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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Medien
Über Drachenläufer, Frauenschicksale und andere Propagandatricks
KStA und Böll-Stiftung mit dabei
Von Dr. Sabine Schiffer

Dass Khaled Hosseinis Buch “Drachenläufer“ zum Beststeller geworden ist und auch gleich verfilmt wurde, scheint kein Zufall zu sein. Es ist auch nicht die Erfolgsgeschichte eines bis dato übersehenen Schriftstellers, der ob des Interesses an Afghanistan entdeckt wurde. Wer auch immer der Arzt Khaled Hosseini ist, sein Buch ist Kriegspropaganda und reiht sich ein in die ausgewählten Informationsfetzen, die wir aus Afghanistan erhalten und die nützlich sind, um uns auf den Krieg einzuschwören.
Wir sollen glauben, die Anwesenheit unserer Soldaten am Hindukusch geschähe aus Menschenfreundlichkeit oder besser: Frauenfreundlichkeit. Auch Hosseinis zweiter Titel – “Tausend strahlende Sonnen“ – bedient die eingespurten Pfade vermeintlich feministischer Hilfsreflexe: die Topoi Zwangsheirat und Polygamie dürften darum nicht zufällig gewählt sein.
 

Khaled Hosseini mit George und Laura Bush – nicht jeder Neu-Autor wird gleich zum Präsidenten eingeladen
Quelle: www.embassyofafghanistan.org
 
Dabei kann man an der sich ändernden PR-Strategie für die so genannte „Friedensmission“ in Afghanistan, ablesen, dass es nicht um Fakten und schon gar nicht um die Menschen geht, sondern um eine Stimmung, die für weitere Kampfeinsätze und militärische Aufrüstung gemacht wird – aus geopolitischen Erwägungen. Während zunächst unbedingt Osama Bin Laden gefangen werden sollte, spielt dieser heute keine Rolle mehr. Manchmal ist von der Bekämpfung des Drogenanbaus die Rede und neuerdings sogar von „kriegsähnlichem Einsatz“, der immer noch als Begleitmaßnahme von Aufbaumaßnahmen erscheinen soll. Die äußerst wohlklingende Formel „humanitäre Intervention“ vermeidet man inzwischen – spätestens seit dem Tanklasterbombardement in Kunduz ist zu offensichtlich, dass hier Menschen durch unsere Kriegführung sterben. Das Kriegsmotto für 2008 hieß noch „(allgemeine) Pflicht“ und Bündnisolidarität. Nun ist durch das Verhalten von General Mc-Chrystal klar, dass wir mitgefangen und mitgehangen werden sollen. Das ist gerecht – und gerecht sind sie ja angeblich, die aktuellen Kriege von Obama & Co., wie er bei der Friedensnobelpreisverleihung kürzlich in Oslo ungestraft behaupten durfte. 
 

Der gerechte Friedens-
nobelpreisträger
NRhZ-Archiv
Und in den Stellungnahmen zu einem Kampfeinsatz deutscher Truppen in ganz Afghanistan lässt sich das finden, was in US-Medien schon länger propagiert wird. Die Kosten sollen gleichmäßiger verteilt werden – angeblich zum Nutzen aller! Während gerade die Deutschen von der US-amerikanischen Invasion im Zweiten Weltkrieg profitiert hätten, sei es nun ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihren Beitrag zum Kampf zu leisten – so zu lesen im Kölner Stadt-Anzeiger, der Bildzeitung, so zu hören auf der so genannten „Sicherheitskonferenz“ in München. Während die seit der Auflösung des Warschauer Paktes überflüssig gewordene NATO ein Eigenleben entwickelt, scheint dieser völlig paranoiden Entwicklung ausgerechnet die Friedensbewegung als vermeintlich „irrational“ gegenüber zu stehen – interessant, wie es gelingt, hier „Emotionalität“ abzulehnen und auf der anderen Seite jedoch gerade mit „emotionalen Geschichten“ für den Krieg zu werben. Das ist jedenfalls die Strategie der PR-Agenturen, die gezielt ihre Botschaften ausstreuen: per drohender Videobotschaften, die vom CIA-nahen IntelCenter Ben Venzkes eingestreut werden, per Augenzeugenberichten (möglichst von Frauen und eingeladen durch die renommierte Böll-Stiftung) extra eingeflogener afghanischer Opportunisten im deutschen Bundestag, und per belletristisch aufbereiteter Stories vom Niedergang einer (islamischen) „Stammes“gesellschaft, dem Heldentum eines Einzelnen (US-Paschtunen und Intellektuellen) und dem sicheren Zufluchtsort USA – à la Khaled Hosseini eben.
 
“Nicht ohne meine Tochter“
 
Diesem Muster des Drachenläufers entspricht auch das Buch Betty Mahmoodys “Nicht ohne meine Tochter“. Schon vor mehr als 20 Jahren begann die Dämonisierung des Irans und des Islams mittels des Frauenbilds und zum Zwecke der Propaganda. Und wenn einige unserer Abgeordneten vor zwei Jahren für Sanktionen gegen Iran mit dem Argument entschieden, dort würden ja die Frauen unterdrückt, dann zeugt das von der Wirkung dieser Propagandastrategie. Denn eigentlich hätte es bei der Entscheidung in Bezug auf den Iran um Atomwaffensperrvertrag und Völkerrecht gehen sollen – und damit eigentlich auch um die Staaten, die wirklich den Vertrag brechen. Auch im Film Mahmoodys wird auf die Trennung der Welten gesetzt: Symbole des Islams signalisieren Gefahr und Rückschritt, das Einblenden der US-Flagge stets Fortschritt und gar die Erlösung der heldenhaften Mutter, die ihre Tochter vor den dunklen Mächten rettet. Dass es sich um ein Frauenschicksal handelt, spricht die Emotionen nun gerade der Aufgeklärten an.
 
Angela Merkels Mädchenschulen
 
Lange erprobt und bewährt, nimmt nicht zufällig gerade eine vergleichbare Geschichte in der Verfilmung von Hosseinis Drachenläufer eine dominante Stellung ein: die Steinigung einer „burkatragenden“ Frau. Die Kleidung der Gesteinigten ist ja eigentlich zweitrangig, aber inzwischen ist es Usus geworden, dass mithilfe des Themas „Burka“ jegliche kriegskritische Debatte in Bezug auf Afghanistan abgewürgt wird. Sogar das Schicksal von Kindern, die als Kriegsfolge durch Hunger, Bomben, gezielte Tötungen, Vergiftungen oder andere Krankheiten sowie der Verseuchung des Landes mit Uranmunition leiden und sterben, tritt hinter das der Burkaträgerinnen zurück. Und Angela Merkel erklärt gar Mädchenschulen zur legitimen Kriegsbegründung für das fernab Sein unserer Soldaten von ihrem verfassungsgemäßen Verteidigungsauftrag. Werden also heute im Namen von Frauenrechten Kriege geführt?
 
In der Tat können wir inzwischen auf eine lange Tradition der Instrumentalisierung von Frauenschicksalen in der Postmoderne zum Zwecke der Kriegspropaganda zurückblicken. Ob diese auf der Klaviatur „primitiver“ Beschützerinstinkte spielen oder aber das Empfinden einer eigenen „aufgeklärten“ Höherstellung suggerieren, die Zunahme an Feministen für die Anliegen von Frauen außerhalb ihres eigenen Einflussbereichs ist bezeichnend – Rechtsbruch, Gewalt und Krieg gerne in Kauf nehmend. Auch in Kauf nehmend, dass es den Frauen oftmals durch derlei „Hilfsmaßnahmen“ gar nicht besser, sondern schlechter geht: siehe Irak.
 
Beispiel Somalia
 
Auch Somalia liefert für diesen Mechanismus ein trauriges Beispiel. Wenn der ignorierte Krieg in Somalia, der seit fast 20 Jahren tobt, und die neuartigen Krankheiten in Folge dieses Krieges thematisiert werden sollen, schiebt sich sehr oft das Thema „Mädchenbeschneidung“ in den Vordergrund. Bei aller Berechtigung des Anliegens wirkt auch an dieser Stelle eine ausgeklügelte Ablenkungsstrategie. Während der Krieg als Ursache von Elend und Tod und damit unsere Verantwortung als Bündnispartner der USA in den Hintergrund tritt, kann man großzügig für die Unterstützung von Frauenanliegen eintreten. Das erhält den Status-quo und der bedeutet täglich Tote – ermöglicht weiterhin unbehelligte Verklappung und Abfischung vor den Küsten des bitterarmen Landes am strategisch wichtigen Horn von Afrika. Eine wichtige Organisation wie Terre des Femmes droht hier gar einer Instrumentalisierung aufzusitzen – ebenso wie Waris Dirie, die durch die Veröffentlichung ihrer Autobiografie “Wüstenblume“ in den 90er Jahren die Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit auf das Thema gelenkt hatte. Aufmerksamkeit ist aber ein begrenztes Gut und diese fehlt nun für die Wahrnehmung relevanter Zusammenhänge, die unter anderem dafür verantwortlich sind, dass die Beschlüsse, die es in Sachen „Mädchenbeschneidung“ gibt, nicht eingehalten werden können – etwa die Anerkennung als Asylgrund. Dass Dirie Sonderbotschafterin der UNO gegen diese Praxis der Genitalverstümmelung geworden ist, darf ruhig ein kritisches Licht auf die Rolle der UNO werfen, die symbolisch viel, aber faktisch wenig für Menschen- und Völkerrecht tut – jedenfalls nicht für alle gleich.
 
Krieg gegen Piraten?
 
Inzwischen gibt es in Somalia Dörfer, in denen in jedem Haushalt ein Mensch an Krebs erkrankt ist – eine Krankheit, die vor dem offiziellen Kriegsbeginn 1991 nicht bekannt war. Immer mehr Kinder werden mit Missbildungen geboren. Die Missbildungen ähneln denen irakischer und afghanischer Kinder – und denen der Kinder einiger US-amerikanischer Golfkriegsveteranen. Nicht nur dieses Faktum deutet auf die Verwendung geächteter Waffen hin, die u.a. radioaktive Stoffe ausbringen wie Depleted Uranium. Mit der Kontrolle der Küste Somalias kontrolliert man auch den gesamten Öltransport aus der Golfregion. Gut möglich, dass auch die deutsche Marine mit der Floskel „Krieg gegen den Terror“ oder wahlweise gegen „Piraten“ ablenkt von der strategischen Bedeutung ihres Flotteneinsatzes vor der Küste Somalias und Jemens auf der gegenüberliegenden Seite. Nicht nur in Afrika treten immer dann ethnische oder neuerdings auch religiöse Konflikte auf, wenn es sich um ein rohstoffreiches oder ein strategisch wichtiges Land handelt.

Fußballspielende Frauen in Kabul
 
Das Zeigen auf bestimmte Fakten und das Ausblenden anderer ist eine der wichtigsten und erfolgreichsten Propagandastrategien, direkt gefolgt von der ständigen Wiederholung der gewollten Botschaften. Deshalb sehen wir auch nicht die Kriegstoten in Afghanistan, die verhungerten, kranken, prostituierten Frauen, sondern die helfenden Soldaten in unseren Medien. In dem Zusammenhang spielen natürlich auch Bilder von fußballspielenden Frauen in Kabul oder wahlweise dann natürlich in Teheran ihre kriegspropagandistische Rolle. Und während wir uns – sicher zu recht, aber vielleicht auf falsche Gründe schielend, um die Frauen sorgen – konnte erfolgreich ein ganz wichtiges Faktum in Bezug auf Afghanistan ausgeblendet werden. Nämlich das des termingerechten Mordes an Ahmed Shah Massud am 9. September 2001, den Führer der Nordallianz und eine integrative Führerpersönlichkeit, die man nach der Invasion nicht hätte ignorieren können. Die Einrichtung des Karsai-Regimes – unter Inkaufnahme massiver Wahlfälschung damals wie kürzlich – wäre mit einem lebenden Ahmed Shah Massud nicht möglich gewesen und der Bau der Gas-Pipeline wohl auch nicht.
 
Demnächst China und Indien?
 
Das Thema „Frauenrechte“ wird sich mit Blick auf die Feinde der Zukunft – Indien und China – als propagandistischer Dauerbrenner jedenfalls weiterhin erfolgreich einsetzen lassen, wenn wir es nicht entlarven. Während sich die Militärbasen des Westens über Afghanistan und Pakistan hinweg schon um China gruppieren, ist auch das feministische Propagandainstrument bereits angelegt. Fakten, die derzeit noch nicht in den Vordergrund gestellt werden, können jeder Zeit aktiviert und gezielt eingesetzt werden: etwa das Wissen um die Abtreibung weiblicher Föten in Indien und China, die Verheiratung von Kinderbräuten (s. z.B. GEO 2/2008) und ähnliches. Die Propaganda verrät sich anhand der selektiven und instrumentellen Verwendung der Erkenntnisse, die nicht zur Verbesserung der Situation der Betroffenen führen, sondern nur als Argument zur Verlängerung einer Intervention eingesetzt werden. Wer sich hier noch Menschenfreundlichkeit einbildet, sollte einmal nachlesen, dass diese mit dem Recht auf Leben beginnt. (PK)
 
Dr. Sabine Schiffer ist Gründerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen www.medienverantwortung.de.   

Online-Flyer Nr. 230  vom 30.12.2009

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