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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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„Unser Frankfurt ist bunt -
„miteinander statt gegeneinander“
Von Dr. Nargess Eskandar-Grünberg

Weil das Miteinander uns Menschen nicht in die Wiege gelegt ist, muss jedes Kind in einem Sozialisationsprozess dies lernen. Und wer diesen Lernprozess verpasst, dem fehlt ein ganz wesentlicher Teil am Menschsein. Es gilt zu erkennen, dass wir alle anders, aber dennoch gleich sind, was uns verbindet. Eine Gesellschaft kann auf Dauer nur in gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz des „Anderssein“ existieren. 30 Kinder und Jungendliche vom "Treff 38" in Frankfurt haben die Vielfalt und dieses Anderssein ihrer Stadt Frankfurt fotografisch entdeckt und in einer Ausstellung präsentiert. Wir zeigen eine Auswahl, das Grußwort spricht Dr. Nargess Eskandari-Grünberg. Die Redaktion.

Sehr geehrte Anwesende!

Heute Abend ist eine richtige Vernissage. Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch, dass alles geklappt hat! Ausstellungsmacher und Galleristen sind immer aufgeregt vor einem solchen großen Abend. Ihnen und Euch wird es nicht anders gegangen sein. Mein Glückwunsch geht an die beiden Projektgruppen, die das gemacht haben – und an den Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit. Sie sind für mich ein wichtiger Partner. Ich darf Ihnen vorab sagen: Lassen Sie uns darauf aufbauen!

Liebe ‚Ausstellungsmacher‘: Zu so einer Ausstellung gehört Stolz auf das, was man gemacht hat – und Ihr könnt stolz sein. Es gehört aber auch Mut

Dr. Nargess Eskandar-Grünberg
Foto: Dietmar Treber
dazu: der Mut, das eigene Werk anderen zu zeigen, auch Menschen, die man nicht kennt, also: der Öffentlichkeit. Das ist schon der erste Schritt zu mehr Miteinander: Sich anderen gegenüber zu öffnen. Und zu diesem ersten Schritt gehört Mut und Selbstbewusstsein. Es gehört auch die Erwartung dazu, dass die anderen einen verstehen. Nicht alle haben diesen Mut. Bestimmt versteht Ihr, dass Integrationspolitik daher auch Anerkennung und Respekt aussprechen und fördern muss. Und noch etwas ist wichtig. Stellt Euch zum Beispiel vor, wie Ihr Euch fühlen würdet, wenn nun andere zu Euren Bildern nur das sagen würden, was ihnen alles nicht gefällt. Zu mehr Miteinander gehört daher auch, nicht immer nur über Probleme zu reden, sondern auch über das, was gut ist. Wenn wir mehr Gemeinsamkeiten wollen, dann müssen wir diese auch selbst aktiv suchen. Ich gebe Euch mal ein Beispiel für diese Forderungen nach Anerkennung und der Suche nach Gemeinsamkeiten. Es ist ein Beispiel, an dem die evangelische Kirche nicht unbeteiligt ist: Im April letzten Jahres wurde in meinem Dezernat der „Rat der Religionen“ gegründet. Fünf Jahre Vorarbeiten waren nötig, es war also wirklich kompliziert. Erst als alle Religionsgemeinschaften - Christen, Moslems, Buddhisten, Juden, Bahai, Sikhs usw. – sich gegenseitig schriftlich ihres Respekts versicherten, - erst dann fand man Aufmerksamkeit für eine wichtige Gemeinsamkeit: Die Gemeinsamkeit ist: Alle sind – alle auf ihre Art – religiöse Menschen.





Erst als man füreinander Interesse entwickelte, entstand jenes gute Miteinander, das den Rat jetzt prägt. Jetzt haben wir einen Rat, der vieles Gute gemeinsam tun kann. Wir sind heute Abend auf einer Vernissage. Wie bei Vernissagen üblich, ist sie abends und es gibt es was Interessantes zu sehen: Photokunst. Kunst verlangt aufmerksame Betrachter. Collagen – in diesem Fall Photocollagen – verlangt aber darüber hinaus noch etwas anderes: Zusammenhängen nachzuspüren. Einige Zusammenhänge habt Ihr auf Collagen selbst hergestellt, auch durch Texte: zum Beispiel: „Moschee trifft Kirche“ oder „Handkäs trifft Döner“. Wir können aber auch einzelne Bilder in Beziehung zueinander setzen: Photos von Menschen mit Kopftuch oder Gebetsmütze zum Beispiel zu Photos, die einen fremde Blick auf Deutschland werfen: Ihr habt mir auch einige Bilder von Deutschland-Souvenirs geschickt: von Bierkrügen und Lederhosen-Puppen. Es gibt bei Euch außerdem einige Bilder der Selbstdarstellung Frankfurter Traditionen, z.B. vom Ebbelwoi-Express oder von einem urigen Holzsschild der Binding-Brauerei. Das ist gut: Wir dürfen nicht immer nur auf ‚die Ausländer‘ schauen. Integration verlangt, auch einmal sich selbst zu beobachten.
Es gibt Bilder, die sehr vielschichtig sind. Zum Beispiel eine Nahaufnahme von modisch drapierten Kopftüchern in einem Schaufenster und von Männern, die daran vorbeigehen. Da schwingt vieles mit: Modebewusstsein, Stolz, Diskriminierung, Fremdheit und Ähnlichkeit. Ich bin gespannt, auf welcher Collage ich es wiederentdecke. (Wer hat denn das photographiert?)





Eines meiner Lieblingsbilder zeigt in Nahaufnahme einen „Helal“-Kleber auf der Gummibärchentüte. Auch das lädt dazu ein, weiter nachzudenken. Vielleicht einmal so: Was wäre es für ein Anschub für den Lebensmittelhandel oder Spielwarenhandel, wenn es Sonderangebote zu anderen religiösen Festen gäbe, nicht nur zu Weihnachten, sondern z.B. auch zum Opferfest? Wäre das denkbar – oder nicht? Was meint Ihr?





Ich frage Euch, denn schon die einzelnen Bilder zeigen, dass sie von aufmerksamen Beobachtern gemacht wurden. Die Bilder machen außerdem deutlich, dass sie mehr sein wollen, als nur ein interessantes oder gar schönes Photo.





 „Eine Zukunft für uns alle“ heißt es auf einem Photo, „Auf uns kommt es an“ heißt es auf einem anderen. Einmal steht das auf einem Plakat, einmal auf T-Shirts. Eure Photos und Euer Projekt sind ein Ausdruck davon, mitmachen zu wollen. Sie sind ein Appell.




Ich verstehe diesen Appell so: Veränderung beginnt in den Köpfen und indem man genau hinsieht. Dieser Appell ist richtig. Auch in unserem neuen Integrationskonzept gehen wir diesen Weg.
Was also sehen wir auf Euren Photos, die Ihr mir geschickt habt? Vor allem Menschen. Wir sehen sie als Unternehmer, als Freunde, als Kunden, nebeneinander, im Gespräch oder auch aneinander vorbeielend auf der Straße. Wir sehen Dinge, mit denen Menschen zu tun haben und wir sehen ihre Umgebung.





Diese Umgebung ist häufig im Bahnhofsviertel, auf der Münchener Straße wart Ihr offenbar unterwegs. Auch das ist eine Aussage, auch eine Selbstaussage über Euch selbst. Denn wir Besucher können uns auch fragen: Was findet ein Photograph photographierenswürdig? Einige Besucher werden sich fragen: Warum gerade dort? Und viele werden vielleicht sagen: Weil man dort ‚Fremdes‘, ‚Unbekanntes‘ häufiger, direkter sieht als anderswo in unserer Stadt.





Doch was ist eigentlich dieses Fremde? Wir sehen Menschen in ihrem ganz normalen Alltag. Mit einem einfachen Unterschied: Sie sehen manchmal anders aus, haben anderes an, kaufen Produkte, die einige nicht kennen. Man könnte auch sagen: Na und? Fremden Alltag – das sehen wir. Wie das so ist in einer großen bunten Stadt. Wir alle wollen mehr Miteinander. Eure Ausstellung habt Ihr so genannt. Mehr Miteinander heißt daher nicht nur mehr Anerkennung und die Suche nach Gemeinsamkeiten, sondern auch: Mehr Begegnung. Wir müssen einander besser kennenlernen. Wir müssen diesen Fragen nachgehen: Wie sieht dieser andere Alltag aus?





Eure Bilder zeigen Ausschnitte. Sie laden dazu ein, die Situation weiterzudenken: Wie sieht die Wohnung aus, in die diese Einkäufe zurückgebracht werden? Wie wird die Familie abends zusammensitzen? Wart Ihr bei Ihnen zu Hause? Ich frage mich: Habt Ihr mit den Menschen geredet? Vielleicht über das Photo? Über das Motiv? Ihr habt den Eingang einer Moschee photographiert, aber habt Ihr Euch auch hineingetraut? Wisst Ihr was? Ich biete Euch an, so etwas mit Euch zu organisieren. Oder vielleicht einmal ein gemeinsames Photoshooting, zum Beispiel mit einer muslimischen Jugendgruppe, zum Beispiel in einem ‚deutschen‘ Umfeld. Machen wir doch einmal ein gemeinsames Photoprojekt. Und schauen wir, was dabei herauskommt. Würde Euch das interessieren?

Ich finde es toll, dass Ihr Euch mit dieser Stadt beschäftigt. Ich finde es wichtig, wie Ihr Eure Augen offenhaltet. Ich möchte Euch dabei gerne weiter unterstützen. Und jetzt müsst Ihr mir Eure Ausstellung einmal zeigen. Ich bin sehr gespannt! (HDH)




























Fotos: Kinder und Jugendliche des "Treff 28" in Frankfurt

Die Kinder und Jugendlichen zeigen ihre Ausstellung im Treff 38 (Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main), Stalburgstraße 38, Nordend. Die Ausstellung ist bis 26. März montags bis donnerstags von 9 bis 14.30 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr oder nach telefonischer Anmeldung unter 069 555346 zu sehen. Nähere Informationen bei Dietmar Treber, Telefon 069959149-24, E-Mail: d.treber@ejuf.de


Online-Flyer Nr. 234  vom 27.01.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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