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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2016  

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Globales
Äußerungen von Ahmadinedschad zum Holocaust verfälscht
Wie Medien den Iran-Krieg vorbereiten
Von der Gruppe Arbeiterfotografie

Irans Präsident Ahmadinedschad, den die Bush-Regierung - nach einem Bericht des bekannten Journalisten Seymour Hersh vom Wochenende - mit einem Militärschlag in Teheran stürzen will, denkt angeblich über einen Deutschlandbesuch anlässlich der WM nach.

Ahmadinedschad ist gegen die Existenz Israels. Er will nicht nur, dass das "zionistische Regime", sondern auch der Staat der Juden aus Palästina verschwinden - am besten nach Deutschland, durch dessen Nazi-Regierung und deren Helfer sechs Millionen Juden ermordet wurden. Aber: Er leugnet nicht den Holocaust, wie gewisse Medien und Politiker behaupten, um für Bushs Kriegspläne Stimmung zu machen. Er weiß offenbar nur zu wenig darüber. Deshalb sollten ihn Außenminister Steinmeier und Innenminister Schäuble, die gerade öffentlich darüber nachdenken, ob sie den Präsidenten des Iran zur WM ins Land lassen sollen, auch zu einem Besuch von Auschwitz und Buchenwald einladen. Die Redaktion

"Die Bundesregierung verurteilte die erneuten israelfeindlichen Äußerungen Ahmadinedschads als schockierend. Ein solches Verhalten sei nicht hinnehmbar, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. [...] Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Äußerungen Ahmadinedschads 'unfassbar'", lesen wir am 14.12.2005 bei tagesschau.de.

Aber nicht nur Außenminister Steinmeier und die Bundeskanzlerin Merkel behaupten es, auch die Bild-Zeitung behauptet es, tagesschau.de behauptet es, Teile der Friedensbewegung behaupten es, US-Präsident George W. Bush behauptet es, die 'Blätter für deutsche und internationale Politik' behaupten es, CNN behauptet es, die Heinrich-Böll-Stiftung behauptet es: Irans Präsident Ahmadinedschad leugne den Holocaust.

Worauf beruhen diese Behauptungen? Es sind im Wesentlichen Meldungen von zwei Tagen - vom 14.12.2005 und vom 11.2.2006.

"Der iranische Präsident Machmud Ahmadinedschad hat seine Verbalattacken gegen Israel und den Westen verschärft und den Holocaust geleugnet. Statt die israelischen Angriffe gegen die Palästinenser zu thematisieren, 'widmet sich der Westen dem Märchen vom Massaker an den Juden', sagte Ahmadinedschad am Mittwoch in einer Rede in der Stadt Zahedan im Südosten Irans, die der Nachrichtensender Khabar direkt übertrug. Am Mittwoch erklärte er, wenn der Westen an die Ermordung von sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkrieges glaube, sollte Israel 'ein Stück Land in Europa, den Vereinigten Staaten, Kanada oder Alaska zur Verfügung gestellt werden.'" So lesen wir in einer DPA-Meldung vom 14.12.2005.

n24 verbreitet am 14.12.2006 unter dem Titel 'Irans Präsident nennt Holocaust einen Mythos': "Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat seine antiisraelischen Verbalattacken verschärft und den Holocaust als 'Mythos' bezeichnet, den Europäer als 'Vorwand' genutzt hätten, um mitten in der islamischen Welt einen jüdischen Staat zu schaffen. 'Sie haben im Namen des Holocaust einen Mythos geschaffen und schätzen diesen höher als Gott, die Religion und die Propheten', sagte der iranische Staatschef."

Die iranische Nachrichtenagentur IRNA gibt Ahmadinedschad am 14.12.2005 wie folgt wieder: "'If the Europeans are telling the truth in their claim that they have killed six million Jews in the Holocaust during the World War II - which seems they are right in their claim because they insist on it and arrest and imprison those who oppose it, why the Palestinian nation should pay for the crime. Why have they come to the very heart of the Islamic world and are committing crimes against the dear Palestine using their bombs, rockets, missiles and sanctions.' [..] 'If you have committed the crimes so give a piece of your land somewhere in Europe or America and Canada or Alaska to them to set up their own state there.' [...] Ahmadinejad said some have created a myth on holocaust and hold it even higher than the very belief in religion and prophets [...] The president further said, 'If your civilization consists of aggression, displacing the oppressed nations, suppressing justice-seeking voices and spreading injustice and poverty for the majority of people on the earth, then we say it out loud that we despise your hollow civilization.'"

In deutscher Übersetzung: "'Wenn die Europäer die Wahrheit sagen mit ihrer Behauptung, im Holocaust während des Zweiten Weltkriegs sechs Millionen Juden getötet zu haben - und sie scheinen richtig zu liegen mit ihrer Behauptung, da sie darauf Gewicht legen und diejenigen, die sich dem entgegenstellen, verhaften und einsperren - warum soll dann die Palästinensische Nation für dieses Verbrechen bezahlen? Warum sind sie in das innerste Herz der islamischen Welt gekommen und begehen Verbrechen gegen die geliebten Palästinenser und verwenden dabei Bomben, Raketen, Flugkörper und Sanktionen?' [...] 'Wenn ihr das Verbrechen begangen habt, so gebt ihnen ein Stück Land irgendwo in Europa oder Amerika und Kanada oder Alaska, um dort ihren eigenen Staat aufzubauen.' [...] Ahmadinedschad sagte, einige hätten im Namen des Holocaust einen Mythos geschaffen und schätzten diesen sogar höher als den festen Glauben an Religion und Propheten. Der Präsident sagte weiter: 'Wenn Eure Zivilisation aus Aggression, der Vertreibung unterdrückter Nationen, Unterdrückung von nach Gerechtigkeit suchenden Stimmen und dem Verbreiten von Unrecht und Armut für die Mehrheit der Menschen auf der Erde besteht, dann sprechen wir es laut aus, dass wir Eure hohle Zivilisation verachten.'"

Wir finden darin auch das bei n24 wiedergegebene Zitat wieder: "Sie haben im Namen des Holocaust einen Mythos geschaffen." Und wir erkennen, dass das etwas vollkommen anderes ist, als wir z.B. bei DPA lesen - das Massaker an den Juden sei ein Märchen. Was Ahmadinedschad ausführt, ist keine Leugnung des Holocaust. Nein! Das ist Kritik an der Verlogenheit imperialistischer Mächte, die den Holocaust benutzen, um damit kritische Stimmen mundtod zu machen und auf diese Weise leichteres Spiel bei der Legitimierung eines geplanten Krieges zu haben. Das ist Kritik an der Instrumentalisierung des Holocaust.

CNN vom 15.12.2005 zitiert wie folgt: "If you have burned the Jews, why don't you give a piece of Europe, the United States, Canada or Alaska to Israel? Our question is, if you have committed this huge crime, why should the innocent nation of Palestine pay for this crime?"

In deutscher Übersetzung: "Wenn Ihr die Juden verbrannt habt, warum stellt Ihr dann nicht ein Stück von Europa, der USA, Kanadas oder Alaskas für Israel zur Verfügung? Unsere Frage ist: wenn ihr dieses gewaltige Verbrechen begangen habt, warum soll dann die unschuldige Nation von Palästina für dieses Verbrechen bezahlen?"

Das entspricht im Kern der Wiedergabe bei IRNA. Und: Hier ist von einem gewaltigen, an den Juden begangenen Verbrechen die Rede. Auch das hat mit Leugnung des Holocaust nichts zu tun.

In einer weiteren IRNA-Meldung vom 14.12.2005 kommt der arabische Autor Ghazi Abu Daqa zu Wort. Er schreibt über Ahmadinedschad: "The Iranian president has nothing against the followers of Judaism [...] Ahmadinejad is against Zionism as well as its expansionist and occupying policy. That is why he managed to declare to the world with courage that there is no place for the Zionist regime in the world civilized community."

In deutscher Übersetzung: "Der iranische Präsident hat nichts gegen die Anhänger des Judentums [...] Ahmadinedschad ist gegen den Zionismus, wie auch seine Politik der Expansion und Besatzung. Das ist der Grund, weshalb es ihm gelingt, der Welt mit Nachdruck zu erklären, warum das Zionistische Regime in einer zivilisierten Welt-Gemeinschaft keinen Platz hat."

Dass solche Auffassungen in den Machtzentralen der westlichen Welt nicht auf Gegenliebe stoßen, wundert nicht. Aber deshalb sind sie nicht von vornherein falsch. Kritik an der aggressiven Politik der westlichen Welt, zu der auch Israel gehört, sollten wir uns zumindest anhören - auch wenn das für uns ein problematisches Feld ist.

Am 11.2.2006 sagte Ahmadinedschad gemäß IRNA: "[...] the real holocaust should be sought in Palestine, where the blood of the oppressed nation is shed every day and Iraq, where the defenseless Muslim people are killed daily. [...] 'Some western governments, in particular the US, approve of the sacrilege on the Prophet Mohammad (PBUH), while denial of the >Myth of Holocaust<, based on which the Zionists have been exerting pressure upon other countries for the past 60 years and kill the innocent Palestinians, is considered as a crime' [...]"

In deutscher Übersetzung: "Den wirklichen Holocaust sollten wir in Palästina suchen, wo das Blut der unterdrückten Nation Tag für Tag vergossen werde, und im Irak, wo die wehrlosen muslimischen Menschen täglich getötet werden. [...] 'Einige westliche Regierungen, insbesondere die USA, billigen die Lästerung des Propheten Mohammed, während das Leugnen des 'Holocaust-Mythos', auf Basis dessen die Zionisten seit 60 Jahren Druck auf andere Länder ausüben, als Verbrechen betrachtet wird' [...]"

Die Behauptung, Ahmadinedschad leugne den Holocaust, stimmt demnach in zweierlei Hinsicht nicht. Er leugnet nicht den Holocaust, sondern spricht über das Leugnen. des Holocaust-Mythos. Das ist etwas gänzlich anderes. Alles in allem spricht er über die Instrumentalisierung des Holocaust. Der Holocaust-Mythos, so wie Ahmadinedschad ihn thematisiert, ist der Mythos, der in Zusammenhang mit dem Holocaust aufgebaut worden ist, um damit - wie er sagt - Druck auszuüben. Diesen Gedanken mag man folgen oder auch nicht. Sie sind aber in keinem Fall gleichzusetzen mit dem Leugnen des Holocaust. Wenn aber der Mythos, der sich laut Ahmadindedschad mit dem Holocaust verbindet dann - wie bei DPA - zum 'Märchen vom Massaker' wird, lässt sich das nur als böswillige Falschinterpretation verstehen.

Es ist offensichtlich gelungen, die Äußerungen des iranischen Präsidenten durch Verdrehung und Verfälschung zu einem wesentlichen Element der laufenden Propagandaschlacht zu machen. Dem müssen wir entgegentreten.

Sollte jemand auf authentische Informationen stoßen, die unsere Sicht bestätigen, in Frage stellen oder um weitere wesentliche Aspekte ergänzen können, bitten wir um entsprechende Mitteilung...

www.arbeiterfotografie.com/iran


Online-Flyer Nr. 39  vom 12.04.2006

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