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Aktueller Online-Flyer vom 25. September 2016  

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„Selbstgetragene Entwicklungshilfe“
30 Jahre SSM in Köln
Von Rolf Stärk

Zum 30jährigen Jubiläum der Sozialistischen Selbsthilfe in Köln-Mülheim, die 1979 eine ehemalige Schnapsbrennerei besetzte, gab es eine Festschrift. Auf die will sich Festredner Rolf Stärk nicht beziehen. Auch nicht darauf, dass die SSM ein intelligenter Fortschritt in der Stadtentwicklung war und nicht darauf, dass sich jeder hineingesteckte Euro inzwischen hundertfach getragen hat und Menschen eine Heimat gefunden haben. Er betrachtet die „selbstgetragene Entwicklungshilfe“ der SSM aus anderer Sicht. Begleitet von einer Fotoreise über 30 Jahre. Die Redaktion.

Liebe Freunde und Gäste der SSM!



Kein Chef - hat aber was zu sagen:
Rainer Kippe
Dreißig Jahre Sozialistische Selbsthilfe Mülheim, das ist an sich schon eine Sensation, aber es ist auch eine Geschichte der Geschichte dieses Stadtteils: Schon im späten Mittelalter haben die beiden bedeutendsten Städte des Mittelrheins erbittert gegeneinander konkurriert – Köln am Rhein und Mülheim am Rhein. Köln lebte von seinem raubritterhaften Stapelrecht und Mülheim wurde Handelsschwerpunkt, weil es gemeinsam mit den aus Köln vergraulten Protestanten und Juden in der Zündorfer Groov den Kölner Stapel-Raub mit Ochsenkarren umging.

Als Ende des Neunzehnten Jahrhunderts die Industrialisierung einsetzte, hatte Köln zwar noch seinen von der preußischen Brücke gedemütigten Dom, aber Mülheim hatte die Nase vorn. Felten und Guillaume, Klöckner Humboldt Deutz, Drahtwerk St. Ingbert und viele andere zum Teil noch sichtbare Industrieunternehmen zeugten von der Modernität und dem Wohlstand, mit dem Mülheim in das neue Jahrhundert aufbrach. Dazu gehörte auch, dass die Mülheimer Industriebarone trotz aller aufkommenden sozialen Verwerfungen der industriellen Revolution, die ihnen der Deutzer Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung Karl Marx täglich um die Ohren schrieb, sich hüteten, in Mühlheim englische Verhältnisse eintreten zu lassen.


Am Anfang war nicht das Wort, sondern die Besetzung


1999 entstand INA

Nachdem die Kölner es mit den offenbar auch heute noch praktizierten fiesen Methoden geschafft hatten, Mülheim einzukreisen und zu schlucken, machten sie sich an seine systematische Zerstörung: Der Kopf der Mülheimer Brücke radierte das Zentrum der Stadt aus, den einstmals großstädtischen Prachtboulevard Clevischer Ring ließen sie zu der traurigen Autowaschstraßenflucht verkommen, die wir heute vorfinden. Das Groß- und Bildungsbürgertum wandte sich ab und als es mit den Industrien bergab ging, machte sich der Stadtrat über moderne Medien- und Dienstleistungsentwicklung für den Mediapark Gedanken, nicht aber für die Mülheimer Industriebrachen.



"Alles ist Arbeit" ist das Motto von der SSM: Dachrenovierung

Zuletzt machte sich der Kölner Kulturimperialismuns über das Rechtsrheinische her: heute gibt es nicht mal mehr ein Kino hier, die Messe, die Lanxess-Arena und ihre Randbebauung schützen das Linksrheinische vor dem Verkehrsinfarkt (Mülheim ist zum Autobahnzubringer mutiert) und haben für glänzende Geschäfte einiger weniger gesorgt, die Fachhochschule wird abgezogen und warum bitte wurde die KHD-Motorensammlung hier weggeholt? Die Weltmotorisierung ging von Deutz und Mülheim aus, nicht vom Linksrheinischen! Und wie sieht heute der Spielplan der mit schwülstigem Getöse eröffneten Theaterhalle Kalk aus?


Der Zustand heute.

Nun, liebe Freunde und Gäste, wird es Zeit, über den SSM zu reden:

Ohne die vergangenen dreißig Jahre SSM gäbe es in Mülheim noch mehr Arbeitslose, weniger Wohnungen und Abrißsanierung statt Stadtsanierung. Ohne die vergangenen dreißig Jahre SSM gäbe es in Mülheim keinen Kulturbunker, kaum Selbsthilfe-Initiativen, viele denkmalgeschützte Häuser

Damals mit dabei und leitet heute das
Meditationszentrum "Stadtraum":
Werner Heidenreich
weniger und wahrscheinlich immer noch eine Betonklotz-SPD, die sich im Stadtrat die Stadt zur Beute machte und immer noch einen Heugel, der sich die Taschen füllte. Ohne die vergangenen dreißig Jahre SSM gäbe es mit Sicherheit ein kleines, aber eines der wichtigsten Industriedenkmäler weniger in Mülheim, nämlich diese Halle hier, die auf dem Abrißplan einer linksrheinischen städtischen Gesellschaft stand und die heute ihren ganzen erbärmlichen Einfallsreichtum darauf verwendet, den SSM zu schikanieren. Der SSM hat – anders als alle anderen Initiativen – dreißig Jahre überlebt, weil er nicht auf starre ideologische Ziele fixiert war, sondern sich an den Entwicklungen vor Ort orientierte und taktisch klug dort eingriff, wo es notwendig war.


Kleiderkammer mit Modenschau dürfte heute anders aussehen...

Stadtentwickler sprechen bei einzelnen herausragenden Orten im urbanen Einerlei von Baken, die der Identifikation mit dem eigenen Umfeld dienen. In Mülheim ist der SSM so eine Identifikations-Bake.

Ohne die vergangenen dreißig Jahre SSM sähe die Geschichte Mülheims ein Stück weit anders aus. Und ich wage die Voraussage, dass die vergangenen dreißig Jahre SSM und die Kraft seiner Gegenwart auch auf die Zukunft des Stadtteils und der Stadt nicht ohne Einfluß bleiben werden.

Mülheim kann sich glücklich schätzen. (HDH)



...und Spaß gabe es auch nicht nur für Erwachsene.


SSM politisch aktiv seit den Anfängen


Der Erfolg von 13 Jahren Besetzung


Gruppenbesprechung mit...


...anschließendem Einsatz


2005 dann der Oscar-Romero-Preis für großartiges soziales Engagement, ...


 ...aber für politisches Engagement gab es keinen Preis:


Barmer-Viertel-Infowagen gegen Wohnungsabriss


Protest vor der Kölner Arbeitsagentur


Inzwischen geht es sogar ein bisschen international her...


...und es gab einen "Meditationsbauwagen". In der Mitte "Anshin" Thomas, ein ehemaliger Vietnamsoldat, der zum Buddhismus wechselte, "From War to Peace", sagt er.


Heute gibt es einen schönen Yoga- und Meditationsraum


Guppenfoto 2006
Alle Fotos: Archiv SSM


Rolf Stärk ist Vorsitzender des Vereins „MachMit“. Früher war er mal Stadtverordneter der Grünen in Köln.

Online-Flyer Nr. 233  vom 20.01.2010

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