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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Krieg und Frieden
Polnische Bauern, deutsche Soldaten und ein unvergangener Krieg
Der letzte Tag von Borów
Von Hans Georg

Das Morden begann in Szczecyn am frühen Morgen des 2. Februar 1944. Zuerst beschossen die Deutschen von einer Anhöhe aus das polnische Dorf. Dann rückten die Soldaten vor, zügig und beinahe generalstabsmäßig geplant. Sie umzingelten Szczecyn, metzelten wahllos Männer, Frauen und Kinder dahin und steckten Häuser und Ställe in Brand. Der Ort wurde vollständig vernichtet. Winicjusz Natoniewski, damals fünf Jahre alt, fing beim Versuch, inmitten des Massakers zu fliehen, Feuer. Verwandte konnten die Flammen löschen, der Junge überlebte mit schwersten Verbrennungen. Die meisten Bewohner jedoch kamen zu Tode. Eine Nachbarin des fünfjährigen Natoniewski etwa wurde grausam ermordet, hat Konrad Schuller recherchiert. Sie "kauert vor einem Soldaten, hebt ihm ein Kind entgegen, will ihm etwas sagen", beschreibt Schuller, was ihm die Überlebenden aus dem kleinen Ort berichtet haben: "Der Soldat hebt das Kind an der Ferse hoch, tötet es mit einem Pistolenschuss, dann tötet er die Frau."

"Europa hat den deutschen Terror in den Dörfern Polens nie zur Kenntnis genommen", schreibt Konrad Schuller. Man kennt die Massaker von Oradour oder Lidice, aber dass in Polen ebenfalls zahllose Dörfer vernichtet wurden, um jeglichen Widerstand mit brutalstem Terror zu ersticken, ist kaum bekannt. Allein in Szczecyn und vier weiteren Orten nahe Lublin im Südosten Polens wurden am 2. Februar 1944 mindestens 917 Menschen ermordet. Insgesamt brachten die Deutschen bei derartigen Massakern zwischen 1939 und 1945 19.000 Menschen in 750 Ortschaften um, berichtet der polnische Historiker Czes?aw Madajczyk. Dabei ist das nur ein Teil des Besatzungsterrors gewesen, der in Polen, daran erinnert Schuller, "selbst nach nationalsozialistischen Maßstäben beispiellos" war. Rund sechs Millionen Bürger des Landes kamen unter deutscher Herrschaft ums Leben - das sind 15,7 Prozent der Bevölkerung, ein höherer Prozentsatz als in jedem anderen von Deutschland überfallenen Staat. Allein in Warschau wurden doppelt so viele Menschen ermordet wie im besetzten Frankreich.

"Befehlsnotstand"

Die Täter? Sie sind nie zur Rechenschaft gezogen worden, obwohl einige von ihnen die Beteiligung an der Vernichtung ganzer Dörfer gestanden. Einen "Befehlsnotstand" machten sie geltend, und deutsche Gerichte akzeptierten dies. Schuller konnte einige wenige Fälle entdecken, in denen deutsche Soldaten ihre Opfer gewollt entkommen ließen; sie beweisen, dass die Rede vom "Befehlsnotstand" nur eine Ausrede ist. Und die Opfer? Winicjusz Natoniewski hat sich nach der Gründung der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung Anfang der 1990er Jahre um Entschädigungsleistungen bemüht, wurde aber abgewiesen, weil er keiner der vorgesehenen Opfergruppen entsprach. Sein Versuch, den Rechtsweg zu beschreiten, scheiterte bislang an der sogenannten Staatenimmunität, die hoheitliche Handlungen eines Staates - nach deutscher Auffassung gehören auch NS-Kriegsverbrechen dazu - von der Strafverfolgung durch andere Staaten freistellt. Seit ein höchstrichterliches Urteil in Italien die Staatenimmunität bei NS-Kriegsverbrechen aberkannt hat, bestehen für Natoniewski wieder Chancen, Entschädigungsleistungen zu bekommen. Das Oberste Gericht in Warschau hat seine Klage inzwischen zur Entscheidung angenommen und prüft, ob das italienische Urteil auch in Polen Nachahmung finden kann.

Den Überlebenden zugehört

"Der letzte Tag von Borów" ist ein bemerkenswerter Band. Während andere Polen-Korrespondenten deutscher Tageszeitungen modische Bücher über "Deutsche in Polen" und die "Vertreibung" der Deutschen am Ende des Krieges verfassen, beschäftigt sich Schuller, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Warschau, mit weithin ignorierten deutschen Massakern im besetzten Nachbarstaat. In mühevoller Arbeit hat er die Mordtaten nicht nur in Archiven recherchiert, sondern auch vor Ort im Südosten Polens - einer der ärmsten Gegenden in der EU, die Deutsche gewöhnlich meiden - den Überlebenden der Massaker mit großer Sorgfalt zugehört und ihre Berichte einfühlsam niedergeschrieben. Etwa einen Bericht von Marianna Gole?, die am 2. Februar 1944 mit ansehen musste, wie ein deutscher Soldat ihre Cousine umbrachte - sie wollte sich nicht zur Erschießung auf den Boden legen. Seitdem kann Marianna Gole? die deutsche Sprache nicht mehr hören, ohne Hass zu verspüren. "Nehmen Sie es nicht persönlich", sagt sie, "es ist einfach so." (PK)


Konrad Schuller: „Der letzte Tag von Borów - Polnische Bauern, deutsche Soldaten und ein unvergangener Krieg“, Freiburg im Breisgau 2009 (Herder), 200 Seiten, 17,95 Euro, ISBN 978-3-451-30116-2


Online-Flyer Nr. 234  vom 27.01.2010

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