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Aktueller Online-Flyer vom 30. August 2016  

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Lokales
Die Erde nur von unseren Nachkommen geliehen
Bayer und das Bienensterben
Von Manfred Gerber

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte Ihnen als Mitglied des Umweltbund e.V. einen Überblick zur Situation der Bienenvölker und Nutzinsekten sowie deren Umfeld in Deutschland verschaffen. Leider ist das Wohl unserer Bienen mit dem Erfolg der Geschäftstätigkeiten der Firma Bayer AG eng verknüpft, denn unsere Bienen sammeln Nektar und Pollen die Ihre Produkte aus dem Pflanzenschutzmittelbereich enthalten, wie lecker!“ So beginnt die Rede von Imker Manfred Gerber auf der Bayer-Aktionärsversammlung am 30. April in Leverkusen. Die Redaktion.

"Wie Sie, meine sehr verehrten Aktionärinnen und Aktionäre sicherlich ahnen können, sind diese Mittel sehr wirksam. So wirksam, dass Pestizidrückstände im Bienenbrot und im Honig unsere Bienen derart schädigen, dass ein Imkern in Koexistenz zur konventionellen Landwirtschaft nicht mehr möglich zu sein scheint. In diesem Winter 2009/2010 sind nach Schätzungen von Fachleuten des Umweltbund e.V. in Deutschland je nach Region zwischen 30 und 60 % der Bienenvölker verendet. Das sind im Schnitt etwa 20 - 50 % mehr als üblich.
 
Diese Zahlen zeigen mehr als deutlich, dass die Faktoren, die zum Bienenvolk-Sterben führen, heute andere sind, als vor 20 oder gar 100 Jahren. Anfang des 20ten Jahrhunderts hielten Imker in Deutschland 4 Millionen Bienenvölker. Vor zehn Jahren war es noch eine Million. In diesem Frühjahr sank die Zahl auf knapp 500000 Bienenvölker. In Anbetracht dessen, dass die Biene als das drittwichtigste Haustier gilt, eine mehr als Besorgnis erregende Zahl.
 
Sehr geehrter Vorstand,
 
ich möchte Ihnen nun aufführen, in wie weit die Firma Bayer AG einen Hauptteil der Schuld an diesem Debakel trägt. Untersucht man das Bienenbrot, also die Nahrung unserer Bienen, findet man einen Mix aus etwa 50 chemischen Substanzen. Zum größten Teil sind das Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, auch von der Firma Bayer AG.

Während vor einem Jahrzehnt diese Gifte gegen Insekten, Pilzkrankheiten, Nagetiere und Unkräuter auf die von Schädlingen betroffenen Pflanzenteile aufgebracht wurden, um beispielsweise Nutzinsekten nicht zu gefährden, gelangen heutzutage viele Pestizide bequemer Weise über den Boden in alle Pflanzenteile der Nutzpflanze.
 

Manfred Gerber, verantwortungsvoller Imker aus Viernheim
Quelle:
Umweltbund e.V

Diese Gruppe der systemischen Pflanzenschutzmittel bereitet Bienenzüchtern und Naturschützern auf der ganzen Welt größte Sorgen und ist verantwortlich für eine der größten Umweltskandale durch die chemische Industrie in dieser Dekade. Die Firma Bayer AG hat in diesem Sektor die Nase vorn. Insbesondere von den so genannten Neonicotinoiden verkauft die Firma Bayer AG mehrere Insektengifte mit verheerenden subletalen Nebenwirkungen und richtet damit weltweit erheblichen Schaden an.
 
Clothianidin, das giftigste dieser systemischen Pestizide, war im Jahr 2008 nachweislich für ein Bienensterben in Süddeutschland verantwortlich, bei dem mehr als 12.500 Bienenvölker verendeten. Die Dunkelziffer liegt weit höher.
 
Wer meint, dass dieses nachgewiesener Maßen sehr bienenschädliche Mittel inzwischen vom deutschen Markt genommen wurde, der irrt sich gewaltig und unterschätzt den Einfluss der Firma Bayer AG auf die Landwirtschaftsminister der Bundesländer.
 
Wie konnte es dazu kommen, dass man in unserem Land durch einseitige Interessen einer Industriesparte die Interessen der Imker, deren Arbeit für die nachhaltige Entwicklung unserer Natur extrem wichtig ist, einfach unter den Tisch kehrt?
 
Vor einem Jahrzehnt war noch die Biologische Bundesanstalt für den Nachweis der Bienengefährlichkeit eines neu zugelassenen Pflanzenschutzmittels verantwortlich. So wurden zwar die Interessen der Industrie gerne gehört, die Prüfung der Schädlichkeit von chemischen Substanzen wurde aber durch den Bund durchgeführt und verantwortet.
 
Heutzutage erledigt die Firma Bayer AG diese Aufgabe gleich selbst. Allerdings mit dem Haken, dass in Ländern, die diese Studien kritisch betrachten, diese Ergebnisse als unwissenschaftlich dargestellt werden und eine Zulassung verwehrt wird. Es muss also keinen wundern, das ein Mittel hierzulande als Bienen-ungefährlich eingestuft wird, welches in Frankreich oder Italien verboten ist.
 
Warum haben sie weiterhin auf eine erneute Zulassung dieses Insektenkillers gedrängt, obwohl ihnen bekannt war, dass das Neonicotinoid Clothianidin eindeutig für Bienen gefährlich ist und in Süddeutschland für mehr als 12500 tote Bienenvölker verantwortlich war?


Gift in der Nahrung: Honigbiene bei der Pollenernte
Quelle: 
JPW Peters / pixelio
 
Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus den USA belegt, dass im Schnitt 6,7 chemische Wirkstoffe in Bienen, Bienenwachs, Pollen oder Pflanzenproben gefunden werden. Wie diese unzähligen Giftkombinationen subletal auf Bienen und Nutzinsekten wirken, wird von dem Pflanzenschutzmittelhersteller nicht untersucht.
 
Meine Damen und Herren,

hier ist der Fehler im System. Ein, zwei Flaschen Schnaps täglich bringt sie innerhalb 48 Stunden nicht um. Macht sie auf Dauer aber sicher nicht überlebensfähig. So verhält es sich mit den Versuchen, die die Firma Bayer AG zur Bienengefährlichkeit durchführt und vom Julius-Kühn-Institut geheim halten lässt. Subletale Wirkungen und Kreuzwirkungen auf Nutzinsekten werden ignoriert und damit diese nützlichen Helfer gleichsam aus Profitinteressen geopfert.
 
Da nützt es auch nichts, Herr Wenning, wenn Sie wieder die Märchen von den Bienenkrankheiten erzählen. Machen Sie erst mal Ihre Untersuchungen zu subletalen Wirkungen und Kreuzwirkungen Ihrer Insektizide, denn wir gehen davon aus, dass daraus diese Krankheiten resultieren.
Wen wundert da noch, dass sie in den USA als Werbung für Ihr neues Produkt Movento auf Feldversuche mit Bienenvölkern hinweisen, bei denen gerade noch 12,5 Prozent der Versuchsvölker nach 8 Monaten überlebt haben.
 
Sehr geehrter Vorstand,
 
sind das die Zustände, die wir Imker in Deutschland in Zukunft zu erwarten haben, wenn unsere Landwirte weiterhin zu Pflanzenschutzmitteln der Firma Bayer AG und Co greifen?
 
Auch in Nordamerika erlitten Sie mit Ihrer Zulassung für Movento Schiffbruch, nachdem durchsickerte, dass die Risiken für Bienen bei der Zulassung gar nicht berücksichtigt wurden.
 
Waren Sie da nicht etwas voreilig? Noch gibt es Bienen, die Sie im Interesse der Menschheit und unserer Nachkommen berücksichtigen sollten.
 
Doch zurück zum Nutzinsekten- und Bienenkiller Nummer 1, dem Clothianidin der Firma Bayer AG. Während herkömmliche Pflanzenschutzmittel auf den jeweils befallenen Pflanzenteil gesprüht werden, um dort beispielsweise gegen Schadinsekten zu wirken, vergiftet man mit dem systemisch wirkenden Clothianidin zuerst den Boden, um den Wirkstoff in die Pflanze zu bekommen.
 
Zu Recht wurde diesem in kleinsten Dosen wirksamen Nervengift im letzten Jahr die Zulassung für den Maisanbau entzogen. Doch das nützte nichts. Das Neonicotinoid wurde bei anderen landwirtschaftlichen Kulturen weiterhin angewendet. Eine Katastrophe für die Umwelt, denn Clothianidin reichert sich je nach Bodenart nach mehrmaligen Anwendungen im Boden an und wird nur sehr langsam abgebaut.
 
Hier lagert das Gift mit einer Halbwertszeit von bis zu drei Jahren, um alle nachwachsenden Pflanzen für Insekten wiederum in Giftpflanzen zu verwandeln.
 
Warum haben Sie, trotz der eindeutig nachgewiesenen Bienenvolk-Gefährlichkeit und aufgrund der schlechten Abbaueigenschaften, das Mittel nicht sofort vom Markt genommen?
 
Aufgrund des grenzenlosen Vertrauens unserer Landwirtschaftsminister in die deutsche Chemieindustrie wurde in diesem Frühjahr sogar eine Sonderzulassung für Santana, ein Clothianidingranulat, erteilt, um dieses Insektengift wieder für den Maisanbau verfügbar zu machen..
 
Trotz Protest aller Imkerverbände, trotz Verbot dieser Insektizide beispielsweise in Frankreich und Italien und im Bewusstsein der extrem hohen Rückstandsgefahr, bieten Sie den Wirkstoff weiterhin als bienenungefährliches Insektizid an und nehmen zudem eine Verseuchung der Böden in Kauf.
 
Liebe Aktionäre,
 
rechtfertigt der Profit, dass man die Natur dauerhaft mit Giftstoffen belastet und damit Umwelt und den Menschen Schaden zufügt?
 
In Gebieten, in denen die Neonicotinoide der Firma Bayer AG sich seit mehreren Jahren im Boden angereichert haben, überleben Bienenvölker kaum länger als ein halbes Jahr. Hummeln und andere Nutzinsekten kann man an einer Hand abzählen, wenn man noch welche findet.
Wie es um das Leben unterhalb der Bodenkrume steht, können Sie sich denken.
 
Schießen sie nicht weit über das Ziel hinaus, wenn Sie ganze Landschaften mit Ihren Insektiziden fast insektenleer machen, um einige Schadinsekten an Maispflanzen zu töten, die man auch mit simplem Fruchtwechsel vermieden hätte?
 
In den USA verursachen die seit 2006 alljährlich auftretenden Bienenvolk-Verluste von über 30 Prozent einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von etwa 15 Milliarden Dollar. Mittlerweile deuten alle Untersuchungen darauf hin, dass das in der Nahrungskette der Nutzinsekten gefundene Grundrauschen aus Agrochemikalien letztlich für diese Unkosten verantwortlich ist. 1)
 
Wenn wir in Europa in Zukunft weiterhin von den Vorzügen der Nutzinsekten und deren enormer Dienstleistung profitieren wollen, darf das Ministerium für Ernährung Landwirtschaft und Verbraucherschutz der Firma Bayer AG nicht weiterhin einen pauschalen Persilschein ausstellen, sondern muss wie unsere fürsorglichen Nachbarländer Gifte und deren Verträglichkeit selbst prüfen und darüber entscheiden.
 
Subletale Wirkungen und Kreuzwirkungen von Pflanzenschutzmitteln dürfen dabei nicht weiterhin ignoriert werden. Die Biene, sowohl Wild- als auch Honigbiene, muss als Leittier einer intakten Kulturlandschaft gelten.
 
Aus Sicht des Umweltbund e.V. ist es bereits fünf nach zwölf. Um in Zukunft ein großflächiges Aussterben der Bienen und des Nutzinsektenbestandes und ein damit verbundenes Artensterben zu verhindern, fordern wir daher das sofortige Verbot aller systemischen Pestizide, denn
 
Diese Erde gehört nicht uns, wir haben sie von unseren Nachkommen geliehen.“ (HDH)

1) Nach Mitteilung des Verfassers dieses Artikels wurde versehentlich eine falsche Fassung geschickt. In diesem Absatz muss es heißen:

"So haben nach einem Bericht von US-Experten des Agricultural Research Service vor allem darum Sorge, weil Bienen eine große wirtschaftliche Bedeutung für die Landwirtschaft haben. Es geht nach Angaben der Behörde um Früchte und Pflanzen im Wert von etwa 15 Milliarden US-Dollar, die von der Bestäubung durch Bienen abhängig sind. Alljährlich auftretende Bienenvolkverluste in der Größenordnung von 30 Prozent hinterlassen einen schwer bezifferbaren Schaden, sicherlich in Milliardenhöhe. Mittlerweile deuten die meisten Untersuchungen darauf hin, dass das in der Nahrungskette der Nutzin­sekten gefundene Grundrauschen aus Agrochemikalien letztlich dafür verantwortlich ist." Die Redaktion, 7.5.2010
 
Manfred Gerber ist Imker aus Viernheim und erinnerte in seiner Rede auf der Hauptversammlung der Bayer AG am 30.April 2010 Vorstand und Aktionäre an ihre Verantwortung gegenüber der Umwelt und den Menschen.

 


Online-Flyer Nr. 248  vom 05.05.2010

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