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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Sport
FCR 01 Duisburg holt DFB Frauen-Pokal gegen Jena mit 1:0
Eigenständig dank Theo überall
Von Bernd J.R. Henke

Am Ende des ersten eigenständigen Frauenfußball-Pokalfinales im Kölner Rhein-Energie-Stadion, ohne Vorspiel einer Männerentscheidung mit minimalster Beachtung der Zuschauer zu sein, war die Frauenemanzipation sichtbarer denn je: 26 282 Zuschauer bei der Final-Premiere in Köln stellten einen neuen Europarekord für ein nationales Frauenfußball-Vereinsspiel dar. Die bisherige Bestmarke stammte aus dem Jahre 2008, als im Mai vor knapp zwei Jahren 24 582 Zuschauer das FA-Cup-Finale zwischen Arsenal LFC und Leeds United besuchten.

Die glücklichen Siegerinnen vom FCR 01 Duisburg
c) LSB NRW - Foto: Andrea Bowinkelmann
 
Nach dem Spiel stürmten die Erfolgsfrauen des deutschen Frauenfußballs auf das männerfreie Podium im großen Presseraum. Die beiden Trainerinnen, die DFB Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg, die beiden Spielerinnen des Tages, Jana Burmeister (FF USV Jena) und Annike Krahn (FCR 01 Duisburg) - alle freundlich und souverän begrüßt von Annette Seitz vom Deutschen Fußballbund (DFB). Der ausgewiesene Frauenfußballfreund DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger war in der Halbzeit per Privatflugzeug in das Berliner Olympiastadion abgereist, um das Spiel Bayern München gegen Werder Bremen nicht zu verpassen. Der DFB gehört an verantwortlicher Stelle immer noch den männlichen Funktionären. Zwanziger war fast der einzigte Mann, der in Köln aufs Podium wollte, aber aus Gründen des Machterhaltes nicht durfte. Die Frauen liefern dem DFB die wichtigen internationalen Erfolge, und die DFB-Männer subventionieren immer noch die großen Fußballfeste der Frauen. Ein Rollenverhalten, was auch sonst oft in der Gesellschaft erwartet wird. Männer sollen bekanntlich Kavaliere sein und spendabel.
 
Männerfrei
 
Bei den Journalisten waren Frauen und Männer gleichermaßen vertreten. Es fehlten zum Glück die üblichen traditionellen Freibiergesichter samt Kind und Kegel des Berliner Olympiastadions, die sonst jahrelang den Frauenfußballreportern die Sitzplätze wegnahmen und der Grund waren für
das restriktive Akkreditierungsverhalten des DFB. Nun war alles anders, bis auf eine Sache, die so blieb, wie es immer war: auffällig war in diesen Minuten der Pressekonferenz, dass die meisten Fragen der Journalisten an das männerfreie Frauen-Podium fast nur von Männern gestellt wurden. Lag es an den Erfolgsfrauen auf dem Podium oder an der Kompetenz der Männer? Sicherlich fehlte es dem weiblichen Geschlecht wie so oft an Mut in diesem Rollenspiel mit scheinbar männlicher Dominanz - der direkten Fußballkommunikation.
 
Silke und UEFA
 
Ein wahres Highlight dagegen waren in der ZDF TV-Berichterstattung die Kommentare von Silke Rottenberg, die den Zuschauern und Zuschauerinnen die Eigenheiten und Alleinstellungsmerkmale des Frauenfußballs sehr gut vermitteln konnten. Auf die Frage, warum die wichtigen Champions League-Spiele des Halb- und Viertelfinales der Frauen nicht im öffentlichen oder privaten Fernsehen live übertragen werden, äußerte DFB Vizepräsidentin Ratzeburg, dass dies allein die UEFA zu regeln hätte, da der DFB keinerlei Rechte über die Spiele besäße. Die NRhZ-Redaktion, die für kritische Fragen bekannt ist, wird die UEFA TV-Verantwortlichen in Madrid direkt befragen. Da muss es für die Fans doch eine Lösung geben.
 
Überglücklich
 
Annette Seitz, Pressereferentin vom DFB, führte das Gespräch nach dem Spiel auf dem Podium. Dem überglücklichen gelösten Lächeln der siegreichen Trainerin Martina Voss-Tecklenburg vom FCR 01 Duisburg stand das zufriedene Mienenspiel einer stolzen Trainerin Heidi Vater gegenüber, die ihre Mannschaft des zweiten Siegers, den FF USV Jena, taktisch sehr gut eingestellt hatte und die Räume für Grings, Laudehr und Co. von ihrem Team eng halten ließ. Europas beste Vereinsmannschaft hatte ihre liebe Mühe, denn Jenas Torhüterin Jana Burmeister fischte alle klaren Chancen weg, hielt selbst bei harten Schüssen und platzierten Kopfbällen reaktionsschnell und sicher, oder lenkte den Ball im Reflex an die obere Querlatte und den Pfosten. „Aus fünfundzwanzig gefühlten Torchancen habe ich sechs bis sieben klare Chancen gesehen", meinte Duisburgs Trainerin. Torjägerin Inka Grings schien an diesem Tag extrem glücklos, obwohl sie das
Heft mit den Offensivspielerinnen Femke Maes, Simone Laudehr, Alexandra Popp und Jennifer Oster spielerisch voll in der Hand hielt.
 
Befreiung
 
Erst in der 51. Minute gelang Abwehrspielerin Annike Krahn das befreiende Tor für den FCR 01 Duisburg, nachdem die im portugiesischen Algarve Cup frischgekürte taffe Nationalspielerin Alexandra Popp mit einem beherzten Querpass als Vorlage für die zuverlässige Krahn zum Kopfballsiegestor verhalf. Krahn hatte sich zu Beginn der zweiten Halbzeit immer öfter und überraschend für die Abwehrkette von Jena zum 16er Punkt bewegt, um aus der zweiten Reihe mit Schüssen und Kopfbällen den Druck auf Jena zu erhöhen.
 
Heimat
 
Für Weltfußballerin Inka Grings war dieser 1:0 Sieg ein echter Heimsieg. Die lesbische Junggesellin wohnt nämlich privat ganz in der Nähe vom Sportpark in der toleranten Stadt Köln. Für sie bedeutet das Stadion engste Heimat. Sie besucht gemeinsam mit ihren Freundinnen im Rhein-Energie-Stadion im Müngersdorfer Sportpark die Männerbundesligaspiele des 1.FC Köln, sofern die Zeit es erlaubt. Im selben Stadion wird im Juni die VIII. Gay Games Cologne 2010 das Fußballturnier gleichzeitig als schwul/lesbischeFußballweltmeisterschaft der IGLFA ausgetragen werden. Im Programmheft verspricht der Veranstalter der Gay Spiele eine atemberaubende Sommer-Location: „Geboten wird hier, neben relaxter Urlaubsatmosphäre, viel loungige Musik und später am Abend ein einzigartiges Show-Programm, das von den Fußballteams aus aller Welt selbst gestaltet werden wird." „Be a part of it!" meinte eine mit schriller Kurzhaarfriseur geschmückte Frau, die mit ihren kämpferisch wirkenden Freundinnen das Duisburger Spiel anfeuerte, zu den kommenden Gay Games in den nächsten Wochen.
 
Respekt
 
„Wir haben uns das Leben selber schwer gemacht und die hundertprozentigen Chancen nicht rein gemacht, deswegen mussten wir bis zum Ende zittern. Es war kein schönes Spiel von uns, aber das Publikum war fantastisch. Respekt an die Stadt Köln, den DFB und alle Helfer. Es war wunderschön, hier spielen zu dürfen. So macht Fußballspielen Spaß”, meinte die mit 28 Toren erfolgreiche Bundesliga Torschützenkönigin Inka Grings. Der FCR 2001 Duisburg hat mit seinem Erfolg gegen den FF USV Jena zum zweiten Mal in Folge den DFB-Pokal gewonnen. Doch trotz klarer Überlegenheit und zahlreicher Chancen trennte am Ende beide Teams nur ein Tor.
 
Da simmer dabei, dat is prima
 
Jenas Spielerinnen waren als krasse Außenseiterinnen nach Köln gekommen. Nur zu gut erinnerte sich jede an die 0:7 Schlappe des 1.FFC Turbine Potsdam im Vorjahr gegen den FCR 01 Duisburg. Den Frauen aus dem thüringischen Jena war die Ehrfurcht deutlich anzumerken, weniger auf dem Spielfeld als beim Frühstück. Jenas Mannschaftsführerin Yvonne Hartmann berichtete: „Vor dem Spiel haben unsere jungen Spielerinnen beim Frühstück keinen Bissen runter bekommen. Da hatten einige bei uns die Hosen voll." Die Siegtorschützin Annike Krahn meinte: „Ich habe in der Situation selbst entschieden mit nach vorne zu gehen, das war nicht abgesprochen. Die Abwehrspielerinnen von Jena hatten mich vermutlich nicht so ganz auf der Rechnung und ich konnte frei ins Tor köpfen." Supertorfrau Jana Burmeister bekannte: "Ich bin stolz, dass wir so lange das 0:0 gehalten haben und so lange Paroli bieten konnten. Nach dieser guten Leistung
freue ich mich auch mehr als dass ich traurig bin über die Niederlage." DFB Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg: „Es war ein sensationeller Pokaltag. Es ist natürlich super, dass wir den Zuschauerrekord aufgestellt haben. Wir wussten, dass die Kölner ein fußballverrücktes Volk sind, aber dass sie so verrückt sind, davon bin ich nicht ausgegangen." Da simmer dabei, dat is prima. (PK)


Online-Flyer Nr. 250  vom 19.05.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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