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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Sport
Potsdam und Essen im Pokalhalbfinale ausgeschieden
Aufgepasst: Jena in Köln im Finale
Von Bernd J.R. Henke

Beide DFB-Pokal-Halbfinalspiele der Frauen gewannen am Ostersamstag die gastgebenden Heimmannschaften. Der FCR 01 Duisburg und der FF USV Jena ziehen in das Endspiel ein. Sie wurden von ihren Fans lautstark und temperamentvoll gefeiert. Pokaltugenden der Stunde waren an beiden Schauplätzen Mut und nicht Zaghaftigkeit, waren Nervenstärke und nicht Nervosität, waren gefährliche Distanzschüsse und nicht Gefummel im Strafraum. Die unterlegenden Mannschaften im Ernst-Abbé-Sportfeld in Jena und im PCC-Stadion in Duisburg-Homberg scheiterten an sich selbst, denn sowohl die SG Essen-Schönebeck als auch der 1.FFC Turbine Potsdam waren spielerisch durchaus gleichwertig.


Köln - wir kommen! Dribbelkünstlerin aus
Jena: Genoveva Anonma
Fotoagentur 2Hartenfelser
Doch an diesem Tag entschied nicht die körperliche Fitness, sondern die mentale Einstellung jeder einzelnen Spielerin. Scheinbar gelang es den beiden Trainerinnen Heidi Vater (USV) und Martina Voss-Tecklenburg entschlossener und besser als ihren männlichen Trainerkonkurrenten, ihre Frauenteams mental auf den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit und der Fans einzustimmen. Weibliche Entschlossenheit und Sensibilität schlug die sogenannte männliche Objektivität eines Ralf Agolli und die dialektische Denkart (aktiv/reaktiv) des Patriarchen Bernd Schröder mit seinem stetig wachsenden Trainerstab. Nicht nur dass Deutschlands Fußballfrauen zum ersten Mal in Köln einen eigenen Endspielrahmen ohne Männerfußball haben werden, nein deutsche Sportöffentlichkeit aufgepasst: Nicht nur spielen die Frauen für den DFB international den erfolgreicheren Fußball, erfolgreicher sein werden im ersten emanzipierten deutschen Pokalfinale auch die Trainerinnen. Weiblicher und fortschrittlicher geht es gar nicht.
Der Zuspruch des Publikums im Ernst-Abbé-Sportfeld war so groß, dass das Spiel eine Viertelstunde später angepfiffen werden musste. Gemeldet wurden dem DFB zwar 2713 zahlende Zuschauer, aber gegen 14:00 Uhr waren die Kassierer derart überlastet, dass man an beiden Haupteingängen letztlich jeweils circa 600 bis 700 wartende Fans ohne Ticket durch die Sperren lotsen musste. Fußballbegeisterung pur in Thüringens Universitätsstadt. Damit hatte in Jena keiner gerechnet. Inoffiziell fasste die tolle Kulisse bestimmt knapp 4000 Zuschauer. Punkt 14:15 Uhr pfiff dann FIFA-Schiedsrichterin Martina Storch-Schäfer (Petersberg) an. Die Spielerinnen der Gästemannschaft aus Essen standen mit strahlend neongelben Trikots und weißen Hosen den in einfarbig Blau aufgelaufenen Gastgeberinnen gegenüber.

Doppelschlag

Nachdem in den ersten Minuten der Anspannung nicht viel passierte, übernahmen die Gastgeberinnen das Kommando auf dem Spielfeld. Chancen wurden mit spielerischen Mitteln erarbeitet, vor allem dribbelte Jenas Stürmerin Genoveva Anonma im und am gegnerischen Strafraum Essens Verteidigerinnen Knoten in die Beine. Jena kombinierte sich im Minutentakt vor den gegnerischen Strafraum, nutzte jedoch zunächst seine Chancen nicht. Essen-Schönebeck spielte in der ersten Halbzeit zu zaghaft, waren sie doch eigentlich von der Papierform her die technisch versiertere Mannschaft. Jena spielte sich geduldig immer wieder vor das Gästetor. Es dauerte allerdings vierzig Minuten bis das 1:0 fiel.


Vorbild Yvonne Hartmann (FF USV Jena)
Fotoagentur A2 Hartenfelser
Mittelfeldspielerin Ivonne Hartmann besorgte die Führung durch einen Freistoß aus zwanzig Metern - Torhüterin Lisa Weiß bekam den in die Torwartecke geschossenen Ball nicht zu fassen. Die von Weiß gut gestellte Mauer öffnete sich zu früh. Kurz danach schickte Jenas Anna Höfer die flinke Genoveva Anonma mit einem langen Pass aus der eigenen Hälfte, die die Nationaltorhüterin Lisa Weiß mit einem klassischen Heber zum 2:0 überwand (42.). Es fiel auf, dass die gesamte Essener Hintermannschaft, vor der Nationaltorhüterin Lisa Weiß stehend, der Drucksituation vor dem großen Publikum zu spielen nicht gewachsen war. Lisa Weiß konnte dieses Manko ihrer Viererkette nicht ausgleichen. Aufbäumen

Nach der Pause bäumten sich die Gäste auf, Jena zog sich erst mal zurück. Durch die Einwechselung der U19 Nationalspielerin Sofia Nati bekam das Essener Mittelfeldspiel mehr Kombinationsstärke und Direktheit. Die Stürmerinnen Kyra Malinowski und Stefanie Weichelt fanden nun Wege, die Jenaer Hintermannschaft in Verlegenheit zu bringen. Ein Essener Lattenschuss hätte sicherlich auch den Anschlusstreffer ergeben können. Jenas Torfrau Jana Burmeister bewährte sich mit drei tollen Paraden in der Drangphase der sichtlich aufgewachten Essenerinnen. Trainerin Heidi Vater bemerkte sehr früh den konditionellen Einbruch ihrer Mannschaft und wechselte in der 64. Minute für die unermüdlich kämpfende Sylvia Arnold die 19-jährige Lisa Seiler ein. Kaum hatte Lisa Seiler auf dem rechten Flügel den ersten Ballkontakt, überrannte sie die Essener Abwehr, sah Genoveva Anonma, im Strafraum mitlaufen, die wiederum den Querpass aus Nahdistanz vor der glücklosen Torhüterin Lisa Weiß annehmen konnte und zur endgültigen Entscheidung den Ball im Netz versenkte (75.) zum 3:0 (2:0) Endstand. Die Kampfmoral der SG Essen-Schönebeck ließ in keinster Weise nach. Dadurch erspielte sich Essen bis zum Schluss verdiente Chancen zum Ehrentreffer. Der tief enttäuschte SGS-Trainer Ralf Agolli war im direkten Trainervergleich an diesem Tag der Unterlegene, die Jenaer Sportpädagogin Heidi Vater hatte die Nase vorn, ihre Mannschaft ging mit dem Druck besser um. Ein Traum wird wahr. Jena fährt am 15. Mai zum Endspiel nach Köln.


Freude im Ernst-Abbé-Stadion in Jena  | Foto: USV Jena

Im zweiten Pokalspiel des Tages schied der 1.FFC Turbine Potsdam mit einer bitteren 0:1 (0:0) Niederlage aus. Das Interesse der Zuschauer in Duisburg hielt sich mit 1899 zahlenden Zuschauern in Grenzen. Die Universitätsstadt Jena mit nur knapp 100.000 Einwohnern gegenüber Duisburgs 485.000 hatte da mehr auf die Beine gebracht. Die Medien-Offensive in Thüringen durch eine verstärkte Berichterstattung im Vorfeld in thüringischen Tageszeitungen und Interviews in Online-Zeitungen und Stadtportalen zeigte seine Wirkung. Da der Abpfiff auf 13:00 Uhr im Duisburger PCC-Stadion vorverlegt wurde, konnte das komplette Pokalspiel in den dritten Programmen des WDR und rbb live übertragen werden. Für solch ein Spitzenspiel sicher angemessen, was da der öffentlich-rechtliche ARD-Fernsehkanal den Europameisterinnen auf dem Feld an Referenz zollte. "Duisburg hat verdient gewonnen", anerkannte sogar Turbine-Cheftrainer Bernd Schröder nach dem Abpfiff der Partie. Das Duell der Trainer gewann diesmal FCR-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg. Die Gastgeberinnen zeigten den größeren Siegeswillen und auch über die meisten Phasen des Spiels die bessere Spielanlage. Potsdam tat sich hingegen schwer, wirkte oft einen Schritt langsamer und fand nicht wirklich ins Spiel. Der Potsdamer Trainerstab um Fußball-Patriarch Bernd Schröder war sichtlich überfordert. Fußballexperte Johann Blaha analysierte: „Im Fußballgeschäft kommt es in Pokalfights zweier Spitzenmannschaften auf die Tagesform und vor allem auf mentale Einstellung und Kampfbereitschaft an. Turbine Potsdam wirkte überspielt. Heute entschied nicht die Kondition, heute entschied die Motivation. Trainerin Voss-Tecklenburg gelang es, ihre Mannschaft nach zwei Niederlagen in der Meisterschaft besser anzustacheln.“

Unkonzentriertheiten

Duisburgs Trainerin hatte im Vorfeld bereits die Taktik, „ein schnelles Tor zu machen", angekündigt. Folglich drückten die "Löwinnen" ihre Gäste in der ersten Viertelstunde nahezu durchgängig in deren Hälfte, ohne dass ihr Offensivdrang sich in Toren aufwog. Das Glück lag bei Turbine, als ein platzierter Schuss von Inka Grings aus zwanzig Metern rechts vor dem Tor am linken Pfosten landete. Das Glück blieb, als wenig später Potsdams junge Torfrau Anna Felicitas Sarholz auf dem Posten war und einen Grings-Kopfball aus dem rechten Tordreieck herausfischte (9.) und der Nachschuss am Außennetz landete. Nach gut fünfzehn Minuten fanden die Brandenburgerinnen besser ins Spiel, jedoch leisteten sie sich unerklärliche Ballverluste und Unkonzentriertheiten. Wirklich gefährlich wurde es für Duisburgs Nationaltorhüterin Ursula Holl nur, wenn die “Turbinen“ schnell und direkt in die Spitze spielten, was jedoch viel zu selten der Fall war. Echte Torchancen blieben auf beiden Seiten Mangelware. Die größte Chance hatte Potsdam nach einer schnellen Aktion durch Anja Mittag, die von der linken Strafraumgrenze präzis abzog. Ursula Holl wehrte den platzierten Schuss jedoch ab, Yuki Nagasato und Tabea Kemme in Reichweite des Abprallers konnten jedoch nichts aus der Situation machen (31.). Das erwartet große Duell der Giganten verkümmerte zunehmend. Während den “Löwinnen“ in der Spitze meist die letzte Anspielstation fehlte und dadurch die vielen Offensivaktionen versandeten, ließen die "Turbinen" ihren Zug zum Tor zu oft vermissen und blieben dementsprechend harmlos. Beide Teams neutralisierten sich weitgehend.

Gefährliche  Fernschüsse

Nach dem Seitenwechsel brachte die Einwechslung von Fatmire Bajramaj, die wegen einer im Training erlittenen Knieverletzung nicht von Beginn an spielte, keine wesentliche Belebung des Turbine-Spiels. Fußballexperte Johann Blaha meinte dazu: „Wer eine verletzte Bajramaj in der zweiten Halbzeit bei einem 0:0 Spielstand ins Spiel einwechselt, kann auch mit zehn Spielerinnen antreten. Bei Potsdams Spielerinnen-Reservoir kann doch eine verletzte Bajramaj jeder Zeit ersetzt werden. Schröder hat mit dieser Fehlentscheidung wohl ein besseres Ergebnis verschenkt. Bajramajs falscher Ehrgeiz half der Mannschaft nicht.“

Duisburgs Offensivverteidigerin Alexandra Popp hatte die schwerste Arbeit zu verrichten:Torjägerin Anja Mittag kalt zu stellen. Popp bugsierte Mittag weitgehend auf das Abstellgleis. Mit heruntergeklapptem Visier holte sie das letzte aus ihrem Körper heraus und setzte zudem Akzente nach vorne. Trotzdem gelang Anja Mittag ein gefühlvoller Heber von der rechten Strafraumgrenze, der knapp über dem linken Tordreieck landete (54.) Auf der anderen Seite wurde es kurz darauf brenzlig, als Annemieke Kiesel einen zwanzig Meter Freistoß aus linker Position flach in den Potsdamer Strafraum (57.) brachte. Potsdams 17-jährige Torfrau Anna Felicitas Sarholz klärte die Situation souverän.

Die Entscheidung

Wenig später war es dann jedoch soweit - es klingelte. Und zwar im Gehäuse der Potsdamerinnen. „Ein zu erwartendes Tor", resümierte Bernd Schröder nach dem Abpfiff. Nationalspielerin Linda Bresonik nahm ihr Herz in die Hand, ging zunächst nahezu ungestört durchs halbe Spielfeld, ließ sich auch von Jennifer Zietz nicht aufhalten und zog schließlich - völlig ungestört vom Gegner - aus zwanzig Metern zentral vor dem Tor ab: der Ball landete im rechten Eck zum 1:0 (63.). Potsdam musste nun die Schlagzahl erhöhen, aber agierte nicht zwingend genug. Die Mannschaft war mental überfordert. Duisburg agierte defensiv jetzt geschickt und versuchte gleichzeitig immer wieder, den Vorsprung weiter auszubauen. Die beste Möglichkeit hatte dabei die eingewechselte Eunice Beckmann, gegen die Anna Felicitas Sarholz jedoch stark „Frau gegen Frau“ per Fußabwehr klärte (88.). Potsdam war geschlagen. Potsdams Kapitänin Jennifer Zietz resümierte enttäuscht: „Es lief einfach nicht, zudem haben wir Führungsspielerinnen mit Ausnahme von Babett Peter zu wenig Verantwortung übernommen. Pokalspiele sind immer Kampfspiele, da kann man spielerisch nie so glänzen, sondern muss für den Erfolg auch arbeiten. Das ist uns heute einfach nicht gelungen, das ist bitter." Durch den knappen, aber verdienten Erfolg beendete das Duisburger Team die Siegesserie des 1. FFC Turbine Potsdam und steht somit im Finale am 15. Mai in Köln.

Familien-Event 

Es wird das erste Frauenpokalendspiel sein, was eine längere Verweildauer der Familien bringen wird. „Das Marktpotenzial bei den Männern ist im Fußball fast vollständig ausgeschöpft, bei den Frauen liegt es bis jetzt noch fast vollständig brach“, sagte Marianne Meier, Projektleiterin und Geschlechterforscherin von der Swiss Academy for Development (SAD), dem Zentrum für Sport und Entwicklung,“ Deshalb unternimmt die Sportindustrie alles, um die weibliche Fußball-Leidenschaft zu wecken.“ Der kommerziell unterentwickelte Frauenfußball soll deshalb auch in der Vermarktung neue Wege gehen. Volle Stadien sollen die TV-Anstalten zu mehr Übertragungen animieren. Bei Länderspielen geht dieses Konzept inzwischen hervorragend auf, und auch bei Großereignissen wie Weltmeisterschaften. Denn je mehr Frauen und Kinder im Stadion, desto aggressionsloser ist die Stimmung, wie Studien ergaben. Nach dem großem Zuschauerzuspruch in Jena ist davon auszugehen, dass das Finale im Kölner Rhein-Energie-Stadion trotz oder auch wegen der Fernseh-Übertragung ausverkauft sein wird. „Der FF USV Jena wird sicherlich für das erfolgverwöhnte Team von Champions League Gewinner und Titelverteidiger FCR 2001 Duisburg ein ernstzunehmender Finalgegner sein. Die Region um Jena, ganz Thüringen, wird sich engagieren“, meinte Jenas Vereinsvizepräsident Professor Dr.Werner Riebel am Ende dieses ereignisreichen Tages. (PK)

Online-Flyer Nr. 244  vom 07.04.2010

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