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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Literatur
Ein Schneeball rollt vom Hindukusch über Deutschland in die Welt
Der Auftrag ist nicht zu Ende
Von Heike Groos

Die Mutter von 5 Kindern und Zeitsoldatin der Bundeswehr im Dienstgrad Oberstabsarzt wird als Notfallmedizinerin im Afghanistan-Einsatz mit einem Alptraum konfrontiert: Bei einem Anschlag auf einen Bus der Bundeswehr 2003 auf der Ausfallstraße von Kabul zum Flughafen kommt es zu 29 Verletzten und vier Toten. Heike Groos versorgt die Verwundeten, kümmert sich um die Körper der Toten und die äußerlich Unverletzten, ahnt aber noch nicht, daß dieser Tag ihr Leben für immer ändern wird. Nach einem Zusammenbruch schreibt sie ihr erstes Buch und sammelt jetzt Material für das zweite: Mit dem will sie denen eine Stimme geben, auf die man endlich zu hören beginnt – aber noch nicht genug. Am 18. Dezember, erhielt Heike Groos einen Anruf des Fischerverlages: „Wir werden dieses Buch drucken." – Die Redaktion. 

Heike Groos                                                            
Quelle: | heikegroos.wordpress.com
„Ich bin nicht allein. Liebe Kameraden, Freunde, Bekannte, Frauen, Männer, Partner, Kinder derselben. "Ich bin nicht allein". Das habe ich festgestellt nach der Veröffentlichung meines Buches "Ein schöner Tag zum Sterben - Als Bundeswehrärztin in Afghanistan". Was ich auch festgestellt habe, ist, dass es sehr viele Menschen gibt, viel viel mehr leider, als ich gedacht hatte, denen es in irgendeiner Form ähnlich geht wie mir, die sich allein gelassen fühlen. Von unserem Staat, unserer Gesellschaft, unseren Politikern, unserer Bundeswehrführung. Immer wieder werde ich gefragt, wie es mir heute geht, gebeten, zu erzählen, wie es mit mir weiter ging.
 
Humanität in der so genannten Humanmedizin? 

Immer wieder wird auch die Frage nach einem zweiten Buch gestellt. In der Tat bin ich auch dabei, ein zweites Buch zu schreiben. Der Verlag und ich waren uns in Einem einig: es soll kein billiger zweiter Abklatsch sein – und es gibt auch nicht viel darüber zu erzählen, wie es mit mir weiter ging. Langweilig. Ich bin nach Neuseeland zurückgekehrt und arbeite wieder im Krankenhaus, die Kinder gehen in die Schule oder beginnen mit dem Studium, und so wurde mir ein anderes Thema gestellt, nämlich, wie es ist, in Deutschland Arzt zu sein und gleichzeitig Mutter, darüber, wie es mit der Humanität in der so genannten Humanmedizin wirklich bestellt ist und wie sich genau das verändert hat in den letzten zwanzig Jahren. Sicher auch ein interessantes Thema. Dennoch – ich kann mich nicht darauf konzentrieren und habe mich gefragt warum.
 

 
Ich glaube nun, dass ich die Antwort auf diese Frage gefunden habe. Mein erstes Buch ist zwar fertig und mein Leben verläuft in geordneten langweiligen Bahnen. Ich habe mit und nach der Veröffentlichung die große Genugtuung erleben dürfen, dass ich ein Anstoß dazu sein durfte, dass in unserer Gesellschaft das Thema ISAF und/oder auch Auslandseinsätze der Bundeswehr ganz allgemein von einer Seite gesehen und andiskutiert werden, wie zuvor nicht. Dass Menschen beginnen, uns Soldaten überhaupt wahrzunehmen, als Mensch wahrzunehmen, einen Hauch einer Ahnung davon bekommen, wie wir uns fühlen und was in uns vorgeht und dass sie mit uns darüber ins Gespräch kommen. Sogar Anerkennung und Wertschätzung habe ich erfahren dürfen. Ein erster Schritt – und ich dachte, damit habe ich nun meinen Beitrag geleistet und kann mich einem anderen Thema zuwenden.
 
Das Thema zu wechseln funktioniert nicht 

Aber es funktioniert nicht und ich habe erkannt, warum. Die Geschichte ist nämlich nicht zu Ende. Mein persönlicher Anteil daran vielleicht schon. Aber nicht der Auftrag, wenn Ihr versteht, was ich meine. Die Geschichte geht nämlich weiter mit Euren Geschichten. Ich habe so unendlich viel Post bekommen. Emails, Kommentare auf meiner homepage, selbst Briefe und Päckchen und Texte und ganze Bücher, sogar Filme. Alles Dokumente, die davon zeugen, dass
1. ich nicht allein bin und
2. mit diesen Geschichten auch meine Geschichte weiter geht.
Alle diese Menschen, die sich mir mitgeteilt haben, verdienen eine größere Aufmerksamkeit, als nur dass ich ihre Briefe lese. Und da gibt es noch mehr Menschen, die Geschichten zu erzählen haben, die mir nicht geschrieben haben. Ohnehin finde ich es eine sehr mutigen Schritt, den ich selbst noch nicht getan habe. Selbst wenn ich ein Buch oder einen Film großartig fand, habe ich noch nie die Courage aufgebracht, dem Autor zu schreiben und zu danken.
 
"Ich bin nicht allein" – es gibt noch mehr davon 

Ich finde also, dass meine Geschichte weitergeht in Euren Geschichten, die mir nicht aus dem Kopf gehen und so habe ich mir etwas überlegt. Ich würde nun gerne meine Geschichte fortsetzen in einem zweiten Buch, das kein Abklatsch wird, sondern vielleicht unter dem Titel "Ich bin nicht allein" genau das berichtet, was mir geschehen ist. – Ich habe erleben dürfen, dass meine Geschichte in Euren Geschichten weitergeht, und ich finde, die Öffentlichkeit sollte genau das erfahren. Ich würde Eure Geschichten gerne sammeln und veröffentlichen und das Honorar dem Verein www.traumalos.de spenden. Es sind Eure Geschichten, von denen ich finde, dass sie publik gemacht werden sollen, aber ich will mich nicht daran bereichern.
 
"Ich bin nicht allein" – es gibt noch mehr davon. Menschen, die an sich selbst den Anspruch haben, offen und ehrlich zu sein und auch so behandelt zu werden. Menschen, die sich wünschen, dass allein der Beruf als Soldat nicht der Führung und der Gesellschaft das Recht gibt, mit ihnen zu machen, was man will, ohne es auch nur zu erklären. Menschen, die bereit wären, noch viel treuer und effektiver zu dienen, wenn man ihnen die Karten auf den Tisch legen würde. Menschen, die traumatisiert wurden und genauso Menschen, die (vielleicht noch) aber auf jeden Fall ungebrochen weiter kämpfen, nicht aufgeben. So wie eine Freundin, die mir schrieb: „Noch geht es mir nicht ganz genauso wie Dir, aber Ansätze davon kann ich erkennen. Ich sehe aber nicht, was ich dagegen tun kann, denn seit wir uns zuletzt sahen, war ich beinahe ununterbrochen in Afghanistan und inzwischen fühle ich mich dort wohler als zu Hause."
 
Unser Erleben in einer Art Schneeballsystem weitergeben 

Ein Schneeball rollt vom Hindukusch über Deutschland in die Welt - Ich bin nicht allein. Ich wünsche mir, dass wir unser Erleben in einer Art Schneeballsystem weitergeben und darum bitte ich Euch heute: Schreibt mir Eure Geschichte auf. Es muss nicht lang sein, kann aber. Jeder wie er will und wie er kann. Jeder entscheidet, ob anonym oder mit Namen. Man kann auch Orte oder Namen verändern, wenn man möchte. Es geht darum, wie es sich anfühlt. Wie es Euch erging im Einsatz, egal wo. Wie Ihr – Frauen und Freundinnen und Lebenspartner – daheim gelebt und gewartet habt. Ich würde dann ein Vorwort dazu schreiben, darüber, wie es mir erging nach der Veröffentlichung des Buches. Darüber, wie ich einige von Euch wieder gesehen habe auf Lesungen oder auch privat, darüber wie wir uns in den Armen gelegen haben, uns aneinander festgehalten haben, froh waren, uns wieder gefunden zu haben, so wie man ein verloren geglaubtes Familienmitglied wieder findet, darüber, wie ich da zum ersten Mal wieder geweint habe und darüber, wie sehr mich all Eure Geschichten berührt haben, darüber, dass ich auf die Suche gegangen bin nach mehr Soldaten, die bereit sind, darüber zu reden, wie es sich anfühlt, und die der Meinung sind, die Öffentlichkeit sollte das wissen.
 
Gebt bitte diesen Brief weiter  

Vielleicht – oder ganz sicher sogar – habt Ihr auch Freunde, Bekannte, Kameraden, von denen Ihr denkt, ihre Geschichte sollte bekannt gemacht werden. Dann gebt bitte diesen Brief an sie weiter und bittet sie, zu überlegen, ob sie Lust dazu hätten. Fragt Ehefrauen, Freundinnen, Partner und natürlich auch Ehemänner oder Frauen, die daheim geblieben sind, wie es sich angefühlt hat. Lasst uns ein Schneeballsystem erschaffen, mit dem Ziel, über mehr Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit mehr Verständnis zu erzielen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Es geht hier nicht um eine Abrechnung mit der Bundeswehr, sondern darum, zu reden, publik zu machen, Öffentlichkeit herzustellen und darüber bessere Unterstützung in jeder Form zu erhalten als bisher. Ich halte diese Bitte mit Absicht allgemein, damit so viele wie möglich sich angesprochen fühlen und die Bandbreite des erzählten Erlebten so groß ist wie möglich. Verschiedene Menschen haben verschiedene Ansichten und Geschichten. So wie meine Geschichte die meine war und jede von Euren anders sein wird.
 
“traumalos“ eine gute Starthilfe geben 

Ich denke, wir haben eine ausgesprochen gute Chance, dass der Fischerverlag dieses Buch drucken wird und ich denke auch, dass es sich in noch viel größerer Anzahl verkaufen wird als mein Buch, das in fünfter Auflage gerade erscheint. Weiter denke ich, dass wir damit dem Verein “traumalos“ eine gute Starthilfe geben können. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber mich dagegen entschieden, einen weiteren Verein zu gründen. Wir brauchen nicht noch mehr Vereine, wir brauchen Vereinigung. Und da gibt es schon eine Plattform, eine gute, wie ich finde, und die können wir nutzen. Der Verein ist neuen Ideen und Impulsen gegenüber sehr aufgeschlossen, wie ich im persönlichen Gespräch mit Oberleutnant Pongratz feststellen durfte, und man kann sich da mit neuen Ideen sinnvoll einbringen.
 
Wenn jemand eine bessere Idee hat, wo man das Geld sinnvoll anbringen kann, so bin ich aufgeschlossen. Zur Information sage ich Euch, der noch zu versteuernde Gewinn eines Autors beträgt ungefähr 6% des Kaufpreises – abhängig von dem Vertrag, der mit dem Verlag geschlossen wird, und ich sage noch einmal: mein Name wird wohl auf dem Buch stehen, aber ich will mich nicht daran bereichern. Es ist mein Beitrag. Auch wenn Ihr einen besseren Titel wisst, sagt es bitte.
 
Eine neue zu Herzen gehende mail 

Und nun will ich diese lange email beenden, gerade eben erklang dieser leise Gong auf meinem Laptop, der anzeigte, dass wieder eine neue zu Herzen gehende mail eingegangen ist, von einem Soldaten, den ich bisher nicht persönlich kenne und der mir schreibt: „...ich habe seit meinem Einsatz viele Bücher gelesen, viele Bücher von Kameraden, die Erlebnisse hatten, die sie bis heute verfolgen und mit denen sie nun leben müssen. Nach meinen.... Tagen im Einsatz hatte ich viele Impressionen zu verarbeiten, wo ich selbst immer der Überzeugung war, dass ich ein "harter Hund" bin. Weit gefehlt. Die Zukunft hatte mich eingeholt, mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Ich hatte Probleme. Probleme die ich nicht besprechen konnte, weil keiner da war, der mir zugehört hat. Ich finde Dein Buch sehr gut. Ich erkenne einzelne Situationen wieder, die mir helfen über die schwere Zeit hinwegzukommen. Einzelne Situationen, die ich vor.... Jahren erlebt habe, in einem völlig anderem Land, zu einer völlig anderen Zeit, aber dennoch, es waren Erlebnisse, die Soldaten zusammenschweißen, verbinden. Diese Verbindung ist nicht befohlen (Kameradschaft §12 SG), sondern sie ist einfach da. So wie dein Spieß z.B.“ – Das bestätigt mich. Lasst uns jemanden finden, der uns zuhört.
 
Also, wenn Ihr die Idee gut findet, dann schreibt oder bittet andere, zu schreiben. Gebt meine mail weiter. Lasst uns im Schneeballsystem ein neues Buch schreiben, zusammen, für uns und für unsere Mitmenschen. Damit wir erkennen, "Ich bin nicht allein" und uns irgendwann vielleicht auch unsere Gesellschaft nicht mehr allein lässt und wir sagen können „Wir sind nicht allein". Schreibt!
 
Reaktionen von Promis auf der Medientour 

Ich werde derweil versuchen, ein paar Prominente zu finden, die unsere Idee unterstützen und die ich auf meiner "Medientour" kennen gelernt habe. So wie Roger Willemsen, den Autor von “Afghanische Reise“, der zu mir sagte, er habe ja nun wirklich Afghanistan bereist, aber ich habe ihm einen ganz neuen Aspekt davon eröffnet.
 
So wie Margot Hellwig, die Sängerin, die sagte: „Mein Gott, machen die das immer noch mit Euch Soldaten. So ging es doch schon meiner Mutti im 2. Weltkrieg, als der Papa nicht nach Hause kam, und sie musste mich allein großziehen und wir haben uns mit dem Singen durchschlagen müssen!"
 
So wie Hartmut Engler, der Sänger von Pur, der mir die Hand gab und sagte: „Respekt!" und er meinte damit nicht nur mich, sondern uns alle, uns Soldaten, und er sagte weiter: „Das habe ich ja gar nicht gewusst." Wie schön wäre es, wenn er zum Beispiel mal auf einem Konzert sagen würde: „Und das folgende Lied singen wir für unsere Soldaten in Afghanistan", oder Margot Hellwig würde das sagen bei einem ihrer neuen Weihnachtslieder.
 
Mit kameradschaftlichem Gruß
mit liebem Gruß
und ich schicke ganz viel Sonne aus dem sommerlichen Neuseeland,
Eure Heike


Und nun warte ich auf Eure Reaktion, Euer response, wie man hier sagen würde.Und ich muss auch sagen, ich fürchte mich ein wenig, so ähnlich, wie ich mich vor der Veröffentlichung des Buches gefühlt habe.“ (PK)

S. Fischer Verlag will das Buch drucken

Am 18. Dezember, erhielt Heike Groos einen Anruf des Fischerverlages: „Wir werden dieses Buch drucken."

Hier Ausschnitte aus ihrer Mail an die von ihr angesprochenen möglichen AutorInnen und die NRhZ: "Gestern, am 18. Dezember, erhielt ich einen Anruf des Fischerverlages: "WIR WERDEN DIESES BUCH DRUCKEN!!"

Herr Rudloff, der Leiter der Sachbuchabteilung des Fischerverlages sagte weiter zu mir: "Heike, aus Deinem Schneeball ist schon eine richtige Lawine geworden! Wir haben im Verlag darüber gesprochen und uns entschieden, alle diese Menschen zu Wort kommen zu lassen."
 
Das ist in meinen Augen ein Riesenerfolg... Wenn möglich soll das Buch bereits IM APRIL erscheinen. Das bedeutet nun für uns, für Euch, "BUTTER BEI DIE FISCHE", wie wir im Hessischen sagen. Nun müssen wir uns ranhalten und unsere kleinen oder großen Beiträge schreiben.
 
Dazu ein paar Worte: Schreibt, wie es aus Eurem Herzen kommt. Macht Euch keine Gedanken um Rechtschreibung oder Grammatik. Dafür gibt es Profis im Verlag, die das korrigieren... Erzählt ganz einfach Eure Geschichte und überlasst die Bewertung dem Leser. So braucht Ihr auch keine Angst zu haben. Es ist erlaubt, von sich zu reden, selbst bei der Bundeswehr.

Noch eine weitere gute Nachricht zum Schluß: ROGER WILLEMSEN (unter anderem Autor des Buches "Afghanische Reise") hat seine Unterstützung ebenfalls bereits zugesagt. (PK)

Kontakt: Heike.Groos@gmx.com
und http://heikegroos.wordpress.com/kontakt/






Online-Flyer Nr. 228  vom 16.12.2009

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