zwei Parkbänke zum Verweilen einladen. Der norddeutsche Schriftsteller und Journalist Karl Wolfgang Biehusen, der auch als promovierter Sozialwissenschaftler und Filmemacher tätig ist, hat die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe um diese erste Denkmalaufstellung 1864 recherchiert. Er schreibt: „(…)Es dürfte der 9. Juni 1864 gewesen sein, ein Freitag, da bekam Bremen ein Denkmal für Johann Gottfried Seume. (…),Denkstein’ nannte der norddeutsche Schriftsteller Hermann Allmers (1821-1902) das Denkmal, das er seinem sächsischen Kollegen Johann Gottfried Seume stiftete.“(2) Der beschriebene Vorläufer des heutigen Seume-Denkmals stand damals freilich in einer Mauer beim Arbeitshaus an der „Herrlichkeit“ - ganz in der Nähe des heutigen Standorts.
 
Im Rahmen einer Mahnwache am Seume-Denkmal richtete vor einigen Jahren die Initiative „Bremische Freiheit für Deserteure“ einen Appell an den Bremer Bürgermeister. Darin wurde dieser aufgefordert, nach dem Beispiel von Münster, Osnabrück und anderen Städten Deserteure aus Kriegsgebieten aufzunehmen und für deren Unterhalt und Schutz zu sorgen. Eine offizielle Stellungnahme aus dem Rathaus ist allerdings bis heute nicht erfolgt. Die Initiative wird auch weiterhin an die Ereignisse von 1783 erinnern und auf ihrer Forderung nach Schutz für Deserteure bestehen. (PK) 
 
 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14191
(2) http://www.freitag.de/2001/52/01520801.php
(3) Aus ,Drei Männer und ein Denkmal - Bericht über das Erinnern und Vergessen im 19. Jahrhundert’


Online-Flyer Nr. 255  vom 23.06.2010

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